Wie bei Hempels unterm Sofa

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Jahrzehnte später kann er das Lampenfieber nicht vergessen, das er hatte, als er zum ersten Mal – irgendwann in den 70ern – an Carl Hempels Tür, klopfte. Hempel war bereits ein legendärer Wissenschaftstheoretiker neopositivistischer Provenienz und der damals junge Mann, der sein Doktorandenstudium in Pittsburgh angetreten hatte, ist heute kommunistischer Bildungsminister in Griechenland.

Später hatte Aristides Baltas freilich nichts mehr für den Neopositivismus übrig. T.S. Kuhn und Paul Feyerabend wurden seine Großen. Er bemängelte, dass die neopositivistische Wissenschaftstheorie die angebliche Ordnung im Gebäude der Wissenschaft herstellen will, dieses aber beim genauen Hingucken wie bei Hempels unterm Sofa aussieht. Das war freilich nicht sein Ausdruck – er kann kein Deutsch – aber meiner, der ich ebenfalls seiner Meinung war und immer noch bin.

Trotz unserer tieferen Übereinstimmung war mir Baltas immer des Szientismus verdächtig. 1989 nämlich – ich stand gerade vor dem Abschluss meines Studiums, wollte promovieren – fragte er mich so wie wohl jeden, den er näher kannte, ob UPitts eine Option für mich wäre. Ich reagierte enthusiastisch und gewissermaßen falsch. Ich sagte nämlich nur einen Namen:

– Adolf Grünbaum

– Nein! Doch nicht zu Grünbaum gehst du! Spinnst du? Er wird denken, er wäre wichtig!

Die Schelte war mir suspekt. Grünbaum, der zwar bei Hempel promoviert hatte, war gerade dabei, Freuds Interpretation der Religion zu akzeptieren (wogegen ein säkularer Intellektueller wie Aristides, dachte ich, nichts einwenden könnte) und gleichzeitig für den Wert der Psychoanalyse zu argumentieren (was strenggenommen keine positivistische Position ist). Ich stammelte nur:

– Grünbaum ist nicht mehr das Hempel-Kind. Er schreibt jetzt auch über Psychoanalyse.

– Genau diesen Unfug meine ich!

Das war’s für mich: Herzklopfen vor Hempels Büro, gegen Grünbaums neue Tendenz: Aristides musste ein verkappter Szientist sein.

Um so mehr überrascht er mich jetzt positiv als Bildungsminister. Er gibt nämlich Zeichen dahin gehend, dass für ihn die Verselbstständigung von Evaluationen (etwa von der PISA-Studie) zum Selbstzweck des Bildungssystems inakzeptabel ist; auch dahin gehend, dass die Schule integrativ sein muss und kein „center of excellence“ sein darf.

Sollte er auch noch der Reformpädagogik wieder eine Chance geben, der Reformpädagogik, der in Griechenland in den frühen 80ern der Garaus gemacht wurde, dann bin ich für ihn!

Das ist jetzt kein Themawechsel:

Es gibt Pädagogen, die ihre Funktion darin betrachten, eine schöne Gausskurve zu erstellen, die die Streuung der arithmetisch ausgedrückten Leistung ihrer Schüler darstellt. Ordnung muss her! Das hat meiner Ansicht nach genausowenig mit Pädagogik zu tun wie die hempelsche Rekonstruktion der Wissenschaft mit der echten, historisch entstehenden Wissenschaft. Die echte Pädagogik und die echte Wissenschaft sind unordentlich! Der Blick bei Hempels unterm Sofa erschreckt zwar. Aber er erschreckt nur diejenigen, die das Sofa nicht nutzen können. Man guckt normalerweise nicht unters Sofa, sondern man hat eine schöne Zeit darauf.

Ab und zu saubermachen – ja…

Ab und zu!

hEMPEL

For decades he cannot forget the heartbeat while knocking on Carl Hempel’s door back then when he started with his PhD at UPitts. Carl Hempel was a legend in philosophy of science – a logical positivist of course, but still or exactly for this reason. The young man is today the Greek (and communist) minister of education.

In later days, Aristides Baltas was very negative about logical positivism. T.S. Kuhn and Paul Feyerabend became his main references. He criticized that logical positivist philosophy of science wants to tidy up the structure of science but if you look carefully, science looks like „under the sofa at Hempels‘ place“ – which is a German expression for untidiness. This wasn’t his expression – he doesn’t speak German – but mine. I was very sympathetic to this view. And I’m still sympathetic to it.

There was this agreement. However, I began to suspect Baltas of cryptoscientism in 1989. I was wondering where to go as a postgraduate when he asked me – like probably every person he felt a bit closer – if UPitts would be an option. My reaction was enthusiastic and, in a sense, false. I simply said:

– Adolf Grünbaum!

– What are you talking about? You’re not going to write a PhD-thesis with Grünbaum as a supervisor! He’d think he’s important!

Now, why was he upset? Grünbaum had written his PhD-thesis with Hempel, alright, but in the late 80s he was very busy with arguing for Freud’s interpretation of religion (a non-religious intellectual like Aristides wouldn’t oppose to this – would he?) and at the same time for the value of psychoanalysis. Not exactly the a logical positivist’s program if you ask me… I managed to stutter:

– Grünbaum is not the faithful Hempel disciple anymore. He writes on psychoanalysis.

– This is exactly what I’m telling you!

For me, that was it: Heartbeat at Hempel’s door, being against Grünbaum’s new tendency: Aristides was crypto-Viennese!

This old suspicion is the reason why I was surprised from his first announcements as a minister. He thinks that it’s unacceptable to make evaluation the final end of education (it’s still not clear if Greece will participate in the next PISA-study). He thinks that school has to integrate people rather than to mutate into a „center of excellence“.

If he also gives reformed education a chance, after it was annihilated by Greek administrations since the early 80s, then God help him!

What comes now is not a change of subject:

There are teachers who see their function as drawing a nice Gauss curve which would express the frequency of the arithmetically formulated performance of students. Order! My view is that this has nothing to do with education like Hempel’s reconstruction of science has nothing to do with real, historically evolving science. Real education and real science are not ordered. Of course, it can be embarassing to have a look under Hempel’s sofa – however only to those who don’t know how a sofa is used. Not looking underneath but laying on it and having a good time.

Now and then you can tidy up…

A bit!

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