Social engineering

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Vor einigen Jahren machte ich in Brüssel die Bekanntschaft mit dem Ehepaar Klühspies. Sie waren Münchener, wir auch. Der Kontakt blieb erhalten: gegenseitige Einladungen, politische Diskussionen, russische Trinksprüche… Vor zehn Jahren haben wir uns aus den Augen verloren und erst jetzt muss ich wieder an Karl denken.

Karl Klühspies ist Stadtplaner und jemand, der mir demonstrierte, dass durchdachtes Städtebauen philosophische Konsequenzen und Motive hat. Karls wichtigste politische und städtebauliche Arbeit waren die Bürgerinitiativen (Stichwort: Münchener Forum), mit denen es ihm gelang, die Pläne des Münchener Stadtrats zur Betonierung des Leopoldparks, zur Verbreiterung der Tengstraße, zur Verwandlung der Münchener Innenstadt in eine Stadtautobahn rückgängig zu machen.

Sein Ansatz – wohlgemerkt der Ansatz eines Stadtplaners – war durchaus philosophischer Natur: Planung drohe langfristig lebensfeindliche Strukturen zu etablieren; historisch Gewachsenes ermögliche menschenwürdigen Lebensraum. Das Ziel einer Planung, die historisch Gewachsenes respektiert, müsse das Miteinander vieler Gesellschaftsschichten und -klassen in einem Viertel, das Einhergehen von Natur und urbanem Raum sein. Das ließ sich kurz und prägnant in ein paar Geboten ausdrücken: Keine Stadtviertel nur für Weißkrägen, keine Stadtviertel nur für sozial Schwache, kein Jogging, weil jeder schließlich einen Garten oder Innenhof hat, wo Klettern und Umgraben möglich ist.

Was allerdings in den 70ern unwirtschaftlich erschien – der Erhalt alter Bausubstanz und Strukturen – schaffte Werte ab den 90ern: Schwabing und die Schwanthaler Höhe, gerade durch Karls Philosophie von der finanztechnischen Raison gerettet, wurden gerade deshalb teurer, anschließend nach und nach von sozial aufstrebenden Betriebswirten, Medizinern und Informatikern erobert, das Bildungsbürgertum, die Arbeiter, die Künstler wanderten nach Hasenbergl und Feldmoching aus. Die soziale Monokultur, vor der Karl eindringlich gewarnt hatte, errang doch noch den Sieg.

Ich muss wie gesagt an ihn denken in der letzten Zeit. Nicht wegen des Prozesses, den ich gerade schilderte. Der ist längst vollzogen und wir haben ihn auch gemeinsam beweint. Der Grund, aus dem ich letztlich an Karl denken muss, ist vielmehr ein aktueller – das Hallenser Paulusviertel: ein erschwinglicher, innenstädtischer Raum, in dem das Bildungsbürgertum seinen Platz neben Theatern und Uni erhält und Studis und Proletarier kleine und gute Altbauwohnungen aus der Gründerzeit beziehen können.

Die Städte, die ihrem Namen eine Ehre machen, d.h. die Diversität und soziale Mobilität ermöglichen – die gibt’s noch. Für das, was in den letzten Jahren aus Schwabing und dem Prenzlauer Berg wurde, muss freilich noch ein Name gesucht werden. „Euro-Palanka“ vielleicht? Nur so ein Vorschlag…

GütchenstraßeENOUGH WITH SCROLLING

In Brussels, many years ago I met two very interesting people whose names were mr. and mrs. Klühspies. They lived in Munich and so did we. Invitations, political discussions, humorous Russian toasts until we lost contact about ten years ago. And only now I have to think of Karl again.

Karl Klühspies is an urban planner and someone who showed to me that intelligent urban planning has philosophical consequences and motives. Karl’s main political and planning work consisted in organizing citizens to oppose to plans of the Munich city council in the 70ies according to which parks and alleys lined with trees would be sacrificed to make city highways in the historical heart of Munich.

Karl’s approach had a philosophical constraint. Planning, he thinks, creates new structures that become inhuman in the long run. By contrast, historically developped structures are worthy of giving human beings a place to live. The goal of an urban planning which remains urban, i.e. makes diversity and social mobility possible, is to have members of one social group or class living next door to members of another social group or class.

Let me resume some of the social principles which are present in Karl’s thought: no city districts only for white collars, no city districts only for the socially deprived, no jogging since everyone has a garden to climb on their own trees and to work in their own gardens.

In the 70s, these and such were the principles that preserved architecture and condemned cities to stagnation. Although now Karl managed to save some Munich neighbourhoods from „development“ by propagating these principles, these were later exactly the neighbourhoods that became more expensive and the favourite places for up-and-coming people to live – managers, medical doctors, IT-people. The intelligentsia, the working class, the artists, had to leave. Social monoculture, Karl’s enemy, would win just because the preservation of the historical character of the rescued neighbourhoods would create new values.

The fact that I think of him often lately is not the procedure I just described. Everyone has learned to live with it in the meanwhile. The reason to think of Karl lately is Halle’s St.-Paul’s neighbourhood: the Paulusviertel. It’s an affordable location in downtown Halle, where most of the university and cultural facilities and buildings are situated.

Despite of what it seems when you have the west of Germany in mind, in the east of the country, the cities which deserve being called thus: multicultural urban spaces which make diversity and social mobility possible, are still existing. And, for the sake of justice and linguistic precision, I would suggest the social-monoculture areas that emerged from the 80s on in downtown Munich and Berlin to be called „europalankas“ instead of city districts.

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