Akten

Die GAP.8-Akten sind heraus! Das pdf-Dokument können interessierte LeserInnen hier finden:

http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DocumentServlet?id=31200

Meinen Beitrag findet Ihr auf S. 405-411 (seitenmäßig recht dünn also – argumentationsmäßig hoffentlich nicht). Er hat mit Richard Swinburnes Bayesschem Argument für die Existenz Gottes zu tun. Und mit Blaise Pascal.

Meine Pointe ganz kurz gesagt: An Gott zu glauben, ist rational für alle, die sowieso fasten, oder tugendhaftes Leben dem Laster sowieso vorziehen, oder an Gott glauben wollen. Für den Rest bin ich mir nicht sicher…

Wer unter meinen Lesern in diesem Blog ein spektakuläreres Resultat erwartet hat, hat mich überschätzt.

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Immer fehlt jemand

Mit der Begründung, man könne vielleicht feststellen, was wo existiert, aber nie, was wo fehlt (denn wie lässt sich Nichtsein feststellen?), wurde die Privation, der Mangel an etwas, aus dem Wissenschaftsvokabular in der Neuzeit verbannt.

Das ist unvernünftig, meine ich. Denn Privation lässt sich ohne Schwierigkeiten in einem Fragment der n-wertigen Prädikatenlogik erster Stufe von Łukasiewicz formalisieren (vgl. meinen Entwurf in: Beziau/Jacquette, Around and beyond the Square of Opposition, Basel: Birkhäuser, 2012, 229-239). Aber vor allem habe ich immer besser gewusst, was mir fehlt, als was ich habe.

Das Wetter kann nochmal so sonnig, die Kinder nochmal so glücklich und die Ehefrau nochmal so unbesorgt sein: Übers Wochenende fehlen mir meine Studenten. Es gibt da Abstufungen – also mehrere Privationsstärken. Meine Studenten würden mir anders fehlen, wenn ich vor Ort in Erfurt wohnen würde, wo ich die Hoffnung hätte, ihnen zufällig über den Weg zu laufen, anders, wenn ich in Weimar wohnen würde, wo ich immerhin die Hoffnung hätte, ihren Weimarer Freunden über den Weg zu laufen, und anders in der Münchener Peripherie, wo das Durchschnittsalter – gefühlt jedenfalls – 60 ist. Anders fehlen sie mir jetzt, wenn ich weiß, dass nur ein paar Stunden bis zum nächsten Seminar sind, und anders im Juli…

Im Juli wiederum fehle ich wenigstens hier nicht:

Bild

Im Moment aber schon. Ich frage mich, wie es mein Strand ohne mich, ohne meine Fischernetze, ohne mein Tauchen aushält. Gerade an solchen Wochenenden wie das jetzige.

Nicht begründete wahre Meinung

Im Juni-Heft von Analysis vor 50 Jahren genau erschien ein kaum dreiseitiger Aufsatz Edmund Gettiers, der zu einem Klassiker werden sollte: „Is Justified True Belief Knowledge?“ Damit bot Gettier zwei Gegenbeispiele gegen die klassische Wissensauffassung, wonach Wissen begründete wahre Meinung ist.

Die Literatur über Gettiers Gegenbeispiele und zur begründeten wahren Meinung ist unübersichtlich und kein Thema für ein Blog.

Mein Thema ist die nicht begründete wahre Meinung. Was wäre das anderes als das Erraten?

Allerdings gibt es auch hier Gegenbeispiele. „Erraten“, was man unter den Fußsohlen hat: Mulch, Sand, Steine, Matsch…:

Erraten

So hieß es heute am Freisinger Walderlebnispfad, auf dem Kinder und Erwachsene mit geschlossenen Augen und barfuß auf verschiedenen Pfadstücken liefen. Wieso aber „erraten“, wenn das Erraten das Äußern einer nicht begründeten wahren Meinung ist?

Es war alles andere als unbegründet, als Marta „erriet“, dass sie auf Schlammm läuft.

Schlamm

Wie auch immer empfanden heute alle unsere Mitspaziergänger – zwar keine analytischen Philosophen darunter aber fast allesamt Muttersprachler – die Verwendung von „erraten“ in diesem Kontext als richtig. Wahrscheinlich ist das darauf zurückzuführen, dass wir die Fußsohlen als nicht das geeignete Organ empfinden, mit dem die Beschaffenheit eines Bodens ermittelt werden soll. Was mit dem Tastsinn der Füße begründet wird, ist anscheinend nicht auf geeignete Art begründet. Deshalb wäre das darauf beruhende wahre Urteil ein Fall von Erraten, nicht von Wissen – so meine schnelle Erklärung.

Wenn ich mit meiner Erklärung Recht habe, dann könnte das Gettier-Problem verschwinden, falls wir „begründete wahre Meinung“ als auf geeignete Art begründete wahre Meinung verstehen würden – im Gegensatz nicht nur zur nicht begründeten, sondern auch zur auf ungeeignete Art begründeten wahren Meinung.

Ehefrauen

Eine sehr gute Freundin (und Ehefrau eines anderen Mannes) erbat einen Eintrag über Ehefrauen. Ursprünglich dachte ich an eine Kommentierung von Kants Reflexionen und Vorlesungen De matrimonio (Über den Ehestand – gegenwärtig leite ich u.a. ein Kant-Seminar) aber schnell änderte ich meine Meinung. So seriös wollte ich wiederum nicht sein, nicht zuletzt um nicht als jemand dazustehen, der über sein Blog seiner Ehefrau Andeutungen macht.

Lieber schreibe ich zwei Witze über Ehefrauen: einen jüdischen und einen griechischen. In Kants Sinn kann der eine oder andere Leser über den „Nationalcharakter“ sinnieren, den diese Witze verraten.

Zunächst der jüdische:

Moses kommt vom Berg Sinai runter und sagt: „Liebe Landsleute, ich habe Gott angetroffen. Es gibt gute und schlechte Nachrichten. Die gute Nachricht ist, dass er mir zwanzig Gebote gegeben hat, die ich auf zehn herunterfeilschen konnte. Die schlechte Nachricht nun:

Ehebruch bleibt verboten“.

(Gut, nicht nur ein Ehefrauen-Witz. Vielleicht ein Ehemänner-Witz auch).

Der griechische Witz nun:

Totos (eine bekannte Witzfigur) fragt seinen Großvater, welche Kriterien er bei der Auswahl einer Ehefrau zugrundelegen soll. Der Großvater antwortet: „Totos, mein Kind, als Ehefrau brauchst du:

1. Eine, die dich liebt;

2. eine, die intelligent ist;

3. eine, die hübsch ist;

4. eine, die kochen kann;

5. eine, die im Bett leidenschaftlich ist.

UND DAS WICHTIGSTE:

Diese fünf dürfen nichts voneinander wissen.“

Abstrakta

Der Regen ist vorbei aber das Wasser ist nicht überall weg.

Überschwemmung

Ein Kind mit kaum drei Jahren, das neben mir stand, meinte dazu: „Über-schwemmmmm-ung“. Ich vermutete, dass es das Wort in den letzten Tagen von seinen Eltern aufschnappte und es nun als gleichbedeutend mit „viel Wasser“ benutzt – worunter natürlich auch ein Fluss fallen würde, wenn er nicht über das Ufer getreten ist. Ich vermutete also, dass das Kind den Terminus „Überschwemmung“ zwar lernte, sogar in diesem Moment richtig gebrauchte, aber im Endeffekt nicht beherrschte.

Warum ich das vermutete? Einfach, weil es ungewöhnlich klingt, wenn Kleinkinder Abstrakta benutzen. Ich meine dabei keine „mass terms“ wie „Brot“, „Wasser“ usw., sondern „richtige“ Abstrakta wie „Überschwemmung“, „Freiheit“ usw. Allerdings werden „richtige“ Abstrakta („Demokratie“; „Unterdrückung“) in einem Haushalt vermutlich nicht so oft benutzt wie andere Termini. Entwicklungspsychologie und kognitive Entwicklung hin oder her wäre es jedenfalls interessant festzustellen, ob Kleinkinder wegen der letzten Tage wissen, was eine Überschwemmung ist.

Zur Frage nach dem logischen Fehler des letzten Eintrags nun: Die Behauptung des materialistischen Monismus „Wenn das Wetter nicht warm ist, halten die Pärchen nicht Händchen“ wäre mit einem Foto zu falsifizieren, das Händchen haltende Pärchen in einer Winterlandschaft zeigen würde, nicht jedoch wie in diesem Fall mit einem Foto eines sonnigen Tages ohne Händchen haltende Pärchen. Und für meine Behauptung, dass das Wetter nichts dafür kann, wie wir Frühlingsgefühle zum Ausdruck bringen, bräuchte ich sogar vier Fotos: 1. Sonne mit „Händchenhalten“; 2. Sonne ohne „Händchenhalten“; 3. Wolken mit „Händchenhalten“; 4. Wolken ohne „Händchenhalten“.

Dass selbst solche Fotos eine sehr dünn belegte Bestätigung darstellen würden, wäre natürlich ein methodologischer, kein logischer Fehler.