Against the continental religious-studies mainstream

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Kürzlich las ich Michael Blumes Interview, in dem dieser einen Zusammenhang zwischen Demographie und Religion herstellt: Religiöse Gemeinschaften würden sich reproduzieren, areligiöse Gemeinschaften der Vergangenheit seien stets an Kinderlosigkeit untergegangen.

Blumes Feststellungen erscheinen naheliegend, aber das ist heute nicht mein Thema. Das besagte Interview ist ungewöhnlich in Deutschland insofern, als ein Religionswissenschaftler nicht partikuläre volkskundliche Erkenntnisse verbreitet, sondern einen Strich unter und ein Fazit aus diesen zieht.

Was ich aus der Religionswissenschaft erwarte, ist, der Anthropologie zuzuarbeiten. Die substanziellen zu beantwortenden Fragen sind der Art: Stellt die Religion einen evolutionären Vorteil gegenüber Religionslosigkeit dar? Wie gestaltet sich Rationalität auf dem religiösen Feld aus? Wie unterscheidet sich Religion von anderen Arten des Fürwahrhaltens wie Wissenschaft, Ideologie oder Lebensstil? Wie revidieren wir religiöse Ansichten?

Die Beantwortung von Einzelfragen der Art: Wie fasten die Serben? Was sind die Bestattungsrituale in Kenya? Warum verbrennen sich die Feuerläufer nicht die Füße? sind das Hauptgeschäft der Volkskunde, nicht allerdings der Religionswissenschaft. Sie können freilich nützlich zur Beantwortung der großen Fragen sein, aber betrachtet man sie als DIE religionswissenschaftlichen Fragen, dann bedeutet das eine Absage an die großen Narrative und bringt die gesamte Disziplin in die Nähe der Postmoderne und des Dekonstruktivismus.

Das wäre eher Ideologie als Wissenschaft.

Langadas

I read Michael Blume’s interview (sorry, only in German) the other day. Blume (University of Jena) is a religious-studies scholar who says that there is a connection between religiosity and biological reproduction in human societies. Unlike religious groups, the argument goes, throughout history, groups without a religion didn’t manage to reproduce themselves biologically above the minimum of two children for each couple.

Blume’s claims seem plausible but this is not my point. His interview is uncommon for Germany, a country where religious-studies scholars would rather propagate their observations on the folklore from all over the world. Blume draws a more general conclusion.

What I expect religious studies to do is to assist philosophical anthropology. The substantial questions to ask and answer are of the following kind: Is religion a part of the survival-of-the-fittest pattern? Is rationality one of the main tenets of religion? What is the difference between religious claims and other kinds of claims in an epistemic or doxastic context (science, ideology, life style)? How do we revise religious beliefs?

Providing an answer to questions of the kind: How do Serbs fast? Which are the Kenyan funeral rites? Why don’t firewalkers get burned? are central for folklore studies, not for religious studies. Some answers to questions of this kind can be useful for religious studies, of course, but if religious studies would treat such questions rather than the big questions as central, then any engagement with this discipline would involve a postmodernist and deconstructionist denial of big narratives.

This would be to take religious studies to be an ideology.

4 thoughts on “Against the continental religious-studies mainstream

  1. Lieber Stamatios,
    warum nur sehe ich das teilweise genau umgekehrt? „Volkskunde“ ist hier ja eindeutig ein negativer Begriff. Vielleicht kein Zufall, dass sich nur noch wenige Kulturwissenschaftler so nennen. Was an Postmoderne und Dekonstruktivismus schlecht sein soll, erschließt sich mir nicht. Wohl aber versteht gerne jede(r) darunter etwas anderes.
    Also hier sei Postmoderne eine philosophische Strömung, die sich mit Bedingungen der Möglichkeiten moderner Wissenschaft kritisch auseinandersetzte und dabei Probleme herausarbeitete, welche unhinterfragte Vorannahmen „der Moderne“ herausstellte. „Große Erzählungen“ sind dabei eines dieser Problemfelder. Dekonstruktivismus ist eigentlich eine Interpretationsmethode von Literatur nach De Man / Derrida, und ich vermute, das Wort gehört hier eigentlich nicht her, ist mehr eine polemische Andeutung, die mit den genannten Autoren herzlich wenig zu tun hat, und mehr so eine Abwehr von „Spielverderbern“ darstellt (Was? Religion soll kein Phänomen sui generis sein?). „Postmoderne“ war nie als Aufforderung gedacht, Beliebiges als Wissenschaft zu rekombinieren. Wohl aber gibt es dieses Missverständnis in der Rezeption von Anfang an.

    Keine großen Fragen zu stellen: Das hat also Gründe. Gute Gründe. Und sicher müsste man das auch an Michaels Hypothese prüfen. Da jetzt die Stelle ist, über den Religionsbegriff zu stolpern und in eine aporetische Endlosschleife zu geraten, noch ein kurzer Nachsatz vom anderen Ende her gedacht:

    Sicherlich nehme auch ich das so wahr, dass Stückwerk z.B. n-tv nicht interessiert, diese begrenzten Fragestellungen eher wie eine fortlaufende Kommentar-Kultur zu den kritisierten „modernen“ Klassikern (man denke an unsere geliebten Religionsphänomenologen) wirken, und möglicherweise diese Art der Bewältigung des Problems langfristig nicht hilfreich ist.

    Aber auf der anderen Seite so zu tun, als ob das alles nur Scheinprobleme wären und man vielleicht getrost wieder zurückgehen könnte zu der Herangehensweise der großen Erzähler mit ihren großen Fragen: Genau DAS wäre eher Ideologie und keine Wissenschaft.

    • Lieber Christoph,
      ich bin glücklich! Endlich gab mir jemand zu, dass es zwischen der cognitive science of religion bzw. der phänomenologischen Religionswissenschaft einerseits und der „kontinentalen“ Religionswissenschaft andererseits einen tiefen Graben gibt. Die Bezeichnung „kontinental“ habe ich mir in Anlehnung an die Kontinentalphilosophie ausgedacht. Ich wünsche meiner terminologischen Neuerung ein langes Wirken.
      Die Einigung ist kein Selbstzweck und die „Friede-Freude-Eierkuchen“-Mentalität ist ein Verrat an der Wissenschaftlichkeit eines Faches. Den Dissens gab es schon länger. Wenn er aber nie ausgesprochen wird, dann kann sich der Mainstream anmaßen, nicht die Andersheit, sondern die Qualität des Anderen wäre das, was ihn stört.
      Zum Schluss das Selbstverständliche: Ich respektiere Deine Meinung und wünsche, wir könnten mal darüber diskutieren.

  2. Gerne bin ich auch immer für einen Kaffee zu haben und würde das gerne auch face to face diskutieren. Vorerst aber will ich hier noch etwas Senf zum Eierkuchen geben.

    Sicherlich auch von meiner Warte aus streitbar ist dieser kleine Abschnitt eines meiner ersten Blog-Artikel für REMID:

    International ist zudem die versiert konfessionslose Religionswissenschaft eher ein Sonderfall, der insbesondere in Deutschland, der Schweiz, den skandinavischen Länder sowie teilweise England, an manchen Universitäten der USA, den Niederlanden, in Israel, der Tschechei, Irland und vielleicht in Ungarn, China und Japan begegnet (sofern dieser Umstand auf den Internetseiten der Institute auszumachen ist). Die überhaupt außerhalb von Deutschland, Skandinavien, Amerika, England und der Schweiz nicht sehr weit gesäte Religionswissenschaft pendelt in englischer Sprache daher auch zwischen „study of religions“ und „religious studies“, was manchmal auch inhaltlich einen Unterschied ums Ganze bedeuten kann. Andere Länder wie z.B. Frankreich überlassen das Gebiet gänzlich der Religionssoziologie, was aber auch bedeutet, dass es in Frankreich etwa so gut wie keine Forschung zu neuen religiösen Bewegungen gibt. (04. Juni 2011: Religionswissenschaft im Aufwind?)

    Vielleicht erregt diese Sammlung von Behauptungen drei Jahre später nun Widerspruch? Was habe ich da schon für Kenntnisse? Ein paar Tagungen mit internationalen Gästen? Damals 2006 Mitorganisation des ersten internationalen Studierendensymposiums? Ein Pflichtseminar in engl. Sprache zu Magisterzeiten „Neuere Fachliteratur in modernen Fremdsprachen“, wo ich polemisch referierte über „Constraints, Hirnzentren und Basic Desires – Oder die Bannsprüche von drei Weisen aus dem Land der Psychologie“ (Robert N. McCauley: Overcoming barriers to a cognitive psychology of Religion, Frederic H. Peters: Neurophenomenology, Steven Reiss: The sixteen strivings for God)? Internetrecherchen und Leseeindrücke? Ich habe also nur Indizien. Aber ich bleibe am Ball. Zygon, wo Reiss publizierte, und REMID folgen sich gegenseitig auf Twitter – unabhängig davon, dass ich Zygon als religionspolitischen Akteur wahrnehme, der Religion und Wissenschaft irgendwie zusammenbringen möchte.

    Insofern sehe ich übrigens nicht uns Outlaws über den Atlantikgraben walken, sondern vermute eine andere Grenze, die übrigens sehr viel mit philosophischen Schulen (insb. auch Pragmatismus) zu tun haben dürfte. Ein Umstand, der sich angesichts des Erfolges von Pragmatismus als Haltung vermutlich nicht nur bei konfessionslosen europäischen Jugendlichen (vgl. Grafik ganz unten im Interview mit Arik Platzek) wahrscheinlich generationenbedingt bereinigen wird, zu Ungunsten dessen, was hier als „good old continental religious-studies mainstream“ verhandelt wird (die sich aber immer ungern „religious studies“ nannte, eher „study of religions“ oder am liebsten was mit „science“).
    Klar, wie die angedeuteten „Bannsprüche“ andeuten, sehe ich da eher eine pragmatistisch begünstigte Abwehr von Erkenntissen (meinetwegen der „Postmoderne“), auch wenn die Autoren natürlich genau das Gegenteil für sich beanspruchen (McCauley sprach gegen die hermeneutisch vorgehenden Ethnologen und ihre ‚postmodernen Brüder‘, die er „pan-hermeneutics“ nannte, und bei ihm verhindern natürlich diese den Erkenntnisfortschritt). Und für mich besteht das Resultat im Wiederbeleben alter Gespenster (bei jenem Petersen z.B. „Ur-Schamanismus“, bei z.B. Reiss ein normativer juedochristlicher Religionsbegriff). Und gerade „Gespenster“ böten sich übrigens als Beispiel an, um das Problem zu veranschaulichen (hier geht der Atlantikgraben quer durch die Disziplinen, aber man sieht, es geht um „Phänomenologie“).

    In der Hoffnung auf eine Fortsetzung dieses Gesprächs…

  3. Pingback: Mit Religion provozieren: Nach Russell T. McCutcheon radikaler Perspektivwechsel notwendig « REMID Blog

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