Euthanasia

(Scroll for English)

Die etwa 20 Treffer der Datenbank Thesaurus Linguae Graecae, die die verschiedenen Flexionsformen des Terminus „euthanasia“ ergeben, können jeden sprachkundigen Leser überzeugen, dass dieser Begriff in der Ursprungssprache eng mit der eugeria, mit dem würdigen Altern also, eng zusammenhängt und den schmerzlosen natürlichen Tod bezeichnet. Die Archäologie bestätigt inzwischen, dass Platons (Republik 460 c) und Aristoteles‘ (Politik 1335b) Empfehlungen, nicht lebensfähige oder behinderte Kinder dem sicheren Tod zu überlassen, nicht bloß Hirngespinste im Kopf herzloser Philosophen waren. Allerdings wurde dieses Morden im alten Griechisch nicht als Euthanasie verharmlost.

Wir, meine Frau und ich, begannen am 8. November nach einem Artikel in der Süddeutschen über die möglich erscheinende Zulassung der Kinder-Euthanasie in Belgien, über die Euthanasie zu reden. Die Diskussion dauert bis heute an, weil ich lieber über Euthanasie als über meine Stimmung nach meinem abgelehnten Projekt rede – einem Fall der Dysthanasie. Meine Frau meinte, dass unser heutiger Euthanasie-Begriff keine Ähnlichkeit mit dem Euthanasie-Begriff der NS-Diktatur hat. Das sah ich anders. Die Ähnlichkeit ist die zweier eineiiger Zwillinge.

Eine Woche später kam sie aus einer Tagung über die Ermordung von Behinderten durch die Nazis nach Hause und legte mir das Faltblatt mit dem Tagungsprogramm vor. „Euthanasie“ steht dort in Anführungsstrichen. Auf die moralische und archivrechtliche Dimension der Frage, ob die Namen der damals Ermordeten veröffentlicht werden dürfen, oder ob ihre Familien zu Recht einer „Stigmatisierung“vorbeugend sich der Publikation eines Gedenkbuches erwehren dürfen, möchte ich hier nicht ausführlich eingehen. Ich finde solche Gefühle von Familienangehörigen eine bejammernswerte mittelbare Rechtfertigung der Morde. Ich finde den damit zusammenhängenden Intelligenz- und Effizienzkult nicht hinnehmbar.

Es ist wahr, heute sind die Menschen, die von den Nazis im Sinn von deren“Euthanasie“ ermordet wurden, keine Fälle für die Euthanasie. Da gibt es natürlich einen Unterschied zwischen Euthanasie heute und „Euthanasie“ damals. Aber die utilitaristische ultima ratio der Beseitigung einer angeblich entwürdigten Existenz bleibt dieselbe.

Noch schlimmer: Wenn die Euthanasie-Anhänger ihre utilitarischen Argumente gegen das Leben von Menschen vorbringen, die sich nicht verteidigen können, überlegen sie nicht, ob sie in ihren Kosten-Nutzen-Kalkül den Gesamtnutzen aus dem Fortbestehen eines Menschenlebens miteinbeziehen. Ich finde, vielzuoft vergessen sie nämlich das Glück Dritter am Leben der Euthanasie-Kandidaten mitzuberechnen.

Ich meine, dass der Fall Schiavo seinerzeit genau das zeigte: Dass die Kosten-Nutzen-Analyse für die Euthanasie selbst utilitaristischen Kriterien nicht genügt.

Es gibt vielleicht einen Unterschied zwischen Euthanasie und „Euthanasie“; einen winzig kleinen…

Euthanasie

In the entire history of the Greek language from the 8th c. BC to the 15th c. AD, there are no more than 20 occurences of the term“euthanasia“ in different flexion forms. I used the ultimative instrument to discover this, the data bank Thesaurus Linguae Graecae. What is more, is that these occurences very often associate euthanasia with eugeria, with getting older in dignity. Euthanasia means painless dying of a natural death. Archaeologists are today in the position to verify that Plato’s (Republic, 460 c) and Aristotle’s (Politics, 1335b) recommendations to expose newborns who were disabled or with no chances to survive weren’t just considerations in some philosophers‘ heads. This killing, however, didn’t bear the euphemistic name „euthanasia“.

I began talking about euthanasia with my wife on November 8th after an article in a German daily – an article which was sympathetic to a petition of 16 Belgian physicians to the government to allow the euthanasia of minors. The discussion continues until now because I prefer to talk about euthanasia than about my mood after the rejection of my project – which was a case of dysthanasia. My wife said that there is no resemblance between our notion of euthanasia today and the notion of euthanasia under the Nazis. I disagreed. The two notions resemble each other as much as two monozygotic twins.

One week later she came home from a conference on the murdering of disabled people by the Nazis and gave me the leaflet of the conference on which „euthanasia“ was written in quotes. I shall not enter into the details of the moral and legal topic concerning the question whether the names of the victims should be published or not – the latter in order to save the families the stigma of having had a member with the Down syndrom, for example. I find that being sensitive towards the feelings of the families in this respect mediately justifies the killing. To my mind, the cult of intelligence and efficiency which goes with feelings of this kind is not tolerable.

It’s true, today our euthanasia-candidates are not those whom the Nazis had in mind. Does this make a big difference between euthanasia and „euthanasia“? I don’t think so. The utilitarian ultima ratio behind the liquidation of lives which are allegedly deprived of dignity remains the same.

Much worse, when the supporters of euthanasia formulate utilitarian arguments against the life of human beings who cannot defend themselves they fail to calculate the entire utility involved in the continuation of this life. They constantly forget to calculate the happiness of the parents and friends of the euthanasia candidates if these stay alive. Like the Schiavo case demonstrated, the cost-benefit-assessment of euthanasia can fall too short even of the utilitarian moral standards.

Perhaps there is some difference between euthanasia and „euthanasia“; a minimal one…

2 thoughts on “Euthanasia

  1. Hallo Philori,

    Sterbehilfedebatten scheinen ein Konjunktorhoch auf philosophischen Blogs haben.
    Gerhard Kruip hat zum assistierten Suizid bei unseren Blognachbarn eine diskursethisch ausgewogene Position bezogen:

    „Selbst wenn ich mir unsicher bin, ob es moralisch richtig sein kann, sich selbst zu töten, bin ich mir sicher, dass es nicht richtig sein kann, eine solche Entscheidung eines anderen zur Selbsttötung, sofern sie bewusst und frei getroffen worden ist, nicht zu respektieren.“

    – Der ganze Beitrag: http://philosophie-indebate.de/1900/indebate-kann-beihilfe-zum-suizid-moralisch-gerechtfertigt-sein-wie-waere-sie-rechtlich-zu-regeln/#comment-119064

    Liebe Grüße
    Valerie Lux

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