Hindernisse

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„Einen Nutzen hast du von jedem Hindernis“ pflegt meine Mutter zu sagen. Vielleicht ist das eine Replik des uralten (stoischen?) Sprichwortes: „Es gibt nichts Schlechtes, was nicht mit Gutem vermischt ist“. Wie wahr! Es gibt Trennungen, die, nachdem sie erst beweint wordern waren, glückliche Ehen mit einer anderen Person ermöglichten. Manch ein beruflicher Abstieg führte einen doch auf die richtige Karriereschiene.

Genauso die Stolpersteine beim Denken: sie lassen einen viel begreifen. Gibt es z.B. einen Beweis dafür, dass meine Wahrnehmungen nicht Vorstellungen im Kopf eines Hundes sind? Nein, wird der Skeptiker sagen, einen formalen Beweis gebe es nicht, was ein riesiges Hindernis dafür darstelle, meine Wahrnehmungen ernst zu nehmen. Aber recht überlegt muss mich dieses Hindernis auf die Einsicht bringen, dass ich in diesem Fall wenigstens der Hund sein müsste. Ich als Denker muss mich selber als Hindernis wahrnehmen und kann von mir beim Denken nicht abstrahieren. Hindernisse bringen weiter. Das ist Kant.

Eine Kantianerin ist meine Mutter gleich in vielerlei Hinsicht. Kant mochte keine Gefühle „der schmelzenden Art“, wie er sie nannte. Einen guten Infanteriefeldwebel hätte er abgegeben, wenn er körperlich fit gewesen wäre. Meine Mutter ist sogar körperlich fit. Und wenn du ein Zeichen der Sorge von ihr erwartest, ist das, was du von ihr hörst, ein „Nix passiert! Aufstehen! Los, los, los, los!“

Tagma

She doesn’t like the role of a caring mother and grandmother who is anxious about their children and grandchildren getting hurt. She can be militant. Her ways are a constant indication of a tacit: „go, go, go, go, go!“ Perhaps this is because she’s very anxious that caring mothers and grandmothers support negative attitudes. Almost predictably, the following is a proverb she very much likes to quote: „We benefit from every obstacle“. I have no idea where my mother has it from. It sounds like a usual proverb, one however which no one else uses. Perhaps it’s a modern version of the old (Stoic?) dictum: „There is no bad thing which is not mixed with a good thing“. How true! The separations which you once deplored made it possible that you are together with another person now. Desasters in your work may help you find the right way in your career.

It’s all the same with „stumbling“ in philosophical reflection: it’s a chance rather than anything else. There is no formal proof that our perceptions aren’t representations in the head of a dog – a sceptic would say to trip you… However, even in this case, no sceptic would deny to be at least the dog. I’m the obstacle I stumble upon when I think and I cannot abstract from myself. But tripping helps me understand who I am. This is a (very) abridged version of the main point in Kant’s Critique of Pure Reason.

My mother has a wide spectrum of Kantian tendencies. She dislikes feelings „of the mellow kind“ as Kant called them. Mothers, grandmothers, philosophers and infantry sergeants have much in common.

4 thoughts on “Hindernisse

      • Als ehemalige Widerständlerin gegen das DDR-Regime und Radikal-Pazifistin sieht sich meine Mutter dazu verpflichtet, vorurteilhaft alles, was mit Militär auch nur zu tun hat, als von Grund auf „böse“ und verwerflich zu betrachten. Selbst wenn sie sich, wie schon gesagt, selbst militärischen Ausdrucks bedient, schafft sie es, das vor sich selbst zu verbergen und aufs energischste abzustreiten.

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