Expressing emotions

Lichtenstein Crying Girl

(Scroll for English)

Eine mir unbekannte Verwaltungsangestellte der Universität São Paulo schloss gestern ihre Email an mich mit einer „großen Umarmung“ bzw. „grande abraço“ ab, so dass ich überlegte, ob ich meine Antwort an sie mit „muitos beijos“ abschließen sollte. Ich habe es nicht gewagt. Der Ausdruck von Emotionen ist ein in jeder Sprache rutschiges Gebiet. Empfinge ich von einer englischen Kollegin eine Email mit dem Abschluss „Love“, dann käme ich nicht auf den Gedanken, meine Antwort mit „I kiss you all over“ abzuschließen.

Noch letzten August wurde ich in einem unter Männern aus Südostattika typischen Abendgespräch („Keine Chance, den Anker noch hochzuziehen – wahrscheinlich in einem Fischernetz verheddert“; „Wollen wir noch einen trinken?“ usw.) nach den Liebesbekundungen im Deutschen befragt. Nachdem ich nun gesagt hatte, dass man mit überschwänglicher Lyrik im Ausdruck von Emotionen, so wie sie eher von Südländern gepflegt wird, in Mitteleuropa Gelächter ernten kann; nachdem ich ferner erklärt hatte, dass mutige Floskeln als unzuverlässig und hohl gelten, wenn man nicht längere Zeit mit der anderen Person verbracht hat, hatte mein in der Gruppe anwesender Bruder (ich muss es gerechtigkeitshalber sagen) folgende geniale Idee: „D.h., wenn ich als frisch Verliebter in meinem Idiolekt sagen will: „Du beseelst alles, was ich tue“, dann ist die richtige deutsche Übersetzung dafür: „Ich muss oft an dich denken““. Er fügte hinzu: „Die Menschen fühlen sich doch gleich. Sie haben nur andere Ausdrücke“.

Genial! Die Wörter haben eine Bedeutung zum Zweck der Kommunikation! Wieso habe ich denn nie das, was ich von Davidson über die radikale Interpretation und das principle of charity lernte, dazu umgesetzt, um meine eigenen Gefühle auszudrücken? Und daran muss mich ausgerechnet mein Bruder erinnern, der nie eine Zeile Davidsons gelesen hat!

Nur ein Punkt blieb an dem Abend ungeklärt: Wie übersetzt man umgekehrt den Ausdruck „Du beseelst alles, was ich tue“ in den Idiolekt meines Bruders?

Eine Hommage an die Verwaltungsangestellte aus São Paulo: Mambo brasileiro, eine Komposition von Musakis/Oikonomides:

The song Mambo brasileiro, composed in the 50s by Musakis/Oikonomides, is an hommage to a woman I hardly know. She is an officer from the University São Paulo and yesterday she concluded a very professional email to me with the words „grande abraço“. I quickly rejected the thought to conclude my reply to her with the words „muitos beijos“. Expressing emotions is in every language a very slippery area. If an English colleague would send me a message which she would conclude with the word „Love“, it wouldn’t be wise if I concluded my reply to her with the words: „I kiss you all over“…

Last August, in a typical evening discussion among males who grew up in South-East Attica („No chance to retrieve the anchor – it must have become entangled in a fishing net“; „Shall we drink one more?“ etc.) I was asked about German linguistic usage concerning love. „Well“, I explained the folks, „you can sound very silly or odd if you try to translate a rather common mediterranean poetic way of expression into German“. And I explained that you sound rather unreliable and superficial if you do get poetic after all, unless you have spent with the other person enough time to justify „poetry“. My brother, who, if I’m not wrong has never read one single line of Donald Davidson, had this (I have to say it!) great insight: „That means, if I ‚ve recently fallen in love and want to say in my idiolect: „You give life to everything I do“, then the correct German translation would be the equivalent of: „I cannot help myself thinking of you““. And he added: „All people feel the same. They just have different expressions“.

This is what I mean by great insight! Words have meanings only to enable communication. Why did I never use what I learned from Davidson on radical interpretation and on the principle of charity in order to express my own feelings? And of all people, the one who reminded me of this was my brother!

Only one point remained unclear that evening: How do you translate vice versa the sentence „You give life to everything I do“ when it is uttered by a non mediterrranean European into my brother’s idiolect?

3 thoughts on “Expressing emotions

  1. Ich erlebte jüngst einen Dichterkollegen auf Facebook, wie er bei einer fremden Dame mit einem nicht ungeschickten Vierzeiler punkten wollte. Ihre Reaktion: „Was willst du denn? Wir leben im Jahre 2013 und nicht 1951 oder so.“ Ich glaube schon, dass man auch fremden Menschen mit südländischer bzw. lyrischer Manier Emotionen mitteilen kann. Das scheitert aber oft am Problem, welches sich in der Antwort der Dame findet: Unaufgeschlossenheit für andere Ausdrücke als die des Alltags …

    • „Der Tod, das sind die Krähen, die sich stoßen
      An schwarzen Mauern und Dachziegeln,
      Der Tod, das sind die Frauen, die lieben
      So als schälten sie Zwiebeln“.

      (Kostas Karyotakis, Prevesa (1928) – nach der Übersetzung von Kostas Giannakakos und Christian Greiff)

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