Tetralemma

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Das Tetralemma (griechisch für „vierfache Annahme“) ist eine Position, die in der buddhistischen Logik ihren Ursprung hat. Sie sieht vor, dass eine Aussage wahr oder falsch oder wahr-und-falsch oder weder-wahr-noch-falsch ist. Welch eine logische Häresie!

Lauter nichtklassische Logiker, die ich schätze, haben eher spät in ihrer Karriere angefangen, über das Tetralemma zu reflektieren: Ulrich Blau, Matthias Varga von Kibéd und Graham Priest.

Solche Fälle steigern meine Lust, mein Projekt über nichtmonotones Denken bei der Revision von religiösen Überzeugungen doch noch auszuführen, allerdings mit konvertierten Logikern als Testgruppe! Statt lange Fragebögen zu verfassen, die mittelbar auf die Nichtmonotonität ihres Denkens bei ihrer Konversion zugunsten der buddhistischen Logik schließen lassen, kann man Logikern eine einzige Frage stellen: „War Ihre Konversion das Resultat nichtmonotonen Denkens?“ – Ja/Nein. Da die Logiker wissen, um was es dabei geht, hätte ich kaum was zu tun.

Aber was mache ich, wenn sie anfangen mit „ja-und-nein“ und „weder-ja-noch-nein“ zu antworten?

nagarjuna

The tetralemma (Greek for „four-fold assumption“) is a position which originates from Buddhist logic and consists in assigning a statement the value true, or the value false, or the value true-and-false or the value neither-true-nor-false. What a logical heresy!

Nonclassical logicians of great reputation, among them Ulrich Blau, Matthias Varga von Kibéd und Graham Priest, started to reflect on the tetralemma at a rather late stage in their career.

Such cases make me think again whether I would like to carry out my project on nonmonotonic reasoning in the revision of religious beliefs after all. This time I would take logicians as my test group – logicians who converted to Buddhist logic for example. Instead of preparing long questionnaires in order to find out if they converted on the basis of nonmonotonic reasoning, I only need to ask logicians one single question: „Did you convert by using nonmonotonic reasoning?“ – Yes /No. Since they know what this is all about, my job would be much easier.

But what would I do if they would start to answer: „yes-and-no“ and „neither-yes-nor-no“?

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Essentia

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Dualisten von Descartes bis Chalmers würden übereinstimmen, dass meine Essenz meine Seele ist aber geteilter Meinungen zum Thema sein, ob ebendieselbe Seele sterblich oder unsterblich ist. Einer Meinung wären sie wieder über die Weihnachts-Entenessenz von unumstrittenerweise unsterblichem Geschmack.

Dualists from Descartes to Chalmers would agree that my essence is my soul but disagree upon the immortality of this soul. They would reach an agreement again if asked about the Christmas duck essence (Entenessenz). Even physicalists thought that it had an immortal taste – let alone dualists.

The guide

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„Erklärliches erklären und Unerklärliches verstehen“ ist die Hauptbotschaft von Georg Henrik von Wrights Erklären und Verstehen (1971). Vielleicht ist sie gut als Ansatz für die Sprachphilosophie, vielleicht auch schlecht, da scheiden sich die Geister. Aber als Rat für Ehemänner und Väter ist sie hervorragend.

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„Explain what can be explained and understand what cannot“ is Georg Henrik von Wright’s main message in his Explanation and Understanding (1971). Well, I believe I should read it again as a husband’s and father’s guide.

Осторожно, философия

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Über jeden Artikel im SZ-Feuilleton zu Philosophie oder allgemein Geisteswissenschaften bin ich froh – vor allem aus Gründen der Seltenheit solcher Artikel. Manchmal sind sie Übungen der Absurdität, womit ein Philosoph zurecht kommen soll, so wie der Rechtsanwalt mit Kriminellen und der Arzt mit Krankheiten zurecht kommen sollen. Freilich grenzt die Absurdität manchmal an Sachbeschädigung des Papiers, auf dem sie gedruckt steht.

Tim Neshitov hat auf Seite 11 der Süddeutschen Nr. 294 vom Freitag, den 20. Dezember, gegen Berdjajews konservative Ansichten zur Homosexualität polemisiert und alles getoppt. Darin wird berichtet, dass der russische Präsident, ein früherer Geheimdienstler, kürzlich Nikolai Berdjajew zitierte, der 1922 kurz vor seiner Auswanderung mit dem Endziel Paris vom sowjetischen Geheimdienst verhört worden war – was belegen soll, „dass sich in Russland etwas sehr stark verschiebt“. Worauf in Neshitovs Text ein paar Kaltkriegsformulierungen über „Hirnwäscher“ und „Staatspropaganda“ folgen.

Eins muss man Neshitov lassen: Die Behauptung, dass sich in Russland etwas ändert, ist wohl wahr. Dass das mit dem „frommen Philosophen Berdjajew“ (so Neshitov) und dessen Ansichten zu und gegen Homosexualität zu tun hätte, wie Neshitov behauptet, ist aber abstrus.

Um zuerst eine weniger wichtige, nichtsdestrotrotz unschöne Sache bei Neshitov anzusprechen: Berdjajew war ein wichtiger Kirchenkritiker; was sage ich da? – ein Dogmakritiker, was Neshitovs Darstellung des „frommen Philosophen“ untergehen lässt.

Und nun zum eigentlichen Thema: Niemand braucht speziell mit Berdjajew ins Feld zu ziehen, um die Position zu untermauern, dass homosexuelle Handlungen Fälle pervertierter Sexualität darstellen. Das ist meines Erachtens die Mainstreamposition in der zeitgenössischen analytischen Philosophie. Autoren wie Thomas Nagel und Roger Scruton, alles andere als Kirchengänger (Nagel ist ein nichtbekennender Jude und Scruton ein Anglikaner säkular-konservativer Ansichten) sind sich darüber einig. Diese Position ist, finde ich, auch nicht diskriminierend. Diskriminierend wäre der Rückschluss, dass die Homosexualität eine mentale Krankheit oder Ähnliches wäre – und dieser ist nicht gegeben. Nur ein Rückschluss auf die Unnatürlichkeit der Homosexualität ist damit gegeben.

Selbst in dieser Hinsicht bin ich nicht imstande zu erkennen, wieso das ein Affront speziell gegen die Homosexuellen sein soll. Ich könnte viele Beispiele von unnatürlichen heterosexuellen Praktiken geben. Aber hier geht es wohl nicht um Philosophie. Vielmehr gibt es im westlichen Journalismus einen eigenartigen Reflex in bezug auf den Osten: Es gibt westliche Journalisten, die so tun, als würden sie wie viel früher die Verletzung der Grundrechte der Menschen in Osteuropa geißeln, während sie nicht mehr als partikuläre Präferenzen verteidigen, die keinen Grundrechten gelten, sondern vielmehr dem Geschmack eines jeden.

Berdyaev

I’m happy whenever the German daily I subscribe to writes something on philosophy or the humanities. But this is rather because such articles are rare. There’s no guarantee that they’re not absurd. As a philosopher you rather learn to live with absurdity like you learn to live with criminals if you’re a solicitor and with disease if you’re a physician. However, some articles are so absurd that I feel sorry for the paper they are printed on.

Tim Neshitov’s polemic against Berdyaev’s conservative views on homosexuality on page 11 of the Süddeutsche Zeitung Nr. 294 (issue of Friday, Dezember 20th) goes for the Oscar of absurdity. The author says that the Russian president, previously an officer of the intelligence service, quoted Nicolai Berdyaev who was interrogated by the intelligence service before his expatriation to Paris in 1922 and this is supposed to prove that „there is a big change in Russia“. And Neshitov continues his polemics using Cold-War vocabulary: „brain washers“; „state propaganda“.

In one point I can follow Neshitov: it’s probably true that there are changes in Russia. The claim that these have to do with the president’s quoting „Berdyaev, the pious philosopher“ (as he writes) and the latter’s views on homosexuality is extravagant, to say the least.

Let me mention a less important but not less ugly issue about Neshitov’s piece: Berdyaev was a church critic. In fact he was a critic of the religious dogma! By insinuating that he kept attending the Sunday service of the Russian-Orthodox church in Paris (to my knowledge this is the only pious action Berdyaev took) Neshitov gives the reader a completely false impression.

Back to the main issue: no one needs especially Berdyaev’s support to make sense of the claim that homosexuality is a perversion. To my knowledge this is the mainstream position of analytic philosophy today. Autors like Thomas Nagel and Roger Scruton, anything but church-goers (Nagel is a non-confessing Jew und Scruton an Anglican who launches secular arguments for his conservatism) agree upon this. I fail to see how such a view could be discriminating. For sure it doesn’t imply that homosexuality is a mental disease or anything like this. What it does imply is that homosexuality is not only another natural sexual practice.

Is this insulting especially homosexuals? I don’t think so. I could give many examples of heterosexual behaviour which are not natural. But probably it’s not wise of me to try to elucidate the issue philosophically. The problem is not of philosophical nature. It rather has to do with the strange reflexes of some Western journalists when they write about the East. They do as if they protected fundamental rights of the people there whereas what they do is advocating special preferences which do not reflect fundamental rights but rather matters of taste.

Knowing how

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Am letzten Tag vor den Ferien blieb die Mensa geschlossen. Bloß an die zehn Mitarbeiter und Freiwillige unterhielten sich bei einem von der Leitung spendierten Brunch. Geschlossene Gesellschaft. Plötzlich erscheint eine Meute Achtzehnjähriger. Ein paar Köpfe wagen sich durch den Türspalt und sagen spielerisch-frech: „Hunger!“

Die Köchin ergreift das Wort. Sie fragt nicht nach Erlaubnis, um das zu tun. Sie spricht mit dem Selbstvertrauen des Menschen, der weiß, was in einer solchen Situation zu tun ist: „Unter oana Voraussetzng“ sagt sie laut und fast mit einem Gelächter in der Stimme „dürft ihr was kriang: Ihr schafft alle ‚zamm‘ die Prüfungen, und wenn ihr reich seids, spendet ihr eure erste Million der Schui. Die zwoate dürft ihr behoit’n“. Die jungen Leute versprechen das.

Es fallen mir auf Anhieb folgende Sachen ein, wenn ich mich frage, was unsere Köchin dabei machte: einen begründeten Anspruch geltend, Humor, Kohäsion in der Gruppe herbeigechafft, für eine Erzählung Jahrzehnte später den Stoff gegeben und bestimmt Vieles mehr. Es ist schwer, alle Sachen zu bennenen, die sie machte.

Wie sie aber all diese Sachen machte, ist etwas, was ich im nachhinein sehr gut erzählen kann: Sie stand auf, sie lächelte usw. Allerdings bin ich nicht in der Lage, nachzumachen, was sie gemacht hat, da ich wie gesagt nicht weiß, was sie alles machte.

Ich vermute, dass die sehr Belesenen unter Euch, liebe Leser, die grundlegende und traditionelle Dichotomie zwischen Know-how und Know-what im Sinne von Stanleys und Williamsons Artikel aus dem Jahr 2001 bezweifeln. Wer aber unsere Köchin kennt, kann diese Dichotomie nur gutheißen. Sie hat ein sehr greifbares Talent, Dinge in Bewegung zu setzen, die unbegreiflich sind. Dieses Talent lässt sich nicht mit diesen Dingen gleichsetzen.

Roger Scruton hat einmal gesagt, die einzige Person am Birkbeck-College, mit der er sich habe unterhalten können, sei die Italienerin von der Kantine gewesen. Ich nehme an, dass er mit dieser Äußerung nur sticheln wollte, jede konservative Südländerin sei weiser als die typischen Linksintellektuellen dieses College. Würde man aber Scrutons Äußerung so verstehen, dass Talent nicht erlernbar ist und vom Wissen nicht abhängt, wäre es auch richtig.

About ten members of the staff and some volunteers are having a brunch on the last day before holidays behind closed doors in the refectory. The management shows gratitude for their loyalty by paying the bill. At once, a pack of eighteen-year-olds shows up. Their heads slip through the partially opened doorway. „We’re hungry!“

Without asking for permission from the management, the cook takes the initiative to give instructions. She knows how to handle the situation: „You can join us, but there is one condition: All of you have to pass the exams and get rich and donate your first million to the school. You can keep the second million which you’ll earn“. The boys and girls promise this.

When I ask myself what our cook did in the few seconds she was talking, then I answer to myself that she demanded something from the students, she made a joke, she made the group of the students more cohesive, she gave the basis for a story which these students will tell after decades and many, many other things. It’s difficult to name everything she did.

How she did all these things is something, however, which I can perfectly well summarize: She stood up, she smiled etc. But I cannot imitate her because, as I just said, it’s difficult to say what she did.

Some very well informed readers of this blog might doubt whether there’s an essential difference between knowing how to do things and knowing what to do – following in this Stanley’s und Williamson’s article from the year 2001. But if they knew our cook they would plead for the dichotomy between know-how and know-what. Our cook has a very tangible talent to make unimaginable things happen. Her tangible talent is not the equivalent of these uncountable things.

Roger Scruton said once that the Italian woman in the refectory was the only person at Birkbeck who he was talking with in his spare time. I suppose that this was a poisonous remark to the effect of saying that any conservative from the south is a much wiser person than the typical liberals of this London college. But if Scruton’s remark is understood to say that talents are not a subject to learn and independent from the true propositions which form one’s education, it would also be true.

And the winner is…

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Pantelis Bassakos, ein Ricoeur-Schüler und ein großer Lehrer für mich in Sachen Argumentationstheorie hat mein Rätsel gelöst und die Antwort auf Facebook geschrieben. Der klassikerverdächtige Logiker, der mengentheoretischen Platonismus zu Ende denkt und ein Buch darüber vorbereitet, ist Ulrich Blau.

Der verwaiste Raum ist die alte philosophische Bibliothek im Hauptgebäude der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität.

Blau lässt Platon gegen Kant und Aristoteles antreten und hat gute Chancen, schon wieder etwas Großartiges zu produzieren: Wenn er keine Widerlegung des Intuitionismus (Kant) und des Finitismus (Aristoteles) in der Philosophie der Mathematik liefert, wird er wenigstens die Paradoxien des Platonismus dargelegt haben.

Kurze Zeit nach Blaus Vortrag letzten Freitag saß ich in einem Büro an einem Glühwein nippend und überlegte laut, dass es mein Kantianismus war, der mich schon immer wissen ließ, dass Stegmüller und seine Münchener Platoniker in ihrem Disput gegen die Erlanger Konstruktivisten keine endgültig schlagenden Argumente auf die Waage bringen könnten.

„Pass auf, du sitzt gerade auf Stegmüllers Stuhl“ wies mich Irina zurecht, die als Hausherrin im Büro wusste, wo ihr Mobiliar früher stand.

Rationalismus hin oder her stand ich auf, bevor ich meinen Gedanken zu Ende führte. Mein Gefühl ist, dass Kant und die Kantianer den Punktesieg in der Philosophie der Mathematik erreichen. Aber ich warte auch gerne bis ich Blaus Manuskript in den nächsten Tagen in die Hände bekomme.

Stegmüllers Lehr-Stuhl

This chair threatened to harm me. More or this scary story below.

Pantelis Bassakos, a Ricoeur-disciple and a great teacher in argumentation theory knew the answer to my question and wrote it in facebook. The logician who has the potential of being considered as a classic in the decades to come, draws the last consequences from a Platonism applied in set theory and writes a book on this topic, is Ulrich Blau.

The place is the old philosophical library at the Geschwister-Scholl-Square in Munich.

Blau sees the modern landscape of the philosophy of mathematics as a battlefield on which Platonism has to fight against Kant and Aristotle. I cannot see how Blau’s new book could be unimportant. Either the guy is going to refute intuitionism (Kant) and finitism (Aristotle) in the philosophy of mathematics, or, if he fails, he will have shown which paradoxes Platonism has to invite if one takes Plato too seriously.

Not long after Blau finished his presentation last Friday, I was drinking a hot wine punch in Irina’s office and was thinking loudly that my view concerning the arguments which Stegmüller and his Platonist pupils produced against the Erlangen constructivists was dictated by my deep Kantian beliefs. Stegmüller had no chance against then.

„Be careful, it’s Stegmüller’s armchair you’re sitting on“ said Irina suddenly. She definitely knows where the furniture of her office used to stand.

I’m a very rational person. However I stood up in order to conclude my thought. My impression is that Kant and the Kantians appear to achieve a point victory in the philosophy of mathematics. But this is only an impression. I don’t like high brows and weighty words. Give me some time until I’ve read Blau’s manuscript in the next weeks…

 

Quiz

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Die alte Bibliothek sah am Freitag, den 13. Dezember 2013, ohne ihre Bücher trist aus. Etwas fröhlicher wirkte sie nur durch die Kritzeleien eines klassikerverdächtigen deutschen Logikers. Der Platoniker und Buddhist ist der einzige lebende Philosoph, der gleich im Titel einer meiner Arbeiten erwähnt wird.

Wo und wer?

Googeln ist erlaubt!

M210

The old library looked sad without its books on Friday, December 13th 2013. Only the scribbles of a German logician made it shiny. A Platonist and a Buddhist, he’s, I think, the only member of his generation who has the potential of becoming a classic in the decades to come. And the only living philosopher who is mentioned in the title of one of my own papers.

Where and who?

Googling is permitted.