Mereolinguistics

DEUTSCH: NORMALSCHRIFT

ENGLISH: ITALICS

Die erste Bedingung zum Verständnis eines Satzes, eines Textes, einer Kultur, ist die Sprachkompetenz.

The first condition to understand a sentence, a text, a culture, is the ability to interpret linguistic signs.

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Die zweite Bedingung ist die kritische Hinterfragung des prima facie-Verständnisses.

The second condition is to reflect on what you understood prima facie.

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Die dritte Bedingung ist die Kontextualisierung in einem breiten Kontext.

The third condition is to set the signs in a broad context.

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Eine Wahrheitstheorie muss kontextualisieren. Aber dann bezieht die Wahrheitstheorie pragmatisches Allgemeinwissen mit ein: Wissen darüber, was ein Schild ist; was es heißt, dass die Buchstaben alle dieselbe Farbe haben usw.

A theory of truth must be able to contextualize. But then, a theory of truth involves pragmatic encyclopedic knowledge. Knowledge about inscriptions and about letters having the same colour etc.

Allerdings konnte ich letztes Wochenende feststelen, dass die Hütten nahe Kitzbühel in Wirklichkeit sehr gute Tavernen sind! Das heißt, dass der Pragmatismus Teile der obigen Inschrift als für sich bedeutungsvoll anerkennen muss unabhängig von der Bedeutung der Inschrift als Ganzes. Ist das keine Paradoxie?

However, during the weekend I had the opportunity to find out that the mountain cabins in this Austrian national park are in fact very good taverns! Which means that pragmatism has to take a part of the inscription above to have a meaning in its own right, independently of the meaning of the inscription as a whole. Isn’t this a paradox?

Telling rationality gaps from irrationality

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Dass die Spieltheorie für den Verlauf der Verhandlungen zur Vermeidung eines Staatsbankrotts Griechenlands maßgeblich wäre, wird mit Hinweis auf den griechischen Finanzminister, der über Spieltheorie publizierte und lehrte, in der letzten Zeit behauptet. Nach dem Unfalltod von John Forbes Nash Jr. wird das noch öfter behauptet, nachdem ein paar Journalisten feststellten, dass Nash auf Einladung des besagten Ministers einen Ehrendoktorgrad der Universität Athen erhalten hatte. Das zeugt von keiner souveränen Beherrschung der Thematik.

Wenn es nach der Spieltheorie geht, so würden die Geldgeber grob gesehen die langfristige Finanzierung eines unzuverlässigen Partners bereuen und ergo nicht präferieren, Griechenland würde ebenfalls seine Anpassung an ein Wirtschaftssystem bereuen, von dem es seit den 80ern entfernt liegt. D.h. Nichtstun und der darauffolgende Grexit wären die beste Strategie.

Wenn überhaupt von etwas, so zeugt der Lauf der Verhandlungen von der Überzeugung des griechischen Finanzministers, dass eine irrationale Entscheidung gelegentlich die beste Strategie darstellt.

Die Ausweisung der Irrationalität als bester Strategie liegt mir fern. Ja, es stimmt, seit gestern ist mein Aufsatz in History and Philosophy of Logic über Rationalitätslücken als die besten Strategien online – für die gedruckte Version muss sich der interessierte Leser etwas gedulden.

Aber Rationalitätslücken sind erstens etwas anderes als Irrationalität. Rationalitätslücken stellen Fälle dar, in denen nicht determiniert werden kann, was rational und was irrational ist. Im Fall der Irrationalität ist es dagegen durchaus determiniert, was irrational ist. Zweitens kommen Rationalitätslücken in sehr wenigen, selbstreferentiellen Spielen vor, irrationale Züge gibt es dagegen in jedem Spiel. Drittens respektiert die Rationalitätslücke die Spielregeln, während irrational spielen auch heißen kann: mit sich beliebig ändernden Regeln spielen – also kein bestimmtes, identifizierbares Spiel spielen. Ich bin der Meinung, dass Rationalitätslücken in den Anwendungen der Spieltheorie auf religiöse Konversion und auf religiösen Dialog nicht vorkommen. Dass sie in der Ökonomie vorkommen, schließe ich nicht aus. Wenn alle Anleger z.B. ihr Geld nach dem Prinzip anlegen: „Ich tue, was die anderen tun“, dann sind Selbstreferentialität und Rationalitätslücken gegeben. Aber noch lange keine Irrationalität.

Es kann sein, dass die griechische Krise auf irrationale Art gelöst wird. Daran wird aber nicht die Spieltheorie schuld sein.

Calvin Hobbes Monopoly

Like European politics, Calvin’s and Hobbes’s Monopoly fails to be a game. Games are defined as sets of rules which enable winning strategies. Games whose rules are constantly and arbitrarily changing fail to be sets of rules and do anything but enable winning strategies.

The present Greek minister of finance might still consider something like this a game. He is a heretic in game theory and thinks that there are irrational decisions which are winning strategies.

Recently, John Forbes Nash Jr. was deadly injured in a car accident. This made journalists discover that the Greek minister had been Nash’s host when the latter was offered the honorary doctor degree of the University of Athens. That was it: game theory was supposed to be relevant for European politics.

This is not very smart. Game theory would not explain why the Eurozone finances a partner they consider to be unreliable. And it does not explain why Greece would promise to reform its economy to a direction which the country has left since the 80s. If anything, irrationality as the best strategy is what Yanis Varoufakis wants to implement. This is what he always believed in, this is what he still believes.

To my ears, this is noise. It’s true, my paper in History and Philosophy of Logic on rationality gaps as the best strategy in games is online  since yesterday – you have to be a bit patient for the printed edition. However, rationality gaps are not irrationality. In rationality gaps it cannot be determined what is rational and what is irrational. Irrationality, however, is fully determined as such when it is the case. Rationality gaps emerge in very few cases in self-referential games. But you get irrational strategies in every game. Rationality gaps always respect the rules of the game. By contrast, playing irrationally can be playing with rules which constantly change and eo ipso it’s stricto sensu not playing.

Rationality gaps are not only rare. They fail to be the case in the applications of game theory in religious conversion and religious dialogue. Perhaps they do occur in economy – I can grant this. If all the investors act according to the principle: „I do only what all the others do“ self-referentiality and a rationality gap are there. However, this is not to say that irrationality is there.

I’m not quite sure that the Greek crisis will not be resolved by means of an irrational decision. But game theory will not be to blame for this.

Ignoratio elenchi and Totis Phylakouris

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Fußball habe ich immer gern gesehen, allerdings niemals in einem Verein gespielt. Stattdessen spielte ich Wasserhandball. Obwohl ich nun stets Panathinaikos unterstützte – meine Mutter war hier einflussreicher als mein Vater, der mit AEK Athen sympathisierte – spielte ich Wasserhandball für ANO Glyphada.

Glyphada hatte ein sehr renommiertes Wasserhandball-Team, das gelegentlich griechischer Meister wurde und viel besser war als die entsprechende Abteilung von Panathinaikos. Abgesehen davon war mir der Gedanke, irgendwann mit Glyphada gegen Panathinaikos zu spielen, zuwider. Keine Sympathie für die Wasserhandball-Team von Panathinaikos war der Grund dafür. Eher meine Sympathie für die Fußballmannschaft von Panathinaikos.

Wenn ein Jugendlicher im Griechenland der 80er und der 90er Jahre ein Anhänger von Panathinaikos war, dann war das wahrscheinlich direkt oder indirekt durch das sogenannte „Wembley-Epos“ bedingt, das heute vor genau 44 Jahren stattfand, als Panathinaikos im Finale der Europapokals der Landesmeister gegen Ajax Amsterdam spielte – der heutige entsprechende Wettbewerb heißt „Champions League“.

Es war der erste Europapokal für die legendäre Mannschaft mit Johan Cruyff und Arie Haan, die Panathinaikos mit zwei zu null bezwang.

Trotzdem ein großer Erfolg für das Team aus meiner Heimatstadt – was stets mein Argument gegen meine Wasserhandball-Mitspieler war, die ihre Überraschung äußerten, wie ich denn Panathinaikos unterstützte, nachdem ich durch und durch ein Glyphada-Boy war: dort im Verein, dort zur Schule, geschweige denn wohnhaft. Denn es war ein großer Erfolg, das Finale des Jahres 1971 zu erreichen und dann das Halbfinale in zwei weiteren Fällen: 1985 und 1996.

Sie konterten natürlich:

– Es ist doch weltweit bekannt, dass die Obristen-Junta die Jugoslawen bestochen hatte, damit Panathinaikos den Roten Stern Belgrad im Halbfinale des Jahres 1971 bezwingt.

– Ach was… Gerüchte!

Eines Abends trank ich Bier mit ein paar Freunden in „Sussex Inn“, einer unter Touristen sehr beliebten Kneipe in Glyphada. Jemand wunderte sich: „Das ist doch Totis Phylakouris, oder?“ Er war’s, also haben wir ihn zu einem Bier eingeladen.

Totis war der Spieler mit der Nummer acht auf dem Rücken im legendären Spiel gegen Ajax Amsterdam. Trotzdem war es keine gute Idee, ihn zum Bier einzuladen, denn nach ein paar Gläsern kündigte er an, das Halbfinale-Rückspiel gegen die Belgrader sei „kein Fairplay gewesen“.

Meine Freunde, die keine Panathinaikos-Anhänger waren, freuten sich. Ich nehme an, dass diese Gefühle auch von griechischen Lesern dieses Blogs geteilt werden, die nicht meine Fußballklubpräferenzen haben.

Allerdings sind meine Leser Philosophen. Und Philosophen sollten wissen: die Tatsache – sollte es überhaupt eine Tatsache sein – dass die Obristen Tito bestachen, damit der Rote Stern verliert, annuliert nicht die Errungenschaft von verschiedenen Mannschaften des Klubs, ganze drei Mal an einem Champions-League-Halbfinale teilgenommen zu haben.

Glauben machen zu wollen, dass die – angenommen – unfaire Teilnahme von Panathinaikos am Finale des Jahres 1971 die Teilnahmen an drei Halbfinalen vergessen machen würde, ist ignoratio elenchi.

Ignoratio elenchi ist ein Fehlschluss, der im Englischen „red herring“ heißt. Die Übereinstimmung der englischen Bezeichnung mit der Vereinsfarbe des Roten Stern Belgrad und von Ajax Amsterdam ist rein zufällig.

Nach dem englischen Text folgt etwas für Nostalgiker: das volle Video des Spiels!

ENOUGH WITH SCROLLING

Although I always liked football, I never played it in a club. I played water polo instead. And although I was a supporter of Panathinaikos – my mother being here more influential than my father who was an AEK Athens fan – I played water polo for ANO Glyphada.

Glyphada was a prestigious club in water polo: At times more prestigious than the water polo section of Panathinaikos and, indeed, a Greek champion in some cases. However, I didn’t like the idea of playing against Panathinaikos in some match. The reason wasn’t my sympathy for the Panathinaikos water polo team. It was rather my sympathy for the Panathinaikos football team.

The sympathy of a teenager in the eighties for the Panathinaikos football team originated at first in the so-called „Wembley epic“. It was 44 years ago today when this took place. Panathinaikos played at the European champions‘ final (today we would call it the Champions‘ League final) against Ajax Amsterdam.

It was the first European cup for the legendary Ajax team with Johan Cruyff and Arie Haan. Panathinaikos lost by two to nil. It was still a great success to reach the final, of course, and this was always my argument towards my co-players who expressed their surprise for my being still a Panathinaikos supporter despite so many years in Glyphada – playing water polo there, living there, going to school there. It was a great success to reach the 1971 final and the semi-finals in two cases: 1985 and 1996.

And, of course, their counter-argument was:

– But it’s known around the globe that the junta of the colonels bribed the Yugoslavs to make Panathinaikos beat Red Star Belgrade in the 1971 semi-finals.

– Rumours, rumours.

One evening, we, some friends and I, were drinking our beers – it must have been in the late nineties – at „Sussex Inn“: a Glyphada pub very popular among tourists. Someone said: „Isn’t this Totis Phylakouris“? That was him indeed, so we invited him for a beer.

Totis had been the player with the number eight on the back in the big game. And we shouldn’t have been paying him beers at this evening because after some beers he announced that the second leg against Red Star „hadn’t been fair play“.

The friends who weren’t supporters of Panathinaikos rejoiced as much as those Greeks among my readers who don’t like Panathinaikos will rejoice.

But my readers are philosophers. And philosophers should know: The fact – if it is a fact – that the colonels bribed Tito to make Red Star Belgrade lose in the semi-final does not annule the fact that Panathinaikos was three times in Champions League semi-finals. Pretending that the faulty participation of the team in the 1971 final makes the participations in three semi-finals forgotten is ignoratio elenchi.

Ignoratio elenchi is a fallacy which is called „red herring“ in English. The resemblance of the English name with the colour of Red Star Belgrade and Ajax Amsterdam is coincidental.

For the end I have something for nostalgics: the full video of the match!

Contra argumenta ad baculum

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Johann Gottlieb Fichte kannte gegen sture Skeptiker, Relativisten, Perspektivisten usw. nur ein effizientes Gegenmittel: die soziale Sanktionierung – so eine Stelle in der Bestimmung des Menschen. Behandle sie so willkürlich, wie ihre Theorie verlangt, und der ganze Werterelativismus wird ihnen sofort vergehen.

Argumente ad baculum sind natürlich immer falsch, aber seit folgender Diskussion mit meiner Tochter finde ich, dass sie auch unwirksam sind: Unlängst fragte mich unsere Kleine in einer orthodoxen Synagoge: „Papa, warum seid ihr, Männer, hinter (eben nicht VOR!) dem Vorhang?“ Sie glaubte es mir nicht, als ich ihr sagte, dass es anders herum war.

Da jegliche Orthodoxie dazu tendiert, Frauen regelnbewusster zu machen als Männer – und stolz darauf! – erinnerte mich das an diese orthodox-christlichen Frömmlerinnen, die denken, ihr Bravsein wäre durch ihr Anderssein bedingt.

Ist das überhaupt ein Problem? Ich finde schon. Fichtes argumentum ad baculum garantiert nicht, dass soziale Sanktionierung als solche wahrgenommen wird. Solange die Opfer sozialer Sanktionierung (oder auch von Diskriminierung) diese perspektivisch als Äußerung ihres Andersseins auffassen, haben sie ein verzerrtes Bild der Realität.

Synagoge

My daughter looked at me during our visit in the orthodox synagogue of Munich and asked: „Dad, why are you, men, behind the curtain?“ She was behind the curtain, of course, and I told her so, but she didn’t believe me.

She reminded me of these very pious women in orthodox Christianity who think it a feature of their otherness to be obedient. Orthodoxy of any kind makes women more obedient than men for some reason…

Johann Gottlieb Fichte says in the Vocation of Man that there is just one measure against stubborn sceptics, relativists, perspectivists etc.: social sanctions. Treat them as arbitrarily as their theory demands and you’ll see how quickly their whole scepticism will vanish.

This is an argumentum ad baculum. Argumenta ad baculum are always hollow, of course, but my aforementioned discussion with my daughter shows that they’re also inefficient. As soon as sanctions (or discrimination) are perceived simply as expressions of otherness, the relativist is unlikely to view discrimination as discrimination and sanctions as sanctions. And this is a distorted view on society.