Verliebt aber null Gunstbezeugungen

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In die Metaphysik verliebt zu sein, beklagte sich 1766 Immanuel Kant, ohne dass ihn seine Angebetete ihrerseits mit Gunstbezeugungen ermutigte. Wohl nicht das einzige Beispiel. Bertrand Russell wird man mit Recht eine Liebesbeziehung zur Logik nachsagen können.

Ich bin skeptisch gegenüber dieser Metapher: „Ich bin in meine Disziplin verliebt“ – obwohl ich durchaus selber davon betroffen bin. Bei mir ist es eine polyamore Beziehung: Sowohl die Metaphysik als auch die Logik haben’s mir angetan.

Skeptisch! Weil es ja nur eine Metapher ist, die nichts anderes bedeutet als einen Sprachmissbrauch zu Zwecken der Übersteigerung. „Ich bin in die Metaphysik und in die Logik verliebt“ bedeutet nichts anderes als: „Ich schreibe und lese sehr gern Werke über Metaphysik und Logik“. Es wäre ja lächerlich, wenn meine Frau deswegen eifersüchtig wäre oder wenn ich deshalb ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Familie hätte.

So gibt es z.B. – wie Kant genau wusste – nur selten Gunstbezeugungen seitens einer Disziplin, in die man verliebt ist, und selbst wenn es diese gibt, sind sie nicht von der Art, die das Familienleben stören würden.

Während ich aber an meiner Steuererkärung arbeite, ist die alljährliche Einsicht wieder da: Bestimmt gibt es Leute, die sehr gerne ihre Steuererklärung machen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass sie nach meiner Art sagen könnten: „Ich bin in meine Steuererklärung verliebt“. Nicht in jede Gewinn bringende Tätigkeit kann man verliebt sein.

Wenn ich die Metaphysik und die Logik einerseits, die Steuererklärung andererseits miteinander vergleiche, dann weiß ich genau: In beide ersteren kann man sich verlieben. Letztere kann man wegen der Steuerbegünstigungen höchstens gern zu machen lernen – na ja, vielleicht…

In einem anderen Leben…

Logik und Finanzen

Immanuel Kant wasn’t much younger than I am now when he complained in 1766 that he was in love with metaphysics. His problem was that he didn’t receive any signs of favour from the side of his beloved. He’s not the only example. Who would fail to notice Bertrand Russell’s love affair with logic?

I’m suspicious towards the metaphor: „I’m in love with my discipline“. I mean, I’m in love myself with metaphysics and logic – no problem there, regardless of the fact that it’s a polyamorous situation.

My suspicion is due to my attitude towards metaphors altogether. Metaphors are linguistic usurpations which we use in order to exaggerate. „I’m in love with metaphysics and logic“ means nothing but: „I fancy writing and reading metaphysics and logic“. It would be ridiculous if my wife were jealous because of this as much as it would if I felt guilty.

Like Kant, I know that this is not a love in which my beloved disciplines would give me signs of their love in return. And even if they would, these wouldn’t be of the kind that would threaten our family life.

But still, it is love. While I work on my tax declaration I think that there are definitely people who like working on their tax declaration. But I cannot imagine them saying that they’re in love with their tax declaration.

You can fall in love with metaphysics and logic without receiving anything in return but never fall in love with the tax declaration despite tax return.

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Metaphysics naturalized

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Wer hat das gelesen?

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Wie soll ihnen eine naturalisierte Auffassung der Ursache-Wirkung-Relation gelingen? Wohlgemerkt sind Ross, Ladyman, Kincaid nicht die einzigen, die solche Ambitionen hegen. Auch Gerhard Schurz arbeitet auf dem Feld. Das kann zweierlei zeigen:

1. Entweder sehen die Leute etwas, wozu ich unfähig bin (würde ich es sehen, wenn ich den Sammelband kaufe?);

oder

2. sie haben Bildungslücken (theoretische Termini usw.) seit der Zeit, als sie als Erstsemester am Proseminar Wissenschaftstheorie teilnahmen.

Ersteres wäre eine leichtfertige Antwort; letzteres eine unnaheliegende.

PS: Soll der coole 70er-Jahre-Mercedes auf dem Buchumschlag andeuten, dass die alte, klassische Metaphysik nicht läuft, und der hässliche rote Bugatti (oder was auch immer) auf die angeblichen Leistungen der naturalisierten Metaphysik hindeuten? Wer ist dermaßen primitiv, um sich vom Bild auf dem Einband angesprochen zu fühlen?

Scientific metaphysics

Has anyone read this?

http://www.amazon.com/Scientific-Metaphysics-Don-Ross/dp/0199696497

How are they supposed to deliver a naturalized account on causation? The fact that suddenly several people next to Ross, Ladyman and Kincaid, for example also Gerhard Schurz, work on causality naturalized can show two things:

1st: they see something which I don’t see (would I see it if I buy the volume?);

or

2nd: they haven’t learned their lesson (theoretical terms etc.) in the introductory class on epistemology.

The first is too easy an answer, the second too implausible.

PS: Is the cool Mercedes from the 70s on the front cover an allegory which is supposed to show that traditional metaphysics doesn’t work? And the ugly-red-Bugatti-or-something is supposed to show that metaphysics naturalized works? Who can be that primitive to identify himself with the visual material on the cover?

Antiaristotelians in my family…

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Personen:

Vater (V)
Tochter (T)
Mutter (M)

V: Das war eine wunderschöne Geschichte, Schatz! Wer hat sie dir erzählt?
T: Damals war sie in der Zwölften und…
V: Entschuldigung: WER hat sie dir erzählt!?
T: Ja! Damals war sie in der Zwölften und…
V: „Damals“ ist keine gute Art, um eine Antwort auf eine Frage nach dem „Wer“ einzuleiten.
M: Hey, sie ist ein Kind und kein Logiker!

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Persons

Father (F)
Daughter (D)
Mother (M)

F: A gorgeous story, love! Who do you have it from?
D: Back then she was in the twelfth class and…
F: Excuse me, WHO told you the story?
D: Yes, back then she was in the twelfth class and…
F: Don’t you think that „back then“ is a bad way to start answering a question about who did something?
M: Hey, she’s a child, not a logician!

Der Quotient oder die Q-Anbetung

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Viele bayerische Viertklässler sind seit gestern auf ein gespanntes Verhältnis mit ihren Eltern in den nächsten Monaten gefasst. Sie bekamen ihren Zwischenbericht. Werden ihre Leistungen nicht sehr bald viel besser, ist der Gymnasiumsübertritt gefährdet. Die Eltern werden trotz der Appelle fürs Gegenteil Druck auf die Kinder ausüben, viele Kinder werden im Alter von 10 Jahren mit Misserfolg und Minderwertigkeitsgefühlen rechnen müssen.

Der Lehrerverband fordert mehr gemeinsame Zeit für die Kinder vor dem Gymnasium. Die Politik stellt sich aber taub. Sie stützt sich ja auf Expertenmeinungen, die in der Intelligenz ein angeborenes Potential sehen, auf Meinungen von Experten, die für weniger Gymnasiasten plädieren, da das Gymnasium ein Hort für die außerordentliche Intelligenz sein sollte, die mit von ebendenselben Experten entwickelten IQ-Tests messbar wäre.

Bei der Intelligenz gehe es nun mal um formale, kognitive Fähigkeiten im engeren Sinne, um „logisches Denkvermögen, die Fähigkeit zum schlussfolgernden (induktiven) Denken oder die Fähigkeit zur räumlichen Vorstellung“.

So umschreibt und zitiert die SZ des 14. Juni 2013 die Intelligenzauffassung Elsbeth Sterns (ETH Zürich) und Aljoscha Neubauers (Uni Graz) aus ihrem Buch Intelligenz: Große Unterschiede und ihre Folgen. Der SZ-Artikel trägt auch die möchtegern-provokative Überschrift „Es ist die Intelligenz, Dummkopf“.

Ein Buch, das weniger Gymnasiasten fordert, weil vielzuviele Kinder zu dumm wären, dessen Autoren nicht in der Lage sind, zwischen induktiv und deduktiv zu unterscheiden – wie soll man das nennen?

Gelinde ausgedrückt: dumm gelaufen…

Stern

Since yesterday, the school report of many Bavarian students of the fourth class shadows their relationship to their parents. If their marks won’t improve very soon, they won’t be visiting the highschool for which Bavarian students have either to be fit for in the age of 10 or to leave it aside for good. Their parents will put pressure on the kids the appeals for the opposite notwithstanding, many kids won’t manage to get the marks they need and they’ll be plagued with feelings of inferiority for their whole life for something which happened to them when they were 10.

The Teachers‘ Union’s demand is that the exams are taken by the students much later – i.e. the teachers are for an elementary school which goes beyond the fourth and the fifth class. The politicians are deaf to this demand. They are backed by experts opinions according to which intelligence is an inborn potential and the number of highschool students, which is in Germany traditionally very low, has to be even lower because, they say, the highschool has to be a seminar for the ones who have the extraordinary intelligence which they calculate by means of IQ-tests.

Intelligence is a set of formal cognitive abilities in the narrow sense. It involves „logical reasoning, the ability of conclusion-drawing (inductive) thinking or the ability of spatial imagination“.

This is how the Munich daily Süddeutsche Zeitung of June 14 2013 defined what these IQ-tests calculate with a quotation from Elsbeth Stern’s (Federal Polytechnic Zurich) and Aljoscha Neubauer’s (University of Graz) book: Intelligence: Big Differences and where they Take us. The newspaper wants to provoke with the title: „It’s the Intelligence, Stupid“.

Stern and Neubauer demand less highschool students. They say that most kids are too stupid for highschool. However, Stern and Neubauer who define what inborn intelligence is, confuse deduction with induction!

I leave it to the reader to decide if this is very intelligent of them…

Der Flöhe neue Kleider

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Ich lebe im falschen Jahrhundert. Am liebsten würde ich in einem fortschrittsorientierten Jahrhundert leben, das Wagnisse nicht als Gefahren betrachtet. In einem modernen Jahrhundert! So zum Beispiel im achtzehnten. Oder im frühen neunzehnten…

Nicht genug kann ich davon haben nachzuerleben, wie Goethe, der seinen Lebensunterhalt Menschen mit Privilegien, Titeln und Pfründen verdankte, sich von ihnen den Mund nicht verbieten ließ.

Welch ein Gegensatz zum inzwischen kalten und verkrusteten Brei, der mich umgibt. Überall wunderschöne Herausforderungen und tolle Ideen, die zu Grunde gehen: Entlastung der schulischen Lehrpläne; Verkürzung der Studienzeit; peer reviews; journal rankings; mehr Standardisierung in personellen Fragen. Nichts davon wird ernsthaft in Angriff genommen. Mit vielen Ausreden: Weil das Neue angelsächsisch ist; weil es aus Bologna kommt; oder aus sonstwo; weil das Neue von selber kommt, bevor wir es hereinlassen; weil die Leute, die das Neue bringen, eben neu sind – da könnte jeder kommen…

Mit vielen Ausreden, aber aus einer einzigen Ursache: Weil um den Status quo besorgte Epigonen der ehemaligen Aufbruchszeit lieber ihre alten winzigen Höflinge haben als irgendwelche Freigeister.

Und welch eine schwache Leistung auch meinerseits, wenn ich mich aus Bequemlichkeit verstelle, dass es sich mit den Winzlingen gut leben ließe…

Eins bleibt mir übrig: In die Zeitmaschine einzusteigen und mich in die Moderne, ins achtzehnte-neunzehnte, zu katapultieren. Die nächste Fahrt ist Ende Februar und die Zeitmaschine ist mit der S-Bahn von München erreichbar.

Aber vorerst ein Vorgeschmack Goetheschen Freimuts:

Beethoven’s playful melody and Goethe’s ironic lyrics are not a harmless scherzo. Goethe and Beethoven owed the fact that their art was celebrated to the aristocracy. However, the sharp political undertone of the song shows that they were anything but compromised because of this.

What a difference compared to my environment! Everywhere I look I see great challenges and excellent ideas: slimmer curricula, shortened duration of studies, peer reviews, journal rankings, standardised procedures for the appointments of professors. As I said: excellent ideas none of which gets the chances they deserve. There are many excuses for this: the new ideas come from the anglosaxon experience; or they come from Bologna; or they come from somewhere else; or they come uninvited; or they come with new people whom we don’t know – do we?

Many excuses but only one reason: the epigons of the pioneers are not pioneers themselves but, most probably, people who want to retain the status quo. What is better? To be sure that you will play Center every week for the Dwarfs Basketball Club or to risk playing as a substitute twice a year for Miami Heat? Well, there are those who prefer the former to the latter.

Once you know this, only for one thing there’s no excuse: for continuing to go to the games…

But there was a time in which the pioneers weren’t in love with stagnation. And you can go to this time. In late February there will be a time-machine near Munich – just twenty minutes by the public transport from downtown. The time-machine will take you straightforwardly to a time much more modern than ours. To a time at which risking wasn’t un-German. To the eighteenth and nineteenth centuries.

Variables

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Warum nennen wir das „x“ von Gleichungen mit nur einer Lösung eine „Variable“? Weil wir den Wert nicht kennen und dummerweise was anderes einsetzen könnten? Aber dann meinen wir mit „Variable“ etwas Epistemisches.

Ulrich Blau wirft dem Konstruktivismus vor, Epistemik und Semantik durcheinander zu bringen. Ich glaube, dass das stimmt. Aber der Grund ist keine methodologische Unsauberkeit, wie Blau meint, sondern der Grund ist, dass Epistemik und Semantik tatsächlich ineinandergehen.

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Why is „x“ called a „variable“ when the equation has only one solution? Is it because we don’t know the solution und we could calculate something wrong? But then, by calling „x“ a variable we express something epistemic.

Ulrich Blau complains that constructivism fails to consider semantic and epistemic properties separately. This is true. But it’s true only because there’s no clear cut between semantics and belief. Unlike what Blau thinks, constructivism is not „clumsier“ than Platonism in distinguishing.

Tribalism in academia

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Verkommen Diskussionen über Sachen in Streit um Bräuche in einer Zunft, in einem Milieu, in einer Nation („Ich sehe ein, dass du da ein Argument hast, aber bei uns wird der Diskurs anders geführt“), dann ist Tribalismus im Spiel.

Einige der leidenschaftlichsten Attacken K.R. Poppers gegen die Feinde der offenen Gesellschaft gelten deren Tribalismus – als ob der Tribalismus ausgerottet werden könnte.

Machen wir uns nichts vor: Gegen den Tribalismus ist kein Kraut gewachsen – auch in der Wissenschaft nicht.

Das ist mehr als traurig. Denn das, was die Wissenschaft zu dem macht, was sie ist, ist die bewusste, wenn auch nie vollständige Bekämpfung des Tribalismus.

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The name for the attitude which is the case when the discussion shifts from a matter of fact to the conventions of a group, a sub-culture, a nation („I suppose you have a point there but here we have our own discourse“) is „tribalism“.

Some of K.R. Popper’s most passionate attacks against the enemies of the open society are directed against their tribalism. Popper was an optimist who thought that tribalism can be banned from social affairs.

I don’t think that it can even be banned from the sciences and from scholarship.

This is more than sad. What makes the sciences and scholarship what they are, is the suppression of tribalism.