Well, I woke up this morning…

… and I got myself a beer

the future’s uncertain

and the end is always near.

Das ist die richtige Antwort auf die Preisfrage. Jim Morrison meinte wohl ein anderes Bier als das hier abgebildeteBild

und zwar ein nicht so starkes, wenn er z.B. gern ein Bud öffnete.

Sein Unbestimmtheitsbegriff war allerdings ein recht starker. Es ist eine Sache, die Unbestimmtheit der Zukunft zu bestätigen („The future’s uncertain“), was auch an unserem Unwissen liegen kann, und eine völlig andere Sache, sich das Ende als eine Mauer vorzustellen, die gegenwärtig unmittelbar vor dem Jetzt so vor sich dümpelt („The end is always near“), um irgendwann stehen zu bleiben und vom Jetzt eingeholt zu werden. Diese letzte Behauptung kommt einem sehr starken Unbestimmtheitsbegriff gleich, da sie das Ende an sich, unabhängig von unserem Wissen, als etwas besonders Unberechenbares hinstellt.

Preisfrage

Heute gibt es ein Quiz: Von welchem angelsächsischen Autor stammt folgende Bestätigung der radikalen Unbestimmtheit der Zukunft:

The future is uncertain and the end is always near

und wie lautet die volle Passage im Original?

Wer die richtige unter den drei untestehenden Antworten weiß oder errät, bekommt von mir den Sonderdruck einer meiner Publikationen. Ich weiß: Der Preis ist nicht berauschend. Deshalb gibt es die Möglichkeit, auf das Geschenk zu verzichten, was einem das Gefühl gibt, großzügig und über die materiellen Güter erhaben zu sein.

A. „It was Aristotle’s analysis of the future contingents which some early Christian thinkers used as a source in order to argue that the future is uncertain and the end is always near“ – C.S. Lewis, Mere Christianity

B. „My prognosis of the end of history is not meant to be deterministic. In reality, I believe that the future is uncertain and the end is always near – just because of uncertainty, not in spite of it“ – Francis Fucuyama, The End of History and the Last Man

C. „Well, I woke up this morning and I got myself a beer. The future is uncertain and the end is always near“ – Jim Morrison, Roadhouse Blues

Repräsentation

Der Bundespräsident repräsentiert die Bundesrepublik Deutschland. Ein Gemälde von Gauck repräsentiert Gauck. Aber kein Gemälde von Gauck repräsentiert die Bundesrepublik Deutschland. Das hat einen Grund: Das Gemälde repräsentiert die Person nicht unter demselben Aspekt, unter dem die Person die Institution repräsentiert. Die Repräsentationsbeziehung scheint intransitiv zu sein, weil es eigentlich um verschiedene Repräsentationen geht.

Ein anderes Beispiel ist die lebende Statue: Sie repräsentiert eine Statue. Statuen repräsentieren berühmte Menschen. Aber die lebende Statue repräsentiert keinen berühmten Menschen.

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Anders herum repräsentieren die Körper der vier Kinder unten den Buchstaben E. Der Buchstabe E repräsentiert einen Vokallaut. Und die Kinderkörper repräsentieren einen Vokallaut.

ABC

Eine Jesusikone repräsentiert – was denn sonst? – Jesus. Aber repräsentiert sie das Göttliche? Sollte die Person Jesus eine Repräsentation des Göttlichen sein, dann sicherlich nicht unter dem Aspekt, dass Jesus Haare, Augen, Kleidung usw. hatte. D.h. selbst wenn angenommen würde, dass Jesus Gott ist, repräsentiert eine gegenständliche Jesusikone zwar Jesus, nicht jedoch das Göttliche. Aber wenn die Jesusikone nichtgegenständlich, etwa expressionistisch ist, kann es sein, dass sie Attribute repräsentiert, die wir als göttlich wahrnehmen: Allgüte, Ewigkeit usw.

Das nehme ich am heutigen Sonntag als eine starke Bestätigung meiner Überzeugung, dass eine Kirche keine gegenständlichen Gottesbilder enthalten soll.

Gleichheit

Bruchstücke eines in meinem Gedächtnis mit zehnjährigem Staub bedeckten Vierzeilers kamen vor ein paar Wochen wieder zum Vorschein – assoziiert mit einer für das heutige Posting irrelevanten Angelegenheit. Die anfänglichen Gedächtnislücken habe ich mit folgender, in meinem Tagebuch (von mir gemachter?) deutscher Übersetzung einer englischen Übersetzung eines russischen oder litauischen Originals ergänzt (bei soviel Mittelbarkeit kann ich folgende Verse fast als eigene beanspruchen):

Alle sind sie egalisiert mit dem Gleichheitszeichen

Mit dem Gesetz der göttlichen Hand

Groß die Verwaisung

Groß die Leere

Jurgis Baltrušaitis der Ältere, An der Kreuzung.

Über den Autor entdeckte ich nicht viel. 1873 geboren und 1944 gestorben war er ein litauischer Symbolist, von dem der interessierte Leser hier: http://www.lituanus.org/1974/74_1_01.htm mehr erfahren kann.

Wie gesagt erinnerte ich mich vor ein paar Wochen an diese Verse. Ich habe den Vierzeiler abgeschrieben, rumgepostet, fertig. Bereits gestern musste ich aber zum zweiten Mal in zehn Jahren an denselben Vierzeiler denken und zwar diesmal in einem politischen Zusammenhang. Die SPD feiert die 150 Jahre ihres Bestehens. Aus diesem Anlass dachte ich, dass die Kritik des Gothaer Programmentwurfs von Marx eine passende gute-Nacht-Lektüre wäre – Schwierigkeiten, in den Schlaf zu finden, lassen sich gut mit einer Literatur überwinden, die jahrzehntelang ganze Kontinente einschläferte.

Marx schreibt Folgendes:

[Gleiches Recht] erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter als natürliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit.  […] [Das Recht] müsste […] statt gleich vielmehr ungleich sein.

Karl Marx, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, in: Marx/Engels, Kritik des Gothaer Programmentwurfs 1875, Dietz Verlag: Berlin, 1984.

Der Wunsch, möglichst viele Differenzen auf politischer Ebene auszugleichen, kann recht absurde Folgen haben, wie das „Parteiprogramm“ der Monty-Python-Linken zeigt, welches das Recht geburtsfreudiger Männer sichert, schwanger zu werden:

Die Vorstellung, unter juristischem Aspekt natürliche Unterschiede beliebig auszubügeln, wird keine zwei Individuen wirklich „mit dem Gleichheitszeichen“ egalisieren. Aber sie kann ihnen den falschen Eindruck einer Gleichheit ohne Einschränkungen vermitteln. Und dieser Eindruck wäre genauso absurd wie ein Versuch, individuelle Differenzen in einer Gleichheitsgesellschaft auszublenden.

Yanis

Yanis ist ein Freund. Wir haben eine gemeinsame Wehrdienstzeit hinter uns, begingen dort gemeinsame Verstöße gegen Regeln, hatten anschließend gemeinsame (inzwischen gescheiterte) Pläne zur Besetzung eines Athener Lehrstuhls, nicht zuletzt gemeinsame Abende mit australischem Wein und griechischem Bier. So etwas verbindet.

Ich habe ihn bewundert so wie nur ein Philosoph ohne Artikel in Erkenntnis einen Nichtphilosophen bewundern kann, der gleich zwei Artikel in Erkenntnis publiziert hat.

Seit ein paar Jahren ist Yanis eine internationale Medienperson. Die Hauptgründe dafür sind seine Globalisierungskritik und dieses Buch:

Varoufakis

Seine Grundthese finde ich zu einfach gestrickt; eigentlich: unmöglich. Griechenland treffe, wenn es nach Yanis geht, keine Schuld dafür, sich jahrzehntelang als Besitzer eines Goldesels aufgeführt zu haben. Das sei menschlich und ökonomisch vertretbar. Auch keine Schuld des Goldeselsbesitzers daran will mein kluger Freund erkennen, dass Griechenland keine Vorsorge getroffen hat für den Fall, dass der Goldesel stirbt. Schuld seien der Goldesel selbst, der sich die Frechheit erlaubte zu sterben, sowie diejenigen, die den Goldesel in Griechenland grasen ließen.

Seit 2009 hat Yanis mit vorausahnender Schadenfreude das Schlimmste für den Euro vorausgesagt. Nachdem sich seine (kultur-) pessimistischen Voraussagen nicht erfüllt haben, verfolgt jetzt Yanis die positiven Nachrichten vom Kampf um den Euro mit Verbitterung:

http://yanisvaroufakis.eu/2013/05/22/greek-success-story-the-latest-orwellian-turn-of-the-greek-crisis/

Denn Yanis hat den allgemeinen Kollaps vorausgesagt. Und Yanis ist ein Genie. Also muss die Voraussage zutreffen.

Wenn alles doch noch kollabiert, dann wird es mindestens eine glückliche Person auf dem Globus geben: Yanis.

Brez’nlogik

Am 3. Juni wäre Wolfgang Stegmüller 90 geworden. Zum Leben und Werk des vielleicht einflussreichsten analytischen Philosophen im „jungen“ Nachkriegsdeutschland kann sich der interessierte Leser am besten anhand von Franz von Kutscheras kurzem Nachruf in der Zeitschrift für philosophische Forschung 45/4 (1991), 596-598 informieren.

Ich muss zugeben, dass ich gelegentlich immer noch im einen oder anderen Band von Stegmüllers Probleme und Resultate (Berlin et al.: Springer, 1973-74) nachschlage. Aber im Ernst erscheint mir das strukturalistische Programm einer Wissenschaftstheorie, die objektiv befindet, was Wissen von Nichtwissen unterscheidet (ich weiß: ich pauschalisiere), maximalistisch. Und passé.

Zum Münchner Symposium seiner Schüler und Freunde (hier das Programm: http://www.stegmueller90.philosophie.uni-muenchen.de/programm/index.html) werde ich wahrscheinlich hingehen. Aber es wird sich wohl wie in einem Konzert mit Steely Dan-Songs anfühlen: Das waren die Seventies…

Ristretti

Ein Ristretto (Plural: Ristretti) ist ein Espresso, der mit etwas weniger Wasser als normalerweise zubereitet wird. Ein Ristretto ist gleich ausgetrunken; aber auch stark, konzentriert, wirkungsvoll.

Philosophie ist oft weitschweifig. Sie soll es nicht unbedingt sein. Philosophie in Ristretto-Manier lohnt sich: unverwässert, schön bitter, nicht im Armsessel, sondern auf dem Sitzstein meines Gartens produziert.

Bild

Philosophie wird öfter mit Wein als mit Kaffee in Verbindung gebracht. Angefangen von den platonischen Dialogen, in denen der Leser genau informiert wird, dass Wein nachgeschenkt wird, bis zu Roger Scrutons I Drink therefore I Am: A Philosopher’s Guide to Wine (deutsche Übersetzung: Ich trinke, also bin ich, München: Diederichs, 2010) begleitet Wein die Philosophie – mehr jedenfalls als irgendein Kaffee.

Dabei hat der Kaffee mehr mit Reflexion und Selbstbeherrschung zu tun, typisch philosophischen Tugenden (man denke an den Trostkaffee), der Wein dagegen mit Höhenflügen wie mit Trauer, mit Vergessenheit wie mit Liebe, mit Suff wie mit Kummer.

Dieses Blog wäre ohne die Ideen und die tatkräftige Unterstützung von Sophia (http://www.werkstoff-filz.de/) und Daniel Wagner (http://about.me/agentur) nie online. Danke!