Осторожно, философия

(Scroll for English)

Über jeden Artikel im SZ-Feuilleton zu Philosophie oder allgemein Geisteswissenschaften bin ich froh – vor allem aus Gründen der Seltenheit solcher Artikel. Manchmal sind sie Übungen der Absurdität, womit ein Philosoph zurecht kommen soll, so wie der Rechtsanwalt mit Kriminellen und der Arzt mit Krankheiten zurecht kommen sollen. Freilich grenzt die Absurdität manchmal an Sachbeschädigung des Papiers, auf dem sie gedruckt steht.

Tim Neshitov hat auf Seite 11 der Süddeutschen Nr. 294 vom Freitag, den 20. Dezember, gegen Berdjajews konservative Ansichten zur Homosexualität polemisiert und alles getoppt. Darin wird berichtet, dass der russische Präsident, ein früherer Geheimdienstler, kürzlich Nikolai Berdjajew zitierte, der 1922 kurz vor seiner Auswanderung mit dem Endziel Paris vom sowjetischen Geheimdienst verhört worden war – was belegen soll, „dass sich in Russland etwas sehr stark verschiebt“. Worauf in Neshitovs Text ein paar Kaltkriegsformulierungen über „Hirnwäscher“ und „Staatspropaganda“ folgen.

Eins muss man Neshitov lassen: Die Behauptung, dass sich in Russland etwas ändert, ist wohl wahr. Dass das mit dem „frommen Philosophen Berdjajew“ (so Neshitov) und dessen Ansichten zu und gegen Homosexualität zu tun hätte, wie Neshitov behauptet, ist aber abstrus.

Um zuerst eine weniger wichtige, nichtsdestrotrotz unschöne Sache bei Neshitov anzusprechen: Berdjajew war ein wichtiger Kirchenkritiker; was sage ich da? – ein Dogmakritiker, was Neshitovs Darstellung des „frommen Philosophen“ untergehen lässt.

Und nun zum eigentlichen Thema: Niemand braucht speziell mit Berdjajew ins Feld zu ziehen, um die Position zu untermauern, dass homosexuelle Handlungen Fälle pervertierter Sexualität darstellen. Das ist meines Erachtens die Mainstreamposition in der zeitgenössischen analytischen Philosophie. Autoren wie Thomas Nagel und Roger Scruton, alles andere als Kirchengänger (Nagel ist ein nichtbekennender Jude und Scruton ein Anglikaner säkular-konservativer Ansichten) sind sich darüber einig. Diese Position ist, finde ich, auch nicht diskriminierend. Diskriminierend wäre der Rückschluss, dass die Homosexualität eine mentale Krankheit oder Ähnliches wäre – und dieser ist nicht gegeben. Nur ein Rückschluss auf die Unnatürlichkeit der Homosexualität ist damit gegeben.

Selbst in dieser Hinsicht bin ich nicht imstande zu erkennen, wieso das ein Affront speziell gegen die Homosexuellen sein soll. Ich könnte viele Beispiele von unnatürlichen heterosexuellen Praktiken geben. Aber hier geht es wohl nicht um Philosophie. Vielmehr gibt es im westlichen Journalismus einen eigenartigen Reflex in bezug auf den Osten: Es gibt westliche Journalisten, die so tun, als würden sie wie viel früher die Verletzung der Grundrechte der Menschen in Osteuropa geißeln, während sie nicht mehr als partikuläre Präferenzen verteidigen, die keinen Grundrechten gelten, sondern vielmehr dem Geschmack eines jeden.

Berdyaev

I’m happy whenever the German daily I subscribe to writes something on philosophy or the humanities. But this is rather because such articles are rare. There’s no guarantee that they’re not absurd. As a philosopher you rather learn to live with absurdity like you learn to live with criminals if you’re a solicitor and with disease if you’re a physician. However, some articles are so absurd that I feel sorry for the paper they are printed on.

Tim Neshitov’s polemic against Berdyaev’s conservative views on homosexuality on page 11 of the Süddeutsche Zeitung Nr. 294 (issue of Friday, Dezember 20th) goes for the Oscar of absurdity. The author says that the Russian president, previously an officer of the intelligence service, quoted Nicolai Berdyaev who was interrogated by the intelligence service before his expatriation to Paris in 1922 and this is supposed to prove that „there is a big change in Russia“. And Neshitov continues his polemics using Cold-War vocabulary: „brain washers“; „state propaganda“.

In one point I can follow Neshitov: it’s probably true that there are changes in Russia. The claim that these have to do with the president’s quoting „Berdyaev, the pious philosopher“ (as he writes) and the latter’s views on homosexuality is extravagant, to say the least.

Let me mention a less important but not less ugly issue about Neshitov’s piece: Berdyaev was a church critic. In fact he was a critic of the religious dogma! By insinuating that he kept attending the Sunday service of the Russian-Orthodox church in Paris (to my knowledge this is the only pious action Berdyaev took) Neshitov gives the reader a completely false impression.

Back to the main issue: no one needs especially Berdyaev’s support to make sense of the claim that homosexuality is a perversion. To my knowledge this is the mainstream position of analytic philosophy today. Autors like Thomas Nagel and Roger Scruton, anything but church-goers (Nagel is a non-confessing Jew und Scruton an Anglican who launches secular arguments for his conservatism) agree upon this. I fail to see how such a view could be discriminating. For sure it doesn’t imply that homosexuality is a mental disease or anything like this. What it does imply is that homosexuality is not only another natural sexual practice.

Is this insulting especially homosexuals? I don’t think so. I could give many examples of heterosexual behaviour which are not natural. But probably it’s not wise of me to try to elucidate the issue philosophically. The problem is not of philosophical nature. It rather has to do with the strange reflexes of some Western journalists when they write about the East. They do as if they protected fundamental rights of the people there whereas what they do is advocating special preferences which do not reflect fundamental rights but rather matters of taste.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s