Kleine Kultursoziologie der Frühlingsgefühle

Den Schlussstrich unter diesem Frühling zu ziehen, ist eine unangenehme und schwierige Aufgabe. Denn dieser Frühling hat nicht stattgefunden. Die sonst lange Blumenpracht auf dem Campus wich der Kälte, die Händchen haltenden Studentenpärchen einem vermutlich bestehenden Zusammenhang von Wetter und Hormonhaushalt.

Aber diese Erklärung der erkaltenden Gefühle ist vulgärer Monismus. Ich nenne ihn so in Anlehnung an Marx, der gern gegen den vulgären Materialismus wetterte. Denn selbst monistische Materialisten, z.B. von Pierre Bourdieus Kultursoziologie kommende Neomarxisten, wissen, dass die Art, wie wir Emotionen zum Ausdruck bringen, bildungsbedingt ist.

Den in meinen Augen ausdrucksstärksten kultursoziologischen Kontrast in der Wertung von Schönheit enthält Giuseppe Tomasi die Lampedusas Gattopardo. Im Palazzo Ponteleone-Ball, einer sehr wichtigen Szene des Romans, bewundert der Hauptcharakter, Fürst Salina, die Deckenfresken und die Stukkatur eines Zimmers, die Gestaltung, die Farben, die Ausführung, als der Schwiegervater-in-spe seines Neffen, der ungebildete aber (neu-)reiche Calogero Sedara (Spitzname „Merda“), sich unbemerkt an den Aristokraten heranschleicht und ihm ins Ohr flüstert, so eine teure Kunst ließe sich heute nicht bezahlen. Dass er den Neureichen für diese Bemerkung hasst, sagt Fürst Salina im Roman nicht.

Die Äußerung der Liebe verhält sich auch nicht anders als die verschiedenen, bildungsbedingten Wahrnehmungen der Schönheit. Es ist z.B. prosaisch, es klingt sogar ungebildet, gehemmt und verklemmt, wenn Wolf Biermann schreibt:

Das war mal. Und so war das nun mal:

„Ja ich dich auch…“ – so sagte ich da

Ein anderes Mal, auch lange vorher

Sagte ich dir: „Aber ja doch, ja…“

Heut aber, jetzt und hier

Heute gefällt es mir

dir zu sagen

„Ich liebe dich – nein! –

ich hab dich lieb“.

Heut machts mir Spaß, mein Lieb

Heut kommt das große Wort

Mir von den Lippen

– heut kann ich das.

Wenn man bedenkt, dass die Verse den Titel tragen „Der alte Pierre geruht“ (aus Biermanns Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein), ergreift einen das Mitleid mit der Frau des Pierre.

Anders die Dichternatur. Diese verschließt sich nicht gegenüber dem Schönen und dem Erhabenen, sondern sie bejaht Beides recht unmittelbar und schnell. Denn in Liebessachen droht die Ernüchterung mit großen Schritten zu kommen. Da eine Dichternatur natürlich das weiß, versucht sie rasch alles loszuwerden, was sie in einer beginnenden Affäre loswerden kann, in der Hoffnung, dass das groß genug sein wird, um die Ernüchterung aufzusaugen, wenn diese kommt.

Ich behaupte also gegen den materialistischen Monismus, dass das Wetter nichts dafür kann, wenn die Leute keine Händchen halten. Sebastian Rimestad schoss gerade dieses Foto. Es zeigt, dass das Wetter jetzt endlich warm ist. Trotzdem ist kein Händchen haltendes Pärchen darauf zu erkennen. Was doch für meine Behauptung gegen den materialistischen Monismus spricht. Oder?

Bild

Im Zusammenhang mit dem Bild weist meine Argumentation einen logischen Fehler auf. Wer hat ihn entdeckt?

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