Es ist immer genug Wahrheit da

Heidegger und Heidenreich

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Am besten beginne ich mit den Fakten: In einer Fernsehsendung des 22. April zu Heideggers nazilastigen „Schwarzen Heften“(Überlegungen II-VI; VII-XI; XII-XV, hg. v. P. Trawny, Gesamtausgabe Bde 34-36, Vittorio Klostermann, Frankfurt/M. 2014), den Reflexionen Heideggers zu Kulturkritik und Politik aus den Jahren 1931-1941, wies Elke Heidenreich dem Philosophen folgende Formulierung zu: „Die verborgene Deutschheit müssen wir entbergen, und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland.“ Stefan Zweifel, der Moderator der Sendung, erhob berechtigten Zweifel an der Authentizität des Zitats und verlor vor Kurzem seinen Job.

Heidenreich, die Heideggers Buch nicht gelesen hatte, führte eine Buchbesprechung der „Schwarzen Hefte“ in der Süddeutschen Zeitung vom 25. März als ihre indirekte Quelle an. Der Teil des Zitats, der die Juden betrifft, steht allerdings weder in Heideggers „Schwarzen Heften“ noch in der Süddeutschen.

Tatsächlich liest Heidenreich diesen Teil in der Sendung nicht vom Blatt – sie interpretiert offensichtlich frei. Aber selbst plausible Interpretationen können nicht ohne ein Argument gelten gelassen werden.

In ihrem Kinderbuch Nero Corleone kehrt zurück lässt Heidenreich ihren Helden, den italienischen schwarzen Kater Nero, auf den Tasten des Klaviers von Mauricio Kagel laufen, woraufhin der Komponist aufsteht und begeistert ruft: „Schönberg! Schönberg!“

In meiner Bonner Zeit mochte ich die Kagel-Konzerte in der Kölner Philharmonie. Eines Abends – ich versuchte mein Lachen zu unterdrücken – hatte Kagel das Orchester zusehen lassen, wie er sich selbst beim Pfeifen dirigierte. Ein Mensch mit Kagels Humor hätte sicher den Spaziergang eines Katers auf seinem Klavier mit Schönbergs Musik vergleichen können. Ob die Episode stimmt oder nicht, ist eher nebensächlich. Sie entspricht dem, was man von Mauricio Kagel erwartete und in einer literarischen Fiktion gilt sie sogar als ein getreues Bild .

Genauso entspricht der Zusatz „…indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland“ dem, was man von Heidegger erwartet. Allerdings entspricht es auch wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit zu erwähnen, welche unserer Erwartungen schwarz auf weiß stehen und welche Interpretationen sind – anders als in einer literarischen Fiktion.

Let me begin with the brute facts: on April 22, in a TV show where Heidegger’s „Black Notebooks“ (Überlegungen II-VI; VII-XI; XII-XV, ed. by P. Trawny, Gesamtausgabe Vols 34-36, Vittorio Klostermann, Frankfurt/M. 2014) were discussed, i.e. Heidegger’s critical reflections on civilization and politics between the years 1931 and 1941, Elke Heidenreich foisted the philosopher the demand to „dis-cover the hidden essence of the Germanic being by removing at last the Jews from Germany“. Stefan Zweifel, the host of the show, had justified doubts on the authenticity of the quote – to lose his job quite recently…

Heidenreich who hadn’t read Heidegger’s book, named a book review of the „Black Notebooks“ in the Munich daily Süddeutsche Zeitung on March 25 as her indirect source. However, the part of the quote about the Jews is absent in the „Black Notebooks“ as well as in the book review.

In fact, in the show Heidenreich didn’t read this part of the quote from the paper. Obviously, she interpreted freely. But even plausible interpretations don’t go without an argument.

In a book for children titled Nero Corleone strikes back, Heidenreich describes how her hero, the Italian tomcat Nero, steps on the keys of Mauricio Kagel’s piano to impress the composer who rejoices: „Schoenberg! Schoenberg!“

While still a PhD-student in Bonn I liked Kagel’s concerts in the Cologne Philharmonic Hall. One evening – I was struggling to keep myself from laughing – the orchestra sat there staring how Kagel directed himself whistling. A man with Kagel’s sense of humour is expected to compare a tomcat’s walk on the keys of his piano with Schoenberg’s music. I don’t know whether this is a true story or not. It corresponds to what we expect Kagel to do. In a literary fiction it can count as true.

Some of my readers may have expected Heidegger to add „…by at last removing the Jews from Germany“. Unlike a work of fiction however, literary criticism demands a clear-cut distinction between what is explicit in a text and what we interpret into it.

One thought on “Es ist immer genug Wahrheit da

  1. Jahrelang suchten Heidegger-Forscher nach einem Heidegger-Zitat, dass er Juden von Grund auf ablehnte und aus Deutschland weghaben wollte, vielleicht sogar – aber das schien ausgeschlossen – wie die Nazis umbringen, beseitigen wollte – und sie fanden nichts. Die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Bis Elke Heidenreich kam und das Zitat fand, dass er sie so schnell wie möglich zu “beseitigen” seien. Ok. nicht beseitigen, das war ein kleiner Fehler: “Deutschland entbergen”, eine Spezial-Formulierung des Nazi-Philosphen, was ja damals bekanntermassen, soviel bedeutete, wie Juden, so schnell wie möglich zu beseitigen, oder so ähnlich. Man muss sich ja heute nicht mehr genauer mit diesem Nazi-Philosophen beschäftigen, der sich mit Liebesbriefen an seine jüdische Geliebte tarnte und vodergründig als unpolitischer abstrakter Seins-Denker ausgab, sagt Elke Heidenreich, das sei für die Zuseher nicht gut. So etwas erwartet heute keiner mehr!

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