Education and natural language

(Scroll for English)

Im Hörspiel, dem unsere Älteste gespannt zuhört, kommt eine Sturmwarnung im Radio und der Reiterhof muss auf den Sturm vorbereitet werden. Die Information ist Glück im Unglück, weil die Leute des Reiterhofs sehr selten Radio hören. Der Besitzer verkündet:

Ich muss regelmäßiger Radio hören

Der Ausdruck lässt mich meine Miene verziehen. „Es gefällt dir gar nicht“ sagt die Tochter vorwurfsvoll. Ich antworte, dass das Hörspiel nicht so schlimm sei; nur der Ausdruck „Ich muss regelmäßiger Radio hören“ sei falsch. Was dabei gemeint sei, sei offensichtlich „öfter“. Denn auch einmal im Jahr sei regelmäßig. Hat man früher z.B. hin und wieder während des Jahres Radio gehört und hört jetzt dagegen nur einmal im Jahr, so hört man bereits „regelmäßiger“ Radio.

Die ganze Familie war gegen mich: So sage man das…

Abgesehen davon, dass ich zu den Philosophen gehöre, die die natürliche Sprache nicht als sakrosankt betrachten, finde ich es richtig, den Kindern beizubringen, dass das, was die meisten Menschen sagen, manchmal Unsinn ist. Selbst wenn das eine sprachliche Norm ist.

„Der Cäsar steht nicht über den Sprachlehrern“ sagten die Alten. Ich möchte hinzufügen: „Auch das Volk nicht“.

Als Nächstes bestelle ich mir das abgebildete T-Shirt.

caesar non supra grammaticos

Next thing to do is to order this T-shirt. Here’s the story:

Marta, our elder daughter, listened to a story on a CD. It was about an equestrian farm in which people listen to the news only very rarely. By chance they turn on the radio just a couple of hours before a storm hits their estate. They hear it and they can make preparations. Of course, there is more to come, since the storm is much more terrible than they expect it to be, but for now the proprietor of the farm announces:

I have to listen to the radio more regularly

Marta notices an expression of detestation in my face. „You don’t like it at all“ said she full of disappointment. I answered that the play wasn’t that bad. But the expression „I have to listen to the radio more regularly“ is simply false. What he means is „more often“. Because even if you listen to the radio once a year, it’s regularly enough. You already listen „more regularly“ to the radio if you listened every now and then during the year and now you decide to listen only once a year.

The whole family was against me: This is how people talk…

I’m not the kind of philosopher who would see natural language as sacrosanct. But independently of this, I think that it’s the right thing to tell the children that the way people talk sometimes doesn’t make sense. Even if I attack a linguistic norm by doing so.

„Caesar non supra grammaticos“ said the ancients. I have to add: „Neque populus!“

7 thoughts on “Education and natural language

  1. Eine ähnlich irreführende Definition besagt, dass ich wohl Alkoholikerin sein muss: ich trinke regelmäßig. Je ein Glas Wein an meinem Geburtstag, Weihnachten und Silvester…😀

  2. Die Wirren des Alltages🙂 Mir drängt sich aber eine ernste Frage auf: Wenn wir sagen, dass im Alltag Unsinn geredet wird, mit welchem angelegten Maßstab können wir das sagen? Bzw. von welchem Blickpunkt aus schauen wir in diesem Falle auf die Alltagssprache?

    • Danke für die Frage.

      „Unsinn“ wird verschiedenartig generiert. Ungrammatikalität, fehlender Gegenstandsbezug aber vor allem Inkonsistenz bei der Anwendung von Regeln sind seine wichtigsten Ursachen, denke ich. In meinem Eintrag thematisierte ich ein Beispiel dieses letzten Falls. Der Komparativ setzt Gegenstände in eine Relation, die dieselbe Eigenschaft besitzen. Klassifikatorisch gesehen sind Eiswürfel und suprafluides Helium kalt, aber Letzteres ist relational gesehen kälter. Die Relation, in die ein Adjektiv im Komparativ die Gegenstände setzt, bezieht sich normalerweise auf diejenige klassifikatorische Eigenschaft, die von der Grundform des Adjektivs ausgedrückt wird: Das Kältere bezieht sich auf Kaltes. Das ist genau die Regel, die in meinem Text nicht konsistent befolgt wird. Das Regelmäßigere bezieht sich, so die in allen mir bekannten Sprachen ausgedrückte Intuition, NICHT auf Regelmäßiges, sondern auf Regelmäßiges, DAS ÖFTER PASSIERT.

      Aber Sie haben ja eine philosophische Frage gestellt. Deshalb unterstelle ich Ihnen Interesse an folgender Frage: Wenn die natürliche Sprache, in der wir ja Regelnbefolgung zunächst lernten, nicht konsistent ist, wie gelingt es uns, den Begriff der Konsistenz zu erfassen? Meine Antwort lautet, dass wir einen nichtsprachlichen Bezug zur Realität besitzen. Dieser ist es, der uns verhilft, konsistente Sprachen zu konstruieren.

  3. Da frage ich mich aber: Angenommen wir können konsistente Sprachen bilden. Wie gelingt es uns überhaupt eine solche Sprache zu bilden? Dies könne doch nur auf Grundlage dessen geschehen, was wir im Alltag lernten. Wenn wir aber der Alltagssprache folgen, diese aber inkonsistent ist, dann ist auch das Resultat ihrer Anwendung inkonsistent. Daher ist nicht möglich eine konsistente Sprache zu bilden.
    Nehmen wir an, dass wir jenen nichtsprachlichen Bezug zur Welt haben – wie gelingt es, daraus eine Sprache zu entwickeln, die erstens konsistent ist und die wir ferner überhaupt verstehen können?
    – In so einem kurzen Post kann man nur die Tragweite dieser Diskussion erahnen und nur schwer ausdrücken, was einem alles dabei in den Kopf schießt –

    • Sie müssen bedenken, dass die Aufgabe, die wir uns stellen, wenn wir eine konsistente Sprache definieren, recht einfach ist. Die konsistente Sprache Σ definieren wir als eine Satzmenge, in der das Schema p & non-p nicht vorkommt. Dass das Ganze viel komplizierter ist bzw. dass der Konsistenzbeweis von Σ nicht einfach zu haben ist, mag etwas verwunderlich sein, wenn man bedenkt, dass das die Hauptaufgabe ist, aber im Grunde genommen ist das, was wir nicht natursprachlich verstehen, wenn wir Σ definieren, nicht gerade viel!!!

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