Erbsen mit Honig

In der letzten Zeit habe ich eine Freude – oder sagen wir besser: ein Interesse – daran, meine moralische Vorprägung zu hinterfragen. Mir wurde von klein auf eine Ethik aufgedrängt, die darin bestand, Regeln zu befolgen, ohne die Konsequenzen aus der Regelnbefolgung zu beachten. Die Regeln waren zwar jeweils anders legitimiert, mal durch die Reformpädagogik der Schule, zu der mich meine Eltern schickten, mal durch manische Kant-Lektüre. Viel weniger manisch habe ich als Student etwas Reformtheologie gelesen (siehe meinen Eintrag mit dem Titel „Glaubenskrise“: https://philori.wordpress.com/2013/05/21/glaubenskrise/) und diese hat mein Vertrauen in die blinde Regelnbefolgung erschüttert, aber gleichzeitig habe ich späten Wittgenstein gelesen, und dieser hat mich wiederum in der Regelnbefolgung bestärkt. Schlimm! Es war wie Wein und Kaffee gleichzeitig trinken.

Die Interessen und die Freuden meiner Kinder sind ganz anders. In der Erbsenzeit mögen sie es z.B., frische Schoten zu öffnen und den rohen Inhalt zu essen.

Beide Interessen haben aber etwas gemeinsam: Sie erschüttern mein Vertrauen in die blinde Regelnbefolgung. Denn einerseits finde ich immer mehr, dass die Regelnbefolgung, ohne die Konsequenzen zu beachten, eindimensional ist, andererseits machte mich – Erbsenzeit! – folgender englischer Kinderreim darauf aufmerksam, dass die moralische Beachtung von Konsequenzen mehrdimensional ist. Man muss als Konsequentialist mehrere Nutzen auswiegen und bewerten:

I eat my peas with honey

I’ve done it all my life

It makes the peas taste funny

But it keeps them on my knife.

Hier geht es um den Nutzen, den man vom puren Erbsengeschmack hätte, gegen den Nutzen aus der Klebrigkeit. Was von Beidem besser ist, muss man selber herausfinden. Bei der blinden Regelnbefolgung macht man’s sich leichter.

Wenn die Reflektiertheit für den moralischen Wert einer Entscheidung spricht, dann ist die moralische Kosten-Nutzen-Analyse der bessere Ansatz. Wie erstaunlich für jemanden mit meiner moralischen Vorprägung…

Meine Kinder lieben groteske Reime. Ich auch.

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