Against the continental religious-studies mainstream

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Kürzlich las ich Michael Blumes Interview, in dem dieser einen Zusammenhang zwischen Demographie und Religion herstellt: Religiöse Gemeinschaften würden sich reproduzieren, areligiöse Gemeinschaften der Vergangenheit seien stets an Kinderlosigkeit untergegangen.

Blumes Feststellungen erscheinen naheliegend, aber das ist heute nicht mein Thema. Das besagte Interview ist ungewöhnlich in Deutschland insofern, als ein Religionswissenschaftler nicht partikuläre volkskundliche Erkenntnisse verbreitet, sondern einen Strich unter und ein Fazit aus diesen zieht.

Was ich aus der Religionswissenschaft erwarte, ist, der Anthropologie zuzuarbeiten. Die substanziellen zu beantwortenden Fragen sind der Art: Stellt die Religion einen evolutionären Vorteil gegenüber Religionslosigkeit dar? Wie gestaltet sich Rationalität auf dem religiösen Feld aus? Wie unterscheidet sich Religion von anderen Arten des Fürwahrhaltens wie Wissenschaft, Ideologie oder Lebensstil? Wie revidieren wir religiöse Ansichten?

Die Beantwortung von Einzelfragen der Art: Wie fasten die Serben? Was sind die Bestattungsrituale in Kenya? Warum verbrennen sich die Feuerläufer nicht die Füße? sind das Hauptgeschäft der Volkskunde, nicht allerdings der Religionswissenschaft. Sie können freilich nützlich zur Beantwortung der großen Fragen sein, aber betrachtet man sie als DIE religionswissenschaftlichen Fragen, dann bedeutet das eine Absage an die großen Narrative und bringt die gesamte Disziplin in die Nähe der Postmoderne und des Dekonstruktivismus.

Das wäre eher Ideologie als Wissenschaft.

Langadas

I read Michael Blume’s interview (sorry, only in German) the other day. Blume (University of Jena) is a religious-studies scholar who says that there is a connection between religiosity and biological reproduction in human societies. Unlike religious groups, the argument goes, throughout history, groups without a religion didn’t manage to reproduce themselves biologically above the minimum of two children for each couple.

Blume’s claims seem plausible but this is not my point. His interview is uncommon for Germany, a country where religious-studies scholars would rather propagate their observations on the folklore from all over the world. Blume draws a more general conclusion.

What I expect religious studies to do is to assist philosophical anthropology. The substantial questions to ask and answer are of the following kind: Is religion a part of the survival-of-the-fittest pattern? Is rationality one of the main tenets of religion? What is the difference between religious claims and other kinds of claims in an epistemic or doxastic context (science, ideology, life style)? How do we revise religious beliefs?

Providing an answer to questions of the kind: How do Serbs fast? Which are the Kenyan funeral rites? Why don’t firewalkers get burned? are central for folklore studies, not for religious studies. Some answers to questions of this kind can be useful for religious studies, of course, but if religious studies would treat such questions rather than the big questions as central, then any engagement with this discipline would involve a postmodernist and deconstructionist denial of big narratives.

This would be to take religious studies to be an ideology.

Impatientes adversus impatientem

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Das indische Springkraut (Impatiens glandulifera) hat in den Isarauen, wie immer gegen Ende August, eine prächtige Präsenz. Dabei hat es heftige Gegner: Menschen, die wegen der außerordentlichen Verbreitung des Neophyts besorgt sind, zertreten die Pflanzen.

Die Frage ist: besorgt um was? Um die Verdrängung der Brennnessel? Ich selber bin mehr der Brennnessel zugeneigt als dem indischen Springkraut: Nicht zuletzt sind die Brennnesselblätter die Hauptzutat der Brennnesselpitta

Wie ich aber immer wieder beim Pflücken von Brennnesselblättern feststelle, ist die indische Pflanze trotz ihrer Verbreitung nicht in der Lage, die ebenfalls reichen Brennnesselbestände der Isarauen zu gefährden.

Also, um was sind die Leute besorgt? Vielleicht um das ästhetische Bild einer idealisierten bayerischen Natur so um das frühe 19. Jahrhundert herum: vor der Einführung des indischen Springkrauts (aber unbedingt nach der Einführung der Kastanie und der Gemüseampfer)?

Ästhetisches Empfinden und die Bewahrung einer Kulturlandschaft betrachte ich zwar generell als berechtigte Anliegen. Es ist mir auch klar, dass nicht jeder, der gegen die Verbreitung einer Pflanze aus ästhetischen Gründen ist, auch gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus ästhetischen Gründen wäre.

Ich kann trotzdem nicht umhin, bei einer Idealisierung eines Heimatbildes ein slippery slope zu befürchten, das sich auf das Vorherrschen ästhetischer Urteile in der Migrationsproblematik auswirken würde.

Literatur (nicht zu Pflanzen, sondern zum Umgang mit Anderssein in bezug auf Menschen):

M. Dummett (2001), On Immigration and Refugees.

K.R. Popper (1945), Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1, Kap. 9.

Springkraut

Every August, the impatiens glandulifera celebrates triumphs in the riverbanks of the Isar, the river which flows through Munich – in spite of its enemies: these people who destroy the plants out of fear of the invasive neophyte.

It’s true that the impatiens glandulifera competes against nettles with big success. And I have to say that I’m more for nettles than for the Himalaian plant. This nettle pitta recipe is my main reason for this.

Still, whenever I go to the riverbanks to collect nettles and although there would surely have been more nettles if the impatiens glandulifera weren’t there, I fail to see how the presence of nettles could be substantially threatened in the ages to come.

So, what are people really afraid of? My suspicion is that they cannot stand losing the aesthetic image of an idealized Bavarian flora which stems from the 19th century: before the invasion of the impatiens glandulifera (but after the introduction of the chestnut tree and the monk’s rhubarb).

Of course, I do see some point in aesthetics and cultural traditions and I’m aware of the fact that those who are against neophytes for aesthetical reasons wouldn’t be necessarily against immigrants for aesthetic reasons.

However, I cannot help myself fearing that the idealized image of a homeland can bring about a slippery slope argument – aesthetic judgments in the topic of immigration.

Bibliography (not on plants, rather on dealing with otherness in reference to humans):

M. Dummett (2001), On Immigration and Refugees.

K.R. Popper (1945), The Open Society and Its Enemies, Vol. 1, ch. 9.

 

On the very idea of militant provincialism

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An ein Jubiläum möchte ich erinnern: Donald Davidsons Aufsatz “On the Very Idea of a Conceptual Scheme” war ein großer Meilenstein in der von Davidson und Quine bereits einige Zeit davor ins Rollen gebrachten Diskussion über Wahrheit, Interpretation und Übersetzung.

Davidson argumentiert, dass es keinen Sinn ergibt, zwei verschiedenen Sprechern unterschiedliche Verwendungen von Begriffen zu unterstellen. Denn entweder kommunizieren diese erfolgreich, oder, selbst wenn sie aus der Sicht eines Dritten nicht erfolgreich kommunizieren, kommunizieren diese wenigstens nach ihrem eigenen Dafürhalten erfolgreich, solange sie einander als Diskussionspartner akzeptieren – und zwar selbst im Streit.

Leser dieses Blogs wissen, dass ich ein Semester lang in Davidsons Oberseminar in München staunen musste, wie klug dieser Mensch war. Damals konvertierte ich zum Pragmatisten. Es war keine Offenbarung, denn alles hatte ich schon vorher gelesen und Quine und Davidson hatte ich bereits als Student reden gehört. Aber sagen wir, dass ich mit 27 soweit war, den Sprung von meinem bisher heldenverehrenden Kantianismus zum logischen Pragmatismus zu wagen.

Zwanzig Jahre später und vierzig Jahre nach Davidsons Artikel habe ich eine sommerliche griechische Geschichte, die meine damalige Konversion als etwas Naives vorkommen lässt:

Ein paar deutsche Touristinnen haben sich irgendwo an der Ägäis verlaufen und wollen sich nach dem Weg bei einem Einheimischen erkundigen. Sagen wir, dass der erste, den sie treffen, Savvas heißt. Sie stellen ihm die Frage nach dem Weg ins Nachbardorf auf Deutsch aber Savvas versteht sie nicht, da er kein Deutsch versteht. Sie stellen dieselbe Frage auf Englisch, aber Savvas versteht auch kein Englisch. Sie stellen schließlich die Frage auf Französisch, aber Savvas spricht auch kein Französisch. Syros, ein guter Freund von Savvas, betrachtet die Szene aus der Nähe und nachdem die polyglotte Clique in Ratlosigkeit und geknickter Hoffnung weggezogen ist, sagt er:

– Du Savva, wir sollten vielleicht eine Fremdsprache lernen.

Worauf Savvas antwortet:

– Was hätten wir davon? Haben die etwa mit ihren drei Sprachen mit uns kommunizieren können?

Aus der Geschichte ziehe ich in bezug auf Davidsons legendäres Argument eine Lehre. Ja, Davidson zeigt, dass es ein pragmatisches Argument dafür gibt, dass die Sprecher einer Sprache stets kommunikativ bleiben. Aber es gibt folgendes, ebenfalls pragmatisches Argument dagegen. Was Savvas meint ist: “Weder verstehe ich, was ihr sagt, noch bin ich bereit, mich an eure Verwendung von Begriffen anzupassen. Ich bewege mich keinen Millimeter von meinem Kommunikationssystem und ihr müsst euch voll anpassen”. Noch ist es natürlich möglich, dass die Sprecherinnen, die mit Savvas interagieren, das als Herausforderung annehmen. Aber das ist nur unter bestimmten pragmatischen Voraussetzungen möglich, zu denen eine Vorliebe zum Dominiertwerden gehört.

Nicht jeder erfüllt diese Voraussetzung und es ist sogar moralisch unstatthaft, diese Voraussetzung zu erfüllen.

Die Diskussion um das Begriffsschema vor vier Jahrzehnten ließ die Herrschaftsstrukturen der Kommunikation völlig außer Acht. Dass ihre Resultate über den Austausch von Gedanken unter Menschen maßlos optimistisch sind, ist wohl auch davon abhängig. Die Feststellung: “Wir können doch nur reden, wenn ich mich voll aufgebe” ist ein sehr gewöhnlicher Hintergrund misslungener Kommunikation. Kein Savvas motiviert eine polyglotte Clique dazu, sich anzupassen. Im Gegensatz bringt er sie dazu, sich der Kommunikation zu verschließen und woanders ihr Glück zu suchen.

Wenn die Menschen der Meinung sind, jeder Versuch zu kommunizieren sei schade um die Wörter, dann haben sie im Endeffekt verschiedene, weil die Kommunikation schließlich nicht ermöglichende Begriffsschemata.

Conceptual scheme

The year 2014 marks the 40th anniversary since the publication of Donald Davidson’s article “On the Very Idea of a Conceptual Scheme” -a great milestone in the discussion on truth, interpretation and translation which the author together with Quine had launched earlier.

Davidson’s argument was that it doesn’t make sense to assume that any two speakers of any language have two different conceptual schemes as long as they communicate. Either they communicate efficiently or, even if they don’t on your opinion, they must communicate with some efficiency after all, since they consider each other to be a communication partner – and this even if they are in dissent.

Readers of this blog would remember that, for a couple of months, I visited Davidson’s courses in Munich. I was and remain persuaded that he was a very bright person who converted me to pragmatism. No revelation, actually – I had already read a lot and it wasn’t even the first time that I attended some lecture of Quine or Davidson live. Let’s say that in the age of 27 it was about time for me to see the worshipping of heroes as something alien to philosophy. I found logical pragmatism a quite reasonable alternative to Kantianism.

Twenty years later and forty years after the publication of Davidson’s paper I have a Greek summer tale which makes my back-then conversion seem naive:

A couple of German tourists lose their way somewhere in the Aegean. The first native who comes by happens to be a person, let’s call him Savvas, who understands only his mother tongue. The tourists ask for the way in German to receive, of course, no answer. Their question in English remains also unanswered. Finally, they ask in French – with the same result. Syros, Savvas’s good friend, observes the scene and, after the tourists go on their way of which they don’t know if it gets them where they want to get, he remarks:

– Savva, we should learn a foreign language.

To which Savvas replies:

– What would be the benefit of doing so? Did their three languages enable them to communicate with us?

The lesson to be learned from the story – a lesson pertaining to Davidson’s legendary argument – is the following: Yes, Davidson shows that there is an argument from pragmatics for the conclusion that there are no speakers of any language who would be divided into different conceptual schemes. At the same time, there is, however, an argument from pragmatics against this. Let’s dwell on what Savvas means in plain text: “I don’t understand what you say and I’m not willing to adapt to your usage of concepts. I won’t budge an inch from my stance and you have to fully adapt to my standard”. This leaves the possibility open that the speakers who interact with Savvas take the challenge. However, this is only possible on a series of pragmatic conditions one of which is a preference in being dominated.

Not everyone fulfils this condition. Besides, fulfilling it, is generally held to be morally false.

The conceptual-scheme debate has left issues concerning communication as a power structure unaddressed. I think that this is to blame for the overoptimistic results of the debate. Against these results, realizing that “We can only talk if I totally deny myself” lies on the basis of failed communication. The Savvas’s of this world wouldn’t motivate anyone to adjust. Rather they would make them quit and try to get happy somewhere else.

Finding the attempt to communicate pointless is, after all, having different, because effectively not communication enabling conceptual schemes.

Esse et videri

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Wer seine Dissertation bei Kluwer, de Gruyter, Oxford University Press oder Routledge untergebracht hat, der ist wer; wer nicht, der gilt bestenfalls als nicht professorabler Typ mit interessanten Gedanken – so der neue Trend.

Die Markenverlage – mit ihrer von der Wissenschaft unabhängigen Programmpolitik – fungieren als Gütezeichen für faule Gutachter. Denn, wenn das Buch bei den genannten Verlagen erschien, muss es gut sein, und da braucht der Gutachter nicht gründlich zu lesen – so jedenfalls der Mainstream.

Einerseits ist das kein Grund zum Ärgernis, wenn man bedenkt, dass Klamotten mit Krokodils-, Medusenkopf- und Pferd-mit-Jockey-Signet ähnlich beurteilt werden.

Nur: Hinter dem Wissenschaftsbetrieb sollte man eine andere Denkungsart vermuten dürfen als hinter dem Konsum von Modeklamotten.

Zum Vergleich: Karl Poppers Diss (Zur Methodenfrage der Denkpsychologie, Uni Wien, 1928) ist immer noch unveröffentlicht und Quines und Davidsons Dissertationen (The Logic of Sequences, Uni Harvard, 1932; Plato’s Philebus, Uni Harvard, 1949) erschienen erst 1990 bei einem Verlag, als die Autoren bereits weltweit berühmt waren.

Verlage und Klamotten

The new trend is that the ones whose PhD theses get published in Kluwer, de Gruyter, Oxford University Press and Routledge are on the route to a tenured position before they even thought of staying in academia. The others are guys with interesting thoughts.

The agenda of topbrand publishers is not controlled by a quality-assurance procedure which would be worthy of science’s dignity. However, lazy members of appointment committees see the publisher’s logo as a sign of scientific probity – and as something which spares them the pain of reading carefully.

When I think that this is exactly the way in which the consumer behaves towards clothing items with crocodiles, Medusa heads and horses with jockeys on them, I fail to find a reason to wrangle over appointment committees.

However, scientific probity should be a realm with standards different than those which are predominant in shopping malls.

A comparison with good old times: Karl Popper’s PhD thesis (Zur Methodenfrage der Denkpsychologie, University of Vienna, 1928) is still unpublished today. Quine’s und Davidson’s PhD theses (The Logic of Sequences, Harvard, 1932; Plato’s Philebus, Harvard, 1949) were published only in 1990 after both authors had long become worldwide celebrated philosophers.

Pizzeria il paradosso

Aristotelian Pizzeria

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Es ist ein alter Streit, der Streit darüber, ob Aristoteles in Sophistici Elenchi 167 a 7-8 und 180 a 27-b 7 eine Lösung der Lügnerparadoxie vorschlägt (“Ich lüge jetzt” – wenn das wahr ist, dann ist es falsch, weil ich lüge; wenn es falsch ist, dann ist es wahr, weil ich nicht lüge). Aristoteles spricht an ersterer Stelle gar nicht von der Lügnerparadoxie, sondern von einem Inder, der – so die Aussage – weiß sein soll. Aristoteles befindet, dass der Inder in bezug auf seine Zähne tatsächlich weiß ist, in bezug auf seine Haut jedoch nicht weiß ist. Fazit: Der Satz “Der Inder ist weiß” sei wahr oder falsch je nachdem, in bezug auf was (“πρóς τι” – “secundum quid”) er gelten solle. Laut einer Interpretation würde Aristoteles hier andeuten, auch der Satz “Ich lüge jetzt” wäre in bezug auf einen anderen Satz entweder wahr oder falsch, den ich ebenfalls jetzt ausspreche.

Ich bin (gegen Read und Dutilh-Novaes) gegen diese Interpretation. Wenn ich jetzt gar keinen anderen Satz ausspreche, dann gibt es gar keinen Sinn secundum quid der Satz “Ich lüge jetzt” wahr oder falsch sein könnte. Und wahr oder falsch simpliciter ist er sowieso nicht. Es ist unwohlwollend, ausgerechnet Aristoteles eine stumpfsinnige Lösung der Lügnerparadoxie zuzuschieben, zumal er in den Passagen, in denen er angeblich die Lügnerparadoxie besprechen würde, diese gar nicht explizit erwähnt!!!

Wenn eine Lösung aristotelisch genannt werden kann, dann die finitistische. Kein Satz kann ad infinitum analysiert werden und ad infinitum wahr-falsch-wahr-falsch-wahr-falsch usw. sein. Aristoteles meinte tatsächlich, dass die Unendlichkeit nichts Aktuelles ist. D.h. dass der Satz “Ich lüge jetzt” wahr-und-falsch ist, ein plumper Widerspruch also, weil er sich als solcher nach endlichen Schritten der Analyse ergibt: wahr in jedem Schritt von gerader bzw. falsch in jedem Schritt von ungerader Ordinalität, wenn der erste Schritt die Annahme war, dass der Satz falsch war; falsch in jedem Schritt von gerader Ordinalität bzw. wahr in jedem Schritt von ungerader Ordinalität nach der entgegengesetzten Annahme.

Dass der Satz “Ich lüge jetzt” ein Widerspruch ist, ist nur bedingt eine Lösung der Lügnerparadoxie. Er ist jedenfalls kein formaler Widerspruch… Vielleicht deshalb wird sie von seriösen Logikern nie im Ernst erwogen. Selbst Aristoteles diskutiert sie nicht, obwohl sie nur eine natürliche Konsequenz dessen wäre, was Aristoteles glaubte.

Mein Pizzabäcker in Ismaning bei München vertritt aber den Finitismus auf dem Deckel seiner Pizza-Boxen. Aufmerksamen Lesern und Beobachtern wird das sicherlich auch auffallen.

ENOUGH WITH SCROLLING

It is an old quarrel: did Aristotle in Sophistical Refutations 167 a 7-8 and 180 a 27-b 7 propose a solution of the Liar paradox? (“I am lying” – if truly then falsely since I am a liar; but if falsely, then truly since I’m not a liar). In the first passage, Aristotle does not speak about lying but about an Indian who is supposed to be white. Aristotle says that this is true in reference to the Indian’s teeth but false in reference to the Indian’s skin. Aristotle concludes that the truth of the sentence “The Indian is white” is dependent upon its pertaining to something (“πρóς τι” – “secundum quid”) like his teeth or his skin. According to an interpretation Aristotle insinuates here that the truth of the sentence “I am lying” is also dependent on the truth or the falsity of another sentence which I am uttering at the same time.

Against Read und Dutilh-Novaes, I oppose to this interpretation the following counter-arguments: if I am not uttering another sentence then there is no other sentence secundum quid the sentence “I am lying” would be true or false. And, certainly, it is not true or false simpliciter either. Apart of the malevolence of the attribution of a stultifying solution of the Liar Paradox to Aristotle, Aristotle didn’t even mention this paradox in the passages in which he is supposed to solve it!!!

There is a solution of the Liar Paradox which I would call Aristotelian: the finitist. Aristotle doesn’t launch it but it is a natural consequence of everything he believed in: no sentence can be analyzed ad infinitum to be found to be true-false-true-false-true-false etc. Aristotle thought that the infinite is something which exists only potentially. This would make the sentence “I am lying” a contradiction since it turns out to have both truth values after finite steps: true in every step of even ordinality and false in every step of odd ordinality if the first step was the assumption that the sentence was false. And false in every step of even ordinality and true in every step of odd ordinality under the opposite assumption.

“I am lying” as a contradiction… Not a great solution if you ask me… After all it is not a formal contradiction – which is probably the main reason for which serious logicians do not discuss it.

But there is this pizzeria near Munich which propagates the finitist solution of semantic paradoxes on its pizza boxes. That the pizza box above is philosophically finitistic and Aristotelian will not escape the mind of attentive readers of this blog.

Death, the great equaliser: Christianity on the Middle Nile

Byzantium in Sudan

British Museum blog

Julie Anderson, Assistant Keeper (curator), British Museum

A herd of Sudanese camels (photograph A herd of Sudanese camels (photograph J. Anderson)

People are often surprised to discover that two of the largest Christian kingdoms in the medieval world were in Sudan in northeast Africa. Ibn Selim Al-Aswani, an Arab traveller, visited Sudan in the 10th century AD and described the region north of Old Dongola, capital of the medieval kingdom of Makuria, situated roughly 750 kilometres upstream of Aswan Egypt, as an area of ‘about thirty villages, with beautiful buildings, churches and monasteries, many palm-trees, vines, gardens, cultivated fields and broad pastures on which one can see camels’.

Further to the south, Soba East, capital of the medieval kingdom of Alwa, located near modern-day Khartoum, was said to have ‘fine buildings and large monasteries, churches rich with gold and gardens’. This conjures up quite a romantic picture of medieval Sudan and provides us with an insight…

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Syllabus errorum

Heckl

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Schule und wir” ist eine Publikation des Bayerischen Kultusministeriums, die von Abertausenden von Eltern gelesen wird.

Das zweite Heft des Jahres 2014 enthielt u.a. sehr interessante Stellungnahmen zur inklusiven Pädagogik. Deshalb ist es umso unverständlicher, dass das oben abgebildete Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Heckl auf der Rückseite abgedruckt werden konnte. Ich finde, dass dieses Interview alle Vorurteile des Pädagogen gegenüber pädagogischem Analphabetismus bedient.

Was es da nicht alles angedeutet wird! Dass das wichtigste im Schulwesen die Schulnoten wären; dass Bullying als “Schulstreich” ginge; dass die Bestimmung der Cleveren darin läge, viel Geld zu verdienen. Die Feststellung am Ende des Interviews klingt nur grotesk und heuchlerisch.

Heckl ist Generaldirektor des Deutschen Museums und Inhaber eines Lehrstuhls für Wissenschaftskommunikation an der TUM. Insofern wäre er das deutsche Pendant zu Richard Dawkins

Die britische Bildung ist bestimmt nicht so viel besser als die deutsche. Es ist eher der Vergleich Dawkins-Heckl, der einfach ungünstig ist.

 

ENOUGH WITH SCROLLING

Schule und wir” is a publication of the Bavarian Ministry of Culture. Hundreds of thousands of parents read every issue.

Among other things, the second issue of the year 2014 contained some very interesting approaches to inclusion in education.

However, on the back cover one can read professor Wolfgang Heckl’s interview which manages to justify every stereotype which the education expert has towards the pedagogical illiteracy of unreflected people.

The best farce I have done at school was when we closed another student in the closet. During the instruction he started making noise. The teacher got panicked.

My parents were not supposed to know that I earned so much money with giving lessons.

I began in the fifth class with an E in Latin and finished school with the best grade ever – until now.

Since also students read the publication and since these interviews are about to portray people to imitate, I can imagine that teachers cannot quite as easily persuade their students that bullying is evil; that education is not about earning money; that education does not consist in marks. Heckl makes me wonder if he read what he wrote/said in his interview, when he concludes:

Education should enable people to make a picture of this world.

Heckl is the general director of the Deutsches Museum and professor of Science Communication at the Technical University of Munich – which makes him a counterpart of Richard Dawkins

No, the British education is not so much better than the German. It’s probably just the comparison between Dawkins and Heckl which is unfavourable.

The ethics of eating

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Die Herausforderung bestand darin, unsere israelischen Freunde, mit denen wir drei Jahre lang untrennbar waren, am Vorabend ihrer endgültigen Rückkehr nach Haifa mit einer möglichst traditionellen griechischen Kakavia und Retsina zu verabschieden. Es wurde ein langer und unvergesslicher Abend für uns Erwachsenen und auch für die Kinder.

Aber mir geht’s heute ums Essen: Das ursprüngliche Rezept so zu variieren, dass es koscher wurde (keine Garnelen, keine Krebse, keine Muscheln), war die leichte Aufgabe, die lediglich eine Kompromissbereitschaft auf christlicher Seite erforderte. Es gab freilich wie so oft in den letzten drei Jahren auch Kompromisse auf jüdischer Seite. Zum Beispiel würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen, dass in der Schale mit dem Feta-Käse nie vorher Fleisch lag. Eigentlich könnte ich nicht schwören, dass das kein Schweinefleisch gewesen war…

Die philosophische Fachliteratur zum Thema Essen stellt einen besonderen Aspekt der Moralphilosophie dar. Vor nicht allzulanger Zeit sind z.B. folgende Werke erschienen: Fritz Althoff/Dave Monroe, Food and Philosophy, Oxford: Blackwell, 2007; David Kaplan (ed.), The Philosophy of Food, Berkeley et al.: University of California Press, 2012. Sie besprechen u.a. Themen wie Nachhaltigkeit, Essstörungen und Tierrechte.

Ein Geflecht aus ethischen Positionen über Essgewohnheiten machen z.B. die Argumente für die moralische Überlegenheit des Vegetarismus aus. Wenn es keine klare Trennung gibt zwischen der Erfahrung eines Tiers und dem Bewusstsein beim Menschen, erscheint es wenigstens gerechtfertigt, dass Tiere nicht gegessen werden dürfen, wenn Menschen ebenfalls nicht gegessen werden dürfen. Diese Argumente können durch umwelttechnische und gesundheitliche Bedenken in Anbetracht auf die heutige Viehzucht untermauert werden.

Neben diesem säkularen und zeitgenössischen philosophischen Diskurs gibt es natürlich die zumeist genauso gut reflektierten und moralisch gerechtfertigten Essensvorschriften der alten philosophischen und religiösen Tradition. Koscheres Essen, Halal, christliches Fasten – in seinen verschiedenen Auffassungen in katholischer und orthodoxer Kirche – verleihen dem Gedanken Ausdruck, dass eine Reglementierung der Essgewohnheiten einen zum besseren Menschen macht – ja den Genuss erhöht. Ein anderer Bereich des Alltagslebens, in den die Relgion mit denselben Zielen eingreift, ist natürlich die Sexualität.

Einen Unterschied zwischen reflektierter Selbsteinschränkung beim Essen, “weil die Tiere ein Bewusstsein haben” einerseits und aus göttlichen oder kirchlichen Vorschriften andererseits gibt es durchaus. Aber – und das ist eine große Lehre aus dem naturalistischen Fehlschluss – die Güte der Vorschriften ist nicht davon abhängig, was der Vorschreibende als Faktum betrachtet. Wenn sich die einen verpflichtet fühlen, kein Fleisch zu essen, weil die Tiere ein Bewusstsein hätten, fühlen sich die anderen verpflichtet, keine Garnelen zu essen, weil sie nicht koscher sind, oder in den ersten beiden August-Wochen vegan zu essen, weil die Muttergottes vor ihrer Himmelfahrt zwei Wochen lang gefastet hat. Säkulare, politische Bedenken vergrößern nicht die Rechtmäßigkeit einer modernen Essensvorschrift gegenüber den traditionellen Essensvorschriften der Religiösen.

Reflektiertes Essen kann eine große Freude und eine philosophische Tugend sein, zudem eine, die auf die Pythagoreer zurückgeführt werden kann. Auf gesellschaftlicher Ebene hat es allerdings bedenkliche Seiten. Wenn der Wille, dem anderen entgegenzukommen und auf das Eigene teilweise zu verzichten, nicht vorhanden ist, festigen die philosophisch oder religiös gerechtfertigten Essgewohnheiten eine Apartheid zwischen Gemeinden. Wer den eigenen Vorschriften zum moralischen Essen immer treu bleibt, kann Andersdenkende fast niemals zum Essen einladen – nicht jedenfalls, wenn diese ebenfalls dem Eigenen immer treu bleiben wollen. Insbesondere in bezug auf griechisch-orthodoxe und benachbarte jüdische Gemeinden am Mittelmeer musste ich in den letzten drei Jahren oft denken, dass viele Jahrhunderte diätetischer Vorschriften nur ein Ziel hatten: gegenseitige Einladungen unmöglich zu machen.

Der Wunsch, Berührungsängste abzubauen, macht die interrreligiöse Theologie immer wichtiger. Hier und da macht sich diese bereits bemerkbar.

Halal

Our Israeli friends left Germany to their home after three years of a very close friendship and we wanted to say our goodbyes with a Greek kakavia and white wine. To say it in advance, it became a long and unforgettable evening, for us and for the children.

Getting back to the food, modifying the traditional kakavia-recipe to make it kosher (avoid prawns, crabs and mussels) was an easy task and a compromise from the Christian side, of course, but, like so often in the three past years, there were compromises from the Jewish side as well: for example, I couldn’t swear that there had never been any meat in the salad plates where, among others, the feta cheese was placed. In fact, I couldn’t even swear that this meat hadn’t been pork…

The philosophy-of-food bibliography is a very special aspect of moral philosophy. Let me mention only two recent titles: Fritz Althoff/Dave Monroe, Food and Philosophy, Oxford: Blackwell, 2007; David Kaplan (ed.), The Philosophy of Food, Berkeley et al.: University of California Press, 2012. The prevailing issues in this context are sustainability, eating disorders, animal rights.

To mention only one aspect of modern reflecting on our eating habits: moral vegetarians argue for the moral superiority of vegetarianism and they do have a point there if you consider that there is not a clear cut between an animal’s experience of the world and human consciousness, not to mention the environmental and health issues pertaining to our present practices of growing animals.

But, of course, there’s also a traditional philosophy of eating, interwoven with religious practices and different for every culture. Kosher or halal food, Christian fasting – in different shades for the Catholic and the Eastern Orthodox – are reflecting the idea that eating is an important realm of everyday life in which – for some reason – self-control makes you a better person and, in fact, makes you enjoy more. A further realm of this kind on which religions also focus, is, of course, sexuality.

Certainly, there is a difference in the importance of reflection between self-controlling because “animals have a consciousness” and because of some divine or church prescription. But – and this is a great lesson from the naturalistic fallacy – you cannot call prescriptions better justified because of – what you consider to be – a fact. I conclude that, if the one is justified to avoid eating meat because animals have a consciousness, then the other is equally justified to avoid eating shrimps because they are not kosher or to have an essentially vegan diet in the two first weeks of August because Mother Mary fasted two weeks before her dormition. Those who eat according to secular, political concerns are not better off in justifying their diet than the religious.

Reflected eating can be a great joy and a philosophical habit which goes back to the Pythagoreans. But, on the social level, it has also dubious sides. Unless there is the will to make concessions, eating philosophically or religiously consolidates an apartheid between communities. Being always faithful to the ethical-eating premises of your own community means that you can almost never invite for lunch an outsider who wants to remain faithful to his own ethical-eating premises. In the case of communities like the Greek-Orthodox and the Jews who had been living next door for centuries around the Mediterranean, I had enough evidence in the last time to believe that dietetic prescriptions throughout the year were made just in order to make invitations for lunch impossible.

I think that the future trend to object to the reservations of the past will be the increasing importance of an interfaith theology. One can already see this trend evolving here and there.