In einer Zeitmaschine

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17-18 Jahre lang hatte ich keine Lust, mich an den literarischen Treffen und den Filmvorführungen im Vortragssaal der Bibliothek im Münchener Gasteig zu beteiligen – bis gestern abend. Ein paar Tage vorher hat mich ein Freund auf diesen grandiosen Dokumentarfilm über jüdische Kinder aufmerksam gemacht, die irgendwo in Griechenland untergetaucht den Holokaust überlebten. Er hat auch erwähnt, dass die ehemalige Kindesperspektive der Akteure beim Erzählen des Geschehenen im Film zur Geltung kommt und ich entschied mich hinzugehen.

Und da verwandelte sich der Saal auf vielfältige Weise in eine Zeitmaschine.

Denn ich habe dieselben Leute getroffen, die ich vor ewigen Zeiten in solchen Veranstaltungen traf. Sie alterten ein wenig, aber im Grunde genommen bleibt alles wie gehabt. Sie werden von mir genauso gedacht haben, obwohl ich fast eine andere Person geworden bin: kein Giesinger Studi mehr, sondern Privatdozent an einer ostdeutschen Uni mit Haus und Hof und Frau und Kindern in Oberbayern.

Immerhin sind ein paar wichtige Sachen bei mir gleich geblieben: Dieselbe Angst davor, dass die Veranstaltung sich im Durchdeklinieren des Substantivums “Hellas” erschöpfen wird. Es störte mich vor mehr als anderthalb Jahrzehnten und es stört mich immer noch, dass ganze akademische Fächer im Sinne des sogenannten “spatial turn” in völkerkundliche Studien von irgendwas Exotischem verkommen, geschweige denn, wenn ich dabei der Exot sein soll. Wenn wir irgendwas zu sagen haben, dann sagen wir’s, Literaten, Filmemacher, bildende Künstler, Komponisten, Philosophen mit einem griechischen Hintergrund, nicht als Griechen, sondern unabhängig vom Griechesein. So sollte es jedenfalls sein…

Angesichts dieser Angst fühlte ich mich gestern bestätigt in meinem konsequenten Wegbleiben all diese Jahre. Aber das ist gerade das Witzige in einer Zeitmaschine: Von meinen Erinnerungen an solche Treffen nach fast zwei Jahrzehnten der konsequenten Abwesenheit sowie von den Erinnerungen dieser betagten Menschen im Dokumentarfilm angetrieben, kam die Maschine gestern voll in Gang. Vorsicht aber! Déjà-vus muss man in der Zeitmaschine anders interpretieren. Wenn die Dame neben mir im Saal z.B. mit ihrem Fuß meinen anstupste, ohne sich zu entschuldigen, dann deutete das gestern – anders als früher – eher Indifferenz als Interesse an.

Die ehemalige Perspektive bleibt doch nicht voll gültig.

For the last 17 or 18 years I didn’t feel like going to the literary meetings and the movies in the library auditorium of the municipal cultural center in Munich – until yesterday evening. A friend told me about this great documentary on Jewish children who survived the holocaust hidden somewhere in Greece and added that the film does justice to the children’s perspective of those years.

And the auditorium turned into a time machine.

I realised that the event was attended by the very same people whom I met much earlier there – a bit older but essentially the same. They must have thought the same thing about me, though I think that I have changed largely in terms of my psyche and my relations. I’m not a student from Munich-West anymore, rather a faculty member at a university in East Germany with a house and a garden and a wife and children in Upper Bavaria.

But there are constants in me, alright… For example the same fear that an event organized by the community will be more or less an exercise in the correct declination of the word “Hellas”. It’s embarassing to see whole academic disciplines after the so-called “spatial turn” evolving to ethnographical studies of something exotic. And it’s more embarassing when I’m supposed to incorporate this exotic thing. If we have something to say, then we, authors, movie-makers, artists, composers, philosophers with a Greek background, don’t say it because of our Greek background but independently of this. At least this is how it’s supposed to be.

It’s only rational that I didn’t come for ages, I thought to myself. At the same time, it’s consistent absence which makes returns worth it. My memories of similar events in the past and the memories of the old people in the documentary turned the time machine on. It was a déjà-vu, however its interpretation was quite new. As the lady next to me in the auditorium kept poking my foot with hers withouth saying “excuse me”, then I thought that what she signaled was not interest in me but rather indifference.

No one can make really full justice of a past perspective.

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Individualität

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Ich habe nichts gegen Individualität – ich bin z.B. individualpsychologisch vorgeprägt. Es ist mir bloß wichtig, dass die Wähler sich darüber im Klaren sind, dass “Bürgerrechte auf Individualität und Selbstbestimmung im Lebensalltag”, wie sie der neue FDP-Chef fordert, von allein keine Vielfalt im Lebensalltag garantieren. Es gilt vielmehr, die Menschen so zu bilden, dass sie ihr individuelles Glück nicht in einem grauen, von mir aus auch in keinem grau-silbrigen Einerlei suchen.

Autos

I’m the last person who would have something against individuality. Individual psychology was the doctrine which set the basics of my education at the primary and secondary school. At the same time I would feel much more comfortable if I knew that the voters know that the urge of the new leader of the German Free Democrats for more “individuality and self-determination in everyday life” doesn’t automatically imply respect for diversity. What I see as a priority is an education which enables people not to seek their individual comfort in a grey uniformity – or a silver-grey uniformity, I don’t care about the colour itself…

Scratching the surface

Allerheiligenkirche2

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Auch echte Liebe kann mit Äußerlichkeiten zu tun haben. Meine Kinder und der Dichter wissen das nur zu genau:

Ich liebe die Kirche – ihre sechsfach geflügelten,
Cherubim, ihre silbernen Gefäße, ihre Leuchter,
Ihre Lichter, Ikonen und Kanzeln.
…..

K.P. Kavafis, In der Kirche (1912), übersetzt v. Robert Elsie

Real love can be superficial. Ask my children and the poet.

I love the Church — her angel heads with wings,
her silver vessels, the high taper-stands,
the lights, the pulpit, the grave images.
…..

C.P. Cavafy, In Church (1912) – transl. by J.C. Cavafy

Nicolaus, alias Raymondus

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Da heute der Tag ist, an dem des echten St. Nikolaus gedacht wird, erwähne ich den fast unbekannten Beweis Raymond Smullyans für die Existenz des Bischofs von Myra. Er geht folgendermaßen:

Man reflektiere über den Wahrheitswert des Konditionals:

Wenn ich mich nicht weitgehend irre, existiert Nikolaus

Das Konditional ist entweder wahr oder falsch. Es ist falsch genau dann, wenn das Antecedens wahr ist (wenn ich mich also nicht weitgehend irre) aber das Konsequens falsch (d.h. Nikolaus existiert nicht). Aber das Konditional kann nicht falsch sein, weil angenommen wurde, dass ich mich nicht weitgehend irre.

Also muss das Konditional wahr sein. Das ist genau dann der Fall, wenn ich mich weitgehend irre oder wenn Nikolaus existiert. Da aber angenommen wurde, dass das Konditional wahr ist, irre ich mich doch nie weitgehend! Es gibt aber dann nur einen Weg, der angenommenen Wahrheit des Konditionals nicht zu widersprechen: anzunehmen, dass Nikolaus existiert.

Smullyans Trick ist eine Anwendung von Currys Paradox.

Noch weniger bekannt ist Smullyans empirischer Beweis für die Existenz des Nikolaus. Man braucht Smullyan nur einmal zu sehen, um festzustellen: Der Nikolaus ist er selber!

Raymond Smullyan’s empirical proof that Santa exists is himself. But this is not a very reliable proof.

Logical proofs are better. And, guess what, there is a Smullyan proof for the existence of Santa – an application of Curry’s paradox. Since today is the day on which Catholics and the Greek Orthodox celebrate the memory of the true Santa Claus, i.e. Saint Nicholas, I thought that some of you would like to know how this proof works.

Let’s explore the truth value of the conditional:

If I’m not largely wrong, Santa Claus exists

The conditional is either true or false. It’s false if and only if the antecedent is true (i.e. if I’m not largely wrong) and the consequent is false. But if I’m not largely wrong, the conditional cannot be false.

Therefore the conditional must be true. This is the case if and only if I’m largely wrong or if Santa Claus exists. However, since the conditional has to be true, I cannot be largely wrong. In order to save the truth of the conditional we have to conclude that Santa Claus exists. QED.

Hindernisse

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“Einen Nutzen hast du von jedem Hindernis” pflegt meine Mutter zu sagen. Vielleicht ist das eine Replik des uralten (stoischen?) Sprichwortes: “Es gibt nichts Schlechtes, was nicht mit Gutem vermischt ist”. Wie wahr! Es gibt Trennungen, die, nachdem sie erst beweint wordern waren, glückliche Ehen mit einer anderen Person ermöglichten. Manch ein beruflicher Abstieg führte einen doch auf die richtige Karriereschiene.

Genauso die Stolpersteine beim Denken: sie lassen einen viel begreifen. Gibt es z.B. einen Beweis dafür, dass meine Wahrnehmungen nicht Vorstellungen im Kopf eines Hundes sind? Nein, wird der Skeptiker sagen, einen formalen Beweis gebe es nicht, was ein riesiges Hindernis dafür darstelle, meine Wahrnehmungen ernst zu nehmen. Aber recht überlegt muss mich dieses Hindernis auf die Einsicht bringen, dass ich in diesem Fall wenigstens der Hund sein müsste. Ich als Denker muss mich selber als Hindernis wahrnehmen und kann von mir beim Denken nicht abstrahieren. Hindernisse bringen weiter. Das ist Kant.

Eine Kantianerin ist meine Mutter gleich in vielerlei Hinsicht. Kant mochte keine Gefühle “der schmelzenden Art”, wie er sie nannte. Einen guten Infanteriefeldwebel hätte er abgegeben, wenn er körperlich fit gewesen wäre. Meine Mutter ist sogar körperlich fit. Und wenn du ein Zeichen der Sorge von ihr erwartest, ist das, was du von ihr hörst, ein “Nix passiert! Aufstehen! Los, los, los, los!”

Tagma

She doesn’t like the role of a caring mother and grandmother who is anxious about their children and grandchildren getting hurt. She can be militant. Her ways are a constant indication of a tacit: “go, go, go, go, go!” Perhaps this is because she’s very anxious that caring mothers and grandmothers support negative attitudes. Almost predictably, the following is a proverb she very much likes to quote: “We benefit from every obstacle”. I have no idea where my mother has it from. It sounds like a usual proverb, one however which no one else uses. Perhaps it’s a modern version of the old (Stoic?) dictum: “There is no bad thing which is not mixed with a good thing”. How true! The separations which you once deplored made it possible that you are together with another person now. Desasters in your work may help you find the right way in your career.

It’s all the same with “stumbling” in philosophical reflection: it’s a chance rather than anything else. There is no formal proof that our perceptions aren’t representations in the head of a dog – a sceptic would say to trip you… However, even in this case, no sceptic would deny to be at least the dog. I’m the obstacle I stumble upon when I think and I cannot abstract from myself. But tripping helps me understand who I am. This is a (very) abridged version of the main point in Kant’s Critique of Pure Reason.

My mother has a wide spectrum of Kantian tendencies. She dislikes feelings “of the mellow kind” as Kant called them. Mothers, grandmothers, philosophers and infantry sergeants have much in common.

PISA

Pisa

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Das Akronym PISA (Programme for International Student Assessment) hat außer einer Homonymie auf den ersten Blick nichts mit der toskanischen Stadt gemeinsam. Und doch hat es viel! So hängt z.B. nach jeder Veröffentlichung der PISA-Studie (heute ist so ein Tag!) in Deutschland der Haussegen schief – wegen der mittelmäßigen Ergebnisse der Nationalelf. ‘tschuldigung, der deutschen Schüler wollte ich sagen…

Die Rezeption der PISA-Studie in Deutschland ist ein einziger Beweis über die Vorrangstellung der Fußballmentalität über der Bildung – und zwar in puncto Bildung. In anderer Hinsicht sowieso… Denn die PISA-Studie ist, wenn es nach der deutschen Öffentlichkeit geht, keine bloß nützliche Abbildung der Realität, die so wie alle Abbildungen auch eine selektive Wahrnehmung darstellen würde. Nein! Die PISA-Studie sei DIE Realität, die zeige, wo man stehe!

Noch schlimmer bekräftigt die PISA-Studie diese stumpfsinnige Vorstellung, dass das Wesentliche in der Bildung das Ausführen von Prüfungen  wäre. Vor langer Zeit habe ich eine Latein-Lehrerin für ein paar Wochen an einem Freisinger Gymnasium vertreten. Einen Tag bevor ich antrat, haben mich die Philologen bei der Besprechung der Lernziele im Lehrerzimmer auf nichts anderes hingewiesen als auf Extemporalien. Das ist keine rhetorische Übertreibung, keine façon de parler: Anderthalb Stunden lang haben sie von nichts anderem gesprochen!

Da liegt eine weitere Ähnlichkeit zwischen der öffentlichen sowie – leider Gottes – auch der Pädagogen-Wahrnehmung der PISA-Studie einerseits und der Stadt in Italien andererseits: Fast alle tun so, als gäbe es nichts anderes in der Bildung zu beobachten als das, was von der PISA-Studie festgestellt wird. Genauso der Tourist in Pisa: Er tut so, als gäbe es keine andere Sehenswürdigkeit in der gesamten Stadt als der olle, missratene Turm…

On the surface of it, the acronym PISA (Programme for International Student Assessment) has only one minor similarity with the city in Tuscany: the homonymy. But this is only, as I said, superficial. There is a deep resemblance between PISA and Pisa. In Germany, on the day of the publication of the PISA-results (today is such a day) a whole nation leans towards a depression because of the very mediocre results of the national team – oops sorry: of the German students I meant…

Do we need any more proofs for the prevailing of hooligan’s mentality when it comes to education when we have the public opinion on the PISA-study? If you read German papers, listen to German radio, watch the German TV, then what the OECD does with the PISA-programme is not just monitoring some aspects of reality at the school which are, like every aspect everywhere, selective. No! They see in the PISA-study the ultimate reality!

As if this weren’t enough, the PISA-study supports a more-than-simple-minded and very widespread view according to which education and learning consist in essence in taking exams. Years ago, I replaced a Latin teacher for some weeks at a Bavarian high school. The philologists of the team wanted to discuss learning philosophy with me – so I thought… – and invited me for a meeting on the day before the first lesson. For one hour and a half they talked about nothing else but tests and exams. I’m not exaggerating. They didn’t appear to have anything else to offer as a topic for this discussion!

And this is a further similarity, of course, between the public opinion in Germany concerning the PISA-study and Pisa in Italy: Most Germans don’t seem to realize that in education there are things to be attentive of other than the results of the PISA-study. This is very much like the tourists in Pisa, Italy: they don’t seem to realise that the city has things to be attentive of other than this crap of a tower…

Advent

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Die gefährlichste Zeit des Jahres beginnt. Jeder Versuch, den Arm über den Tisch zu strecken und nach dem Zucker zu greifen, kann mit einer Verbrennung enden. Und die Kerze, die die Verbrennung verursachen kann, bleibt gefährlich selbst wenn man nie Zucker nimmt – wie ich. Denn sie kann immer herunterbrennen – Philosophen sind vergesslich – und die Weihnachtsdeko abfackeln.

Vergesslich hin oder her weiß ich genau, dass meine Rolle in meiner Familie letztes Jahr im Adventsmarkt der Schule viel Einsatz erforderte. Heuer war’s anders: ausgelassener. Als hätten mir meine Töchter und ihre Mutter mitteilen wollen: “Ruhe dich aus und trink einen Kaffee”. Sie werden größer und ich fühle mich jünger.

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The most dangerous period of the year begins. Every attempt to stretch your arm over the table to get the sugar can end with a burning from the candle. And even if it doesn’t, you can forget about the candle – philosophers are forgetful – which burns down for the Christmas decoration to catch fire.

I put no sugar in my coffee. Not only before Christmas out of fear for the candle – I just never did. And it continues that way. What doesn’t continue the way it was, is my role in my family during the advent market on the school campus. Probably they still need my existence, but no one seems to need my contribution to be happy – which feels good. It feels like: “Take your time and have a coffee” and like getting younger as the kids get bigger.