Ellenberg gegen Ellenbogen

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Vor ewigen Zeiten war ich Schüler im Leistungsfach Griechisch und hatte einen Lehrer, der darauf bestand, dass „Metrios estin ho logos“ mit „Hervorragend ist das Argument“ übersetzt wurde. So sehr ich die Patentrezepte der Art hasste: „Übersetzen wir zunächst die Wörter mit einer Entsprechung 1 zu 1“ und so sehr mir die Übersetzung „hervorragend“ für „metrios“ suspekt war – denn „metrios“ verstand ich aus meinem Neugriechisch heraus als „mittelmäßig“ – behielt ich meine Meinung für mich. Ich wusste nämlich: So sind Paukerseelen…

Später, als ich viel versierter in der alten Sprache und der in ihr geäußerten Kultur wurde, habe ich eingesehen, dass meine innere Ablehnung der angebotenen Übersetzung für „metrios“ – Vorsicht! – berechtigt war!

Denn erstens hieß „metrios“ in der Antike tatsächlich so wie mein neugriechisches Vorverständnis suggerierte: „nicht zu sehr von einer Sorte“ oder „dem Maßstab gemäß“. Allerdings haben die Alten – und hier hatte mein Pauker Recht – „metrios“ mit etwas sehr Wünschenswertem, Positivem assoziiert. Ein „metrios“ achtete darauf, sich nicht zu sehr in einem Lebensbereich zu verausgaben, um sich im Rest der gesellschaftlich anerkannten Fertigkeiten zu bewähren. Er durfte nicht zuviel Homer lesen, damit er sich körperlich ertüchtigen kann; nicht zu viel Sport treiben, damit er sich in der Politik informieren kann; nicht zu viel politisieren, weil die Politik unerotisch ist.

An die Stelle der Tugend des „metrios“, der „metriotes“, trat nach und nach der Hochleistungskult, der IQ-Kult, der Körperkult und noch ein paar Kulte mehr. Gerade in puncto IQ-Kult verlangt. Elsbeth Stern, Psychologie-Professorin der ETH Zürich, die Deduktion und Induktion durcheinander bringt, niedrigere Gymnasiastenzahlen, weil das Gymnasium ein Hort der hohen IQ-Werte sein solle.

Jordan Ellenberg, Mathematik-Genie und Professor an der Universität Wisconsin, teilte vor ein paar Tagen im Wall Street Journal mit, warum er denkt, dass solche Gedanken Schwachsinn sind. Ellenberg errechnet die Anzahl seinesgleichen als 1/10.000 der Gesamtbevölkerung. Lassen wir solche Leute in den großen Errungenschaften der Wissenschaft 100-mal mehr repräsentiert sein als das restliche wissenschaftliche Personal (eine äußerst großzügige Schätzung), dann sind sie für gerade noch 1/10.000 X 100 = 1% der wissenschaftlichen Ideen verantwortlich, die unser Wissen vergrößern, unser Leben verbessern usw. Fazit Ellenberg: Den Genies wird viel zu sehr Beachtung geschenkt, die ihnen nichts bringt und den Rest demotiviert.

Eine berechtigte Frage ist, warum die anderen überhaupt eine Chance haben, 99% des Fortschritts zu gestalten. Antwort Ellenberg: Weil sie kreativer, fleißiger, aufmerksamer oder irgend noch was sind.

Die Elsbeth Sterns dieser Welt, die dafür verantwortlich sind, dass die Schulen sich immer mehr von reformpädagogischen Ansätzen abwenden und als Kopfjagdinstitutionen verstehen, können natürlich gegenargumentieren, ihnen ginge es nicht um das hochbegabte Zehntausendstel, sondern um das hochbegabte Tausendstel der Schüler. Aber die Schulen zu Institutionen des Herausfindens des Tausendstels von hochbegabten Individuen zu verunstalten und zu Demotivierungsstätten des Rests ist ebenfalls kein rationales Ziel. Selbst wenn diesem Tausendstel der hochbegabten Individuen 100-mal häufiger eine Errungenschaft der Wissenschaft zu verdanken ist als dem restlichen wissenschaftlichen Personal (was wohl selbst für das Zehntausendstel zu hoch geschätzt war), ist dieses Tausendstel für 1/1.000 X 100 = 10% der wissenschaftlichen Ideen verantwortlich.

Die Gründerin der Schule, die ich als Schüler besuchte, eine Ikone der griechischen Reformpädagogik, pflegte in die Klassenzimmer zu gehen, um zu beobachten, inwiefern ein bestimmter pädagogischer Grundsatz beachtet wurde, an dem es ihr sehr lag. Sie meinte nämlich, dass es keinen Sinn ergibt, in einer Klasse den Klassenbesten zu suchen – geschweige denn nach noch selteneren Begabungen. Sie hatte folgendes Argument: Jemanden als Klassenbesten auszuzeichnen, würde nahe legen, dass diese Auszeichnung unumstritten wäre, während jeder Klassenbeste eigentlich weiß, dass die anderen ihm jederzeit Paroli bieten können.

Lehrern, die Fragen stellten, die nur einer oder zwei in der Klasse beantworten konnten, fragte später die außerordentlich tatkräftige und intelligente Pädagogin, warum sie glaubten, ihren Job richtig zu machen, wenn sie fast die gesamte Klasse demotivierten.

In einem Punkt hat Elsbeth Stern Recht: Wir brauchen die Intelligenten – und zwar für solche intelligenten Argumente, die den IQ-Kult ad absurdum führen. Wir brauchen die Intelligenten, damit wir den Mut mitten in einer verbildeten Bildungskultur finden, uns zur „metriotes“ zu bekennen – so wie die Intelligenten empfehlen.

Stibos

Ages ago I was preparing myself for the exams in Ancient Greek when this teacher insisted that „Metrios estin ho logos“ has to be translated as „The argument is outstanding“. I hated the recipes of the kind: „Let’s first translate the words 1 to 1“ and the translation of the translation „outstanding“ for „metrios“ appeared suspect to me since I knew from Modern Greek that „metrios“ is a word for „middle-level“ or „mediocre“. But I didn’t express my scepticism. Normally, crash-course teachers are not interested in scepticism.

Later, I became very fit in the old language and the culture which it expresses only to find out that my rejection of the translation which my teacher had promoted was – attention! – justified!

Like in Modern Greek, „metrios“ in Ancient Greek meant „not having too much of something“, „according to a measure“. However, and this is where my teacher had an point, the ancients associated „metrios“ with something very desirable and positive. The „metrios“ would avoid going to his limits in anything in life and take care to occupy himself with as many realms of social life as possible. He wouldn’t read too much Homer in order to have time for physical exercise; but he would stop doing sports since he would have to get information about politics; and he would not overdo it with politics because he would have more sexy things to do.

Alas, „metriotes“, the virtue of the „metrios“ is not very highly estimated in our days. It gave way to the cult of high performance, IQ, body to mention only some. Elsbeth Stern the high priestess of the IQ cult in Germany and psychology professor in Zürich who confuses confuses induction with deduction, demands less high-school students on the basis of the distribution of the IQ values in the population.

Jordan Ellenberg, mathematics professor at the University of Wisconsin, wrote a couple of days ago a piece in the Wall Street Journal in which he explains with a very simple argument why similar thoughts are nonsense. Ellenberg gives an estimate for the number of geniuses of his kind as 1/10.000 of the population. If these people are one hundred times more likely to make a significant advance in science than the rest of the academic staff (which is a very generous estimation) then they are responsible for not more than 1/10.000 X 100 = 1% of the scientific ideas which make our life better. Ellenberg’s conclusion is that geniuses are given too much attention – attention which they don’t need and which demotivates the rest.

A good question is, of course, how it can be that the rest has the chance to be responsible for 99% of scientific advances in the first place. Ellenberg replies that many of them are more creative, more hard working, more attentive, more you-name-it than many very intelligent people.

The Elsbeth Sterns of this world who are responsible for something else, namely for the paradigm change which led progressive schools to become headhunting institutions, they can counter-argue that they don’t pay attention to the talented one-out-of-ten-thousand students but to one out of thousand students. However, this is not a rational objective if to achieve this the schools must become testing institutions which demotivate three thousand students for every three talents they discover. Even if these students with talents which you can find only in one out of one thousand would be one hundred times more likely to make a huge scientific advance than the remaining scientific community (this was a very generous estimation even for talented individuals who are one in ten thousand), they are responsible for 1/1.000 X 100 = 10% of the scientific advances.

The founder of the school which I visited, the person who incorporated Greek antiauthoritative education for decades, used to visit classrooms out of interest for a specific pedagogic principle which she urged teachers to respect. She thought that it is nonsense to name a student „best in class“. Those who have been best in class know that the others could threaten their position every day.

Whenever in the classroom questions were asked which were answered by only one or two, she told the teachers that hailing one or two persons and demotivating the others is not doing their job properly.

Elsbeth Stern has at least one point: We do need geniuses. We need them for their arguments of the aforementioned kind; for arguments which lead the IQ cult ad absurdum. And we need them in order to find the courage to follow their recommendation and to retourn to „metriotes“.

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