Fest

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Es ist also fest. Am 30. Januar 2016 wird es zum ersten Mal ohne Hans Burkhardt stattfinden, das Oberseminar, das vor einer gefühlten Ewigkeit in Murnau begann.

Wie seit Jahren üblich wird es in der Benediktinerabtei Ettal stattfinden. Christina Schneider und ich treten in die Rolle der Veranstalter. Die Schnittstelle von Ontologie und Logik bzw. Logikgeschichte wird wie gewohnt angesprochen werden. Die Vortragenden werden eine interuniversitäre Gruppe sein: LMU, Hochschule für Philosophie München, Uni Erfurt. Offiziel handelt es sich um eine Lehrveranstaltung der LMU.

Die Teilnehmerliste ist für jetzt voll. Wer allerdings im Sommer ein Projekt zu Ontologie in ihrem Zusammenhang mit der Ethik präsentieren möchte, sollte uns schon jetzt kontaktieren. Barocke Empfangsräume sind nie zu groß.

Derselbe Schnee wird mehr oder weniger bis Januar dort liegen. An sonnigen Tagen wird etwas davon wegschmelzen, bevor Neuschnee runterkommt. Es verhält sich damit wie mit unseren Projekten, mit unseren Leben, mit unseren Freunden.

Ettaler Parkplatz

ENOUGH WITH SCROLLING

It’s fixed: Hans Burkhardt’s master class  that started in Murnau some millions of years ago will meet on January 30, 2016 for the first time without its founder. 

For years now, it has been taking place in the Benedictine abbey of Ettal – and this is where it will take place again. Christina Schneider and myself are the organisers. The interface between ontology, logic and its history will be discussed again. The speakers will be from several universities: LMU Munich, Hochschule für Philosophie Munich, University of Erfurt. Officially it’s an LMU course. 

The list is closed for now. However, if you want to present a project next summer, this time on ontology and ethics, contact us now. The baroque reception of the abbey is small.

There’ll still be snow in Ettal in January, I suppose. The same quantity plus-or-minus something: sunny days make some melt, on the next day there’s new snow coming. Snow in the Alps is like our projects, our lives, our friends: something’s always left behind, something’s always coming.

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Social engineering

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Vor einigen Jahren machte ich in Brüssel die Bekanntschaft mit dem Ehepaar Klühspies. Sie waren Münchener, wir auch. Der Kontakt blieb erhalten: gegenseitige Einladungen, politische Diskussionen, russische Trinksprüche… Vor zehn Jahren haben wir uns aus den Augen verloren und erst jetzt muss ich wieder an Karl denken.

Karl Klühspies ist Stadtplaner und jemand, der mir demonstrierte, dass durchdachtes Städtebauen philosophische Konsequenzen und Motive hat. Karls wichtigste politische und städtebauliche Arbeit waren die Bürgerinitiativen (Stichwort: Münchener Forum), mit denen es ihm gelang, die Pläne des Münchener Stadtrats zur Betonierung des Leopoldparks, zur Verbreiterung der Tengstraße, zur Verwandlung der Münchener Innenstadt in eine Stadtautobahn rückgängig zu machen.

Sein Ansatz – wohlgemerkt der Ansatz eines Stadtplaners – war durchaus philosophischer Natur: Planung drohe langfristig lebensfeindliche Strukturen zu etablieren; historisch Gewachsenes ermögliche menschenwürdigen Lebensraum. Das Ziel einer Planung, die historisch Gewachsenes respektiert, müsse das Miteinander vieler Gesellschaftsschichten und -klassen in einem Viertel, das Einhergehen von Natur und urbanem Raum sein. Das ließ sich kurz und prägnant in ein paar Geboten ausdrücken: Keine Stadtviertel nur für Weißkrägen, keine Stadtviertel nur für sozial Schwache, kein Jogging, weil jeder schließlich einen Garten oder Innenhof hat, wo Klettern und Umgraben möglich ist.

Was allerdings in den 70ern unwirtschaftlich erschien – der Erhalt alter Bausubstanz und Strukturen – schaffte Werte ab den 90ern: Schwabing und die Schwanthaler Höhe, gerade durch Karls Philosophie von der finanztechnischen Raison gerettet, wurden gerade deshalb teurer, anschließend nach und nach von sozial aufstrebenden Betriebswirten, Medizinern und Informatikern erobert, das Bildungsbürgertum, die Arbeiter, die Künstler wanderten nach Hasenbergl und Feldmoching aus. Die soziale Monokultur, vor der Karl eindringlich gewarnt hatte, errang doch noch den Sieg.

Ich muss wie gesagt an ihn denken in der letzten Zeit. Nicht wegen des Prozesses, den ich gerade schilderte. Der ist längst vollzogen und wir haben ihn auch gemeinsam beweint. Der Grund, aus dem ich letztlich an Karl denken muss, ist vielmehr ein aktueller – das Hallenser Paulusviertel: ein erschwinglicher, innenstädtischer Raum, in dem das Bildungsbürgertum seinen Platz neben Theatern und Uni erhält und Studis und Proletarier kleine und gute Altbauwohnungen aus der Gründerzeit beziehen können.

Die Städte, die ihrem Namen eine Ehre machen, d.h. die Diversität und soziale Mobilität ermöglichen – die gibt’s noch. Für das, was in den letzten Jahren aus Schwabing und dem Prenzlauer Berg wurde, muss freilich noch ein Name gesucht werden. „Euro-Palanka“ vielleicht? Nur so ein Vorschlag…

GütchenstraßeENOUGH WITH SCROLLING

In Brussels, many years ago I met two very interesting people whose names were mr. and mrs. Klühspies. They lived in Munich and so did we. Invitations, political discussions, humorous Russian toasts until we lost contact about ten years ago. And only now I have to think of Karl again.

Karl Klühspies is an urban planner and someone who showed to me that intelligent urban planning has philosophical consequences and motives. Karl’s main political and planning work consisted in organizing citizens to oppose to plans of the Munich city council in the 70ies according to which parks and alleys lined with trees would be sacrificed to make city highways in the historical heart of Munich.

Karl’s approach had a philosophical constraint. Planning, he thinks, creates new structures that become inhuman in the long run. By contrast, historically developped structures are worthy of giving human beings a place to live. The goal of an urban planning which remains urban, i.e. makes diversity and social mobility possible, is to have members of one social group or class living next door to members of another social group or class.

Let me resume some of the social principles which are present in Karl’s thought: no city districts only for white collars, no city districts only for the socially deprived, no jogging since everyone has a garden to climb on their own trees and to work in their own gardens.

In the 70s, these and such were the principles that preserved architecture and condemned cities to stagnation. Although now Karl managed to save some Munich neighbourhoods from „development“ by propagating these principles, these were later exactly the neighbourhoods that became more expensive and the favourite places for up-and-coming people to live – managers, medical doctors, IT-people. The intelligentsia, the working class, the artists, had to leave. Social monoculture, Karl’s enemy, would win just because the preservation of the historical character of the rescued neighbourhoods would create new values.

The fact that I think of him often lately is not the procedure I just described. Everyone has learned to live with it in the meanwhile. The reason to think of Karl lately is Halle’s St.-Paul’s neighbourhood: the Paulusviertel. It’s an affordable location in downtown Halle, where most of the university and cultural facilities and buildings are situated.

Despite of what it seems when you have the west of Germany in mind, in the east of the country, the cities which deserve being called thus: multicultural urban spaces which make diversity and social mobility possible, are still existing. And, for the sake of justice and linguistic precision, I would suggest the social-monoculture areas that emerged from the 80s on in downtown Munich and Berlin to be called „europalankas“ instead of city districts.

Third-grade rationality vs first-class rationality

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Sie sind Drittklässler. Sie haben hart gearbeitet. Sie wollen belohnt werden. Von mir.

Es ist genug Belohnung für sie, wenn sie Edelsteine in die „Waagschale der guten Taten“ hineintun dürfen. Dabei handelt es sich um eine altmodische Waage, in die ein Edelstein hineinkommt, wenn der Klasse etwas gelungen ist.

Ganz ehrlich: Ich bin, seit ich in pädagogischer Hinsicht Adlerianer wurde (also seit Unzeiten), gegen Belohnungen und Preise für besondere Leistungen. Denn ich bin gegen Strafen. Aber eine Belohnung für X ist eine Strafe für Y, wenn Y dabei zuschauen muss. Zwar bin ich bereit, eine Ausnahme zu machen, bloß: Es gibt nicht genug Edelsteine für alle und alle haben gleich hart gearbeitet.

Sie sind erfinderisch: Ich solle mit irgendeiner fadenscheinigen Begründung irgendjemanden belohnen. Damit es eine Belohnung überhaupt gibt.

Das ist nun wirklich gegen meine Grundsätze und ich versuche die citius-altius-fortius-Mentalität ad absurdum zu führen.

Mir doch egal [Ich bin so ein Lügner, wenn ich will…]! Den ersten Edelstein erhält, wer mir ALS ZWEITER ODER ZWEITE sagt, wie viele „X“ in der römischen Zahl für 34 enthalten sind.

Ich habe nämlich gehofft, dass alle aus Angst, die ersten zu sein, schweigen und hoffen, dass ein unachtsamer Mitschüler als erster „drei“ sagt, damit sie abermals „drei“ rufend die Auszeichnung bekommen – als zweite dran, denn nur der oder die zweite sollte den Edelstein haben.

Nix da! Sie versuchen einander in Schnelligkeit zu überbieten. Der übliche Kandidat sagt „drei“, die nächste, die „drei“ sagt, erhält den Edelstein und darf ihn in die „Waagschale der guten Taten“ platzieren.

Aber es gibt noch einen Edelstein. Jetzt werden sie am traurigen Gesicht des früheren Erstrufers gemerkt haben, hoffe ich, dass sie bei diesem Spiel zunächst schweigen müssen, um eine Chance zu haben, als zweite dran kommen zu können. Und wenn alle so tun, dann schweigen sie alle gemeinsam, weil sie so gewinnen zu können wähnen! Aber, wenn alle schweigen, dann gewinnt niemand und infolge dessen – so meine Rechnung – brauche ich niemanden zu belohnen.

Den zweiten Edelstein bekommt, wer mir ALS ZWEITER ODER ZWEITE sagt, wie viele „X“ in der römischen Zahl für 27 enthalten sind.

(„Zahl“ bedeutet hier natürlich „Numeral“. Ich bin doch nicht verrückt, bei den Kindern den Unterschied zwischen Zahlen und Numeralen zu thematisieren)

Die Reaktion der Neunjährigen auf meinen erneuten Vorstoß habe ich nicht erwartet. Trotz ihrer Erfahrung mit den Tücken meines Spiels in der ersten Runde, haben sie sich in der zweiten Runde schon wieder entgegen ihren Interessen – die sie anscheinend nicht wahrgenommen haben – um die schnellste Antwort abgemüht – um die Belohnung im Endeffekt einem Zweiten zu überlassen. Mein Plan, die Belohnung der Kinder zu bomben, misslang – wegen der Irrationalität dieser Kinder. Rationales Verhalten hätten sie an den Tag gelegt, so hatte ich wenigstens angenommen, wenn sie geschwiegen hätten, um die eigenen Chancen zu erhöhen, als zweite die richtige Antwort zu geben.

Dennoch habe ich nach dem misslungenen Versuch nichtdiskriminierender Pädagogik etwas gewonnen: eine Erkenntnis im Sinn der Experimentalphilosophie. Indem die Kinder die eigenen Interessen nicht achteten und nicht schwiegen, haben sie gerade erst eine Belohnung ermöglicht. Wenn das Ziel war: Wir wollen, dass hier belohnt wird, dann war ihre unbewusste Strategie ja rational. Angenommen, alle wären rationale Individuen in meinem Sinn der erstklassigen, reflektierten, Superduper-Rationalität, hätte nach meiner Strategie des Schweigens gar niemand belohnt werden können! Wäre das wirklich rational? Die Frage ist rhetorisch.

Den Lesern dieses Blogs kommt es vielleicht verblüffend vor, dass ich hier ketzerische Ansichten zur Rationalität vertrete und eine abweichende Rationalität befürworte. Tatsächlich bin ich normalerweise ein klassisch denkender Philosoph. Nach und nach verwässere ich aber meinen Wein – je mehr ich mich mit beobachtbarem Verhalten beschäftige, erst recht bei Kindern.

Third class rationality

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They are third graders. They have worked like hell. And now they want a reward. And I have to grant it to them.

It’s not a big reward they ask for. In fact, it’s only a permission. The permission to tip the scales „of good deeds“ with gems. It’s only old-fashioned scales to which the kids may place a gem whenever the class has achieved something big.

But honestly: since I became an Adlerian in terms of education (since ages, that is) I am opposed to rewards for great achievements. I am opposed to them just like I’m opposed to punishments: if you reward X and let Y watch and don’t reward Y, Y will experience X’s reward as a punishment for himself. I can make an exception, of course, however: we didn’t have enough gems and they’ve all been hard-working children.

But they insisted that I should reward those who did something extraordinary even if this wasn’t very important. Something… This something being my excuse to reward Jacob and not Esau.

Of course, this quite emphatically contradicted my principles and for that reason I tried to take the kids‘ citius-altius-fortiushype ad absurdum.

I don’t care [Although, of course, I did care…]! I’ll give the first gem TO THE SECOND kid who’ll tell me how many Xs there are in the Latin number for 34.

My hope was that every kid would see the danger of speaking out the correct answer too early for him to be second and would prefer to remain quiet. And that everyone would be rational enough to remain quiet then, to render the game to a parody.

They competed like pros for the first place instead… A keen pupil said „three“ (to lose the reward) and the next who repeated what the first had said got the gem to place it into the scales with a glow of enthusiasm shining all over her face. A battle lost.

But a battle lost is not a war lost – not even for my Adlerian stance. One more gem, one more round. Now, I thought, that in the second round at the latest they’ll realise how sinister my game was since they could see how sad the face of the first round’s early bird was. They’ll draw the right conclusion – I thought to myself – the conclusion to avoid to speak first. But if everyone avoids to speak first, then no one speaks ever. No one will be the winner and no one will be rewarded – this was my plan.

The second gem goes to the one who’ll be the SECOND person to tell me how many „Xs“ there are in the Latin number for 27.

(I used „Latin number“ to mean „Roman numeral“ in this context. I would be a fool to tell children the difference between numbers and numerals though)

I didn’t expect their reaction. Also in the second round, they attempted to be the first to give the right answer – their experience with the injustice of my game notwithstanding, and against their own interests which they probably didn’t realize at all. Of course the kid’s failure to reflect on a rational strategy left someone imitate the first best answer – to be the second and to get the reward. My plan was to take ad absurdum the children’s wish to get rewarded. This plan was doomed to fail due to the irrationality of these children: the irrationality that prevented them from remaining mute and that made them hope that someone would be irrational enough to speak out the correct answer first.

My defeat in terms of non-discrimination education was obvious. But I also had gained something in terms of experimental philosophy. The kids ignored their own interests and failed to remain silent to ensure not to be the first to give the right answer. However, by doing so they ensured that there will be some reward. If this was their goal, then they achieved it by means of the only rational strategy to achieve it. If they had happenned to have a grasp on my first-class, reflected, super-duper rationality, I mean all of them, then all of them would have remained silent and no reward would be given.

To some of my readers, it will come as a surprise that, of all people, I appear to be a heretic who propagates deviant rationality. True, in terms of logic I’m rather a classical thinker. But I tend to water down my wine the more I occupy myself with observable behaviour, let alone the observable behaviour of minors.

Useless truths? A note on self-referentiality

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Wenn ich sage „Ich sage die Wahrheit“, indem ich mich nur auf diesen Satz beziehe, kann ich entweder die Wahrheit sagen oder etwas Falsches. Jedenfalls werde ich so annehmen.

Wäre obiger Satz (alias „Wahrheitssager“) falsch, dann würde ich nicht die Wahrheit sagen, d.h. es wäre falsch, dass ich die Wahrheit sage. Wenn aber seine Wahrheit angenommen wird, kann der Wahrheitssager nur wahr sein. Das einzige Kriterium seiner Wahrheit ist meine Annahme bezüglich seines Wahrheitswertes.

Ist der Wahrheitssager deshalb etwa nichtinformativ? Wohl kaum – so denke ich wenigstens seit gestern, als ich die Dienstwohnung auf dem Campus räumte und saubermachte, um in die Innenstadt umzuziehen. Ist die Selbstbezüglichkeit des sich selbst reinigenden, verstaubten Staubsaugers unnütz? Wohl nur, wenn es keinen Strom gibt. Funktionierende Staubsauger können sich selber reinigen. Das ist pragmatisch und OK.

Analog dazu sollten pragmatisch gerechtfertigte Sätze, die ihre eigene Wahrheit behaupten, als wahr gelten, wenn sie sich tatsächlich auf sich beziehen.

Die Frage bleibt natürlich, wann die Wahrheit eines selbstbezüglichen Satzes pragmatisch gerechtfertigt ist.


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When I say „I’m telling the truth“ and refer only to this sentence I can only lie or say the truth – let’s assume so…

If this sentence (alias „truth teller“) is false then I’m saying something false. If the truth teller is true then I’m telling the truth. The truth value of the truth teller is completely dependent on my assumption concerning its truth.

This sounds as if the truth teller were void of information. Since yesterday I have a reason to believe that this is not the case. This is what happened: I was tidying up the  campus flat because I moved downtown. The vacuum cleaner was dusty. So I used it to clean it up. Not the best method but pragmatically OK.

Like vacuum cleaners are useful to themselves when the surrounding circumstances make this possible (e.g. if there’s electricity) there’s nothing bad or vain in assuming self-referential sentences to refer truthfully to themselves if this is pragmatically justified.

One question remains: what does it mean to say that the truth of a self-referential sentence is pragmatically justified?