Nasreddin, das Jain und ich

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Die Verwendung des Jains, der Antwort also zwischen „ja“ und „nein“, wird oft belächelt. Klare Worte werden in der Regel bevorzugt. Aber klare Worte bringen manchmal niemanden weiter – stattdessen das Jain! Dazu eine Kurzgeschichte aus dem Orient, die diejenigen zum Umdenken anregen soll, die noch der Zweiwertigkeit verhaftet sind:

Nasreddin, der legendäre Mullah aus Samarkand (manche sagen aus Konya oder aus irgendwo sonst) soll keine Lust gehabt haben, die Koransure, die er gerade den Gläubigen vorlas, auch noch zu interpretieren. Die Aufgabe war ihm zuwider. Also dachte er folgenden Streich aus, mit dem er früher Feierabend haben sollte:

„Habt ihr alles vestanden?“ fragte er die Versammelten, nachdem er mit dem Vorlesen der Sure fertig war. „Jaaaaa!“ antworteten diese brav.

– Alles-alles?

– Jaaaaa!

– Dann brauche ich euch ja nichts mehr zu erklären. Geht nach Hause! Einen schönen Tag noch!

Die Bevölkerung hat das nicht als schön empfunden. Es ist letztendlich die Aufgabe eines guten Mullahs, etwas zur Sure zu erklären; irgendwas Aufbauendes zu sagen! Also beschlossen sie, am nächsten Tag sich anders zu verhalten.

„Habt ihr alles verstanden?“ fragte Nasreddin erneut am nächsten Tag, nachdem er mit dem Vorlesen fertig gewesen war. „Nöööö!“ antwortete das Publikum.

– Was habt ihr denn nicht verstanden?

– Niiiiiiiiix!

– Solchen Rindviechern, die gar nichts, aber gar nichts verstehen, wird auch meine Auslegung nichts bringen. Geht nach Hause und macht euch Gedanken, wie ihr euch fortbilden könnt. Ich bin von euch enttäuscht!

Unfassbar! – dachten die Gläubigen…

Für den nächsten Tag haben sie sich also abgesprochen, dass eine Gruppe rufen sollte, sie hätte verstanden, die andere, sie hätte nicht verstanden, um was es in der Sure ging.

„Habt ihr verstanden?“ fragte Nasreddin am nächsten Tag . „Jaaaaa!“ riefen die einen; „neiiiiiiinn!“ riefen die anderen.

„Sehr gut“ sagte Nasreddin. „Diejenigen, die das verstanden haben, sollen es denjenigen erklären, die es nicht verstanden haben. Einen schönen Tag noch!“

Ein Jain seitens der Gläubigen hätte Nasreddin von Anfang an seiner Argumente beraubt.

Das soll nicht den Wert der klaren Worte vermindern, wenn solche gesagt werden können. In meinem Interview bei Christoph Wagenseil, das jetzt online ist, war ich sehr um klare Worte bemüht.

Nasreddin

Germans have a word for answers in which they neither affirm nor negate the question: „jain“. „Jain“ is a portmanteau word consisting of „ja“ and „nein“ – „yes“ and „no“. What they mean though, is not „yes-and-no“. They rather mean something between „yes“ and „no“; something which is neither yes nor no.

In German, you can say „jain“ when you want to show – not without a self-ironical undertone – that you are indecisive. But apart of irony, „jain“ could be very useful in cases where yes and no are both inadequate to give the full information. Here’s a short story from the orient to liberate those who are still framed by bivalence.

Nasreddin, the legendary mullah from Samarkand (or from Konya or from somewhere else…) is said to have lost his motivation to explain the fidels the passage of the Quran which he just read. He developped the following trick in order to be able to go home earlier:

„Did you understand everything?“ asked he his public after he had finished reading. „Yeeeeah!“ was their nerdy reply.

– Really everything?

– Yeeeeah!

– There’s no need for the passage to be explained then. Go to your homes and have a nice day!

The public didn’t like the innovation. It’s the task of a good mullah to say something in order to make you understand! They decided to change their tactics on the next day.

„Did you understand everything?“ asked Nasreddin again, after he finished reading the day after. „Nooooo!“ was the reply.

– What didn’t you understand?

– Anythiiiiing!

– You uneducated brutes, you! If you didn’t understand anything, on which grounds can I attempt to explain? Go to your homes and make thoughts about improving your understanding of the Quran. I’m so disappointed!

That’s incredible! – thought Nasreddin’s attendants.

They decided to split into two groups on the next day. When Nasreddin was about to ask his question, the one group would have to give an affirmative, the other group would have to give a negative answer.

„Did you understand?“ asked Nasreddin on the third day. „Yeeeeah!“ said the ones; „nooooo!“ shouted the others.

„Excellent!“ said Nasreddin. „Those who understood have to explain it to those who didn’t. Have a nice day!“

If Nasreddin’s attendants had an answer between yes and no, Nasreddin wouldn’t have a chance to apply his trick.

This is not to relativize the value of forthright statements. In my interview with Christoph Wagenseil (online but – sorry! – in German) I made efforts to be strict and to the point. But I cannot make the whole job to translate it. I would be so delighted if I could ask those who can read it to translate it to those who cannot… I’m afraid though that Nasreddin’s trick cannot be recasted in the internet.

2 thoughts on “Nasreddin, das Jain und ich

  1. Pingback: Modus fallens | philori.de

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