Der Quotient oder die Q-Anbetung

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Viele bayerische Viertklässler sind seit gestern auf ein gespanntes Verhältnis mit ihren Eltern in den nächsten Monaten gefasst. Sie bekamen ihren Zwischenbericht. Werden ihre Leistungen nicht sehr bald viel besser, ist der Gymnasiumsübertritt gefährdet. Die Eltern werden trotz der Appelle fürs Gegenteil Druck auf die Kinder ausüben, viele Kinder werden im Alter von 10 Jahren mit Misserfolg und Minderwertigkeitsgefühlen rechnen müssen.

Der Lehrerverband fordert mehr gemeinsame Zeit für die Kinder vor dem Gymnasium. Die Politik stellt sich aber taub. Sie stützt sich ja auf Expertenmeinungen, die in der Intelligenz ein angeborenes Potential sehen, auf Meinungen von Experten, die für weniger Gymnasiasten plädieren, da das Gymnasium ein Hort für die außerordentliche Intelligenz sein sollte, die mit von ebendenselben Experten entwickelten IQ-Tests messbar wäre.

Bei der Intelligenz gehe es nun mal um formale, kognitive Fähigkeiten im engeren Sinne, um „logisches Denkvermögen, die Fähigkeit zum schlussfolgernden (induktiven) Denken oder die Fähigkeit zur räumlichen Vorstellung“.

So umschreibt und zitiert die SZ des 14. Juni 2013 die Intelligenzauffassung Elsbeth Sterns (ETH Zürich) und Aljoscha Neubauers (Uni Graz) aus ihrem Buch Intelligenz: Große Unterschiede und ihre Folgen. Der SZ-Artikel trägt auch die möchtegern-provokative Überschrift „Es ist die Intelligenz, Dummkopf“.

Ein Buch, das weniger Gymnasiasten fordert, weil vielzuviele Kinder zu dumm wären, dessen Autoren nicht in der Lage sind, zwischen induktiv und deduktiv zu unterscheiden – wie soll man das nennen?

Gelinde ausgedrückt: dumm gelaufen…

Stern

Since yesterday, the school report of many Bavarian students of the fourth class shadows their relationship to their parents. If their marks won’t improve very soon, they won’t be visiting the highschool for which Bavarian students have either to be fit for in the age of 10 or to leave it aside for good. Their parents will put pressure on the kids the appeals for the opposite notwithstanding, many kids won’t manage to get the marks they need and they’ll be plagued with feelings of inferiority for their whole life for something which happened to them when they were 10.

The Teachers‘ Union’s demand is that the exams are taken by the students much later – i.e. the teachers are for an elementary school which goes beyond the fourth and the fifth class. The politicians are deaf to this demand. They are backed by experts opinions according to which intelligence is an inborn potential and the number of highschool students, which is in Germany traditionally very low, has to be even lower because, they say, the highschool has to be a seminar for the ones who have the extraordinary intelligence which they calculate by means of IQ-tests.

Intelligence is a set of formal cognitive abilities in the narrow sense. It involves „logical reasoning, the ability of conclusion-drawing (inductive) thinking or the ability of spatial imagination“.

This is how the Munich daily Süddeutsche Zeitung of June 14 2013 defined what these IQ-tests calculate with a quotation from Elsbeth Stern’s (Federal Polytechnic Zurich) and Aljoscha Neubauer’s (University of Graz) book: Intelligence: Big Differences and where they Take us. The newspaper wants to provoke with the title: „It’s the Intelligence, Stupid“.

Stern and Neubauer demand less highschool students. They say that most kids are too stupid for highschool. However, Stern and Neubauer who define what inborn intelligence is, confuse deduction with induction!

I leave it to the reader to decide if this is very intelligent of them…

5 thoughts on “Der Quotient oder die Q-Anbetung

  1. Es muss sich hier nicht unbedingt um eine Verwechselung handeln. Schlussfolgerndes Denken kann sich ja auch in induktiven Schlüssen darstellen. So wäre in der Aufzählung deduktives Schließen schon durch „logisches Denken“ vermerkt. Für die Theoriebildung sind induktive Schlüsse nicht unwichtig. Was den besagten Inhalt der Diskussion angeht, denke ich nach Ihrer Wiedergabe, das die Argumentation der Autorin ganz unabhängig von Ihrer Wortwahl falsch ist🙂 Werde mir nun mal den SZ Artikel antun.

    • Alles korrekt! Aber wie soll man erklären, dass ausgerechnet das deduktive Schließen mit „Intelligenz“ – was das auch immer sein soll – nicht korreliert? Ich glaube vielmehr, dass die Autoren nicht wissen, wovon sie reden.

    • Ich verstehe das in Klammern Stehende als Erläuterung. Unwohlwollend meinerseits? Na ja, Frau Stern glänzt mit ein paar Äußerungen. So wird sie z. B. mit der Äußerung zitiert, ihre Tests messen mindestens 80% der natürlichen Intelligenz. Und wie wird diese errechnet? Es gibt immer Probleme, wenn wir aus einem klassifikatorischen Begriff einen quantitativen gewinnen wollen. Aber Frau Stern stellt sich nicht mal dieser Aufgabe, geschweige denn moralischen oder anderen methodologischen Fragen.

  2. Pingback: Ellenberg gegen Ellenbogen | philori.de

  3. Pingback: Is the difference between education and qualification one in geography? | philori.de

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