20 years after or: Feuer im Foyer

Marx

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Im Herbst 1993, drei Jahre nach der Wiedervereinigung, kursierten in Berlin zwei verschiedene Ansichten über die Inschrift im Foyer des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität. Es gab diejenigen, die sie als eine propagandistische Floskel eines Unrechtsregimes entfernen lassen wollten, wie z.B. der Philosophieprofessor an der HUB Volker Gerhardt, aber auch diejenigen, darunter der für Denkmalschutz Zuständige sowie die Präsidentin der Universität, die in der Inschrift eine schmerz- aber wertvolle Erinnerung sahen.

20 Jahre später prangt das Marx-Zitat immer noch im Foyer. Gibt’s vielleicht einen besseren Beweis dafür, dass es tolerierbar war?

Gerhardt widmete der Foyer-Debatte ein ganzes Buch mit dem Titel Eine angeschlagene These: Die 11. Feuerbach-These im Foyer der Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin: Akademie Verlag, 1996. Eine seiner Pointen lautet, dass die Inschrift die Marx-Stelle aus den Thesen über Feuerbach nicht richtig wiedergebe: Bei Marx fehle das „aber“, was impliziere, dass Marx in der Interpretation und der Veränderung der Welt keinen Gegensatz gesehen habe. Das heißt, dass die Inschrift eine womöglich falsche Überinterpretation einer Marxschen These darstelle.

Mir ist nicht klar, wie sich diese Pointe zur Entscheidung der Debatte verhalten sollte. Der Wortlaut des Originals unterstützt beide Lesarten, sowohl die Lesart mit dem „aber“ als auch Gerhardts Meinung. Und solange in der DDR die Lesart mit dem „aber“ als diejenige angesehen wurde, die den Geist der 11. These bewahrte, ist die Inschrift durchaus eine echte marxistische Position. Was konsequenter Marxismus ist und was nicht, dafür ist nicht Marx zuständig. Marx selber kann beim Niederschreiben irgendeines Satzes schläfrig, nicht gut drauf, nicht voll dabei gewesen sein.

Wer kein Marxist ist, sollte für die Entfernung der Inschrift plädieren, nicht aber mit der Begründung, diese sei kein richtiger Marx. Mich stört sie – ob mit „aber“ oder ohne. Sie ist antiintellektuell, aktionistisch, sie betreibt Agitation.

During autumn 1993, three years after the reunification of Germany, there were two positions concerning the inscription in the entrance foyer of the main building of the Humboldt-University in East Berlin. The inscription, a quote from Marx’s Theses on Feuerbach:

The philosophers have only interpreted the world, in various ways; the point however is to change it.

were taken by some to be a propagandistic slogan of a dictatorship, by others it was seen as an unpleasant but educational part of the university’s history. The former, among them Volker Gerhardt, a philosophy professor, wanted to remove the inscription. The latter, among them the officer for monument protection and the president of the university, wanted to preserve it.

20 years later, the inscription can still be seen in the foyer. What else can be demanded in terms of a proof for the claim that it was tolerable in the first place?

Gerhardt wrote  on the foyer-debate a book titled: A Damaged Thesis: The 11th Thesis on Feuerbach in the Foyer of the Humboldt-University in Berlin, published in German by Akademie Verlag in 1996. One of the points Gerhardt makes pertains to the faithfulness of the quotation. In Marx there is no „however“ and this implies, the argument goes, that Marx didn’t see a discrepancy between interpreting and changing the world. In other words, the inscription in the foyer is a probably false interpretation of Marx’s 11th thesis.

I don’t understand how this point could be related to a decision of the debate 20 years ago. The original of the thesis supports both readings: a reading with a „however“ as well as a reading without it. But, and this is the important point, in East Germany the reading with a „however“ was obviously held to reflect the spirit of the 11th thesis. This makes the inscription in the foyer a Marxist position. You don’t ask Marx to tell you what is consistent Marxism and what isn’t. Marx himself could have been sleepy, tired, absent-minded when he wrote down the 11th thesis.

Those who are not Marxists should plead for the inscription to be removed, not however for the reason that it’s not the real Marx. The 11th thesis bothers me anyway, with or withouth a „however“. It is anti-intellectual, actionistic, it’s something that only an agitator would say.

3 thoughts on “20 years after or: Feuer im Foyer

  1. Ich würde die Inschrift auch weiterhin zur Schau stellen. Man kann dieses These auch ohne historische Verknüpfung lesen; bzw. sie hat einen zeitlosen Kern, der gelesen werden sollte. (ein merkwürdiger Ausdruck) Wenn Sie ferner die Gemüter mancher Betrachter erregt, hat die Schrift bereits auch einen Nutzwert und verdient es daher auch weiterhin, gelesen zu werden.

    • Ich glaube, dass der „zeitlose Kern“ der 11. These mich nicht weniger stört als ihre historischen Assoziationen. Und übrigens: Gold auf Dunkelrot – ähnelt es nicht diesen Schlüsselanhängern mit dem Ferrari-Logo, die man in den Händen von Fiat-Fahrern sieht? Die Analogie sticht ins Auge: Sie wollten etwas Großartiges sein, so z.B. die Welt verändern, und waren dabei so engspurig, dass die Bürger am liebsten Republikflucht begangen hätten. Ich weiß, das ist kein Argument gegen die Inschrift, ich finde aber die Farbenwahl lustig. Gut, sie war auch dadurch bedingt, dass sie keinen anderen Marmor hatten als den aus der Reichskanzlei und der war rot🙂

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