Wessen Freiheit?

SCROLL FOR ENGLISH

In der BRD waren in den 70er Jahren folgende Denkschulen, die sich mit der Bildung im Allgemeinen und insbesondere mit der Schulbildung beschäftigten, am einflussreichsten: Es gab

1. die Fortsetzung der Reformpädagogik, die im Wesentlichen von einer philosophischen Anthropologie her argumentierte;

2. die sich am Marxismus orientierende Pädagogikkritik, die von der Soziologie her argumentierte und die Schule als eine Institution der Klassengesellschaft betrachtete.

Die erste Denkschule kann man in Reform- oder Waldorfschulen am Werk beobachten. Sie tendiert dazu, den Schülern die Freiheit zu geben, allein Wissen zu produzieren, indem sie etwa in den ersten Klassen ohne Buch arbeiten. Auch sind die Lehrer weitgehend frei zur Gestaltung der Lehrinhalte.

Das ist nicht verwunderlich, denn das waren von Anfang an Ziele der Reformpädagogik. Was verwunderlich ist, ist, dass Ansätze der zweiten Schule in der Regelschule zu beobachten sind. Man sieht sie immer wieder in diesen ominösen Fällen, in denen Eltern auf Lobbyarbeit zurückgreifen, um bessere Noten für ihre Kinder zu erzwingen. Ich erinnere mich mit großem Schmerz an eine Beschwerde von Eltern, als ich eine Lateinlehrerin an einem bayerischen Gymnasium vertreten hatte: Da ich im Lehrplan nicht gut bewandert war (ich habe schließlich als Lehrer mit fremdländischem Staatsexamen nur für kurze Zeit jemanden vertreten), führte ich die Schüler vierzig Minuten lang in die conjugatio periphrastica ein, was nicht vorgesehen war. Daraufhin sahen die Eltern das Abitur ihrer Kinder gefährdet – wohlgemerkt wegen einer Unterrichtsstunde zum Thema conjugatio periphrastica in der Achten.

Da Lobbyarbeit soziale Zwänge reproduziert und ich die Schule als eine gewissermaßen offene Institution betrachte, die frei von gesellschaftlichen Zwängen sein soll, bin ich gegen zu starke Elternverbände, die in der Regel, wie ich meine, ohne spezifisch pädagogische – und das heißt normative! – Reflexion argumentieren.

In den reformierten Schulen können die Lehrer mit mehr Kooperation seitens der Eltern rechnen. Vor Freude darüber würde ich allerdings warnen. Je mehr die Lehrer von der Zustimmung der Eltern ausgehen können, desto mehr nehmen sie sich die Freiheit, die Eltern zu ignorieren. Das darf natürlich nicht sein.

Diejenigen in einer Schule, die in Freiheit erzogen werden sollen, sind die Schüler. Wenn in den 70ern Freiheit gewonnen wurde, dann für die Schüler; weder für übermütige Lehrer reformierter Schulen noch für Lobbyisteneltern staatlicher Schulen.

 

WP_001613

In the seventies, West German philosophy of education had two main lines of thought to offer:

1st the continuation of the new education of the 20s and 30s based on a philosophical anthropology;

2nd Marxist criticism of the role of the school and the teachers in class society based on sociological analysis.

One can encounter the fruits of the first line of thought at Waldorf-Steiner schools as well as other progressive schools all over the world. The general tendency in such schools is to to give students the freedom to produce knowledge, for example by making first-, second- and third-graders work without school books. Teachers are generally free to define and organize the material to be taught.

These were from the very beginning goals of education reform and, therefore, nothing to wonder about in progressive or Waldorf-Steiner schools. But there is something to wonder about in public schools: they have some elements of the second line of thought! You can find them, for example, in these infamous cases in which parents lobby the teachers in order for the children to get better marks. It causes me pain to recall the complain of some parents during my short passage from a Bavarian high school as a teacher of Latin. Since I wasn’t quite informed about the curriculum (I was only replacing the teacher for a couple of weeks as a holder of a teacher’s degree from another state), I had introduced students very briefly into the conjugatio periphrastica – which, in fact, was not supposed to be among the learning objectives. This was enough for some parents to argue that their children would possibly fail in the final Latin exam five years later!

Lobbying reflects social pressure. I see school as an open institution which, in a way, does not succumb to any social pressure. Therefore I’m against too strong parents‘ associations. In most cases they argue without taking pedagogical – which means normative! – expertise into account.

In progressive schools teachers can count on the co-operation of the parents. Alas, this is not a reason to rejoice! The teachers there feel free to ignore the parents the more they suppose that parents are – allegedly – on their side anyway. Which is, of course, morally and epistemically false.

The ones who have to make use of their freedom at school are the students. If there’s a freedom which was gained in the 70s, then this was the freedom of the students – neither of overconfident teachers of progressive schools nor of lobbyist parents of public schools.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s