Adel verpflichtet

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Aus vielen Gründen habe ich dieses Jahr den alljährlichen Aufenthalt auf der Insel, woher meine Vorfahren stammen, gestrichen, womit ich zwei Kinder unglücklich machte, die Tinten- und Ährenfisch fischen wollten. Ich flüchtete in die Rhetorik meiner Eltern, wenn es mir ähnlich ging: „Der Riff vor dem Obstgarten deines Großvaters, unter dem sich die Meeräschen verstecken, wartet auf dich die nächsten paar Tausend Jahre. Er geht jedenfalls nicht weg“. Und ich nahm den Katalog eines Reiseführerverlags in die Hand und blätterte darin in der Hoffnung, eine Eingebung für einen recht kurzen Familienurlaub zu bekommen – für einen, der uns unsere Insel und unsere Obstbäume und Gewässer vergessen lässt.

Es kam anders. Nicht weil Donaueschingen an Euböa erinnern würde! Alles andere ist der Fall. Es kam anders, weil sich der Reiseführer, den ich kaufte, über die Misserfolge des Donaueschinger Adelsgeschlechts lustig machte, mit Brauerei und Ländereien seinen üppigen Lebensstil zu unterhalten, in schierem Gegesatz zum rationalen Wirtschaften der bürgerlichen Nachbesitzer genannter Firmen. Dann sagte ich „Ich lese nicht weiter. Der Neid des Kleinlichen gegenüber dem Großzügigen ist mir peinlich“.

– Wieso peinlich?

– Wegen seiner Niveaulosigkeit.

In seinem legendären Roman Gattopardo lässt Giuseppe Tomasi di Lampedusa die Bauern ihren Fürsten Conte Salina in seinem eigenen Gut willkommen heißen. Durchlaucht verweilte lange im Stadtpalais bei Palermo, ist allerdings endlich wieder im Chateau und sie bringen ihm Geschenke mit.

Durchlaucht nimmt die Geschenke dankend an und, ohne zu rechnen, ob das vielleicht den Wert der mitgebrachten Geschenke weit übersteigt, gibt er den Bauern Geld. Salina nutzt vielleicht seine Bauern aus, aber indem er nicht berechnet, lebt er Großzügigkeit vor. Das kann gesamtwirtschaftlich und sogar für ihn selber schädlich sein, aber gesellschaftlich macht es Sinn.

Meine Großmutter auf der Insel, die ich heuer nicht besuchte, hasste, weiß Gott, das Haus de Mimont – das Haus, dem der eingangs besagte Obstgarten aus unserem Familienbesitz einst gehörte. Denn sie war Ehefrau des ersten kommunistischen Bürgermeisters des Dorfes – meines Großvaters – der in der großen humanitären Katastrophe nach dem verlorenen Krieg des Jahres 1924 die Enteignung „der Franzosen“ vorantrieb. Aber, so sehr sie den Fürsten de Mimont auch hasste, zugegeben hat sie immer eines: Wenn seine Nachfahren so geblieben wären wie er, galant und einer Leidenschaft für die Arachnologie mehr ergeben als dem Verdienen, wäre der Opa niemals Bürgermeister geworden.

Dann wäre aus mir vielleicht eine ganz andere Person geworden: eine die den Obstgarten am Meer nicht hat, wo ein paar Meter von der Küste entfernt ein Riff liegt, unter dem sich Meeräschen verstecken. So wie jetzt ungefähr… Wie Giuseppe Tomasi di Lampedusa schreibt: „Es muss sich alles ändern, damit es gleich bleiben kann“.

Wenn’s stimmt, dass der Ausgangspunkt und das Ziel zusammenfallen: großzügige reiche Leute, dann ist wohl nur der Änderungsprozess, der die heutigen Züge des Profits um Pfennige mit allen Mitteln trägt. Kann es sein?

Manchmal zweifle ich am Wahrheitsgehalt des berühmten Ausspruchs von di Lampedusa.

Adel verpflichtet 1

For many reasons and unlike what I did until now I didn’t manage to visit the island my ancestors came from. My two unhappy daughters asked me how it comes that I have the power to say that they will not do squid and mullet fishing. I tried to find out if my parents‘ rhetoric in similar situations when I was a kid still worked: „The riff in a few yards distance from the shore at which your grandpa’s garden is, the riff where grey mullets go hide, will be waiting for you for the next couple of thousands of years. It won’t go away“. And I looked into the prospectus of a traveler’s guides publishers to find a title which would fit the needs of a family which needs some days of relaxing and forgeting what they have to live without this summer.

Quite the opposite came about. The reason was definitely not some alleged similarity between Donaueschingen and Euboea – there’s not one single. The reason of not forgeting was that the traveler’s guide I bought was ironic about the count’s of Donaueschingen failure to keep a balance between his luxurious life style and his income – originating from a brewery and real estate. The author of the book had also some malicious passages about the return of the count’s companies to black numbers after the majority stockholder wasn’t an aristocrat any more. I loudly said: „I’m not reading this anymore. Stingy people’s envy against noble generosity is something to be ashamed of“.

– Why ashamed?

– Because it’s vulgar.

In his legendary novel Il Gattopardo, Giuseppe Tomasi di Lampedusa describes the arrival of count Salina at his country estate. His serenity has been for long time at his Palermo residence. But now it’s time for his peasants to pay him a visit in front of his country house and to give him some presents.

His serenity expresses how grateful he is for the presents and shows so by giving them money – and by avoiding to calculate whether the money he gives them has a value much higher than the value of the presents. Even if he’s an exploiter, Salina tries to be generous. If he’s too successful in doing so, generosity can damage him and his pocket and the whole economy of the island. But socially, what he does makes sense.

Only my grandmother knows how much she hated the de Mimont family, the family who were the owners of the garden at the seaside where a riff lies in a few yards distance from the shore, where grey mullets find refuge – the garden I couldn’t visit this year. She was the wife of the first mayor of the communist party who, after the lost war and the great disaster of the year 1924, spelled out the town’s expropriation claims against „the French“. In spite of hatred she said that her husband, my grandfather, would never have been a mayor if de Mimont’s heirs had remained like the old count was: generous and with a passion for arachnology which was greater than his care to perserve his interests.

I would have been another person then. The garden at the seaside where, in a couple of yards distance from the shore a riff lies where grey mullets find refuge, would never have been expropriated and I wouldn’t have visited it this year – just like in the actual world. Giuseppe Tomasi di Lampedusa already stated: „If we want things to stay as they are, things will have to change„.

Assume that this is true and the start and the finish are the same: rich people are generous. Then it’s only during the change that we have to go through the present situation where nothing’s too sacred for a few more cents. Can it be?

Sometimes I have my doubts that di Lampedusa says something true there.

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