The ethics of eating

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Die Herausforderung bestand darin, unsere israelischen Freunde, mit denen wir drei Jahre lang untrennbar waren, am Vorabend ihrer endgültigen Rückkehr nach Haifa mit einer möglichst traditionellen griechischen Kakavia und Retsina zu verabschieden. Es wurde ein langer und unvergesslicher Abend für uns Erwachsenen und auch für die Kinder.

Aber mir geht’s heute ums Essen: Das ursprüngliche Rezept so zu variieren, dass es koscher wurde (keine Garnelen, keine Krebse, keine Muscheln), war die leichte Aufgabe, die lediglich eine Kompromissbereitschaft auf christlicher Seite erforderte. Es gab freilich wie so oft in den letzten drei Jahren auch Kompromisse auf jüdischer Seite. Zum Beispiel würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen, dass in der Schale mit dem Feta-Käse nie vorher Fleisch lag. Eigentlich könnte ich nicht schwören, dass das kein Schweinefleisch gewesen war…

Die philosophische Fachliteratur zum Thema Essen stellt einen besonderen Aspekt der Moralphilosophie dar. Vor nicht allzulanger Zeit sind z.B. folgende Werke erschienen: Fritz Althoff/Dave Monroe, Food and Philosophy, Oxford: Blackwell, 2007; David Kaplan (ed.), The Philosophy of Food, Berkeley et al.: University of California Press, 2012. Sie besprechen u.a. Themen wie Nachhaltigkeit, Essstörungen und Tierrechte.

Ein Geflecht aus ethischen Positionen über Essgewohnheiten machen z.B. die Argumente für die moralische Überlegenheit des Vegetarismus aus. Wenn es keine klare Trennung gibt zwischen der Erfahrung eines Tiers und dem Bewusstsein beim Menschen, erscheint es wenigstens gerechtfertigt, dass Tiere nicht gegessen werden dürfen, wenn Menschen ebenfalls nicht gegessen werden dürfen. Diese Argumente können durch umwelttechnische und gesundheitliche Bedenken in Anbetracht auf die heutige Viehzucht untermauert werden.

Neben diesem säkularen und zeitgenössischen philosophischen Diskurs gibt es natürlich die zumeist genauso gut reflektierten und moralisch gerechtfertigten Essensvorschriften der alten philosophischen und religiösen Tradition. Koscheres Essen, Halal, christliches Fasten – in seinen verschiedenen Auffassungen in katholischer und orthodoxer Kirche – verleihen dem Gedanken Ausdruck, dass eine Reglementierung der Essgewohnheiten einen zum besseren Menschen macht – ja den Genuss erhöht. Ein anderer Bereich des Alltagslebens, in den die Relgion mit denselben Zielen eingreift, ist natürlich die Sexualität.

Einen Unterschied zwischen reflektierter Selbsteinschränkung beim Essen, „weil die Tiere ein Bewusstsein haben“ einerseits und aus göttlichen oder kirchlichen Vorschriften andererseits gibt es durchaus. Aber – und das ist eine große Lehre aus dem naturalistischen Fehlschluss – die Güte der Vorschriften ist nicht davon abhängig, was der Vorschreibende als Faktum betrachtet. Wenn sich die einen verpflichtet fühlen, kein Fleisch zu essen, weil die Tiere ein Bewusstsein hätten, fühlen sich die anderen verpflichtet, keine Garnelen zu essen, weil sie nicht koscher sind, oder in den ersten beiden August-Wochen vegan zu essen, weil die Muttergottes vor ihrer Himmelfahrt zwei Wochen lang gefastet hat. Säkulare, politische Bedenken vergrößern nicht die Rechtmäßigkeit einer modernen Essensvorschrift gegenüber den traditionellen Essensvorschriften der Religiösen.

Reflektiertes Essen kann eine große Freude und eine philosophische Tugend sein, zudem eine, die auf die Pythagoreer zurückgeführt werden kann. Auf gesellschaftlicher Ebene hat es allerdings bedenkliche Seiten. Wenn der Wille, dem anderen entgegenzukommen und auf das Eigene teilweise zu verzichten, nicht vorhanden ist, festigen die philosophisch oder religiös gerechtfertigten Essgewohnheiten eine Apartheid zwischen Gemeinden. Wer den eigenen Vorschriften zum moralischen Essen immer treu bleibt, kann Andersdenkende fast niemals zum Essen einladen – nicht jedenfalls, wenn diese ebenfalls dem Eigenen immer treu bleiben wollen. Insbesondere in bezug auf griechisch-orthodoxe und benachbarte jüdische Gemeinden am Mittelmeer musste ich in den letzten drei Jahren oft denken, dass viele Jahrhunderte diätetischer Vorschriften nur ein Ziel hatten: gegenseitige Einladungen unmöglich zu machen.

Der Wunsch, Berührungsängste abzubauen, macht die interrreligiöse Theologie immer wichtiger. Hier und da macht sich diese bereits bemerkbar.

Halal

Our Israeli friends left Germany to their home after three years of a very close friendship and we wanted to say our goodbyes with a Greek kakavia and white wine. To say it in advance, it became a long and unforgettable evening, for us and for the children.

Getting back to the food, modifying the traditional kakavia-recipe to make it kosher (avoid prawns, crabs and mussels) was an easy task and a compromise from the Christian side, of course, but, like so often in the three past years, there were compromises from the Jewish side as well: for example, I couldn’t swear that there had never been any meat in the salad plates where, among others, the feta cheese was placed. In fact, I couldn’t even swear that this meat hadn’t been pork…

The philosophy-of-food bibliography is a very special aspect of moral philosophy. Let me mention only two recent titles: Fritz Althoff/Dave Monroe, Food and Philosophy, Oxford: Blackwell, 2007; David Kaplan (ed.), The Philosophy of Food, Berkeley et al.: University of California Press, 2012. The prevailing issues in this context are sustainability, eating disorders, animal rights.

To mention only one aspect of modern reflecting on our eating habits: moral vegetarians argue for the moral superiority of vegetarianism and they do have a point there if you consider that there is not a clear cut between an animal’s experience of the world and human consciousness, not to mention the environmental and health issues pertaining to our present practices of growing animals.

But, of course, there’s also a traditional philosophy of eating, interwoven with religious practices and different for every culture. Kosher or halal food, Christian fasting – in different shades for the Catholic and the Eastern Orthodox – are reflecting the idea that eating is an important realm of everyday life in which – for some reason – self-control makes you a better person and, in fact, makes you enjoy more. A further realm of this kind on which religions also focus, is, of course, sexuality.

Certainly, there is a difference in the importance of reflection between self-controlling because „animals have a consciousness“ and because of some divine or church prescription. But – and this is a great lesson from the naturalistic fallacy – you cannot call prescriptions better justified because of – what you consider to be – a fact. I conclude that, if the one is justified to avoid eating meat because animals have a consciousness, then the other is equally justified to avoid eating shrimps because they are not kosher or to have an essentially vegan diet in the two first weeks of August because Mother Mary fasted two weeks before her dormition. Those who eat according to secular, political concerns are not better off in justifying their diet than the religious.

Reflected eating can be a great joy and a philosophical habit which goes back to the Pythagoreans. But, on the social level, it has also dubious sides. Unless there is the will to make concessions, eating philosophically or religiously consolidates an apartheid between communities. Being always faithful to the ethical-eating premises of your own community means that you can almost never invite for lunch an outsider who wants to remain faithful to his own ethical-eating premises. In the case of communities like the Greek-Orthodox and the Jews who had been living next door for centuries around the Mediterranean, I had enough evidence in the last time to believe that dietetic prescriptions throughout the year were made just in order to make invitations for lunch impossible.

I think that the future trend to object to the reservations of the past will be the increasing importance of an interfaith theology. One can already see this trend evolving here and there.

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