Zēlōtēs

(Scroll for English)

Reza Aslan, ein iranisch-amerikanischer Professor für kreatives Schreiben an der University of California – Riverside, schrieb ein Buch mit dem Titel Eiferer (im englischen Original: Zealot aus griechisch „zēlōtēs“). Aslan ist ein Muslim (angeblich ein Konvertit aus dem Christentum) und religiöser Eifer ist der Hauptbefund seines Buches in Bezug auf Jesus – es ist ja ein Buch über Jesus. Aslan hat im Fach Religionswissenschaft promoviert (an der University of California – Santa Barbara bei Mark Juergensmeyer über die globale Dschihad-Bewegung) und kann biblisches Griechisch.

In einem inzwischen berühmt-berüchtigten Interview bei Fox News beantwortete Aslan die Frage der Journalistin Lauren Green, wieso er bei seiner religiösen Identität ein Buch über Jesus schrieb, mit verletztem Stolz und nicht ohne eine gewisse Überheblichkeit – wahrscheinlich kam ihm nur deswegen, im „Eifer des Gefechts“ sozusagen, die falsche Angabe von den Lippen, er wäre Professor für Religionswissenschaft.

Greens Frage war, meine ich, wirklich dümmlich. Es ist nämlich dümmlich, jemandem wegen fehlender Empathie (kultureller Affinität, religiöser Identität oder sonstirgendwas) Defizite im Verständnis eines Textes oder Tradition zu unterstellen. Es gab ein paar Gespräche, als ich meine Doktorarbeit über Kant schrieb, bei denen ich mich in Aslans jetziger Lage sah, und ich bin nicht der erste und nicht der letzte in dieser Lage. Ich kann mich noch an die Worte erinnern, mit denen der Hamburger Byzantinist Hans Eideneier einen seiner griechischen Kollegen zitierte: „Wie Hans, du behauptest, du verstehst Homer besser als ich! Homer fließt in meinen Adern!“ Die Unterstellung eines privilegierten Zugangs zu einem Stoff wegen kultureller Affinität ist eindeutig ebenfalls dümmlich – wenn nicht was Schlimmeres.

Ebenfalls stört mich allerdings auch die Heuchelei von Greens Kritikern. Die meisten Stellen und Lehrstühle für Religionswissenschaft sind bestimmten Kulturkreisen gewidmet. Da setzt man gern auf Empathie. Wieso sollte Green nicht fragen, warum Aslan von „seinem“ Feld abkam?

Dass Jesus ein Eiferer war, glaube ich nicht. Es gibt doch vielzuviele Beispiele dafür, dass er ein unkonventionelles Verständnis von Regeln vertrat – was für alles andere als für einen Eiferer spricht! Aber bereits diese meine Voreingenommenheit gegen die Hauptthese im Buch macht es lesenswert für mich.

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Reza Aslan, an Iranian-American professor for creative writing at the University of California – Riverside, wrote a book with the title Zealot. Aslan is a muslim (apparently a convertite from christianity) and he claims that his subject in the book, Jesus, was occupied by religious zeal. Aslan earned a Ph.D. in sociology of religion at the University of California – Santa Barbara with a thesis on global jihadism whose supervisor was Mark Juergensmeyer and he can work with biblical Greek.

In an Interview with Lauren Green of Fox News, one which has already received very harsh critics, Aslan couldn’t help showing his hurt ego upon the Journalist’s question concerning the motives of a muslim to write a book on Jesus – and some arrogance. Probably it was only in the „heat of the moment“ that he made the mistake of claiming himself to be a professor of religious studies – which he is not.

Green’s question was really stupid, I think. It is always stupid to consider someone less competent in the understanding of a text or a tradition because of lack of empathy – be it cultural affinity, religious identity or you name it. There were discussions during my Ph.D. studies on Kant in which I saw myself in Aslan’s present position. I was neither the first nor the last to feel like this. I can still remember the words with which Hans Eideneier, a professor of medieval Greek studies at the University of Hamburg, cited one of his Greek colleagues: „What do you mean Hans: you understand Homer better than I do? Homer is in my blood!“ Claiming a privileged access to some material because of cultural affinity is obviously also stupid – if not worse.

However, the hypocrisy of Green’s critics is also annoying. As if most of the jobs in religious studies weren’t affiliated in certain cultural fields… Empathy is considered something good there. If so, why shouldn’t Green ask why Aslan didn’t remain on „his“ field?

I don’t believe that Jesus was a zealot. Rather the opposite, since there are plenty of cases in which he pleaded for an unconventional understanding of rules. But already the non sympathetic way in which I see the main position of the book makes it interesting to me.

2 thoughts on “Zēlōtēs

  1. Ich denke, dass es ohnehin keinen „richtigen“ Zugang zu Texten gibt. Irgendwann gibt uns ein Text Rätsel auf, auf dass wir interpretieren müssen. Wie wir das machen, hängt letztendlich von unseren Erkenntnisinteressen ab. Wenn ich rein philologische Interessen habe, interpretiere ich beispielsweise religiöse oder philosophische Texte anders, als wenn ich auf der Suche nach Antworten auf bestimmte Lebensfragen bin. Ein Text ist ein Phänomen, welches wir verstehen wollen. Dies tun wir über Theorien oder Lesarten. Und je nachdem, was wir wissen wollen, wählen wir bestimmte Theorien oder Lesarten.
    Konsequenz: Jemanden, der behaupt, er hätte die „richtige“ oder besonders previligierte Lesart gefunden, sollte man auflklären oder, wenn dies nicht gelingt, ignorieren.

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