Theodicy and the Odyssey

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Im Sommer sind viele Fahrradfahrer auf den Landstraßen unterwegs. Diejenigen unter ihnen, die in die entgegengesetzte Richtung fahren, sollten mir egal sein – könnte man denken.

Sie sind es mir nicht. Denn erstens vermute ich hinter dem Fahrrad ein Auto mit einem Fahrer am Steuer, dessen Hintergrund christlich ist. Da ich zweitens außer Autofahrer Philosoph und Religionswissenschaftler bin, errechne ich die Chancen als sehr hoch, dass besagter Fahrer sich für sein Leben gern Fragen der Art stellt (ein Christ!) „Warum ausgerechnet ich?“ Etwa: „Warum muss ausgerechnet ich von diesem Fahrrad verlangsamt werden?“

Eine Ausnahme gibt es hier: Der Christ stellt sich nie die Frage: „Warum soll ausgerechnet ich Fragen der Art „Warum ausgerechnet ich“ stellen?“ Um diese Frage geht es mir aber.

Die Christen glauben an einen Gott, der ein Gewaltmonopol ausübt; zudem an einen, dessen Gerechtigkeit niemals das objektiv Gerechte verfehlt. Dass Verlangsamungen, Krankheiten, nervige Arbeitskollegen irgendjemanden treffen müssen, da sie nun mal da sind, daran denkt er nicht. Wenn Gott gerecht ist, dann lässt er die nervigen Arbeitskollegen immer ins Büro der Leute kommen, die ihre eben nervige Präsenz verdienen.

Diese Haltung kann töten – vor Kurven jedenfalls. Fahrrad fährt vor einem, dieser denkt „Warum ausgerechnet ich?“, überholt vor der Kurve – bumm…

Auch ohne Kurven ist aber die besagte Haltung nicht weniger gefährlich. Der Professor für Sozialpsychologie an der LMU, Dieter Frey, hat herausgefunden, dass die Frage „Warum ausgerechnet ich?“ bei Schwerkranken statistisch signifikant mit einer niedrigen Genesungswahrscheinlichkeit zusammenhängt. Der Glaube an die klassische christliche Theodizee kann – so scheint’s – Leben kosten.

Im Sinn eines Kontrapunkts sollte man die Kontexte des Wortes „dike“ (in etwa: Recht) in der Odyssee betrachten: Gott A will, dass p. Aber Gott B will, dass non-p. Das göttliche Recht, die Theodizee also, ist in der homerischen Welt ein Antagonismus verschiedener Rechtssysteme. Die dringliche Frage „Warum ausgerechnet ich“ verblaßt vor lauter Willkür auf dem Feld dieser Systeme.

Der christliche Theodizeebegriff ist seit Jahrhunderten die Zielscheibe von leidenschaftlicher Polemik – man denke etwa an Voltaires Candide. Vor ein paar Jahren plädierte ich in einem Aufsatz, der in Polish Journal of Philosophy publiziert wurde, für einen christlichen Theodizeebegriff ohne klassisches Allwissen. Denn, was sich da draußen abspielt, hat intuitiv mehr mit der Welt der Odyssee zu tun. Es ist eine Welt voller ontologisch unterdeterminierter Ereignisse.

Ein Christentum ohne klassisches Allwissen und damit ohne klassische Theodizee? Geht das? Nun ja, ich muss immer wieder zugeben, dass ich etwas mehr Ostchrist bin, als ich zugeben will.

Deshalb: Vorsicht vor Kurven! Auch wenn Ihr Euch im moralischen Sinn nichts vorzuwerfen habt. Ein hartes Geschick hat oft genausowenig mit unserer Güte zu tun wie das Erreichen von Ithaka.

Fahrräder

Bicycles are like snails: they appear when the sky is clear and sunny. And also like ants: they march forward in two opposite directions.

Now, driving your car during the summer demands additional attention because of the bicycles which come from the opposite direction. These bicycles are the reason for the cars behind them to drive onto your side of the road in order to overtake them.

This could be the end of the story but since I’m a philosopher and a religious-studies scholar it’s the beginning. What makes car drivers who overtake bicycles ignore traffic – ignore you as you’re coming from the opposite direction – is, among other things, the fact that they’re Christians.

Christians believe in a God who’s just and in one who’s a monopolist of justice. Since God knows everything, for a Christian there must be a reason if he has to move slowly because of a bicycle driving ahead – a reason known to God and determined by God, that is. This is why it’s a characteristically Christian attitude to ask „Why me of all people?“

Now, this attitude can kill. It can kill if the bicycle comes from the opposite direction and the driver of the car behind it asked himself „Why me?“ without noticing that you’re also there. And it can kill, as my back-then professor of Social Psychology Dieter Frey had found out in a study conducted in Bremen. According to Frey’s study, patients in a hospital who ask themselves „Why me of all people?“ survive their disease less frequently than those who don’t ask. The faith in classical Christian theodicy costs lives – so it seems.

In the Odyssey, „dike“ (which you can take to be corresponding with something like our justice) is what you one God does for you and at the some time what the next God does against you. It’s not a system. It’s a sum of antagonistic systems.

A couple of years ago, in a an article which was published in Polish Journal of Philosophy I pleaded for a theodicy without classical omniscience – i.e. under the assumption that there are ontologically underdetermined events and that they are so also from God’s point of view. This is why I would never take the risk to overtake a bicycle before a turn even I were quite confident to be morally the most virtuous person on the planet. It can happen that the virtuous won’t reach Ithaca and the vicious will – in fact, this happens all the time.

A theodicy without classical omniscience – how comes? Well, this is one of these cases in which I’m more of an oriental Christian than I’d like to admit.

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