The disagreement paradox

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Ob das Gerücht stimmt, dass der Schlagabtausch Mitte Februar stattfand, weiß ich zwar nicht, aber das Ganze ist sowieso aus logischer Sicht interessant:

Wolfgang Schäuble: „Wir sind uns über unsere Uneinigkeit einig“.

Yanis Varoufakis: „Nein! Da sind wir uns uneinig“.

Erstens passt die Anekdote, weil Schäuble etwas sagt, was in der Politik oft gesagt wird; und zweitens, weil Yanis Varoufakis ein notorischer Monty-Python-Enthusiast ist.

Was Schäuble sagt, kann nur secundum quid aber nicht simpliciter gelten: Die Einigkeit BESCHRÄNKT SICH auf die Feststellung einer SONST VORHANDENEN Uneinigkeit.

Was Varoufakis sagt, ist der Fall, wenn WS behauptet, es gebe eine Einigkeit, was YV bestreitet, oder wenn WS behaupte, es gebe keine Einigkeit und YV bestreitet vielmehr das. WS behauptete tatsächlich eine Einigkeit über eine vorhandene Uneinigkeit – also müsste YV nach dieser Lesart behaupten, dass es eine vorhandene Uneinigkeit gäbe, aber keine Einigkeit darüber. Das ist aber falsch, weil YV damit bereits zugibt, dass es eine Uneinigkeit gibt – infolge dessen auch Einigkeit darüber, dass es die gibt!

Also kann, was YV sagte, nur den Sinn haben, dass WS eine Uneinigkeit befand, was er, YV, bestritt. WS sprach sinnvollerweise von einer Uneinigkeit secundum pecuniam. Nach dieser Lesart meint YV, dass sich WS diesbezüglich irrt.

Was daraus entsteht, falls man die Äußerung von YV annimmt und damit die Äußerung von WS widerlegt, ist natürlich seinerseits eine Uneinigkeit, aber die tut nichts zur Sache. In puncto Wirtschaft sind sich beide Minister einig!

Ich tendiere zu letzterer Lesart obiger Äußerungen, zumal die selbstreferentielle, die ich hier gar nicht besprach, einen Teufelskreis darstellt.

Lehre für die Argumentationstaktik: Wer bestreitet, dass es eine Einigkeit über Uneinigkeit besteht, verpflichtet sich IN DER SACHE, den Standpunkt seines Gegenübers zu akzeptieren.
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There are rumors that the exchange took place in mid-February. I don’t know if this is true but the story is anyway interesting for its underlying logic:

Wolfgang Schäuble: „We agree that we disagree“.

Yanis Varoufakis: „No, this is where we disagree!“

The story sounds plausible because, first, I expect Schäuble to say something which is commonly said in politics. And, second, he negotiated with someone who loves Monty Python.

What Schäuble said can be meaningfully maintained secundum quid, not however simpliciter: He claimed to agree with Varoufakis upon disagreeing on SOMETHING ELSE.

What Varoufakis says is the case if WS maintains that they agree and YV contradicts or if WS maintains that they disagree and YV contradicts. WS made a claim that they agree – upon disagreeing, but let’s forget this for a moment. According to this reading, YV is supposed to claim that THERE IS a disagreement but no agreement upon this. But this claim invites a contradiction since, straightforwardly, if YV says that there is a disagreement, he agrees with WS over it. Therefore, there is SOME agreement.

I conclude that YV’s words can have only the following meaning: „My dear WS diagnosed disagreement and this is not the case“. Giving WS a minimum of charity, WS must have talked of disagreement secundum pecuniam. If this is correct, YV has to be taken to say that WS makes a mistake concerning an alleged disagreement secundum pecuniam!

Of course, a disagreement emerges anyway when we take YV to say something true and WS something false secundum quid. This, however, is logically harmless. The two men can still be taken to agree on the big issues!

Since the only remaining interpretation, which entails self-reference is not viable (this being the reason I didn’t discuss it here) and after I’ve been studying the news lately, I tend to believe that what YV said is true to the facts.

The lesson to learn from this for argumentation and tactics is the following: when you deny that you agree over the existence of a disagreement with your opponent, the only thing that you can be supposed to be saying is that you are willing to accept your opponent’s view – at least his view on the major issue.

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Lent

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Wäre der Verzicht auf alles, was gefällt oder schmeckt, der Sinn des Fastens, dann wäre das Fasten eine selbstreferentielle und sich selbst aufhebende Tätigkeit. Dazu eine Geschichte statt eines Arguments: Es gab einmal einen Masochisten, der es genoss, um fünf Uhr in der Früh aufzustehen, um eine kalte Dusche zu nehmen.

Da er aber ein Masochist war, nahm er statt dessen eine warme.

Der Sinn der heute beginnenden Fastenzeit ist es nicht, Verlangen zu unterdrücken. Es geht dabei eher darum, dass die Kirchenglieder alle zusammen ein Gefallen am Austernessen finden, während Fleisch, Eier und Milchprodukte bis Ostern aus ihrem Speiseplan verschwinden. Es handelt sich nicht primär ums Essen, sondern um Gruppenkohäsion.

Dem Monat März angemessenes biologisch-dynamisches Wirtschaften – zumindest für die Region, wo der orthodoxe Glaube wuchs – ist eine weitere Assoziation mit dem orthodoxen Fasten. Wirtschaften und politische Theologie hängen, wie so oft behauptet, zusammen.

Der Rosenmontag ist in Griechenland der Tag der Drachenflieger. Hierzu ein paar Seiten aus dem Lesebuch, das ich als Erstklässler benutzte.

Anagnostiko kath Deutera

Greeks fly kites on the last Monday before Lent. For the Orthodox Church this is today. But in my mind this custom, a very important one and a topic in the ABC-book which I used as a child, is also associated with fasting, abstinence…

If abstinence in our church were for the sake of controlling every desire, then it would be a kind of a stultifying self-referential masochism. A story instead of an argument: There was this masochist who enjoyed to wake up at five o’clock in the morning and to have a cold shower.

But a masochist as he was, he had a warm shower instead.

The Orthodox Lent that begins today is not about controlling desires. It’s rather about the members of the Church having certain desires like eating oysters, and about refraining from eating meat, eggs and dairy products until Easter – all together! It’s rather about group cohesion than it is about eating.

Organic food production in March – at least in the region from which the orthodox faith originates – has also to be connected with orthodox fasting. Economy and political theology are closely tied and this is not just a sociological cliché.

First person

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Die im Elternhaus liegengebliebenen Bücher erinnern mich daran, dass ich einmal jemand anders war.

Ich meine, das Wort „ich“ in Sätzen der Art: „Ich las das zu der Zeit, als bla-bla-bla“ hat einen komischen Beigeschmack. Das sogenannte „hard problem“ scheint mir ein Problem der Sprache zu sein. Genau genommen: ein Problem der Bedeutung von Indexikalausdrücken.

Das erscheint mir jetzt aus theoretischer Sicht radikal, gibt allerdings mein Gefühl vor diesem Bücherregal wieder.


The books I left behind in my parents‘ home ages ago are reminiscent of the fact that I used to be someone else.

What I mean is that the word „I“ in sentences like „I read this one when…“ feels weird. The „hard problem“ appears to be a problem of language. To be more precise: a problem concerning the meaning of indexicals..

This sounds now quite radical in my own eyes but that’s how I feel like when I stand in front of these shelves.

Pocahontas

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Münchener Flughafen. Das SZ-Feuilleton frohlockt in naiver politischer Spontanität über das unreflektierte Rabaukentum meiner Landsleute, das sich aus den Grausamkeiten der Vergangenheit speist- Volksarmisten mit kreuzweise umhängter Munition – so wie mein Großvater sie liebte und schützte; Volksarmisten von damals und Politiker von heute, die den Gedanken nähren sollen: „Ach, es ist fast süß – so viel Primitivität! Pocahontas und Che in einem!“

Dazu nur eines: Liebe postkoloniale SZ-Leser, identifiziert, bitte, das repräsentativere griechische Individuum auf unten stehendem Foto.


Munich Airport. The leading Bavarian daily hails in naive rebel-and-easy-rider rhetoric the unreflected punk attitude of my compatriots who pretend to be wearing the guerilla ammunition.

I hear my Central European friends saying: „Oh, it’s so cute to be primitive: Pocahontas and Che at the same time!“ I have just one reply to this: Dear postcolonial friends, please identify the most representative Greek individual of this picture.

Personenkult

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Während Griechenland das Experiment der Zeitreise in die Vergangenheit gelingt (David Lewis kommt langsam als Chefideologe des Landes in Betracht), kann natürlich der Personenkult nicht zu kurz kommen. Für mich und viele andere, die Philosophie in Griechenland studierten und zeitlang lehrten, sind natürlich die zwei Personen aus dem linken Kabinett, die Philosophie lehrten: der Bildungs- und der Finanzminister, Leute, mit denen wir per du sind und deshalb vordergründig Fachkollegen ohne Amtscharisma. Es ist ein kleines Land, alles ist viel übersichtlicher als woanders, was gibt’s Natürlicheres als Sachen zu sagen wie: „So dumm warst du immer, Kerle, aber diesmal hast du eine viel größere Verantwortung“?

Mit facebook usw. haben wir auch größere Chancen, von unseren jetzt prominenten Bekannten gelesen zu werden. Mit ihnen kurz telefonieren geht ja nicht mehr. Aber gerade wegen facebook und des Personenkults bekommen wir alle, die etwas mehr Personenkenntnis über die neuerdings Heiligen mitbringen, hasserfüllte Nachrichten von uns wildfremden Personen, die ihre Heiligen bedroht sehen.

Wart Ihr denn nicht neugierig zu wissen, werte Leser, wie das Leben hinter dem eisernen Vorhang ausgesehen hätte, wenn es damals Facebook gegeben hätte? Falls ja, haben wir jetzt die Möglichkeit das zu studieren. In Griechenland. Von Heute. Na ja, in einem Hybrid aus Heute und Gestern.

Eine Zeit, die aus Heute und Gestern besteht, ist widersprüchlich. Trotz meines Logikerseins hasse ich Widersprüche nicht. Aber ich liebe sie auch nicht.

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Greece managed to travel into the past as a whole and David Lewis should be its chief ideologist. The rise of personality cults is only an expectable aftermath. One personal story: for me and others who studied and have taught philosophy in Greece, the two members of the cabinett who have taught philosophy, the ministers of education and finance, are guys whom we know as colleagues with whom we have been out for a beer, have quarrelled over this and that – briefly, people without a charisma of the office. It’s a small country, in the humanities and the social sciences everone knows everyone and, correct me if I’m wrong, there’s nothing more natural than writing: „You’ve always been a fool but now your responsibility is much bigger“.

Social media make it possible for us to be read by our friends whom we criticize. We cannot just give them a phonecall and talk with them for hours anymore. However, social media in combination with personality cult enable anonymous people to send me messages full of wrath and hatred. They see their „saints“ under pressure.

Weren’t you curious to find out how life behind the Iron Curtain would’ve been if back then facebook were available? Well, now you can study this. In Greece. Today. Well in something which is today and yesterday at the same time.

Is this a contradiction? Of course it is! Now, though I’m a logician, I don’t hate contradictions. But I don’t love them either.

Was Religionen, Ideologien und Weltanschauungen gemeinsam haben

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Religionen, Ideologien, Weltanschauungen, generell: Satzmengen ohne quantitative Begriffe müssen nicht genau überprüft werden, können unbemerkt über Grenzen mitgenommen werden, und – das Wichtigste! – müssen nicht gewartet werden, um ihrem Besitzer erhalten zu bleiben: sie brauchen nur auf Lager zu sein. Sie haben sozusagen Vorteile in der Verpackung und Lagerung.

Später können sie sich freilich als schweres Gepäck entpuppen, aber beim Verreisen gehen sie leicht mit die Religionen, die Ideologien und die Weltanschauungen.

Eine Steilvorlage zu den Verpackungs- und Lagerungsvorteilen von Religionen, Ideologien und Weltanschauungen stellt das Foto aus Nürnberg dar. Der Freund eines Athener Sportvereins machte sich viel Mühe trotz der gigantischen Distanz vom Apostolos-Nikolaidis-Stadion. Oder gerade deswegen.

PAO Nürnberg

The picture was taken in Nuremberg. Obviously, a supporter of an Athenian sports club was very eager to show his faith.

Why is this important? Well just think about it: religions, ideologies, world views and generally sets of propositions with no quantitative concepts don’t need a diligent confirmation, they are light baggage (while carrying! they can turn out to be heavy baggage later!) and – their most important feature! – they need no backups to be useful. The owner only needs to have them. Easy going packaging and storage, I’m telling you… Far, far away from Athens.

Castles made of sand; or Keynes for the whole family

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An den Instituten für Philosophie hat sich die Einsicht eingebürgert, dass Wahrscheinlichkeiten keine Häufigkeiten, sondern Erwartbarkeiten darstellen. Ramsey bestimmt die Agenda genauso wie Keynes in der Ökonomie die Agenda bestimmt.

Sorry, was heißt „Ramsey bestimmt die Agenda“? Es ist wieder Keynes, Ramseys Lehrer in Cambridge, der hinter Ramsey steht. Ihm verdanken wir letztendlich das spekulative Verständnis der Wahrscheinlichkeitsbegriffs, genauso wie wir ihm das spekulative Verständnis des Wachstums der zirkulierenden Geldmenge verdanken.

Statistiker belächeln oft den Missbrauch des Keynesianischen-Ramseyschen Wahrscheinlichkeitsbegriffs. Statistiker haben aber eine Alternative: den alten, guten, Begriff der statistischen Wahrscheinlichkeit.

Was hat der europäische Ökonom nach Jahrzehnten Keynesianischer creatio ex nihilo? Die Alternative besteht wohl wieder darin, Dinge aus dem Nichts zu erschaffen auf dem Weg der Umbenennungen: eine neue Troika in Griechenland, die nicht Troika heißt, eine neue Vertuschung der griechischen Pleite, die Konsolidierungsprogramm heißt usw. Ich gestehe, die neuen Namen nicht zu kennen. Wir werden sie aber in den nächsten Wochen erfahren.

Angesichts des griechischen Wortes „thalassodaneia“, wörtlich „Meereskredite“, für Darlehen, die niemals zurückgezahlt werden (auch für diese brauchen wir einen neuen Namen, nachdem „Hilfspaket“ nicht mehr taugt), meine Damen und Herren, der eine, der unvergleichliche, die alles sagende Jimi Hendrix:

Most people are not conscious about the anti-Keynesian reading of the Jimi-Hendrix classic „Castles Made of Sand“ but this is why you have me!

Modern Greek uses the word „thalassodaneio“, literally „sea credit“, for a loan which will not be paid back. Whether such loans can produce surplus value is debatable. If they do, the creditor will be able to take it in order to cover his loss. If they don’t, you don’t need them. The system behind them is that you take the money and run – well maybe after you have built a castle made of sand as a make-believe thing.

We need a new word for the bailout for Greece – a new word which cannot be „thalassodaneio“ – for plausible reasons…

But we need new words alright since we cannot have new policies. A new word for the troika, a new word for the Greek bankruptcy…

This is Keynesian and, in this sense, consistently European. For decades, Keynesian monetary policies have made out of Europe what it is. It would be unjust to demand others to solve the riddle.

I didn’t explain yet why I think that changing names is Keynesian. Well, this is because I think that everything which consists in taking fresh air to be a tangible value is Keynesian. For one thing fresh air is valuable in a sense. For another, telling people that they have something valuable when they only have fresh air can help them get out of the depression.

In philosophy institutes it is very common to completely ignore the statistical notion of probability. A probability, they’ll tell you, is a likeliness, not a frequency. Normally, a philosopher would mention Frank Ramsey as his reference for this. But it wasn’t Ramsey who first thought of probability in this sense. It was Keynes, Ramsey’s teacher at Cambridge.

In probability theory, in economics, everywhere I see speculation and „seaweed being sold as silk strings“ – as Greeks say – I see Keynes. The sea is a very powerful metaphor for something lost. I don’t know of any stories which link Keynes to the sea but I would be curious to hear if there are any.