Bounded morality

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Europäischen Kindern zuzusehen, während sie versuchen, American Football zu spielen, kann nervig sein. Sie sind langsam wie die Zeitlupe und der Quarterback liegt ständig auf dem Boden. American Football steht und fällt mit der Rolle des Quarterbacks. Wenn der Quarterback sich vielzuviele Gedanken darüber macht, welche Entscheidung er beim Passen trifft, dann wird er zwar keinen schlechten Pass geben aber das nur aus dem Grund, dass er gar keinen Pass geben wird. Er wird zu Boden geworfen, natürlich ohne Raumgewinn.

Wegen ihrer Vorliebe für schnelle Entscheidungen, fürs Handeln vor dem gründlichen Nachdenken, werden US-Amerikaner in der alten Welt oft belächelt. Den Europäer amüsiert das Klischee „First shoot, then ask“.

Ich glaube allerdings, dass der American Football viel mehr von der Ethiktradition der alten – und zwar der sehr alten – Welt hinüberrettet, als das in, sagen wir, „europäischeren“ Sportarten der Fall ist. Aristoteles gab Regeln zur prompten Befolgung, da man ja oft nicht ewig Zeit hat, um die geeignete Handlung als mesotes zu errechnen. Auch die Kirchenväter pflegten – indem sie allerdings viel Unfreiheit damit stifteten – klare Anweisungen zur Lebensführung zu geben. An der Befolgung solcher Regeln und Anweisungen ist statt einer Leistung des moralischen Gewissens eher eingeschränkte moralische Verantwortung zu erkennen. Das ist unausweichlich, wenn es keine Zeit gibt, um praktische Syllogismen durchzugehen. Die für die moralische Entscheidung vorhandene Zeit ist sogar oft so knapp wie die Zeit, die ein Quarterback für seinen Pass hat.

Die eingeschränkte Rationalität, d.h. die Rationalität von Entscheidungen, bei denen nicht genug Zeit zur Urteilsfindung vorlag, ist in der Entscheidungstheorie sehr wichtig. In der modernen praktischen Philosophie klafft dagegen in puncto eingeschränkte Rationalität eine riesige Forschungslücke. Das ist mir unerklärlich! Ich verstehe nicht, warum wir moderne Philosophen, moralische Kantianer aber auch Konsequentialisten, immer so tun, als hätten wir im Gegensatz zu unseren antiken und spätantiken Vorfahren alle Zeit der Welt, um eine moralische Entscheidung zu fällen.

Beim Beobachten eines langsamen Quarterbacks auf einem Münchener Spielplatz habe ich letzte Woche folgendes Gedankenexperiment ersonnen: Es sei ein Spiel, dessen einziger Unterschied zum American Football darin besteht, dass der Quarterback, bevor er passt, alle moralischen Alternativen durchgeht und beurteilt und zwar nach beiden vorherrschenden neuzeitlichen Schulen der Moralphilosophie, dem Kantianismus und dem Konsequentialismus. Soll er den Ball an denjenigen passen, der sich zuerst von seinem Aufpasser befreit hat, oder an den Kumpel? Wie wichtig ist in dieser Hinsicht Freundschaft überhaupt? Oder soll er vielmehr an den Klassenkameraden passen, der gerade heute eine Stärkung seines Egos braucht? Müssen wir gewinnen? Es ist doch nur ein Spiel…

Noch dazu glaubt der Quarterback nicht an die eingeschränkte Rationalität. Er wird mit dem Räsonnieren nicht aufhören, bevor er die Vorgaben beider Ethikschulen erfüllt hat. Nennen wir dieses Spiel: „Dilemmaball“.

Folgt Ihr mir, liebe Leser? Sehr gut! Jetzt beantwortet mir, bitte, folgende Fragen: Was passiert in diesem Spiel und welcher ist der wahrscheinlichste Endstand einer Partie?

Kant NFL

Observing children from the European continent who try to play American football can be frustrating. Not that there are no good news at all. For example you never need a slow motion – they’re slower than this. The very frustrating part though is that the quarterback bites the dust every now and then. American football is as fast as the quarterback is. When the quarterback has afterthoughts on who he should pass a ball to, he’ll not pass it to the wrong man for the only reason that he’ll not pass it at all since he’ll be buried under a massive defensive tackle.

Europeans often make fun of Americans because of their preference for fast decisions, for acting before having exhausted all levels of reflection, for shooting first, asking later.

I think that American football retains much more elements of the ancient tradition of moral philosophy than the more „European“ sports. Aristotle used to recommend certain instant reactions when the time would not suffice to calculate which moral action should be conducted for which virtue in every case. The church fathers gave instructions for Christian rightdoing. I recognize that Christianity could have implemented such instructions with less unfreedom. I also recognize that the moral agent does not celebrate any great achievments when she follows instructions of this kind. Her rationality is bounded. However, when she doesn’t have all time of the world in order to revisit all possible arguments in terms of formulating the practical syllogisms involved, boundedness is a necessary evil. In fact, the time which she has will often be as short as the time which a quarterback has to pass a ball.

Bounded rationality, the rationality which underlies decisions when time is too short, is very important for decision theory. However, I cannot help myself missing approaches to modern moral philosophy from the point of view of bounded rationality. I have no understanding for this. I fail to understand why modern moral philosophers, above all Kantians or consequentialists, do as if they would permanently have ages in order to make a moral decision. Our ancient and late ancient predecessors in the history of philosophy thought that the opposite is the case.

Last week I observed the slowest quarterback of my life on a Munich playground and I had the time to design the following thought experiment: think of a game whose only difference from American football is that the quarterback has to pass a ball only after he has revisited all moral alternatives involved according to, say, both prevailing schools of modern normative ethics: Kantianism and consequentialism. Should he pass the ball to the guy who’s unmarked or to his pal? What is the importance of friendship in this context? Or should he pass the ball to the classmate who needs an encouragement today? Do we need to win? It’s only a game…

To make things more interesting (philosophically speaking; not athletically I’m afraid…) let the quarterback be an enemy of bounded rationality. He will not stop reasoning until he has completed his argumentation. Let’s call this game: „dilemmaball“.

Can you imagine the game, dear reader? Very good! And now, you could try to answer two questions: what happens in this game and which is the most probable final score?

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Of tropes and trout

Tropen Gold

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Tropen sind abstrakte individuelle Eigenschaften. Mein Teint ist z.B. nur mir eigen in dem Sinn, dass niemand außer mir genau denselben Teint hat. Othello und Humbert Humbert, Lolitas Liebhaber in Nabokovs gleichnamigem Roman, sind nur scheinbar in Eifersucht vereint, denn nur Othello hat Othellos Eifersucht und nur Humbert Humbert hat Humbert Humberts Eifersucht.

Wenn der Gastwirt seine Gerichte lobpreist, dann grenzt er manchmal den Umfang eines Prädikats ein, um anzudeuten, dass er nur das Beste vom Besten auswählt. Was heißt „Forellen“? Das ist zu wenig! Bachforellen bietet er an. Und zwar frische! Aber auch die Frische hat ihre Abstufungen – was heißt, dass man weiter partikularisieren kann.

Fangfrische Sturzbachforellen sind wie Tropen auf eine ganz besondere Art frisch und selbst auf eine ganz besondere Art Forellen. Dem Sprachgebrauch des Gastwirts liegt wie bei den  Tropen eine Tendenz zu Grunde, etwas Abstraktes als ein Individuum darzustellen. Diese Rhetorik ist albern und manchmal gelingt es ihr nicht, den Kunden davon zu überzeugen, dass alle Eigenschaften der Forellen Tropen sind. In manchen Fällen gelingt es allerdings dem Gastwirt, den Kunden glauben zu lassen, dass wenigstens eine Eigenschaft der Fische, auf die es beim kulinarischen Genuss ankommt, einzigartig ist. Das ist der Fall, wenn der Kunde glaubt, dass die Forellen, Renken usw. die besten in einer bestimmten Hinsicht sind.

Die beste in einer noch zu benennender Hinsicht zu sein, ist wahrscheinlich eine Trope: Sie ist eine abstrakte Eigenschaft, die auf ein einziges Individuum zutreffen muss. Um die beste zu sein, muss allerdings die Forelle einer Art angehören: der Art, deren Perfektion sie besitzt. Aber das von-einer-Art-Sein ist kein Merkmal einer Trope.

So zugeneigt ich auch früher der Tropenontologie war, so bin ich durch dieses Rätsel ernüchtert.

Fangfrische Renken

Tropes are individual abstract properties. My skin colour is characteristic of me in the sense that I’m the only person who has this skin colour even if there are other people who have the same. Othello and Humbert Humbert, Lolita’s lover in Nabokov’s novel, are only apparently united in jealousy. Because no one but Othello has Othello’s and no one but Humbert Humbert hat Humbert Humbert’s jealousy.

When the innkeeper tries to attract customers, he insinuates that he uses only first class ingredients. „Trout“ sounds poor. „Mountain trout“ sounds better. Of course, trout have to be fresh, but freshness has different grades. There is fish which you can call fresh if you consider that you live in Munich and it comes all the way from Marseille. Certainly, this is less fresh than most of the fish you can find at the Rialto market in Venice. Finally, this is less fresh than some fish which has occasionally made my daughters proud of their father.

So, when the innkeeper praises his fish as having just left the water of the mountain stream, what he tries to do is represent something abstract (trout, fresh) as individual. If he fails to show that all properties of his trout which are characteristic for an enjoyable meal are unique for every one of them with the means of rhetoric, he succeeds to show that at least one property of his trout are tropes at the latest when he says that they are best in some respect.

Being the best in some respect is, I think, a trope. It is an abstract and it refers to at most one individual. However, to be the best in some respect, a trout has to be of a certain kind: of the kind, namely, whose perfection it possesses. But to be of a certain kind is not characteristic of tropes.

I used to be fond of tropes ontology but this puzzle made me change my mind.

Der Beweis

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Vor wenigen Jahren klopfte ich an der Bürotür eines Kollegen, um ihm stolz zu verkünden, den Beweis geführt zu haben, dass gesetzt, man habe genügend Ressourcen, Nichtstun rational, Etwastun irrational ist.

Er fragte, was ich damit meinte.

– Ich meine, dass ich ein Argument dafür formuliert habe – vergiss das mit dem „Beweis“ – dass rationale Wesen die Verlustminimierung der Gewinnmaximierung vorziehen. Und das, während Verlustminimierung Rationalitätslücken wie wahre Kontradiktionen mit einbeziehen kann.

Sein Gesicht verzog sich.

– Ich denke, Du müsstest lieber an deiner Habilschrift arbeiten: Denker des Mittelalters, Determinismus, Religionsphilosophie – so Sachen…

Mein Enthusiasmus ebbte plötzlich ab…

– Ich gehe sofort zurück in mein Büro.

– Würde ich an deiner Stelle auch tun…

Die Arbeit an meiner Habilschrift ging weiter, ich habe mich habilitiert, aber je mehr ich die Nachrichten über die Eurokrise verfolgte – Nachrichten über die Ergebnisse dieser Politik seit den 80ern, die griechische Bauern eine „effizientere“ Arbeitsweise beibringen wollten, desto mehr wurde ich überzeugt, dass ich mit meiner Pointe bei jenem „Beweis“ richtig lag, der mich ein paar Tage des Studiums einer lateinischen Handschrift aus der Prager Nationalbibliothek gekostet hatte. Ich fing an, meine Reflexionen zu Rationalität und Rationalitätslücken bei Zeitschriften vom Fach Entscheidungs- und Spieltheorie einzureichen. Wozu habe ich denn damals überhaupt  dieses Wirtschaftsstudium draufgelegt? Und wozu bin ich jetzt Privatdozent? Zwar nicht in Wirtschaft, aber diese Zeitschriften beteuern doch ihren interdisziplinären Charakter, wie wichtig ihnen die Philosophie wäre – bla-bla-bla…

Die Rezeption war meist negativ. Interdisziplinarität ist ein schönes, langes Wort, von denen, die man gern bei Habermas oder Derrida liest, aber unter uns – keine Chance… Mein Eindruck war, dass die Gutachter enttäuscht sind, keine Aufsätze ihrer eigenen Studenten zur Begutachtung zu erhalten: Solide, empirische Feldforschung, formalisiert im Sinn von zehn bis zwölf alternativen spieltheoretischen Szenarien, der Studi absolviert die Rechenaufgaben, beweist zwar nichts Originelles, Interessantes oder wenigstens auf künftige Forschung Hinweisendes, aber der Gutachter braucht nicht um die Ecke zu denken – darauf kommt es an, oder?

Apostolos Doxiadis, ein echter Philosoph unter den Mathematikern, nennt diesen Gebrauch des Formalismus: „höhere Tante-Emma-Lehre“.

Was ich allerdings gestern bekam, stellt ein neues Niveau der tiefen Verachtung jeder philosophischen Fragestellung dar. Ein anonymer Ökonom schreibt mir:

In den Wirtschaftswissenschaften beziehen sich die Termini „rational“ und „irrational“ auf einzelne ökonomisch handelnde Individuen…  Die Ergebnisse sind „effizient“ oder „ineffizient“ im Sinn von Marshall oder Pareto… Oft stellen die Situationen, in denen sich die Rationalität der ökonomischen Subjekte äußert, Selbstreferenz und unendlichen Regress dar… Deshalb ist es aus dem Standpunkt eines Ökonomen nicht klar, worin die „Rationalitätslücke“ liegt, die der Aufsatz thematisiert.

Was der anonyme Gutachter mir sagte, ist im Klartext Folgendes: „Das ist eine Zeitschrift, in der Ökonomen das Sagen haben, auch wenn wir uns nach außen interdisziplinär geben. Du hast meine Zeit mit Widersprüchen und logischer Konsistenz und Rationalitätslücken und dem ganzen Müll verplempert und jetzt hast du das davon“. Das kann man freilich nur in diesem pragmatischen Kontext sagen. Wer von der Wahrheit der Sache etwas hält, müsste einsehen, dass es keine Sachverhalte gibt, die sich adäquaterweise von formalen Kontradiktionen beschreiben ließen aber paretooptimal wären. Wo sollten solche Sachverhalte der Fall sein? In unmöglichen Welten etwa?

Wie ich oft sage, sind die philosophischen und mathematischen Fakultäten selber schuld daran, das Logikstudium nur für Logik- und Mathematik-Studenten zu bestimmen. Denn sie machen aus den restlichen intelligenten Leuten, die ein anderes Fach studieren, ihr Studium abschließen, ja selber irgendwann Profs werden, logische Analphabeten.

peerreview

It was a few years ago: I knocked on the colleague’s door to tell him that I had just found a proof that, provided you have enough ressources, doing nothing is rational and doing something irrational. He asked me what I meant.

– I mean that I have an argument – OK, let’s forget „proof“ – that rational beings prefer to be loss minimizers than utility maximizers. But at the same time, I have an argument that this can invite a rationality gap: a true contradiction.

He had an expression of pain in his face:

– I believe that you should be working on your habilitation thesis: medieval thinkers, determinism, philosophy of religion ’n‘ stuff.

Suddenly, my enthusiasm died away…

– I’m going back to my office now.

– That’s what I would also do…

The work on my habilitation thesis went on, I became a doctor habilitatus after all, but the more I was following the news, the euro crisis, the results of all these policies since the 80s which tried to make Greek farmers work more „efficiently“, the more I was persuaded of the main point of my „proof“ which had cost me some days of work on Latin manuscripts from the Prague National Library. I started submitting my reflections to journals on decision theory and game theory. After all I do have a degree in economics, don’t I? And I’m a faculty member – not in economics, of course, but these journals constantly maintain their interdisciplinary character and how seriously they take philosophy and bla-bla-bla…

The replies were mostly negative. Interdisciplinarity is a nice long word of the kind of words which Habermas or Derrida would use, but forget it… I had the impression that the referees were disappointed not to receive papers written by their own students with a solid, empirical case study in the background, formalized in terms of ten or twelve alternative game theoretical plots. The student does the math, she proves nothing original, interesting or even promising, but the formal homework is as consistent as the student’s exams were and – the most important feature! – the referee doesn’t need to think outside the box.

Apostolos Doxiadis, a real philosophical mathematician, has called this use of formalism „mere calculation of the grocery-bill variety“.

But until yesterday, in the reports I received on my paper, I wasn’t confronted with a contempt towards philosophical concerns as blatant as this anonymous economist’s:

In economics, the terms „rational“ and „irrational“ are related to the single economic agent … [T]he outcomes may be „efficient“ or „inefficient“ in a Marshallian or a Paretian sense … [I]t is often the case that the rationality of the economic agents originates self-referential [sic], infinite regress situations. … Therefore, from the economist’s viewpoint it’s not that clear where the „rationality gap“ discussed in the paper is.

Now, in a way, the anonymous economist said to me: „Get lost because this is a journal run by economists even if we, nominally, affirm interdisciplinarity. So, don’t waste my time with contradiction and logical consistency and rationality gaps and all this crap“. But to say this is easy only in a pragmatical context. If you’re dedicated to truth you must be able to see that states of affairs adequately described by logical falsehoods cannot be Pareto optimal. Where should this be the case? In an impossible world?

As I usually say, the humanities and mathematics are to blame for determining logic to be only for students who major in mathematics and philosophy. As for the rest of the intelligent young people who visit the university, get their degrees, become themselves professors, they produce logical illiterates.

Aladdin and self-reference

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Die Frage kam von den Kindern: „Was würde der Flaschengeist machen, wenn Aladdin sich als aller Erstes eintausend extra Wünsche wünschen würde?“.

Sie haben wohl an die moralische Richtigkeit eines solchen Wunsches gedacht und sicherlich nicht die logische Situation im Blick gehabt. Mich interessiert natürlich auch letztere. Und diese ist recht eindeutig: Wenn der Flaschengeist diesen Wunsch verwirklicht, dann stellt das einen Widerspruch zur genau-drei-Wünsche-Regel dar. Wenn er diesen nicht verwirklicht, dann verwirklicht er einen von drei Wünschen nicht – wieder ein Widerspruch!

Meine Vermutung war, dass der Flaschengeist den Wunsch auf tausend extra Wünsche als keinen gültigen Wunsch ansehen würde. Die Aussage des Flaschengeistes: „Du hast drei Wünsche frei“ beschränkt sich auf Sachen, die selber keine Wünsche sind. Wie es in der traditionellen Logik heißt, gilt die Aussage des Flaschengeistes nur secundum quid – in bestimmter Hinsicht.

Später überkamen mich Zweifel an der Richtigkeit meiner Antwort an die Kinder. Denn – angenommen – Aladdin verlangt als aller Erstes einen vierten Wunsch und der Flaschengeist betrachtet diesen Wunsch als ungültig, so wie ich den Kindern erklärte („Secundum quid, mein lieber Aladdin! Secundum quid!“). Nach dieser Mahnung hat Aladdin allerdings „vernünftige“ Wünsche. Z.B. „Ich will reich werden“ und „Ich will schön werden“, was der Flaschengeist ihm erfüllt. Damit sind aber nur zwei Wünsche von Aladdin erfüllt worden! Um den damit zusammenhängenden Regelbruch zu vermeiden, muss der Flaschengeist Aladdin noch einen Wunsch frei lassen. Angenommen, dieser Wunsch lautet: „Ich will klug werden“. Erfüllt der Flaschengeist diesen Wunsch, dann macht er Aladdin reich, schön und intelligent. Notabene ist das Ergebnis genau dasselbe, wie wenn der Flaschengeist Aladdins „ungültigen“ Wunsch durchgelassen hätte. D.h., wenn der Flaschengeist Aladdin intelligent macht, verwirklicht er eo ipso Aladdins Wunsch, vier Wünsche insgesamt frei zu haben. Drei ist gleich vier…

Fazit: Aladdin bringt mit seinem ersten Wunsch ein Paradox zustande, für das die traditionelle secundum-quid-Strategie nicht greift.

Alladin 2

„What would the genie do if Aladdin’s first wish were one thousand extra wishes?“ asked the kids.

They were probably thinking about the moral correctness of such a wish, certainly they didn’t consider the logical situation. Of course, I’m interested also in the latter. To be sure, four wishes contradict the three-wishes rule. However, if this wish doesn’t come true, then Aladdin will have had only two wishes – which comes down, again, to contradiction!

I supposed that the genie would disallow the one-thousand-extra-wishes wish. The genie’s statement „You have three wishes“ towards Aladdin is valid only insofar as no wish is the object of any of the three wishes. The traditional logic expressed this restriction as validity secundum quid – in certain respects.

Now I’m in doubt whether what I said is true. Let’s assume that Aladdin’s first wish is a fourth wish and the genie disallows this wish, like I explained to the children („Secundum quid, Aladdin, my dear! Secundum quid!“). After this, Aladdin has two wishes („Make me rich“; „Make me handsome“) which the genie makes come true. Until now only two of Aladdin’s wishes were granted. In order to do justice to the rules of the game, the genie grants Aladdin one more wish. Let’s say that Aladdin utters the wish to become intelligent. If the genie makes this wish come true, he makes Aladdin rich, handsome and intelligent. NB, the outcome is the same as if the genie had allowed four wishes. I.e. if the genie makes Aladdin’s wish „Make me intelligent“ come true, he makes eo ipso Aladdin’s „invalid“ wish come true. Three is four…

Conclusion: Aladdin triggers a paradox on which the traditional secundum-quid strategy has no effect.

Aristoteles in narthecibus

Aristoteles Lite oder Narthex

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Aristoteles ist im Freskenzyklus byzantinischer Kirchen zwar keine gewöhnliche Erscheinung aber durchaus vertreten. Die seltenen Abbildungen des Philosophen sind dann im Narthex, im Vorraum der Kirche zu finden, der früher den noch Ungetauften vorbehalten war. Aristoteles galt als ein ungetaufter Zeuge des künftigen Kommens des Heilands – so die Interpretation.

Gerade diese Interpretation macht die Sache interessant. Aristoteles wird nicht abgebildet, weil die Theologie des Johannes von Damaskus etwa ohne ihn undenkbar wäre, sondern wegen folgenden ihm zugeschriebenen Zitats:

Unaufhaltsam ist die Natur von Gottes Geburt, worin das Wesen seines Wortes liegt

Aristoteles erscheint im Narthex byzantinischer Kirchen stets mit einer Schriftrolle bei der Hand, auf der dieses Zitat steht (manchmal auch mit Turban auf dem Kopf – keine Ahnung warum; vielleicht um seine Eigenschaft als Ungläubiger zu unterstreichen?)

Nun gibt es viele Schwierigkeiten mit diesem Zitat. Erstens gibt es das in mehreren Versionen, aber keine dieser Versionen kommt gleich zweimal vor. Sie sind alle einzigartig. Hier ist die Syntax, da die Verbform anders, dort kommt ein Wort hinzu…

Zweitens kommt das Zitat in keinem der heute als echt angesehenen Werke von Aristoteles vor. Es ist in verschiedenen frühmittelalterlichen Sammlungen von Sprüchen der „Weisen“ zu finden.

Nicht genug damit, wird das Zitat in solchen Sammlungen nicht ausschließlich Aristoteles zugeschrieben. Chilon und Thukydides erscheinen gelegentlich ebenfalls als dessen Autoren. Dass es in den echten Werken von Thukydides nicht vorkommt, brauche ich aber wohl nicht zu erwähnen…

Sicher ist, dass Aristoteles seine Stellung im Narthex verdient. Dass er sie aus dem falschen Grund hat, gleicht einem Sieg eines Fussballteams mit Hilfe eines umstrittenen Elfmeters, nachdem ihm drei reguläre Tore wegen angeblicher Abseitsposition verwehrt worden sind.

PS: Über philologische Hinweise bezüglich des Zitats würde ich mich freuen.

In very rare cases, one can find Aristotle among the frescoes in the narthex of Byzantine churches – i.e. in the entrance area which was traditionally reserved for those who were not baptized yet. Like them, Aristotle was – of course – not baptized but witnessed the coming of the saviour – at least so the argument goes.

This argument makes the frescoes in question very interesting. The theology of John of Damascus would be impossible without Aristotle but this is not the reason for Aristotle’s presence in the narthex. Aristotle is pictured holding a parchment with the following passage:

The nature of god’s birth which bears the essence of his word, is inexorable

The passage is problematic in many respects. To begin with, there are many versions thereof, none of which is like the next. Here the syntax, there the verb form is different, words are added and so on…

Besides, the passage does not occur in the genuine works of Aristotle. One can find it only in various early medieval anthologies of prophecies of „the wise“.

As if this were not enough, the passage is in some cases attributed to other authors: Chilon and Thucydides for example. Needless to say, it is not a genuine Thucydides passage either.

Definitely, Aristotle deserves his position in the narthex. Probably he owes it to the false reason. Aristotle’s being there for the depicted passage is like winning with a ghost penalty a game in which the referee disallowed you previously three regular goals.

PS1: I would be happy to receive philological hints about the passage.

PS2: I would be happy to receive hints from art historians about Aristotle’s turban. Is it supposed to show that he was an infidel after all?

Ellenberg gegen Ellenbogen

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Vor ewigen Zeiten war ich Schüler im Leistungsfach Griechisch und hatte einen Lehrer, der darauf bestand, dass „Metrios estin ho logos“ mit „Hervorragend ist das Argument“ übersetzt wurde. So sehr ich die Patentrezepte der Art hasste: „Übersetzen wir zunächst die Wörter mit einer Entsprechung 1 zu 1“ und so sehr mir die Übersetzung „hervorragend“ für „metrios“ suspekt war – denn „metrios“ verstand ich aus meinem Neugriechisch heraus als „mittelmäßig“ – behielt ich meine Meinung für mich. Ich wusste nämlich: So sind Paukerseelen…

Später, als ich viel versierter in der alten Sprache und der in ihr geäußerten Kultur wurde, habe ich eingesehen, dass meine innere Ablehnung der angebotenen Übersetzung für „metrios“ – Vorsicht! – berechtigt war!

Denn erstens hieß „metrios“ in der Antike tatsächlich so wie mein neugriechisches Vorverständnis suggerierte: „nicht zu sehr von einer Sorte“ oder „dem Maßstab gemäß“. Allerdings haben die Alten – und hier hatte mein Pauker Recht – „metrios“ mit etwas sehr Wünschenswertem, Positivem assoziiert. Ein „metrios“ achtete darauf, sich nicht zu sehr in einem Lebensbereich zu verausgaben, um sich im Rest der gesellschaftlich anerkannten Fertigkeiten zu bewähren. Er durfte nicht zuviel Homer lesen, damit er sich körperlich ertüchtigen kann; nicht zu viel Sport treiben, damit er sich in der Politik informieren kann; nicht zu viel politisieren, weil die Politik unerotisch ist.

An die Stelle der Tugend des „metrios“, der „metriotes“, trat nach und nach der Hochleistungskult, der IQ-Kult, der Körperkult und noch ein paar Kulte mehr. Gerade in puncto IQ-Kult verlangt. Elsbeth Stern, Psychologie-Professorin der ETH Zürich, die Deduktion und Induktion durcheinander bringt, niedrigere Gymnasiastenzahlen, weil das Gymnasium ein Hort der hohen IQ-Werte sein solle.

Jordan Ellenberg, Mathematik-Genie und Professor an der Universität Wisconsin, teilte vor ein paar Tagen im Wall Street Journal mit, warum er denkt, dass solche Gedanken Schwachsinn sind. Ellenberg errechnet die Anzahl seinesgleichen als 1/10.000 der Gesamtbevölkerung. Lassen wir solche Leute in den großen Errungenschaften der Wissenschaft 100-mal mehr repräsentiert sein als das restliche wissenschaftliche Personal (eine äußerst großzügige Schätzung), dann sind sie für gerade noch 1/10.000 X 100 = 1% der wissenschaftlichen Ideen verantwortlich, die unser Wissen vergrößern, unser Leben verbessern usw. Fazit Ellenberg: Den Genies wird viel zu sehr Beachtung geschenkt, die ihnen nichts bringt und den Rest demotiviert.

Eine berechtigte Frage ist, warum die anderen überhaupt eine Chance haben, 99% des Fortschritts zu gestalten. Antwort Ellenberg: Weil sie kreativer, fleißiger, aufmerksamer oder irgend noch was sind.

Die Elsbeth Sterns dieser Welt, die dafür verantwortlich sind, dass die Schulen sich immer mehr von reformpädagogischen Ansätzen abwenden und als Kopfjagdinstitutionen verstehen, können natürlich gegenargumentieren, ihnen ginge es nicht um das hochbegabte Zehntausendstel, sondern um das hochbegabte Tausendstel der Schüler. Aber die Schulen zu Institutionen des Herausfindens des Tausendstels von hochbegabten Individuen zu verunstalten und zu Demotivierungsstätten des Rests ist ebenfalls kein rationales Ziel. Selbst wenn diesem Tausendstel der hochbegabten Individuen 100-mal häufiger eine Errungenschaft der Wissenschaft zu verdanken ist als dem restlichen wissenschaftlichen Personal (was wohl selbst für das Zehntausendstel zu hoch geschätzt war), ist dieses Tausendstel für 1/1.000 X 100 = 10% der wissenschaftlichen Ideen verantwortlich.

Die Gründerin der Schule, die ich als Schüler besuchte, eine Ikone der griechischen Reformpädagogik, pflegte in die Klassenzimmer zu gehen, um zu beobachten, inwiefern ein bestimmter pädagogischer Grundsatz beachtet wurde, an dem es ihr sehr lag. Sie meinte nämlich, dass es keinen Sinn ergibt, in einer Klasse den Klassenbesten zu suchen – geschweige denn nach noch selteneren Begabungen. Sie hatte folgendes Argument: Jemanden als Klassenbesten auszuzeichnen, würde nahe legen, dass diese Auszeichnung unumstritten wäre, während jeder Klassenbeste eigentlich weiß, dass die anderen ihm jederzeit Paroli bieten können.

Lehrern, die Fragen stellten, die nur einer oder zwei in der Klasse beantworten konnten, fragte später die außerordentlich tatkräftige und intelligente Pädagogin, warum sie glaubten, ihren Job richtig zu machen, wenn sie fast die gesamte Klasse demotivierten.

In einem Punkt hat Elsbeth Stern Recht: Wir brauchen die Intelligenten – und zwar für solche intelligenten Argumente, die den IQ-Kult ad absurdum führen. Wir brauchen die Intelligenten, damit wir den Mut mitten in einer verbildeten Bildungskultur finden, uns zur „metriotes“ zu bekennen – so wie die Intelligenten empfehlen.

Stibos

Ages ago I was preparing myself for the exams in Ancient Greek when this teacher insisted that „Metrios estin ho logos“ has to be translated as „The argument is outstanding“. I hated the recipes of the kind: „Let’s first translate the words 1 to 1“ and the translation of the translation „outstanding“ for „metrios“ appeared suspect to me since I knew from Modern Greek that „metrios“ is a word for „middle-level“ or „mediocre“. But I didn’t express my scepticism. Normally, crash-course teachers are not interested in scepticism.

Later, I became very fit in the old language and the culture which it expresses only to find out that my rejection of the translation which my teacher had promoted was – attention! – justified!

Like in Modern Greek, „metrios“ in Ancient Greek meant „not having too much of something“, „according to a measure“. However, and this is where my teacher had an point, the ancients associated „metrios“ with something very desirable and positive. The „metrios“ would avoid going to his limits in anything in life and take care to occupy himself with as many realms of social life as possible. He wouldn’t read too much Homer in order to have time for physical exercise; but he would stop doing sports since he would have to get information about politics; and he would not overdo it with politics because he would have more sexy things to do.

Alas, „metriotes“, the virtue of the „metrios“ is not very highly estimated in our days. It gave way to the cult of high performance, IQ, body to mention only some. Elsbeth Stern the high priestess of the IQ cult in Germany and psychology professor in Zürich who confuses confuses induction with deduction, demands less high-school students on the basis of the distribution of the IQ values in the population.

Jordan Ellenberg, mathematics professor at the University of Wisconsin, wrote a couple of days ago a piece in the Wall Street Journal in which he explains with a very simple argument why similar thoughts are nonsense. Ellenberg gives an estimate for the number of geniuses of his kind as 1/10.000 of the population. If these people are one hundred times more likely to make a significant advance in science than the rest of the academic staff (which is a very generous estimation) then they are responsible for not more than 1/10.000 X 100 = 1% of the scientific ideas which make our life better. Ellenberg’s conclusion is that geniuses are given too much attention – attention which they don’t need and which demotivates the rest.

A good question is, of course, how it can be that the rest has the chance to be responsible for 99% of scientific advances in the first place. Ellenberg replies that many of them are more creative, more hard working, more attentive, more you-name-it than many very intelligent people.

The Elsbeth Sterns of this world who are responsible for something else, namely for the paradigm change which led progressive schools to become headhunting institutions, they can counter-argue that they don’t pay attention to the talented one-out-of-ten-thousand students but to one out of thousand students. However, this is not a rational objective if to achieve this the schools must become testing institutions which demotivate three thousand students for every three talents they discover. Even if these students with talents which you can find only in one out of one thousand would be one hundred times more likely to make a huge scientific advance than the remaining scientific community (this was a very generous estimation even for talented individuals who are one in ten thousand), they are responsible for 1/1.000 X 100 = 10% of the scientific advances.

The founder of the school which I visited, the person who incorporated Greek antiauthoritative education for decades, used to visit classrooms out of interest for a specific pedagogic principle which she urged teachers to respect. She thought that it is nonsense to name a student „best in class“. Those who have been best in class know that the others could threaten their position every day.

Whenever in the classroom questions were asked which were answered by only one or two, she told the teachers that hailing one or two persons and demotivating the others is not doing their job properly.

Elsbeth Stern has at least one point: We do need geniuses. We need them for their arguments of the aforementioned kind; for arguments which lead the IQ cult ad absurdum. And we need them in order to find the courage to follow their recommendation and to retourn to „metriotes“.