Gleichheit

Bruchstücke eines in meinem Gedächtnis mit zehnjährigem Staub bedeckten Vierzeilers kamen vor ein paar Wochen wieder zum Vorschein – assoziiert mit einer für das heutige Posting irrelevanten Angelegenheit. Die anfänglichen Gedächtnislücken habe ich mit folgender, in meinem Tagebuch (von mir gemachter?) deutscher Übersetzung einer englischen Übersetzung eines russischen oder litauischen Originals ergänzt (bei soviel Mittelbarkeit kann ich folgende Verse fast als eigene beanspruchen):

Alle sind sie egalisiert mit dem Gleichheitszeichen

Mit dem Gesetz der göttlichen Hand

Groß die Verwaisung

Groß die Leere

Jurgis Baltrušaitis der Ältere, An der Kreuzung.

Über den Autor entdeckte ich nicht viel. 1873 geboren und 1944 gestorben war er ein litauischer Symbolist, von dem der interessierte Leser hier: http://www.lituanus.org/1974/74_1_01.htm mehr erfahren kann.

Wie gesagt erinnerte ich mich vor ein paar Wochen an diese Verse. Ich habe den Vierzeiler abgeschrieben, rumgepostet, fertig. Bereits gestern musste ich aber zum zweiten Mal in zehn Jahren an denselben Vierzeiler denken und zwar diesmal in einem politischen Zusammenhang. Die SPD feiert die 150 Jahre ihres Bestehens. Aus diesem Anlass dachte ich, dass die Kritik des Gothaer Programmentwurfs von Marx eine passende gute-Nacht-Lektüre wäre – Schwierigkeiten, in den Schlaf zu finden, lassen sich gut mit einer Literatur überwinden, die jahrzehntelang ganze Kontinente einschläferte.

Marx schreibt Folgendes:

[Gleiches Recht] erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter als natürliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit.  […] [Das Recht] müsste […] statt gleich vielmehr ungleich sein.

Karl Marx, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, in: Marx/Engels, Kritik des Gothaer Programmentwurfs 1875, Dietz Verlag: Berlin, 1984.

Der Wunsch, möglichst viele Differenzen auf politischer Ebene auszugleichen, kann recht absurde Folgen haben, wie das „Parteiprogramm“ der Monty-Python-Linken zeigt, welches das Recht geburtsfreudiger Männer sichert, schwanger zu werden:

Die Vorstellung, unter juristischem Aspekt natürliche Unterschiede beliebig auszubügeln, wird keine zwei Individuen wirklich „mit dem Gleichheitszeichen“ egalisieren. Aber sie kann ihnen den falschen Eindruck einer Gleichheit ohne Einschränkungen vermitteln. Und dieser Eindruck wäre genauso absurd wie ein Versuch, individuelle Differenzen in einer Gleichheitsgesellschaft auszublenden.

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