Die Dialektik der Auferstehungsgeschichten

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Im Johannesevangelium wird die Passionsgeschichte mit der Auferstehung des Lazarus eingeleitet.

Ich kann mit Auferstehungsgeschichten leben. Was soll’s: Auferstehungsgeschichten sind ein bekanntes Muster spätantiker philosophischer Erzählungen: Lukian berichtet vom Glauben einiger seiner Zeitgenossen, dass der Zyniker Peregrinus Proteus sich durch ein göttlich machendes Feuer dem irdischen Leben entzogen hätte. Bei Eunapius findet sich eine Formulierung, die die Interpretation zulässt, Porphyrius wäre von Plotin aus dem Tod erweckt worden.

Was mir allerdings speziell an Lazarus‘ Auferstehungsgeschichte unpassend erscheint, ist, dass Jesus ausgerechnet seinen besten Freund zum Aushängeschild seiner Fähigkeit benutzte, Tote zum neuen Leben zu erwecken, statt irgendeinen ihm Unbekannten aus dem Jenseits zu holen. Es ist, wie wenn meine wichtigste Publikation in einer Zeitschrift erschienen wäre, die von meinem besten Freund herausgegeben würde.

Aber man kann natürlich entgegnen, auch die Tochter des Jairus habe er zum Leben erweckt, die ihm ja unbekannt war.

Trotzdem: Wie konnte nur Jesus – Gottes Sohn! – seinen besten Freund dazu verdonnern, gleich zweimal zu sterben? Das ist doch die schlimmste Strafe, die sich der griechische republikanische Politiker Nikolaos Plastiras denken konnte. Lange, nachdem dieser 1922 die frühere monarchistische politische Führung hatte hinrichten lassen, soll er gefragt worden sein, ob er etwas anders als damals tun würde, wenn er Gottes Macht gehabt hätte. Die Hoffnung einer von einer Läuterung zeugenden Antwort soll der ehemalige General mit der Erklärung zerstreut haben, er wolle die Hingerichteten zum Leben erwecken, damit er sie noch einmal hinrichten lassen könne.

Aber wirklich ad absurdum würden Auferstehungsgeschichten geführt werden, wenn sehr alte Menschen davon betroffen wären. Bei ihrem Alter müssten sie bald wieder sterben. Die Prozedur könnte wiederholt werden…

Die neoorthodoxe Theologie spricht ungern von einer wörtlich zu verstehenden Auferstehung. Aber das soll das Thema eines anderen Eintrags werden.

Hoi hex

In John’s gospel the raising of Lazarus stands immediately before the passion.

I can live with resurrection stories. There are late ancient resurrection stories which belong rather to the history of philosophy than to the history of religion. Lucian witnessed the self-immolation (or rather a failed stunt?) of the Cynic Peregrinus Proteus and reports about the faith of some of his contemporaries that the fire was Peregrinus’s way to deification. Eunapius describes an episode from Porphyry’s life in a way which allows for the interpretation that decades prior to his final death the Neoplatonic died temporarily in Sicily to be raised from the dead by his teacher Plotinus.

However, I’m uncomfortable especially with Lazarus‘ raising. Jesus shows his power by taking advance of his best friend’s death – in fact using his best friend as an instrument. This is as if my best publication had been in a journal edited by my best friend.

Of course there is the counter-argument that Jesus also raised Jairus‘ daughter, a girl with whom he had no acquaintance before.

But this gives me rather one more reason to feel uncomfortable about Lazarus‘ raising. How could Jesus – God’s son! – make his best friend die twice? This is the worst torment which the Greek republican politician Nikolaos Plastiras could imagine! Formerly an army general, Plastiras overthrew monarchy in 1922 and pulled the strings behind the execution of the monarchist political leadership which he thought responsible of a lost war and the expatriation of one-and-a-half million Greeks from Asia Minor. The legend says that many years later Plastiras was asked if he felt sorry about the executions and what he would do if he was given God’s powers. To which he replied that he would gladly raise the executed from the dead only to have the pleasure to sentence them anew to death.

This brings me to the next point: Resurrection stories can be absurd if the resurrected are highly aged. They would have to die soon after resurrection. And the procedure could be repeated…

The new orthodox theology prefers not to speak of a resurrection in the  literal sense. But I’d like to keep this topic for another posting.

 

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