“Was er damit meinte, das weiß doch nur er…”

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“Meanings ain’t in the head” hat einer der größten lebenden Philosophen einst geschrieben, um uns fast alle zu überzeugen, während er seine Meinung wieder änderte. Irgendwann habe ich ihn getroffen. Er war externer Gutachter in einem Berufungsverfahren, hat sich für mich eingesetzt aber das war in einem Department, das vielzuviele sonstige – nennen wir sie – Sensitivitäten hatte. Dort, auf Zypern, damals lehrte er in Tel Aviv, hat er mir zwischen Tür und Angel gesagt, dass Kants Philosophie die Hauptinspiration seiner Meinungsänderung bezüglich “meaning” war. Meanings are in the head after all…

Das gefiel mir. Nicht wegen Kant, sondern überhaupt. Und es gefällt mir immer noch. Dafür, dass das, was wir meinen, im wesentlichen mental ist, gibt es alltägliche Beispiele.

Die Knesset beschloss z.B. vor ein paar Tagen, die Bagatellisierung  nationalsozialistischer Symbole und des Wortes “Nazi” unter Strafe zu stellen. Will man den Holokaust als Höchstmaß menschlicher Brutalität im Gedächtnis bewahren, dann kommt man nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass die Eigennützigkeit und Derbheit des Vermieters diesen noch zu keinem Nazi macht.

Man darf also weiterhin das Wort “Nazi” benutzen, um  Menschen zu bezeichnen, denen begründetermaßen Nazitum unterstellt werden kann, andernfalls aber nicht. Es scheint aber, als wäre meine Bereitschaft, ernsthaft zu argumentieren, jemand sei ein Nazi, ausschlaggebed dafür, ob ich das Wort mit gutem Grund benutze – nach diesem neuen Gesetz jedenfalls…

Einen Parallelfall stellt die Darbietung der Melodie “Wuidschütz Jennerwein” in Deutschland dar. Sie steht nicht unter Strafe, während die sehr ähnliche Melodie des Horst-Wessel-Lieds natürlich nicht gespielt, gepfiffen oder sonst noch produziert werden darf. Da aber die Melodien sehr ähnlich sind, müsste der Ankläger die Absicht eines Angeklagten dokumentieren können, nach dem Nazi-Lied und nicht nach der Tegernseer Volksweise zu pfeifen.

Die Anklage käme damit nicht weiter. Aber wir, die wir im Alltag wohl wissen, wer, wie Wörter benutzt und Melodien pfeift, betrachten wohl das Gemeinte als den Inhalt des Kopfes desjenigen, der es so und nicht anders meint.

Der Grieche sagt: Wer, wie, was gemeint hat, das wisse “Gott und die Seele dessen“, der es gemeint hat: “ho Theos kai he psyche tou“.

I like this short movie. It’s food for thought. Kantian food for thought.

One of the greatest living philosophers wrote forty years ago: “Meanings ain’t in the head”. He persuaded almost everyone while, in fact, he was changing his mind. Ten years ago he tried to help me get this job in Cyprus – back then he taught in Tel Aviv – but the department had certain other priorities so to say…  Anyway, since he considered me to be a Kantian (which was accurate back then and is accurate still now in a way) he told me that his main inspiration in his change of mind was Kant’s philosophy. Meanings are in the head after all…

I liked this. I still like it. Not only because of Kant, I mean. Meanings which are essentially mental are an everyday experience, I think.

Take the decision of the Knesset a few days ago. In order to stop the inflationary use of Nazi symbols and the word “Nazi”, they made it a legal offence to use them without serious reason. That is, you can still call someone a Nazi if you can make the case that he is one, but being greedy and coarse doesn’t make a rent-raising landlord a Nazi from alone.

But being able to make the case that someone is a Nazi is a mental thing.

I see a parallel in playing a folk song which is very well known in the Alpine countryside between Salzburg and Munich. In Germany, it’s permitted to play, whistle, produce the melody of “Wuidschütz Jennerwein“, but you may not produce by any means the melody of the Nazi march known as “Horst-Wessel-Lied”, whose melody is very similar. If a barrister wanted to make the case that someone whistled to the one and not to the other, then he should know the intention of the accused.

Which would be a mental thing again.

Greeks say: What someone meant is known only by “God and the soul of the man“, who meant it: “ho Theos kai he psyche tou“.

I conclude that considering meanings to be in the head does justice to an everyday intuition, not only to sophisticated, Kantian arguments.

Education and natural language

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Im Hörspiel, dem unsere Älteste gespannt zuhört, kommt eine Sturmwarnung im Radio und der Reiterhof muss auf den Sturm vorbereitet werden. Die Information ist Glück im Unglück, weil die Leute des Reiterhofs sehr selten Radio hören. Der Besitzer verkündet:

Ich muss regelmäßiger Radio hören

Der Ausdruck lässt mich meine Miene verziehen. “Es gefällt dir gar nicht” sagt die Tochter vorwurfsvoll. Ich antworte, dass das Hörspiel nicht so schlimm sei; nur der Ausdruck “Ich muss regelmäßiger Radio hören” sei falsch. Was dabei gemeint sei, sei offensichtlich “öfter”. Denn auch einmal im Jahr sei regelmäßig. Hat man früher z.B. hin und wieder während des Jahres Radio gehört und hört jetzt dagegen nur einmal im Jahr, so hört man bereits “regelmäßiger” Radio.

Die ganze Familie war gegen mich: So sage man das…

Abgesehen davon, dass ich zu den Philosophen gehöre, die die natürliche Sprache nicht als sakrosankt betrachten, finde ich es richtig, den Kindern beizubringen, dass das, was die meisten Menschen sagen, manchmal Unsinn ist. Selbst wenn das eine sprachliche Norm ist.

“Der Cäsar steht nicht über den Sprachlehrern” sagten die Alten. Ich möchte hinzufügen: “Auch das Volk nicht”.

Als Nächstes bestelle ich mir das abgebildete T-Shirt.

caesar non supra grammaticos

Next thing to do is to order this T-shirt. Here’s the story:

Marta, our elder daughter, listened to a story on a CD. It was about an equestrian farm in which people listen to the news only very rarely. By chance they turn on the radio just a couple of hours before a storm hits their estate. They hear it and they can make preparations. Of course, there is more to come, since the storm is much more terrible than they expect it to be, but for now the proprietor of the farm announces:

I have to listen to the radio more regularly

Marta notices an expression of detestation in my face. “You don’t like it at all” said she full of disappointment. I answered that the play wasn’t that bad. But the expression “I have to listen to the radio more regularly” is simply false. What he means is “more often”. Because even if you listen to the radio once a year, it’s regularly enough. You already listen “more regularly” to the radio if you listened every now and then during the year and now you decide to listen only once a year.

The whole family was against me: This is how people talk…

I’m not the kind of philosopher who would see natural language as sacrosanct. But independently of this, I think that it’s the right thing to tell the children that the way people talk sometimes doesn’t make sense. Even if I attack a linguistic norm by doing so.

“Caesar non supra grammaticos” said the ancients. I have to add: “Neque populus!”

One of us is lying…

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Ich habe es bereits an sonstiger Stelle erwähnt: Eine der gefährlichsten Situationen, wenn ich am Steuer sitze, tritt ein, wenn ein logisches Paradox in meinem Gehirn Runden dreht.

Es begann heute, als unsere Jüngste Abba hören wollte. Ein paar Kilometer sind gut gegangen, bis es dann eigentlich anfing. Erst harmlos: “They passed me by, all those great romances…” usw. Dann kam aber der Refrain: “One of us is crying, one of us is lying…”

“Oh nein!!!” dachte ich. Aber das Looping begann bereits:

Wenn einer von beiden lügt – angenommen, es sind zwei – dann kann das nicht die Sängerin sein. Denn wenn die Sängerin lügen würde, dann würde sie die Aussage, dass sie lügt, auf sich beziehen und dann wäre diese Aussage nicht falsch, sondern wahr, denn sie besagt, dass die Dame lügt und sie lügt eben laut Annahme. Aber nicht so schnell! Ihre wahre Aussage, die besagt, dass sie selber lügt, würde heißen, dass ihre eigene Aussage doch falsch ist – was widersprüchlich ist, also kann die Annahme nicht gelten. Deshalb meint sie bestimmt nicht, dass sie selber lügt, sondern dass der Typ lügt. Und mal ehrlich, wenn wir jemandem sagen: “Einer von uns lügt!”, meinen wir nicht stets den anderen? Das heißt in der Tradition – wie heißt es nochmal? – a, ja, ich hab’s: secundum quid et simpliciter.
Aber was ist, wenn die Sängerin zwei oder mehr Liebhaber hatte? Ist das ein logisches Problem?

Dazu kommt, dass man beim Fahren offensichtlich nicht so klar denken kann…

Der Refrain ging weiter: “…in her lonely bed staring at the ceiling…”

Das war meine Rettung. Sie sagte ja gar nicht, dass einer von beiden lügt, sondern dass einer von beiden liegt!

Die Moral von der Geschichte: Die secundum quid et simpliciter-Lösungen der Lügner-Paradoxie sind besser als ihr Ruf. Bisher habe ich zugunsten konstruktivistischer, Kantisch angehauchter Lösungen publiziert. Trotzdem kann ich secundum quid et simpliciter-Lösungen etwas abgewinnen. Zwar gibt es nicht immer jemanden, wenn wir sagen, “Jemand lügt hier” aber…

Ach nee! Ich werde jetzt nicht die Pointe meiner neuesten Arbeit zum Lügner-Paradox vor der Publikation verraten…

One of the most dangerous situations when I drive is, as I have already mentionend, when my mind goes into loops because of a logical paradox.

It started today when our little one said that she would like to hear Abba. For a short distance it was unproblematic until the lyrics came: “They passed me by all those great romances…” etc. OK, that was harmless, but wait to listen to the refrain: “One of us is crying, one of us is lying…”

“Oh no!!!” I thought to myself. But it was too late already:

If one of the two lies – let’s take for granted that they are two – it cannot be the singer. Because if the singer is assumed to be the only liar the statement “One of us is lying” is not false but true, because it says that the singer is lying and thereby confirms the assumption. However – beware of fast conclusions! – since her statement that she is lying is true, the singer is lying after all – which is contradictory. The contradiction shows that the assumption has to be abandoned. Obviously the singer doesn’t mean that she lies herself. She says that the guy lies! Honestly now, when we say to someone: “Someone here is a liar” do we mean ourselves or the other? There’s a name for this in traditional logic. Just a moment, it’s on the tip of my tongue… Secundum quid et simpliciter, that’s it! But what if she had two or more lovers? Is there a logical problem there?

Obviously, one cannot think clearly and drive a car at the same time…

But the refrain continued: “…in her lonely bed staring at the ceiling…”

Thank you God!

The lesson to draw from this is that secundum quid et simpliciter-solutions of the liar paradox are better than generally assumed. Until now, in my publications I offered constructivistic solutions; solutions in a Kantian spirit, that is. But there is more to come on secundum quid et simpliciter-solutions. They are complicated, of course, since it’s not necessary that someone else exists when you say “There’s someone lying here”, but…

C’mon, you don’t really expect me to tell you all the details of my current work on the liar paradox prior to publication, do you?

Epiphenomenal epiphany

Epiphanie2

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Wenn ich zum 6. Januar “Epiphanie-Tag” höre, kann ich nicht umhin, an ein anderes griechisches Wort zu denken: “epiphainomenon”, das Nebenerscheinung bedeutet und mit “Epiphanie” eng verwandt ist. Mit anderen Worten muss ich denken, dass die “Offenlegung” der Göttlichkeit Christi lediglich eine Nebenerscheinung ist – eine Nebenerscheinung der körperlichen Existenz des Mannes namens Jesus. “Sich als Gott erkennen zu geben (“epiphaneia”), ist für jemanden so etwas wie es für einen Körper ist, nichtphysische Eigenschaften als Nebenerscheinungen (“epiphainomena”) zu haben” – so mein (philosophisches, nicht theologisches) Verständnis der griechischen Wörter.

Ich weiß: Während sie das Wort “epiphaneia” benutzen, lehren die Theologen etwas anderes. Aber was denn? Theologisch gesehen wollte der Mann von der Wasserwacht des Bayerischen Roten Kreuzes gestern glauben lassen, er habe den getauften und als Gott erkannten Christus aus dem Fluss Jordan geborgen – so jedenfalls der Gesang, der ertönte, als der Mutige in ein Wasser sprang, in dem Anfang Januar keine hundert Kilometer von den Alpen entfernt völlig andere Temperaturen als in der lyrischen Vorlage herrschen.

Ich glaube, dass die Theologie in diesem Fall – und ansonsten sehr oft – einen Diskurs führt, der im Glaubenlassen besteht.

Every January 6th, when I hear the word “epiphany” (Greek for something like “superimposed revelation”) my direct association is another Greek word: “epiphainomenon”: “supervenient appearance” – NB, a word etymologically closely related with “epiphany”. Given this association, my linguistic (and philosophical, definitely not theological) understanding of “epiphany” is that Jesus’s divine nature is only supervenient upon his body. “Being recognized as God (“epiphaneia”), is for a body like having supervenient non-physical properties (“epiphainomena”)”.

I know: although they use the word “epiphany”, theologians teach something different. But what do they teach precisely? From a theological point of view, the man from the Bavarian Red Cross on the picture above played in a make-believe game dictated or rather sung by the priests who stood on the bridge above him – a game according to which he retrieved the baptized Jesus from the river Jordan, although, actually, he swam in the river Isar in downtown Munich, not far from the Alps; and this in early January (yesterday)!

In fact, I believe that theology plays make-believe games quite often.

Big Bang

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Dem Kreationismus bin ich alles andere als zugeneigt. Zudem halte ich die Revision religiöser Überzeugungen manchmal für segensreich.

Trotzdem bin ich nicht bereit, auf rhetorischer oder visueller Ebene ein Schritthalten des Glaubens mit der Wissenschaft hinzunehmen. Die Theologie ist eine Art Poesie und muss mit Texten und Bildern arbeiten, die vielen Interpretationen offen sind – nicht zuletzt, damit sich kein Gläubiger die Rolle Gottes und seiner Engel kurz vor dem Urknall so vorstellen soll, wie der griechische Kultkarikaturist Arkas…

Big Bang

Athough I’m not sympathetic to creationism and I consider the revision of religious beliefs sometimes a good thing, I wouldn’t like the pious Christians to imagine God’s and the angels’ role shortly before the Big Bang like Arkas, the Greek star cartoonist.

Theology is a kind of poetry. It has to work on the textual and the visual level with messages which are open to many interpretations. A theology which follows every scientific development would be as purposeless as a poetry which follows every scientific development.

Endangered free will

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Der freie Wille wird von Mitgliedern manichäistischer Sekten leicht unterschätzt. Das bedeutet aber nicht, dass er außer Gefecht gesetzt wird.
Außer Gefecht wird er erst gesetzt, wenn die Käsesnacks meiner Mädels auftauchen.

The free will is easily underestimated, however not overruled, by members of Manichaeistic sects.
The free will gets overruled when the cheese snacks of my girls find their way to the table.

The Shadow of the Hours

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Von deinem Leben hast du erzählt

Und vom Verlust der Jugend

Von uns’rer Liebe, die beweint

Selbst ihren eig’nen Tod,

Und während feucht die Augen

Beleuchtete ein Schein

Kam durch das Fenster, das auf war,

Lachend die Sonne rein.

Kostas Karyotakis (1921) – übersetzt von mir – Stamatios Gerogiorgakis

Gläser

You told me about your life,

about the loss of youth,

about our love which cries

upon its own death,

and while in your eyes,

the hint of a tear glinted

briefly, through the open window

bright sunlight entered.

Kostas Karyotakis (1921) – translated by W.W. Reader/K. Taylor