Опасност, филозофиjа

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Ich fasse mich kurz, denn ich muss heute zwei Vorträge halten: Einen über Menschenrechte bei der Konrad-Adenauer-Stiftung hier in Belgrad und eine über das Krokodilsparadox am Fachbereich für Philosophie der Belgrader Universität. Ich hoffe, durch kritische Bemerkungen von Miloš Arsenijević und seinen Kollegen, meine spieltheoretische Analyse des κροκοδειλίτης verbessern zu können.

Wenn ich wieder in München bin, schreibe ich einen Eintrag über Praxis-Schule und Begriffsanalyse. Über die jugo-analytische Philosophie sozusagen…

ENOUGH WITH SCROLLING!

I have to be brief since I have two lectures to deliver today: one on human rights at the Konrad-Adenauer-Stiftung here in Belgrade and one on the crocodile paradox at the Department of Philosophy. Definitely, the one or the other critical remark by Miloš Arsenijević and his colleagues will help me improve the paper on the game-theoretical analysis of the κροκοδειλίτης.

When I’m back in Munich, I’ll post something on the Praxis School and analytic philosophy – a Yugo-analytic posting so to say…

Jargon und Klartext

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Der Hugendubel am Marienplatz macht dicht, da der Vermieter den Mietvertrag nicht verlängert hat. Das ist schon allein traurig genug, da diese die erste Filiale der Buchhandlungskette war, die sich nicht als eine typische Buchhandlung verstand, sondern vielmehr als eine Bücherei, bei der du das Buch, das du gerade bei der Hand hattest, bezahlen und mitnehmen konntest.

Meine Trauer vergrößerten aber die Worte der Sprecherin des Vermieters, einer Frau namens Sabine Hagn:

Letztlich kam das viel attraktivere Gesamtkonzept der Telekom zum Zuge

Was im Klartext bedeutet: „Die Deutsche Telekom hat mehr Geld angeboten als die Firma Hugendubel und deshalb einen Mietvertrag für die Immobilie gekriegt“.

Das Beschönigen ist eine alte Aufgabe für die Rhetorik. Aber Ökonomesisch zu sprechen, hat nichts mehr mit bloßem Beschönigen zu tun. Die Verwendung der Floskel „attraktiveres Gesamtkonzept“ statt des Klartextes: „Wahrung meiner finanziellen Interessen“ unterschätzt die Intelligenz der Öffentlichkeit und verdient deren Verachtung.

hugendubel-marienplatz-telekom

The bookstore Hugendubel in Munich/Marienplatz has to close. The landlord didn’t prolong the contract which is sad in its own right since this was the first shop of the chain which was designed to be a kind of a library in which you could go downstairs with the book you were just reading and buy it.

My sadness became even greater after I read what the landlord’s speaker said:

Finally we gave our preference to the much more attractive overall concept of the [German] Telekom

I translate these cryptic words into standard English: „The Deutsche Telekom gave us more money than the bookstore and we preferred them“.

Now, glossing over a situation is an old task for rhetoric. But speaking Economese is not just about glossing. Using the words „much more attractive overall concept“ instead of speaking of financial interests underestimates the intelligence of the public – and deserves its contempt.

Marks and deutschmarks

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Die Noteninflation bei den Master- und Doktorarbeiten finde ich ärgerlich. Selbst die schlechten Noten finde ich ärgerlich – weil man sie viel zu ernst nimmt.

Für mich, der ich ja von der Grundschule an ein Spross der Reformpädagogik bin, der ich stets reformerisch denkende Dozenten in Pädagogik und Didaktik hatte – für mich waren und sind Noten immer noch eine Rückmeldung der Lehrperson an den jungen Menschen, den jene beim Lernen begleitet; nichts mehr, nichts weniger…

Die Noten haben für mich einen Nutzwert („Ich dachte, Sie konnten viel besser“; oder „Prima! Weiter so!“) und dabei besitzen sie keine der drei Funktionen des Geldes: Weder sind sie gegen Anderes zu tauschen, noch stellen sie Kapital dar, noch messen sie objektiv wie viel wert die Mühe des Schülers war. Sie sind eine persönliche, subjektive Rückmeldung.

Natürlich habe ich sehr früh in meiner Lehrtätigkeit auf fast allen Stufen festgestellt, dass nicht nur die Allgemeinheit, sondern auch viele Pädagogen und Universitätslehrer die Noten anders betrachten – eben nicht als eine Rückmeldung, sondern als eine Art Geld: gute Noten für gute Arbeit. So betrachtet, sind Noten auf einmal gegen eine gute berufliche Position eintauschbar, sie stellen Kapital für den Schüler bzw. Studenten dar, ihnen wird unterstellt, eine Aussagekraft über den Wert einer Leistung, ja eines ganzen Menschen zu haben. Aber alles Geld muss einen stabilen Wert haben und wenn die Noten eine Art Geld sind, stehen am Ende der Fehlentwicklung Schulen, an denen jeder Mucks des Schülers benotet wird und zwar sofort, bevor – angeblich! – das Urteil des Lehrers von seinen sonstigen Emotionen gegenüber dem Schüler gefärbt werden kann. Das ist nicht Science-Fiction. Solche Schulen gibt’s bereits.

Offensichtlich können die Noten selbst unter solchen Umständen die ihnen unterstellte Rolle nicht spielen. Wie viel wert ist eine Note in Altgriechisch am Freisinger Domgymnasium und wie viel wert ist dieselbe Note im selben Fach am Wirsberg-Gymnasium in Würzburg? Wie viel wert ist summa cum laude bei einem Doktorvater, der brave Manieren samt unkreativer Folgsamkeit honoriert, und wie viel wert ist cum laude bei mir?

Ein Mindestmaß an Prinzipientreue soll mir gegönnt sein, wenn ich mit meinen Noten im Sinn von persönlichen Kurznotizen umgehe. Und wenn wir hierzulande  die Noten von Master- und Doktorarbeiten nach dem britischen Vorbild endlich abschaffen, werde ich triumphieren!

Zehn Pfennig-Schein

In Germany, master’s- and PhD-degrees are marked and these marks are often inflationary. But also bad marks are a reason for discomfort. They’re taken too seriously.

I visited a progressive school. Later, my education and didactics professors affirmed reformed education. It feels natural for me to see marks as a personal and subjective feedback of the teacher to the young people who learn with the teacher’s assistance – not more, not less.

Marks have for me a use value („I thought you can do better“; or: „Great! Continue with the good job!“) and none of the three functions of money. You cannot exchange marks for something else; marks don’t store values; marks don’t form an objective, common measuring standard. They’re a personal, subjective feedback.

In my career as a teacher in institutions of almost every educational stage, I realized very early that marks are considered not only by the general public but also by many teachers to be a kind of money: good marks for good job. Seen thus, marks become exchangeable for a good profession, they store a student’s capital, they measure the value of the student’s efforts. What am I saying? – they measure how much the student’s worth…

Money, however, must be of stable value. If marks are a kind of money then at the end of this faulty line of development there are schools in which students are graded for every peep they make and this immediately after the peep in order for the teacher’s emotions to be blocked when the „objective“ grade is marked in the block. This is not science fiction. Such schools already exist.

But marks have no chance to play the role of money even under these or similar circumstances. Who’s there to guarantee that the same mark in Ancient Greek at two high schools in Munich and in Würzburg is of one and the same value? What is the value of the predicate summa cum laude for a PhD-degree marked by a supervisor who honours good manners and obedient lack of creativity and what is the value of the predicate cum laude when I’m marking?

I only need to be minimally faithful to my beliefs to continue considering marks as personal brief notes. And when the marks of German master’s- and PhD-degrees will be abolished following the British model, I’ll go out in the streets and triumph!

Self-referential stupidity

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Natürlich wissen die Kinder gar nicht, dass sie secundum quid et simpliciter-Paradoxien hervorbringen.

Ach Paps, du bist kein Idiot. Es war so idiotisch von dir, das zu sagen

meinte Greta gestern.

Weirdos

Of course, children never realise that they generate secundum-quid-et-simpliciter paradoxes.

Hey dad, you’re not an idiot. It was so idiotic of you to say so

said Greta yesterday.

Präsupposition in der natürlichen Sprache

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Wenn Hauptwörter in der natürlichen Sprache verwendet werden, dann ist es eine stillschweigende Voraussetzung, dass die Dinge existieren, für die die Hauptwörter stehen. In verneinenden Sätzen führt das oft zu Präsupposition und Kategorienfehlern. Was soll ich verneinen? Dass das Einhorn, mit dem ich befreundet bin, nicht lila ist? Aber damit bestätige ich die Existenz des besagten Einhorns, geschweige denn, wenn ich das nicht verneine. Ärgerlich! Was solls: So arbeitet die natürliche Sprache – so weit unsere beste Theorie.

Aber selbst unsere beste Theorie ist nur eine Theorie. Man findet Stücke natürlicher Sprache, bei denen sich der Gegenstandsbezug wie in einer formalen Sprache verhält. Nehmen wir z.B. das oben abgebildete Verbot. Wohlgemerkt setzt die Inschrift nicht voraus, dass der See zugefroren ist, sondern diese ist folgendermaßen zu verstehen: „Es ist nicht der Fall, dass das Betreten der Eisfläche erlaubt ist“ – wie ein halbformaler Satz.

Natürlich wird die Eisdecke dann nicht präsuponniert! Wäre eine Präsupposition der Fall, dann wäre das Verbot ein Kategorienfehler nach dem Monat März und eine gültige Präskription nach dem Monat November. Immer wenn das Bürgermeisteramt von einer die Sprache liebenden Person bekleidet würde, würde die Kommunalverwaltung das Schild entfernen, wenn das Eis geschmolzen wäre, um es wieder anzubringen, wenn der See wieder zufrieren würde.

Aber man braucht so etwas nicht zu tun. Es gibt keine Präsupposition, obwohl der Kontext nicht formal ist. Bemitleidenswert diese Theorie…

trennlinie8The use of nouns in natural language presupposes that the thing for which the noun stands exists. This leads often to unjustified existential import and to category mistakes. You don’t really want to negate that the unicorn of whom you made the acquaintance is purple because then you say that you did make the acquaintance of a unicorn. This is unpleasant, because you don’t want to affirm that you made the acquaintance of a purple unicorn either. Unpleasant or not, this is how natural language works – so far our best theory.

But even our best theory is only theory. You can find pieces of natural language which work like formal language. For example you can find a total ordinary, in no way formal command not to walk on the ice which has the strength of the half-formal expression: „It is not the case that you may walk on the ice“ – NB an expression which does not presuppose that there is an ice.

Of course it doesn’t presuppose that there is an ice. If you had a presupposition then the command would be a category mistake after March and a valid regulation after November. And whenever we would have a mayor who loves language, the municipality would have to remove the inscriptions when the ice melts and to put them back when the lake is frozen.

There is no need for such things. There is no presupposition, no existential import although the context is not formal. Poor old theory…

Fast fasten

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Das Fasten vor Ostern assoziiere ich mit Euböa. Denn wenn ich mich zu der Zeit auf der Insel befand, wurde ich stets von frommen Tanten bekocht. Euböisch Fasten bedeutet, vegan zu essen plus Tiere zu essen, die Hämocyanin statt Hämoglobin im Blut haben: Oktopus, Sepia, Gambas, Austern, Weinbergschnecken und dergleichen.

Ich betrachte das Fasten aus mehreren Gründen als einen Luxus. „Etwas als Luxus betrachten“ klingt wohl in den Ohren meiner meisten Leser wie: etwas als verzichtbar betrachten. Aber ich meine genau das Gegenteil: Fasten ist etwas zwar sehr Teures (es sei denn, ich bin gerade auf Euböa und tauche selber für meine Austern), wofür meine Familie nicht zu begeistern ist (oder wer hat versucht, seinen Kindern Weinbergschnecken in Tomatensauce mit Löwenzahnsalat aufzutischen? – außer mir meine ich…), das ich aber nicht missen möchte; jedenfalls nicht vollständig…

Ich kenne das Gegenargument: Fasten ist Verzicht und nicht mit opulentem Essen vereinbar. Euböisches Fasten ist formal gesehen Verzicht auf rotes Fleisch, auf Geflügel, auf Käse, auf Fisch, auf Vieles. Aber es ist kein Verzicht auf Genuss.

Das Gegenargument überzeugt mich nicht. Zwar ist es mir unklar, wie der euböische Fasten-Formalismus mich zu einem besseren Menschen machen sollte. Aber es ist mir noch unklarer, wie ich alternativ dadurch ein besserer Mensch werden würde, wenn ich beim Fasten nur Speisen essen würde, die ich nicht genieße.

Denn dann müsste ich jeden Tag ein Jägerschnitzel essen…

Chtapodi abrounies

I associate fasting during Lent with Euboea. Whenever I happened to be in the island during Lent, the food was prepared by religious aunts. Fasting in Euboea means vegan diet plus eating animals which have haemocyanin instead of haemoglobin in their blood: octopus, sepia, gambas, oysters, escargots and the like.

Thus understood, fasting can be regarded as luxury. „Luxurious“ might sound in some readers‘ ears like „unnecessary“. But I mean rather the opposite. Fasting is a very expensive practice (if I don’t happen to be in Euboea where I can dive for my oysters) for which I never persuaded my family (who has tried to make his children eat escargots in tomato sauce with a dandelion salad? – except of me, I mean…) but which is an indispensable part of my menu in March and April – at least in some occasions.

I know the counter-argument: Fasting is self-control and cannot be combined with sumptuous food. Euboean fasting conforms to the formal prohibition to eat red meat, poultry, cheese, fish and many other things. But it’s not refraining from enjoying food.

I understand the counter-argument but I think that it’s not sound. It’s not clear to me how formalistic Euboean fasting can make me a better person, however it’s much less clear to me how I can be a better person if I eat by contrast only food which I don’t enjoy.

Could God wish that I would become a better person by eating escalope à la chasseur every day?

Traditionalism and conservatism

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Es ist nicht selten der Fall, dass uralte Bräuche von Alternativen gepflegt oder jedenfalls mitgetragen werden. Insbesondere gilt das Bräuchen mit heidnischem Hintergrund: Winterverbrennung, Sonnenwende usw. Dabei ist die Berechtigung der Bräuche selbstreferentiell. Man pflegt sie, weil man sie bisher gepflegt hat. Mit anderen Worten ist die Berechtigung von Traditionen darauf zurückzuführen, dass sie eine Berechtigung haben.

Die Berechtigung des Konservatismus ist dagegen auf externe Kriterien zurückzuführen. Das macht den Konservatismus seriöser als den Traditionalismus, selbst wenn letzterer sympathisch ist.

Trad

It’s not unusual that customs are cultivated by liberals. This holds especially of customs with a pagan background: burning the winter, solstice or you have it. But customs are self-referential: they are cultivated because they have been cultivated. The justification of traditionalism is that it has had a justification.

By contrast, the justification of conservatism is based on external criteria. This makes conservatism more serious than traditionalism – even if traditionalism is more likeable.