Fail better!

Le grand duc

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„Fail better!“, die Aufforderung, auf bessere Art zu versagen, ist ein Zitat Samuel Becketts aus einer seiner letzten Prosaarbeiten, „Worstward ho!“ – Auf zum Schlechtesten!

Lustigerweise ist „Worstward ho!“ ein ironischer Hinweis auf Charles Kingsleys Karibik-Seefahrer-Roman Westward ho! – Auf zum Westen! „Lustigerweise“, weil der Westen Verschlechterung und Versagen typischerweise dämonisiert.

Mein Münchener Professor im Fach Sozialpsychologie, Dieter Frey, bestand seinerzeit darauf, dass zukunftsorientierte Organisationen im Westen sich eine östliche Fehlerkultur aneignen sollten (zur Umsetzung einer Fehlerkultur in deutschen Unternehmen vgl. die Vorschläge Freys in diesem Dokument, S. 24 f.). Obwohl Frey aus der experimentellen Sozialpsychologie kam, waren seine Seminare stets sehr philosophisch. Über Karl Poppers Ansichten zum Irrtum als nützliche Quelle von Lernen und über Adornos Verblüffung über den amerikanischen Spruch „I am a failure“ haben wir uns da unterhalten.

Adorno und Popper waren allerdings jüdische Kinder eines Mitteleuropa, das noch nicht westlich war. Das heutige Mitteleuropa hat gelernt, den Irrtum als Hindernis statt als Chance zur Effizienz zu betrachten.

Gerade heute klagte z.B. die Musiklehrerin meiner Töchter, dass ihre meisten Schüler es nicht ertragen, wenn sie falsch spielen. Ich schließe aus, dass sie meine Töchter in diese Gruppe einbezog. Jedenfalls hat mich ihre Bemerkung an bestimmte Situationen in einem katholischen Kirchenchor erinnert, wo die zwei Tenöre links und rechts staunten, was ich denn da gesungen habe; das D sei letztendlich punktiert gewesen! Als ich dann für ein paar Monate zu einem byzantinischen Kirchenchor gewechselt hatte, staunte ich über die Überbetonung der seelischen Ruhe beim Interpretieren gegenüber der körperlichen Übung, aber vielmehr staunte ich über die unwestliche Art, mit der beide Chorhälften mit der Musik umgingen nach dem Motto: Fehler sind kein Bestandteil der Interpretation; sie sind ein Bestandteil der Komposition. Diese Einstellung war in der Ungenauigkeit der Notation verankert.

Der neueste Trend in byzantinischen Chören lautet – habt Ihr’s erraten? – die alte Musiknotation der Ostkirche in westliche Noten zu transkribieren.

„Fail better!“ is a quote from Samuel Beckett’s „Worstward ho!“, one of his last stories and a parody of Charles Kingsley’s Westward ho! What makes the parody funny for me is that the West demonizes failure.

Dieter Frey, a professor of social psychology whose lectures I visited while a student at the University of Munich, insisted that organisations in the west should learn from the Orientals to allow for mistakes. His being a representative of experimental social psychology notwithstanding, Frey was very interested in philosophy. In his sessions we talked about Karl Popper’s views on error as a source of learning as well as about Adorno’s bewilderment by the American expression: „I am a failure“.

Adorno and Popper were Jewish persons from a non westernized Central Europe. Today, however, Central Europe has learned to consider error rather a threat than a chance for efficiency.

An everyday example would be that the music teacher of my daughters complained today that most of her pupils cannot stand playing out of tune. There are two things to say about this: Her remark is certainly not true of my daughters. But it reminded me of some situations in this catholic choir, the tenors on my left and on my right not believing that I had failed to notice that a certain note was dotted. After I moved to a Byzantine choir I was astonished by the importance of tranquility there (we prayed in the beginning of the rehearsals!) but especially I admired the way they were discussing about the music. They appeared to think that errors weren’t involved in the interpretation – but this only for the reason that they were involved already in the composition! The imprecise Byzantine music notation was obviously one of the reasons for this remarkable attitude.

The state-of-the-art Byzantine choir transcribes the Byzantine music notation into Western.

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