Jesus, Janis, Yanis

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„Notes from the Overfed“, eine von Woody Allens Kurzgeschichten aus der Sammlung Getting Even, soll beim fast gleichzeitigen Lesen von Dostojewskij sowie Weight-Watchers-Magazin entstanden sein und zum Schluss einen grotesken Zusammenhang zwischen Existentialismus und Gewichtabnehmen herstellen. Mir gingen ähnlich groteske Zusammenhänge durch den Kopf beim fast gleichzeitigen Lesen von Dostojewskijs Allegorie des Großinquisitors aus den Brüdern Karamasow – ich meine nämlich, dass es eine Allegorie ist – und dem Blogposting von Yanis Varoufakis mit dem Titel „Are the Best Things in Life Free?“ – einem Reposting der Kolumne Opinion aus den New York Times des 10. Dezember zu Coco Chanels bejahender Antwort auf die Titelfrage.

Was die zweite Quelle anbetrifft, stimme ich mit Coco Chanel überein: Die besten Sachen in der Welt sind tatsächlich umsonst oder fast umsonst: die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, die Liebe, wofür wir gern leben, sind Beispiele, die sofort in den Sinn kommen. Zwar kann man für Liebe zahlen, mit der eigenen Kaufkraft das Jawort eines anderen Menschen vor dem Bürgermeister erleichtern, einen Hund kaufen, aber die Liebe, die wir meinen, wenn wir nicht vulgär sein wollen, ist eine andere. Eindeutig.

Bei Dostojewski, der ersten Quelle, ist die Sache etwas weniger eindeutig. Das Szenario: Im Sevilla der frühen Neuzeit erscheint ein Mensch, der wie Jesus auftritt: charismatisch, wundertätig, gleichzeitig ohne ersichtlichen Grund an seiner göttlichen Kraft Zweifel aufkommend lassend. Da jedenfalls viele glauben, dass er der wiederkehrende Jesus ist, wird er wegen Gotteslästerung verhaftet. Im Kerker – von dem er sich nicht eigenmächtig befreit, um endgültig zu beweisen, dass er Gott ist, ganz so wie Jesus am Kreuz oder auch so wie die meisten Opfer gerichtlicher Fehlentscheidungen – stattet ihm der Großinquisitor einen Besuch ab.

Um ihm mitzuteilen, dass er ihn wegen blasphemischer Anmaßung hinrichten lassen will? Fast, aber nicht ganz. Er will ihn zwar hinrichten lassen, allerdings nicht wegen Blasphemie, sondern weil er, der Großinquisitor, glaubt, dass der Gefangene tatsächlich Christus sein könnte. Als Christus hätte aber dieser den Menschen klare Zeichen seiner Göttlichkeit geben können: etwa Brot, ein Haus – „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?“ sang ihrerzeit Janis Joplin. Das war freilich ironisch von Janis und wer im Kopf behält, dass sie Kris Kristoffersons „Me and Bobby McGee“ interpretierte – „Freedom ain’t worth nothing but it’s free“ – kann ahnen, dass es Sachen gibt, die umsonst und ihr wichtiger waren als deutsche Autos.

Anders als Janis in ihren bekanntesten Songs erscheint Yanis im vorgenannten Blogposting vom Projekt einer nachfrageorientierten Volkswirtschaft durch und durch überzeugt. Eine zivilisierte Gesellschaft solle Bürgern ein Dach überm Kopf liefern. Die hohe Wahrscheinlichkeit, dass letztere erstere ausnutzen, scheint ihm nichts auszumachen. Dostojewskij sieht die Sache anders. Sein Jesus gibt seine Göttlichkeit nicht preis und den Menschen keine verlässlichen Geschenke, da es ihm darum geht, ihnen die Freiheit zum Glauben zu lassen. Jesus geht es um die Liebe der Menschen um der Liebe willen.

Wer schert sich um die Freiheit, wenn sie nicht essbar ist? – entgegnet der Großinquisitor. Die Pointe ist ernstzunehmen. Für mich allerdings, der ich ständig jungen Leuten rate, sich ihren Neigungen hinzugeben, auch wenn sie damit keinen Lohn ernten, erscheint diese Pointe destruktiv. In meiner Haltung und in Dostojewskijs Allegorie des Großinquisitors spiegeln sich die Stellen 5.Mose 8; Mt 4,4; Lk 4,4 wider: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Für destruktiv halte ich den Großinquisitor, weil die Schenkung von Brot durch einen allmächtigen, oder auch nicht allmächtigen Vater, den Menschen nicht die Freiheit lässt, jenen zu lieben oder nicht. Sie müssen ihn vielmehr lieben. Wer kostspielige Sachen schenkt, verzichtet so gewissermaßen auf kostenlose Sachen wie die Freiheit und die Liebe. Und Coco Chanel hat ja gewusst: die kostenlosen Güter sind die besten.

Nach der Bescherung ist alles so viel schwieriger…

„Notes from the Overfed“, one of Woody Allen’s short stories from the collection Getting Even – the one on an alleged interface between existentialism and obesity – was inspired in a flight in which Woody read almost sychronically Dostoyevsky and the Weight Watchers Magazine. Today I had the opportunity to be inspired in much the same way after reading Dostoyevsky’s allegory of the Grand Inquisitor – I think it is an allegory – from Brothers Karamazov and the New York Times‘ Opinion column of December, 10th titled: „Are the Best Things in Life Free?“, as reposted by Yanis Varoufakis in his blog. Like Woody, I discovered a grotesque connection.

As pertains to the second source I agree with Coco Chanel: the best things in life are free or almost free: air to breath, water to drink, love to make life worth the pains, are ready examples.

It’s not quite uncommon to buy love, to make someone say „yes“ during your wedding because you’re loaded, to bribe your dog. But it’s one thing to be serious about the meaning of love and another to make sarcastic jokes about it. I believe that most of my readers share this intuition with me.

Dostoyevsky, the first source, is a more difficult case in terms of intuitions. The plot: in early-modern Seville, a charismatic man appearing to be Jesus makes miracles but allows doubts on whether he really is Jesus (why? – we don’t know). Many believe that he is Jesus anyway which is the reason why he gets arrested with the charge of blasphemy. The Grand Inquisitor pays him a visit in his cell.

You may assume that the Grand Inquisitor wants to let him know that he’ll have him executed because of blasphemy. This is close but not quite true. He will have him executed alright… But his rationale is that the detained might be Jesus after all. If so, then, as God, he could have easily forced human beings to accept Him as a divine person by giving them gifts: bread, real estate or what have you. Janis Joplin used to sing „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz“. This is, of course, ironic and those who can recall that she interpreted Kris Kristofferson’s „Me and Bobby McGee“ will remember that she preferred freedom to German cars and this although or because „freedom ain’t worth nothing but it’s free“.

Unlike Janis, Yanis is a scholar very dedicated in demand-oriented financial policies. In the aforementioned posting he claims that a „civilized society“ must guarantee a minimum wealth and housing to everone. The rather high probability by which citizens would exploit such a society while maintaining their loyalty and sympathy towards it on the surface doesn’t seem to annoy him.

Dostoyevsky shows a deeper insight into human matters. He suggests that a God wo bribes human beings for their love deprives them of their freedom to believe or not. Would you fail to have faith to someone who organizes a big showdown to give you bread, truffles, cars, real estate? Thus justified love and faith are the unfree love and faith of a prostitute. However, the Grand Inquisitor insists, who bothers to justify better something that can’t feed the hungry? This is a point you cannot easily dismiss.

You cannot easily dismiss it, but as someone who constantly advises young people to take the freedom to study the subject they love even if it’s not lucrative, I take the Grand Inquisitor’s point to be destructive. I believe that Dostoyevsky alludes here to Deuteronomy 8; Mt 4,4; Lk 4,4: „Man shall not live by bread alone“ and that he gives a great example of what happens when expensive things are supplied by a mighty or not so mighty father or by the civilized society: things like freedom and love, normally for free, disappear because no options are left if you accepted a present. If like Coco Chanel you believe that the things that are for free are the best, this is bad.

After the Christmas presents are given, everything is so much more complicated…

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Jesus and Little Red Riding Hood

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Obschon der prominenteste Atheist unserer Zeit, soll Richard Dawkins ohne Bedenken frohe Weihnachten zu wünschen pflegen. Er erkläre, dass die Art, wie Weihnachten gefeiert werde, keine Spuren von christlichen Botschaften trage.

Wenn „christlich“ fromme Lieder singen, zur Mette gehen und über die Fleischwerdung des göttlichen Logos nachdenken bedeutet, dann hat Dawkins Recht. Meine Familie und ich feierten in den letzten Jahren Heiligabend mit unseren israelischen Freunden, Weihnachten mit den atheistischen Teilen der Verwandtschaft, nicht zuletzt mit meinen Studenten, darunter etlichen Moslems, mit denen ich immer wieder zum Erfurter Weihnachtsmarkt ging. Wenn man von der Unverträglichkeit der Esssachen an manchen Ständen mit Halal- und Kosher-Vorschriften absieht, ist der Weihnachtsmarkt eine neutrale, jedenfalls keine missionierende Veranstaltung.

In den östlichen Bundesländern ist das sogar mehr der Fall als im Westen der Bundesrepublik. Im Erfurter, im Hallenser, im Leipziger Weihnachtsmarkt stehen „Krippen“ mit Szenen aus Grimms-Märchen neben der bekannten Krippe. Diese Nähe macht es wahrscheinlich, dass Kinder den Wahrheitsanspruch der Geburt Christi mit dem Wahrheitsanspruch von Aschenputtel und Dornröschen verwecheln. Es gibt vielleicht Leser, die das bedenklich finden – auch mit Hinweis auf den Atheismus der DDR, der solche Assoziationen nährte.

Ich finde es nicht bedenklich.

Weihnachten ist nicht nur ein Fest über die Zeitwerdung des Zeitlosen. Ich weiß: Das ist die theologische Interpretation seit den Kirchenvätern und ich will sie gar nicht leugnen. Es ist aber auch ein Fest über die Menschwerdung des Göttlichen sowie ein Fest über die tiefere Realität im Fiktiven. Weihnachten regt nicht die Wissenschaft, sondern den Gebrauch von Symbolen, die Dichtung an. Wessen Zugang zu Weihnachten über Hänsel und Gretel ist, der soll diesen Weg gehen. Sind Hänsel und Gretel zudem ein Anziehungspunkt, der es ermöglicht, dass das Fest inklusiver wird, dass wir es mit nichtchristlichen Freunden feiern können? Dann um so besser!

Um so besser für den Theisten meine ich. Nicht für Dawkins.

Weihnachtsmarkt Halle

Although the most prominent atheist of our days, Richard Dawkins is said to have no hesitations to wish Merry Christmas. He allegedly explains that the celebration of Christmas is devoid of any Christian message.

If what we mean by „Christian“ are pious chants, waking up in the middle of the night to go to the church, listening to sermons on the incarnation of the divine logos, Dawkins‘ claim is true. In the last years we have been celebrating Christmas Eve with our Israeli friends, Christmas with the atheist parts of our family and, definitely, I used to go to the Erfurt Weihnachtsmarkt with my students some of whom are Muslims. If you neglect the incompatibility of some offered snacks with kosher or halal prescriptions, the Weihnachtsmarkt is a rather neutral, at no rate proselytizing public event.

This is in East Germany even more the case than in the West of the republic. What you get to see in the Weihnachtsmarkt of Erfurt, Halle or Leipzig, are scenes from Grimms‘ fairy tales next to a nativity scene – whereas in the West you only have the nativity scene, of course. There is a high probability of making kids associate the claims concerning the truth of our records on Jesus Christ with claims concerning Cinderella, the Sleeping Beauty or what have you. This is reminiscent to the GDR and its atheism and some of my readers may have concerns about associations of this kind.

I don’t.

Christmas is not only about the timeless becoming worldly. I know, this is the theological interpretation of Christmas since the church fathers, however Chrismas is also about seeing divine reason in human persons and it is also seeing a deeper reality in fiction. Christmas is not about science. It’s about the use of symbols. It’s poetry. If your access to Christmas is via Hansel and Gretel, be my guest… If Hansel and Gretel are an attraction that makes the event more inclusive for your Nonchristian friends to attend, then so much the better.

So much the better for the theist, I mean. Not for Dawkins.

 

Hans Joas erhält Max-Planck-Preis

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Erschöpft bin ich. Eine Zugfahrt, die hätte fünf Stunden dauern sollen, hat acht Stunden gedauert. In Deutschland gibt es zwei Gründe, aus denen so etwas passieren kann: entweder gibt es einen Sturm, der Bäume ausreißt, oder eine von allen guten Geistern verlassene Person war der Meinung, vor irgendeinem Zug stehen zu müssen.

Einen Sturm hat es gestern nicht gegeben.

Die Bahn hat Kaffee spendiert, viele Passagiere standen Schlange, um ihr Getränk abzuholen, und ich hatte auch Lust, einen Espresso spendiert zu bekommen (ich kann immer noch nicht schlafen, nachdem ich ihn getrunken habe) als ich vor mir an besagter Schlange die Silhouette eines ehemaligen Erfurter Nachbarn erkannte – gleichzeitig des einzigen Zeitgenossen, dessen Werk ich mehrere Sitzungen von meinen Lehrveranstaltungen widmete.

Hans Joas war lange Jahre Direktor des Max Weber Kollegs in Erfurt, Autor von mehreren Büchern, eines von denen ich für klassikerverdächtig halte, last and least mein Nachbar im Amplonius-Haus in Erfurt. Sein klassikerverdächtiges Buch trägt den Titel Die Sakralität der Person und stellt eine Genealogie der Menschenrechte dar, die keine Angst hat, den Anfang der Menschenrechtsdebatte im Spätmittelalter zu datieren; gleichzeitig einen Appell, die naturrechtliche Legitimation der Menschenrechte ernst zu nehmen. Ich musste ihm sagen, dass ich allein unter allen Erfurter Kollegen (Relativisten, Dezisionisten, Postmodernen) die Botschaft in der Sakralität zu verbreiten versuche, dass ich mir wünsche, dass gute webersche Religionssoziologie weiterhin eine Chance erhält.

Und sie erhält sie bestimmt. Letzte Woche, erzählte er mir, erhielt er den Max-Planck-Forschungspreis.

Wenn ich darüber nachdenke, bleibe ich weiterhin erschöpft. Aber auch optimistisch. Es ist nicht wenig, wenn ein Vertreter der weberschen Rationalität eine erstklassige Möglichkeit erhält, sein Werk zu propagieren. Insbesondere wenn man sieht, wie sehr die deutsche Religionswissenschaft und -soziologie an Philologismus, Bongobongoismus und volkskundlicher Postmoderne leidet.

You made my day – even if it’s night.

ICE

ENOUGH WITH SCROLLING

I’m so tired… A normally five-hours trip from Munich to Halle lasted eight hours. In Germany, something like this can be due to two reasons only: either there is a tornado-like storm or someone lost his mind and thought it a good idea to walk into the train track.

There were no storms yesterday.

The Deutsche Bahn payed passengers a coffee because of the delay, many many of them stood in a queue and I also fancied one – which is obviously the reason I have insomnia tonight. Anyway, in the same queue I recognised from behind the silhouette of a former Erfurt neighbour, at the same time the silhouette of the only thinker of our times who gave me the material for two of my classes.

Hans Joas was a long-time director of the Max Weber Kolleg in Erfurt, author of many books one of which I consider to be a future classic, last and least my neighbour in the Erfurt Amplonius Haus in Erfurt. His monograph on the Sacrality of the Person is about a genealogy of human rights which begins in the Middle Ages; and an appeal to take natural law seriously. I had to tell him that I was the only one among his former colleagues in Erfurt (relativists, decisionists, postmodernists) who tried to spread the word, his word, and how badly I wish old good Weberian sociology of religion to get a fair chance.

And he informed me that it already gets this chance. Because he was awarded the Max-Planck-research-prize last week.

Surely, I’m still exhausted. But now I’m also optimistic. It’s not negligible to have a supporter of Weberian sociology get a first-class chance to propagate his ideas.

You made my day – even if it’s night.

 

Dialektik

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Die Dialektik feierte letztlich große Erfolge. Vor allem die Graham Priest zugeschriebene (und in Wirklichkeit von Asenjo/Tamburino entwickelte) „Logik der Paradoxien“, aber auch die Arbeiten da Costas und anderer machten uns einen Wahrheitswert bekannt, der als Mischung von wahr und falsch zu verstehen ist.

Dabei vergessen wir, dass die marxistisch und hegelianisch motivierte Dialektik durch und durch unvorstellbar war: Falsches in der unvermischten Wahrheit, Wahres in der puren Falschheit.

Den Dialetheismus betrachte ich als   einen harmlosen entfernten Verwandten dieser älteren Misologie, die bekanntlich George Orwell als solche kenntlich machte.

Gestern fand ich wieder nach Jahren in einer alten Anthologie eines der Gedichte Helmut Heissenbüttels. Es wirkt wie aus einem anderen Jahrhundert.

Das Gute daran: Nicht nur wirkt es so. Es ist es auch…

ENOUGH WITH SCROLLING

In the past decades, dialectics has been celebrating success after success. Graham Priest’s „Logic of Paradox“ (in fact launched by Asenjo/Tamburino),  da Costa’s contributions to the discussion as well as those of others, made us understand dialectics as dealing with a truth value that is a glut of true and false.

Still, anyone who reads after decades Helmut Heissenbüttel’s poem Negative Dialectics 1 can recall that the Hegelian and Marxist dialectics was different. It wasn’t about certain sentences (like, say, „This sentence is false“) supposed to be true-and-false without being only-true and without being only-false. It was about

Negating while affirming.

Affirming while negating while affirming.

Negating while affirming while negating while affirming

How can it be?

It was Orwellian. Dialetheism is only a harmless distant relative thereof.