Der Beweis

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Vor wenigen Jahren klopfte ich an der Bürotür eines Kollegen, um ihm stolz zu verkünden, den Beweis geführt zu haben, dass gesetzt, man habe genügend Ressourcen, Nichtstun rational, Etwastun irrational ist.

Er fragte, was ich damit meinte.

– Ich meine, dass ich ein Argument dafür formuliert habe – vergiss das mit dem „Beweis“ – dass rationale Wesen die Verlustminimierung der Gewinnmaximierung vorziehen. Und das, während Verlustminimierung Rationalitätslücken wie wahre Kontradiktionen mit einbeziehen kann.

Sein Gesicht verzog sich.

– Ich denke, Du müsstest lieber an deiner Habilschrift arbeiten: Denker des Mittelalters, Determinismus, Religionsphilosophie – so Sachen…

Mein Enthusiasmus ebbte plötzlich ab…

– Ich gehe sofort zurück in mein Büro.

– Würde ich an deiner Stelle auch tun…

Die Arbeit an meiner Habilschrift ging weiter, ich habe mich habilitiert, aber je mehr ich die Nachrichten über die Eurokrise verfolgte – Nachrichten über die Ergebnisse dieser Politik seit den 80ern, die griechische Bauern eine „effizientere“ Arbeitsweise beibringen wollten, desto mehr wurde ich überzeugt, dass ich mit meiner Pointe bei jenem „Beweis“ richtig lag, der mich ein paar Tage des Studiums einer lateinischen Handschrift aus der Prager Nationalbibliothek gekostet hatte. Ich fing an, meine Reflexionen zu Rationalität und Rationalitätslücken bei Zeitschriften vom Fach Entscheidungs- und Spieltheorie einzureichen. Wozu habe ich denn damals überhaupt  dieses Wirtschaftsstudium draufgelegt? Und wozu bin ich jetzt Privatdozent? Zwar nicht in Wirtschaft, aber diese Zeitschriften beteuern doch ihren interdisziplinären Charakter, wie wichtig ihnen die Philosophie wäre – bla-bla-bla…

Die Rezeption war meist negativ. Interdisziplinarität ist ein schönes, langes Wort, von denen, die man gern bei Habermas oder Derrida liest, aber unter uns – keine Chance… Mein Eindruck war, dass die Gutachter enttäuscht sind, keine Aufsätze ihrer eigenen Studenten zur Begutachtung zu erhalten: Solide, empirische Feldforschung, formalisiert im Sinn von zehn bis zwölf alternativen spieltheoretischen Szenarien, der Studi absolviert die Rechenaufgaben, beweist zwar nichts Originelles, Interessantes oder wenigstens auf künftige Forschung Hinweisendes, aber der Gutachter braucht nicht um die Ecke zu denken – darauf kommt es an, oder?

Apostolos Doxiadis, ein echter Philosoph unter den Mathematikern, nennt diesen Gebrauch des Formalismus: „höhere Tante-Emma-Lehre“.

Was ich allerdings gestern bekam, stellt ein neues Niveau der tiefen Verachtung jeder philosophischen Fragestellung dar. Ein anonymer Ökonom schreibt mir:

In den Wirtschaftswissenschaften beziehen sich die Termini „rational“ und „irrational“ auf einzelne ökonomisch handelnde Individuen…  Die Ergebnisse sind „effizient“ oder „ineffizient“ im Sinn von Marshall oder Pareto… Oft stellen die Situationen, in denen sich die Rationalität der ökonomischen Subjekte äußert, Selbstreferenz und unendlichen Regress dar… Deshalb ist es aus dem Standpunkt eines Ökonomen nicht klar, worin die „Rationalitätslücke“ liegt, die der Aufsatz thematisiert.

Was der anonyme Gutachter mir sagte, ist im Klartext Folgendes: „Das ist eine Zeitschrift, in der Ökonomen das Sagen haben, auch wenn wir uns nach außen interdisziplinär geben. Du hast meine Zeit mit Widersprüchen und logischer Konsistenz und Rationalitätslücken und dem ganzen Müll verplempert und jetzt hast du das davon“. Das kann man freilich nur in diesem pragmatischen Kontext sagen. Wer von der Wahrheit der Sache etwas hält, müsste einsehen, dass es keine Sachverhalte gibt, die sich adäquaterweise von formalen Kontradiktionen beschreiben ließen aber paretooptimal wären. Wo sollten solche Sachverhalte der Fall sein? In unmöglichen Welten etwa?

Wie ich oft sage, sind die philosophischen und mathematischen Fakultäten selber schuld daran, das Logikstudium nur für Logik- und Mathematik-Studenten zu bestimmen. Denn sie machen aus den restlichen intelligenten Leuten, die ein anderes Fach studieren, ihr Studium abschließen, ja selber irgendwann Profs werden, logische Analphabeten.

peerreview

It was a few years ago: I knocked on the colleague’s door to tell him that I had just found a proof that, provided you have enough ressources, doing nothing is rational and doing something irrational. He asked me what I meant.

– I mean that I have an argument – OK, let’s forget „proof“ – that rational beings prefer to be loss minimizers than utility maximizers. But at the same time, I have an argument that this can invite a rationality gap: a true contradiction.

He had an expression of pain in his face:

– I believe that you should be working on your habilitation thesis: medieval thinkers, determinism, philosophy of religion ’n‘ stuff.

Suddenly, my enthusiasm died away…

– I’m going back to my office now.

– That’s what I would also do…

The work on my habilitation thesis went on, I became a doctor habilitatus after all, but the more I was following the news, the euro crisis, the results of all these policies since the 80s which tried to make Greek farmers work more „efficiently“, the more I was persuaded of the main point of my „proof“ which had cost me some days of work on Latin manuscripts from the Prague National Library. I started submitting my reflections to journals on decision theory and game theory. After all I do have a degree in economics, don’t I? And I’m a faculty member – not in economics, of course, but these journals constantly maintain their interdisciplinary character and how seriously they take philosophy and bla-bla-bla…

The replies were mostly negative. Interdisciplinarity is a nice long word of the kind of words which Habermas or Derrida would use, but forget it… I had the impression that the referees were disappointed not to receive papers written by their own students with a solid, empirical case study in the background, formalized in terms of ten or twelve alternative game theoretical plots. The student does the math, she proves nothing original, interesting or even promising, but the formal homework is as consistent as the student’s exams were and – the most important feature! – the referee doesn’t need to think outside the box.

Apostolos Doxiadis, a real philosophical mathematician, has called this use of formalism „mere calculation of the grocery-bill variety“.

But until yesterday, in the reports I received on my paper, I wasn’t confronted with a contempt towards philosophical concerns as blatant as this anonymous economist’s:

In economics, the terms „rational“ and „irrational“ are related to the single economic agent … [T]he outcomes may be „efficient“ or „inefficient“ in a Marshallian or a Paretian sense … [I]t is often the case that the rationality of the economic agents originates self-referential [sic], infinite regress situations. … Therefore, from the economist’s viewpoint it’s not that clear where the „rationality gap“ discussed in the paper is.

Now, in a way, the anonymous economist said to me: „Get lost because this is a journal run by economists even if we, nominally, affirm interdisciplinarity. So, don’t waste my time with contradiction and logical consistency and rationality gaps and all this crap“. But to say this is easy only in a pragmatical context. If you’re dedicated to truth you must be able to see that states of affairs adequately described by logical falsehoods cannot be Pareto optimal. Where should this be the case? In an impossible world?

As I usually say, the humanities and mathematics are to blame for determining logic to be only for students who major in mathematics and philosophy. As for the rest of the intelligent young people who visit the university, get their degrees, become themselves professors, they produce logical illiterates.

2 thoughts on “Der Beweis

  1. Ich kenne das Problem aus anderen Debatten – meist wenn Neurowissenschaftler und Philosophen aufeinander treffen, um beispielsweise über so etwas wie freien Willen zu diskutieren.
    Was heißt denn aber Interdisziplinarität, egal ob Geisteswissenschaftler oder empirische Wissenschaftler davon sprechen? Heißt das, dass sie Kooperationen oder Zusammenarbeiten mit wirklich unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansätzen haben wollen oder unterschiedliche Wissenschaften zusammenarbeiten wissen wollen, die im Grunde aber dieselben methodischen Ansätze haben? Oder ist dieses große Wort einfach nur ein rhetorisches Stilmittel, das etwas suggerieren soll, was tatsächlich gar nicht gegeben ist? (Die Vermutung hatte ich beim Lesen des Beitrages) Bestimmt müsste man differenzieren zwischen einem Ist- und einem Soll-Begriff.
    Mich interessiert letztendlich aber die Konsequenz aus all dem: Handelt es sich bei Projekten die interdisziplinär arbeiten, um welche, die wirklich einen besonderen Ertrag erschaffen oder sind es doch nur Keimzellen für die üblichen Diskussionen zwischen Empirikern und Geisteswissenschaftlern – sofern das Projekt derartig gemischt ist?
    Das ist ein sehr hartnäckiges Thema, welches im Grunde ein Problem aufzeigt: Wirklicher wissenschaftlicher Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen steht vieles im Wege. Zumeist scheint man in seinem Lager zu bleiben und bewegt sich daher nicht von der Stelle seiner bisherigen Erkenntnis.

    • Die Interdisziplinarität ist doch nur Makulatur. Ein Desiderat ohne Folgen, das jedermann per Lippenbekenntnis teilen will. Es ist schön, die Gedanken von weisen, grauen Eminenzen wie Jürgen Mittelstraß zur Inter- und Transdisziplinarität zu lesen, aber man sollte sich keine Illusionen machen. Mir ist Einiges in dieser Hinsicht passiert. Im SPP 1173 der DFG musste ich wohlgemerkt als „senior scholar“ in einer Gruppe bestehend aus Historikern und mir einen interdisziplinären Beitrag verfassen, als der Doktorand mit seinen 25 Jahren mir gesagt hat: „Ich weiß nicht, was du sagst, aber meine Doktormutter hat mir gesagt, dass ich etwas über mittelalterliche Landkarten schreiben soll“, worauf ich erwiderte, dass ich auch sehr gern über informelle Logik in der frühen Neuzeit schreibe, dass aber die Vorgabe der DFG klar besagt, dass wir unsere Kapazitäten kombinieren. Keine Chance… Alle drei – besagter Doktorand plus zwei Obrigkeitshörige – waren einstimmig der Meinung („Aber seine Doktormutter!“), jeder habe sein eigenes Süppchen machen sollen. Dass ich daraufhin die Gruppe wechselte und mit Dittmar Schorkowitz und Roland Scheel einen schönen Text über Kulturtransfer verfasste, gehört zu den seltenen Fällen, in denen Interdisziplinarität in meinem Fall funktioniert hat. Letztes Jahr war ich Adressat von Emails von Religionswissenschaftlern mit dem Inhalt, was mir denn einfällt, für ein DFG-Projekt in experimenteller Religionsphilosophie Geld in Anspruch nehmen zu wollen, das Religionswissenschaftlern zustünde. Eindeutig spielt ein gewisses Zunft- und Hunderevierverständnis eine gewaltige Rolle für die schlechte Lage interdisziplinärer Forschung. Ich weiß noch, dass ich einem von ihnen, einem Buddhismus-Experten namens Freiberger (Göttinger aber jetzt in Austin, Texas) erklärte, dass viele Philosophieprofessoren in Deutschland und in den USA Quereinsteiger sind. Er antwortete mir, dass er sich so etwas nicht vorstellen kann…

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