Akrates

SCROLL FOR ENGLISH

Ein wichtiger Aspekt der normativen Ethik seit der Antike besteht darin, Willensschwäche, akrasia, zu analysieren. Der Willensschwache sieht auf einer abstrakten Ebene moralische Normen als gut an, aber seine Übereinstimmung mit der Moral lässt keine Taten folgen. Er weiß, dass Faulheit schlecht ist. Deshalb will er durchaus fleißig sein. Er kann sich aber beim Faulenzen nicht beherrschen.

Insofern ist die Willensschwäche ein moralisches Laster. Aber Moment! Gestern stolperte ich über einen Fall der Willensschwäche, an dem jede Analyse scheitert. Ich zitiere aus Markus Krischers Kinderhaus (München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2006, S. 93-94) – einem Buch mit sowohl euphemistischem als auch realitätsgetreuem Titel: Es handelt sich u.a. um die Geschichte des Kinderhauses, einer Unterabteilung der psychiatrischen Klinik Eglfing-Haar bei München, in der behinderte Kinder während des NS-Regimes ermordet wurden. Das Zitat stammt aus einem persönlichen Brief des leitenden Oberarztes des Kinderhauses, Dr. Friedrich Hölzel, an seinen Direktor, der ihn gefragt hatte, ob er denn die Tötungen im Kinderhaus durchführen möchte:

So lebhaft ich in vielen Fällen den Wunsch hätte, den natürlichen Ablauf [d.h. die Tötungen – S.G.] verbessern zu können, so sehr widersteht es mir, dies als eine systematische Aufgabe nach kalter Überlegung und nach wissenschaftlich-sachlichen Richtlinien – nicht aus ärztlicher Nötigung den Kranken gegenüber auszuführen. […] Und so kommt es, dass ich zwar bei der [einem Todesurteil gleichkommenden – S.G.] Begutachtung volle Objektivität zu wahren glaube, mich aber doch als ärztlicher Betreuer den Kindern irgendwie gefühlsmäßig verbunden fühle, und ich glaube, dass dieser Gefühlskontakt vom Gesichtspunkte des nationalsozialistischen Arztes kein Mangel ist. Aber es hindert mich, die neue Aufgabe mit der bisherigen zu vereinigen.

Aus Sicht der gängigen Schulen der philosophisch begründeten Ethik, Tugendethik, ethics of moral sentiment, Kantianismus, Utilitarismus, gäbe es durchaus eine ethische Verurteilung gegen das Vorgehen dieses Arztes. Zwar hat er keine Todesspritzen verabreicht, aber seine Gutachten kamen solchen gleich. Der Umstand allerdings, dass er die Tötungen zwar theoretisch befürwortete, diese aber gefühlsmäßig nicht durchführen konnte, würden diese Schulen als ein entlastendes Element werten. Einerseits würden sie seine positive Einstellung gegenüber Kindertötungen als einen rein theoretischen Irrtum ansehen, der für die Ethik irrelevant ist, andererseits würden sie an seiner Weigerung, selber ein Mörder zu werden, eine ethische Haltung erkennen. Die philosophischen Ethikauffassungen haben bei ihrer Trennung zwischen Theoretischem und Praktischem Schwierigkeiten, die Liederlichkeit eines Menschen zu unterstreichen, der das Nichtausführen von Morden als einen Fall der Willensschwäche betrachtete.

Dieser Fall bestärkt mich in meiner Meinung, dass Elemente religiös motivierter Ethik einen Teil des Ethikunterrichts ausmachen müssen. Die Weltreligionen betrachten das Dafürhalten eines Menschen nicht als in theoretische und praktische Philosophie zerfallend, sondern als eine Einheit. Hölzel war aus religiöser Sicht eine zutiefst perverse Einheit, ob mit oder ohne Todesspritzen.

Haar Transport Jan 40

Since antiquity, it is an important aspect of normative ethics to analyse akrasia, weakness of the will. The akrates regards moral norms as good but his agreement with morality does not make him act morally. He knows that laziness is bad. This is why he wants to avoid it. However he cannot stand up and do something.

The weakness of the will is a moral deficiency. But like many other things, our analysis of it is of no use when we face cases of extraordinary perversion – cases which regularly are not found in philosophical books. The quote below, one from Markus Krischer’s book Kinderhaus (München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2006, S. 93-94) is about such a case. The book with the euphemistic and historically faithful title („Childcare House“) is about the Munich childcare centre („Kinderhaus“) in which handicapped children were murdered during the Nazi regime. Dr. Friedrich Hölzel, the chief physician of the childcare centre writes to his director who asked him if he would give the handicapped children deadly injections in order for them not to be trasported for execution elsewhere:

Although my desire to help improve a natural process [i.e. the killing of the handicapped children – S.G.] is big, my aversion towards conducting this as a systematic task according to sober reasoning and scientific-objective criteria (without a medical need to treat the patients in this way) is no less. […] This is my explanation for the fact that I can be fully objective, I think, when I write a diagnosis [in effect a sentence to death for the handicapped children – S.G.] but I feel somehow emotionally bound with the children as their medical doctor. I think that this emotional contact is not a deficiency of mine as a National Socialist doctor. However it does stop me from combining my old task with the new.

The several philosophical schools of normative ethics, virtue ethics, the ethics of moral sentiment, Kantian ethics and utilitarianism would condemn Hölzel’s actions. He did not give any deadly injections but he did legalize the killings with his signature. However, they would probably see a mitigating circumstance in his denial to give the injections himself although on a theoretical level he supported the killings of the handicapped children. The philosophically motivated normative ethics divides between theoretical and practical reason. Consequently, philosophers would tend to see Hölzel’s theoretical support for the killings as a theoretical failure, one which is irrelevant for ethics, and they would see his denial to conduct the killings as a moral attitude. But according to this line of thinking, philosophers would fail to see something disgusting in Hölzel’s case: the inability to commit murders being considered as a case of akrasia.

This case makes me feel justified to regard religiously motivated ethics as an indispensable part of ethics at schools of the secondary level. The world religions do not divide our opinions into theoretical and practical. They see a human being as a whole. Hölzel was from a religious point of view a deeply perverse whole, whether he had given deadly injections or not.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s