Reform

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Heute stellte ich fest, dass der letzte Schultag der öffentlichen Schulen in Bayern nicht der vergangene Freitag wie in „unserer“  Schule, sondern erst der kommende Dienstag ist. Umso besser! Dann können meine Bemerkungen ein paar bayerische Leser vor dem großen Stau bei Bologna erreichen (bei Bologna staut’s sich stets nach dem letzten Schultag der bayerischen Schulen).

Die Schulreform war und bleibt ein unmögliches Unterfangen. Denn entgegen dem Klischee sind sich die meisten Lehrer und Eltern über die Grundfeste des Bildungswesens einig. Für beide Gruppen ist nämlich das wichtigste in der Pädagogik die Didaktik, d.h. ein paar Handgriffe, die garantieren sollen, dass Schulkinder „mehr“ lernen. Für beide Gruppen ist weiterhin das wichtigste in der Lehrerrolle die „Objektivität“, die durch ein mechanisches Benotungsverfahren ermöglicht werden soll. Seit eh und je verstärken sich Lehrer und Eltern gegenseitig in diesen und ähnlichen unreflektieren und pädagogikfremden Ansichten, selbst wenn sie Uneinigkeit (in den Details!) nach außen demonstrieren. Bei einem so konzipierten Schulbetrieb kann man die Eltern ins Boot holen oder auch nicht – es ist völlig irrelevant.

Dass die Eltern, die ihre Kinder in Reformschulen schicken, die den vorgenannten Ansichten entgegentreten, wirklich engagiert im Sinn der Pädagogik sind, bezweifle ich außerdem stark. Es ist zwar hier nicht mehr irrelevant, die Eltern ins Boot zu holen, bloß würden sich diese sehr schwer ernsthaft mit dem Reformpädagogentum befassen und Reformen in der Reform veranlassen.

Um es knapp auszudrücken: Sag den Eltern, dass ein gutes Zeugnis das A und O des Schulwesens ist, damit sie sofort Lobbyarbeit da reinstecken. Sag ihnen dagegen, dass die Schule eine gesamtgesellschaftliche Rolle erfüllt, damit sie sofort resignieren.

Heute gibt es kein eigenes Foto. Dafür Alfred Adlers Foto. Adlers Individualpsychologie bildete das Grundgerüst der Schule, die ich meinerzeit besuchte und liebte, Es war ein offenes Reformertum, das sich ständig reformierbar zeigte; gleichzeitig eine Schule, in der die Teilnahme der Eltern an den pädagogischen Brainstormings jeden zweiten Mittwochabend selbstverständlich erschien – mindestens in meinen Kinder- und Jungendlichenaugen.

Alfred Adler

There is no photograph shot by me today. There is one photograph of Alfred Adler instead. Adler’s individual psychology formed the concept of the school I visited and loved as a child. It was a reformed school. The reform was open minded enough to be reformable. Parents participated every second Wednesday in the brainstormings on pedagogy in a way which seemed very natural – at least in my eyes as a child and as a youth.

A reformed system of education has been and remains a task too difficult to accomplish. Most of all, my pessimism concerning this is due to the agreement of teachers and parents in the main constraints of education – the cliché about the opposite notwithstanding. Most teachers and parents agree that the most important thing about the school is didactics, i.e. how children can learn „more“.  And both groups, teachers and parents, agree that the children’s efforts have to be evaluated by objective criteria. Although these two constraints are unreflected and, in fact, alien to pedagogics, parents and teachers do find a common denominator in these.

However, this pessimistic view seems to hold only of the public schools. The reformed schools are supposed to be different. But are they really? Parents of reformed schools don’t appear – at least they don’t appear to me – to be occupied with the essentials of education.

To summarize my experience: Tell parents that school marks are the alpha and the omega at school and they will start lobbying the teachers. Tell them by contrast that the school plays an important role for the whole of society and they will lose interest.

The good thing about this is that no one can lose his or her already lost interest at the end of the school year🙂

3 thoughts on “Reform

  1. Das Problem ist heute, wie auch in ferner Vergangenheit, dass man sich gemäß einer ökonomischen Denkweise viel zu sehr um das „Mehr“ an Bildung bemüht. Die Fragen, wieso etwas gelehrt werden soll, wie es gelehrt werden soll und für welche Personen jener Inhalt überhaupt geeignet ist, wird nicht mehr wesentlich in den Blickpunkt gerückt. Stattdessen überfordern wir uns mit einem Mehr und Immermehr und lähmen uns damit letztendlich nur selbst.
    Ferner: Ob es nun gut sein mag, objektive Bewertungskriterien der schülerischen Leistungen aufzustellen, kann ich nicht beurteilen. Sicher kann ich aber sagen, dass die Notenvergabe ein Missverständnis erzeugt. Das lässt sich empirisch beweisen: Zwischen einer 1,0 in einer Klausur (ob in der Schule oder in der Uni) und entsprechenden Fähigkeiten zur Anwendung, Kritik oder Weiterdenken besteht nur sehr selten ein Zusammenhang. Man nimmt aber an, dass eine Note Auskunft über solche Fähigkeiten gibt. Anders gesagt: Ich kann sehr viel auswendig lernen, eine Klausur ohne Fehler bestehen und doch rein gar nichts von dem können, was ich „lernte“. Die Note erzeugt aber den glauben, dass ich es könnte. Die Frage ist daher: Über was gibt uns eine Note Auskunft – außer über einen Rückschluss auf bestimmte erreichte Punkte in einer Prüfungsleistung?

    • Wenn überhaupt sollte eine Note als Rückmeldung des Lehrers verstanden werden, nicht als objektiver Bewertungsmaßstab. Ich bin gegen Noten. Aber sollte die breite Öffentlichkeit sie beibehalten wollen, dann würde ich drängen, dass sie im Sinn des Datenschutzes behandelt werden.

  2. Pingback: Individualität | philori.de

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