Der Flöhe neue Kleider

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Ich lebe im falschen Jahrhundert. Am liebsten würde ich in einem fortschrittsorientierten Jahrhundert leben, das Wagnisse nicht als Gefahren betrachtet. In einem modernen Jahrhundert! So zum Beispiel im achtzehnten. Oder im frühen neunzehnten…

Nicht genug kann ich davon haben nachzuerleben, wie Goethe, der seinen Lebensunterhalt Menschen mit Privilegien, Titeln und Pfründen verdankte, sich von ihnen den Mund nicht verbieten ließ.

Welch ein Gegensatz zum inzwischen kalten und verkrusteten Brei, der mich umgibt. Überall wunderschöne Herausforderungen und tolle Ideen, die zu Grunde gehen: Entlastung der schulischen Lehrpläne; Verkürzung der Studienzeit; peer reviews; journal rankings; mehr Standardisierung in personellen Fragen. Nichts davon wird ernsthaft in Angriff genommen. Mit vielen Ausreden: Weil das Neue angelsächsisch ist; weil es aus Bologna kommt; oder aus sonstwo; weil das Neue von selber kommt, bevor wir es hereinlassen; weil die Leute, die das Neue bringen, eben neu sind – da könnte jeder kommen…

Mit vielen Ausreden, aber aus einer einzigen Ursache: Weil um den Status quo besorgte Epigonen der ehemaligen Aufbruchszeit lieber ihre alten winzigen Höflinge haben als irgendwelche Freigeister.

Und welch eine schwache Leistung auch meinerseits, wenn ich mich aus Bequemlichkeit verstelle, dass es sich mit den Winzlingen gut leben ließe…

Eins bleibt mir übrig: In die Zeitmaschine einzusteigen und mich in die Moderne, ins achtzehnte-neunzehnte, zu katapultieren. Die nächste Fahrt ist Ende Februar und die Zeitmaschine ist mit der S-Bahn von München erreichbar.

Aber vorerst ein Vorgeschmack Goetheschen Freimuts:

Beethoven’s playful melody and Goethe’s ironic lyrics are not a harmless scherzo. Goethe and Beethoven owed the fact that their art was celebrated to the aristocracy. However, the sharp political undertone of the song shows that they were anything but compromised because of this.

What a difference compared to my environment! Everywhere I look I see great challenges and excellent ideas: slimmer curricula, shortened duration of studies, peer reviews, journal rankings, standardised procedures for the appointments of professors. As I said: excellent ideas none of which gets the chances they deserve. There are many excuses for this: the new ideas come from the anglosaxon experience; or they come from Bologna; or they come from somewhere else; or they come uninvited; or they come with new people whom we don’t know – do we?

Many excuses but only one reason: the epigons of the pioneers are not pioneers themselves but, most probably, people who want to retain the status quo. What is better? To be sure that you will play Center every week for the Dwarfs Basketball Club or to risk playing as a substitute twice a year for Miami Heat? Well, there are those who prefer the former to the latter.

Once you know this, only for one thing there’s no excuse: for continuing to go to the games…

But there was a time in which the pioneers weren’t in love with stagnation. And you can go to this time. In late February there will be a time-machine near Munich – just twenty minutes by the public transport from downtown. The time-machine will take you straightforwardly to a time much more modern than ours. To a time at which risking wasn’t un-German. To the eighteenth and nineteenth centuries.

One thought on “Der Flöhe neue Kleider

  1. Man muss nicht zwingend in eine andere Zeit flüchten. Ein anderer Ort genügt manch einmal schon. Dort kann man seine Ideen, in die Tat umsetzen, das Beispiel, das man dabei gibt, wirken lassen und vielleicht den alten Ort zur Veränderung zu bewegen.
    Allerdings muss man mit Goethe vorsichtig sein – zumindest als Dichter war er nach seiner Sturm-Und-Drang-Phase alles andere als fortschrittlich oder weltoffen eingestellt. Man siehe nur, wie naserümpfend er über das, in meinen Augen, Dichtergenie August von Platen urteilte, aber selbst nie eine Ghasel schrieb und, so weite ich weiß, nur ein Sonett verfasste … Goethe hat im wirklich großen Prometheus alles richtig gesagt und widersprach all dem in seiner klassischen Schaffensperiode.

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