One vote, two flags, three philosophers: a European riddle

Under two flags

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Der Grundsatz „one man one vote“ spiegelt einen Gleichheitsgedanken wider. In seiner Dissertation on the First Principles of Government (1795) dachte Thomas Paine, dass er ohne Ausnahmen gelten sollte.

In jener revolutionären Zeit erhoffte Kant (Kritik der reinen Vernunft A 752/B 780) von diesem Grundsatz selbst die Entscheidung von philosophischen Fragen:

[Die menschliche Vernunft erkennt] keinen anderen Richter […] als selbst wiederum die allgemeine Menschenvernunft, worin ein jeder seine Stimme hat.

Wenn dieser Grundsatz richtig ist – also moralisch und politisch richtig meine ich – dann bangt Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit und (Doppel-) Wähler sowohl für die deutsche als auch für die italienische Vertretung im Europaparlament, zu Recht um seine Verteidigung im gegen ihn eingeleiteten Strafverfahren wegen Wahlfälschung.

Aber Moment! Wenn binneneuropäische Zweistaatler laut § 6 Abs. 4 EuWG nach eigenem Ermessen auf eines von zwei aktiven Wahlrechten, die sie besitzen, verzichten müssen, dann entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten dieser Bürger. Von ihren Pflichten gegenüber demjenigen Staat, für dessen Europaparlament-Vertretung die Zweistaatler nicht wählen, können sich nämlich diese nicht selektiv befreien. Ich erinnere dabei an die griffige Feststellung Hegels aus der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 486:

Aber wesentlich gilt es, dass wer keine Rechte hat, keine Pflichten hat, und umgekehrt.

Das Gegenargument, die Zweistaatler besäßen zwei aktive Wahlrechte, selbst wenn sie das eine nicht ausüben, kann man, denke ich, nicht gelten lassen. Besäßen nämlich Zweistaatler zwei aktive Wahlrechte unbeschadet der Bestimmungen von § 6 Abs. 4 EuWG („One man one vote“), dann würde aus:

1. „Di Lorenzo hat das Recht, für die italienischen Europaabgeordneten abzustimmen“

und

2. „Di Lorenzo hat das Recht, für die deutschen Europaabgeordneten abzustimmen“

folgen:

3. „Di Lorenzo hat das Recht, für die italienischen UND die deutschen Europaabgeordneten abzustimmen“

Das ist jedoch eindeutig nicht der Fall.

Als Philosoph würde ich di Lorenzo raten, folgendermaßen zu argumentieren: „Wenn meine Pflichten als deutscher Bürger weniger werden, kann ich mir eine Selbstbeschneidung eines meiner aktiven Rechte vorstellen“. Damit führt er die Argumentation der Anklage ad absurdum.

Der Haken dabei: Sein Richter wird nicht Kants „allgemeine Menschenvernunft“ sein.

The principle „one man one vote“ has been historically a slogan for equality. In his Dissertation on the First Principles of Government (1795) Thomas Paine thought that it should be valid without exception. Undoubtedly, the late 18th century was a revolutionary time in which Kant (Critique of Pure Reason A 752/B 780) hoped that this principle should decide philosophical questions:

Human  reason […] recognizes no other judge  than universal human reason itself,  in which everyone has his own voice.

If this principle is correct – I mean morally and politically correct – then Giovanni di Lorenzo, editor-in-chief of the German weekly Die Zeit and voter (twice!) for the German as well for the Italian representatives in the European Parliament, has every reason in the world to be concerned about the criminal proceedings against him for fraudulent voting.

But wait a moment! If according to § 6 Nr. 4 of the European Elections Act of the Federal Republic of Germany European double citizens must suspend one of their rights to vote at their own discretion, the equilibrium of the rights of these citizens to their duties is infringed, since, obviously, they cannot free themselves selectively from a duty like they can from their right. I remind the reader Hegel’s brief statement in the Encyclopedia of Philosophical Sciences, § 486:

In essence, it is valid that those who have no rights have no duties and vice versa.

The counter-argument that double citizens do possess the right to vote in both countries even if they do not vote in one of the two is in my mind not sound. If the right of double citizens to vote in two countries would remain irrespectively of EEA § 6 Nr. 4 („One man one vote“), then from the two propositions:

1. „Di Lorenzo has the right to vote for the Italian members of the European Parliament“

and

2. „Di Lorenzo has the right to vote for the German members of the European Parliament“

a third would follow:

3. „Di Lorenzo has the right to vote for the Italian AND the German members of the European Parliament“

which is definitely not the case!

As a philosopher I would recommend di Lorenzo to argue that he would suspend his own right to vote as a German citizen if he would be free to choose a duty which he wouldn’t have to fulfil. This would lead the argumentation of the prosecution ad absurdum.

The problem with this tactic of defence, of course, is that his judge will not be Kant’s „universal human reason“.

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