Sprachphilosophisches zum Thema „Hausberufungen“. Und eine kleine Notiz zum Sinn der Integrität

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Hausberufungen sind erlaubt. Unter gewissen Voraussetzungen. Die Formulierungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland aber eins bleibt konstant: der Wille des Gesetzgebers, Hausberufungen an Universitäten nur dann als gültig anzusehen, wenn brain-drain droht.

Um die Gefahr eines brain-drain im konkreten Fall einzuschätzen, fragt man, ob das Individuum, für das eine Hausberufung in Frage kommt, über herausragende, einzigartige und unersetzliche Kapazitäten in Deutschland verfügt. Oder so etwas Ähnliches…

Nun sind wir alle herausragend im einen oder im anderen Sinn. Denn wir sind so etwas wie der Kirchturm vom Sankt Martin in Landshut: Als der höchste Turm kann er nicht gelten, als der höchste Kirchturm auch nicht; aber als Backsteinkirchturm ist er der höchste der Welt. Jedes zusätzliche Charakteristikum, hier in Form von Wortbestandteilen, grenzt den darunter gehörenden Gegenstandsbereich ein und erhöht die Wahrscheinlichkeit, mit der der Turm herausragend ist.

Für Hausberufungen ist diese Erkenntnis sehr wichtig. Wenn ich Rektor der Uni X bin und dem Religionsphilosophen Y, der ungünstiger Weise an der Uni X lehrt, einen Lehrstuhl gönne, dann werde ich einsehen müssen, dass eine Ausschreibung für eine Professur für Religionsphilosophie natürlich Bewerbungen von Kandidaten anziehen wird, die mit Y gleichwertig sind und die Bedingung für Y’s Hausberufung hinfällig machen. Als kluger Rektor muss ich also die Ausschreibung so formulieren: „Vom erfolgreichen Kandidaten wird erwartet, einen Schwerpunkt in der Religionsphilosophie mit durch Publikationen dokumentierten fundierten Kenntnissen in der Philosophie der Antike und der Spätantike samt Beherrschung der klassischen Sprachen zu verbinden. Es wird ferner vorausgesetzt, dass der Lehrstuhlinhaber die Module Logik I bis III lehrt und historisch einen zweiten Schwerpunkt in der Philosophiegeschichte hat, vorzugsweise in der Philosophie Kants“. Alles natürlich Kapazitäten, die „zufällig“ Y besitzt – nach dem Motto: Kantianer und Altgriechisch-Experten gibt es viele, aber wer hat all das zusammen?

Y ist damit einzigartig und erfüllt die Bedingungen für eine Hausberufung.

Kluge Rektoren gibt es viele und das verwundert mich nicht. Nicht zuletzt wurde ich in einem Land von Künstlern im Verfassen solcher Ausschreibungstexte geboren. Was mich verwundert, ist das Fehlen eines hämischen Ausdrucks im Deutschen für solche Ausschreibungstexte. Im Griechischen heißen diese im Volksmund: „photographikes prokeryxeis“, weil das Blabla einem Foto des Wunschkandidaten gleichkommen soll, das man allerdings im Ausschreibungstext nicht verwenden darf. Einem Foto nach dem Motto: „So sieht der erfolgreiche Kandidat aus“. Y’s Foto…

Deutsche tendieren zu praktischen Lösungen und nicht zu hämischem Humor. Sie stellen sich Fragen wie: „Was tun? Die Hausberufungen vollends verbieten?“ Dann droht natürlich wieder das brain-drain. Tatsächlich außerordentliche Menschen sollen doch bleiben können.

Ich finde, dass K.R. Popper, der Philosoph, dessen zwanzigster Todestag vor ein paar Tagen fast unbemerkt verlief, die Lösung hatte. Eine Lösung aber, die offenbar nicht praktikabel ist. Popper stellte im 7. Kapitel des ersten Bandes der Offenen Gesellschaft fest, dass Institutionen wie Burgen sind, die sowohl gut angelegt als auch entsprechend mit (integren) Leuten besetzt sein müssen.

PS: Der obige Ausschreibungstext ist frei erfunden. Naja, fast…

Landshut Martinskirche

This is probably a very „German“ posting. Take it as an incentive to learn more about academic philosophy in this remarkable, exotic country!

In Germany, normally professors are not tenured in the very university in which they happened to start teaching. The reason for this is that the procedure to offer a tenured post to someone who’s already a member of the department is allowed only under the condition that otherwise there would be the danger of brain-drain. If you’re good enough someone else apart of your present colleagues will acknowledge your value. And only if you are unique in Germany but some university outside Germany would have the idea to hire you before a German university does, you may stay with your present colleagues – this is the rationale.

Now, who is unique? Obviously this would be an individual with extraordinary capacities which no one else has.

But every one has such capacities in one way or another. We’re all like the tower of the St Martin’s church in Landshut, the capital of Lower Bavaria and home to about seventy thousand inhabitants. It’s not the highest tower in Germany. It’s not even the highest church tower in Germany. But it is a church tower made of bricks, which makes it the world’s highest church tower made of bricks. Every additional property you assign the tower truthfully restricts the domain in which you make the comparison and increases the probability that the tower is extraordinary.

You can use this trick in order to prove that the non-tenured philosopher of religion at your department is unique in Germany, of course. Let’s say that the philosophy department of the German university of which you’re the „Rektor“ (the British would say: „chancellor“) seeks to hire a professor in philosophy of religion. If you advertise a position for a philosopher of religion you’ll receive applications of many individuals with publications and experience similar to your colleague’s. By this, you cannot give the position to your colleague (and eo ipso he won’t be tenured) since the law prescribes that he must be unique in order to be able to be tenured at the university in which he happens to teach. Things change if you publish an advertisement which contains the following: „The successful candidate will combine an AOS in Ancient and late Ancient Philosophy with a mastery of classical languages including Arabic. Further, he will have an AOC in logic and critical thinking as well as in the philosophy of German Idealism“. Now, „accidentally“ these have to be your colleague’s topics in his publications. If these don’t make him unique, what then? Like there are many high church towers out there but not so many high church towers made of bricks, there are many folks who teach Ancient, but how many teach Ancient and Early Modern?

There are many bright university chancellors in Germany and advertisements of this kind do not surprise me. What surprises me is the absence of an offensive expression in colloquial German. Modern Greek has the expression „photographikes prokeryxeis“ for advertisements of the aforementioned kind. „Photographikes“ because the bla-bla is equivalent to the guy’s picture.

But Germans don’t like bitchy humour. They prefer to give practical solutions. A German would rather ask: „What can I do against this? Should it be absolutely prohibited to give someone from the same university a tenured post?“ But then, of course, the brain-drain argument would retain its validity.

K.R. Popper (the 20th anniversary since his death remained almost unnoticed a few days ago) had a solution. Alas, a non practical one. In the 7th chapter of the first volume of the Open Society he stated that institution are like fortresses which must be well designed and manned.

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