Being Daniel Dennett

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Angenommen, ich würde ein paar Überzeugungen haben, die ich normalerweise Daniel Dennett zuschreibe: dass der religiöse Glaube einen evolutionären Vorteil darstellen würde, der trotz seiner angeblichen Unwahrheit die Menschen infizieren würde.

Wir wissen nun, wie bestrebt die Medizin ist, abhanden gekommene evolutionäre Vorteile zu rekonstruieren; etwa aus Gehörlosen hörfähige Menschen zu machen. Die Medizin setzt sich damit ein rationales Ziel, etwa im Sinn der Zweckrationalität.

Mit dieser Einsicht im Hinterkopf müsste ich also als zweiter Daniel Dennett meinen, Religion wäre falsch, Katechese aber (das Wiederhestellen des evolutionären Vorteils Religiosität) zweckrational.

Ergo wäre ich kein Pragmatist.

Ich meine, ich bin sowieso kein Pragmatist. Aber ob sich Dennett als Quines Schüler dasselbe leisten kann?

  
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Let’s imagine that I come to have a series of beliefs normally attributed to Daniel Dennett: religious faith is an evolutionary advantage that went viral independently of the alleged fact that there’s no God.

At the same time it’s obvious that the task to rebuild evolutionary advantages is rational – say in the sense of Weber or Pareto. Think only of the medical efforts to repair hearing loss.

Thereby it would be rational to repair religiosity by means of catechism. Consequently, at the same time I would be bound to consider religiosity to be false and catechism to be rational.

Which cannot be done if you’re a pragmatist. I mean, I’m not a pragmatist anyway. But can Dennett as a philosopher so strongly influenced by Quine afford rejection of pragmatism?

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Brian Eno as a philosopher

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Nachdem der einflussreiche und militante ultralinke Kosmas Psychopedis verstorben war und der Fachbereich Wirtschaft des Athener Juridikums mich für seine Nachfolge ausgeschlossen hatte, lehrte Yanis Varoufakis auch das Fach Philosophie dort. Trotzdem überließ er jetzt in der Gründungsveranstaltung seiner postmodernen Partei („linken“ werden diejenigen sagen, die nicht so genau wissen) Brian Eno die Rolle des Chefphilosophen.

Enos Stellungnahme war philosophisch anregend! Er polemisierte gegen Smiths „unsichtbare Hand“ mit dem Argument, die Vorstellung, es sei zum Besten der Wirtschaft, wenn wir uns in diese nicht einmischen, sei religiös. Und  mit einem Zitat Margaret Thatchers brachte er Hayeks (und Poppers und Schumpeters) methodologischen Individualismus sehr treffend auf den Punkt: „So etwas wie die Gesellschaft gibt es gar nicht“.

Ich behaupte, dass Eno keinen Fehler beging, als er die unsichtbare Hand mit Religion gleichsetzte; ebenfalls keinen, als er Thatchers Spruch für Hayek sprechen ließ. Allerdings behaupte ich, dass er damit keine Mängel des „Systems“ aufzeigte, gegen das er polemisieren wollte.

Dass die freie Ökonomie nicht nur moralisch, sondern auch konzeptuell religiös geprägt ist, kann mindestens seit Weber und Sombart und Knoll und vielen anderen an sich als kein Vorwurf gelten. Und ist Marxens Entfremdungslehre etwa weniger ideologisch und ganzheitlich und weltanschaulich? Außerdem braucht die unsichtbare Hand gar nicht zu bedeuten, dass diese Hand wirklich eingreift. Es kann auch heißen, dass die Ökonomie angesichts menschlicher Unzulänglichkeit besser funktioniert, wenn man an die unsichtbare Hand denkt, als wenn konkrete Hände am Werk sind.

Thatcher nun… Die Frage für Thatcher und Hayek und Schumpeter etc. war nicht, ob es die Gesellschaft gibt, so wie es die Gruppe aller in zweiter Ehe Lebenden gibt, deren einzige Basilikumpfanze beim Discounter gekauft wurde. Beides gibt’s natürlich. Sondern es geht darum, ob die Gesellschaft einen Willen hat, der über das hinausgeht, was die Summe aller Individuen jedes für sich will. Thatcher und Co haben die letzte Frage verneint und ergo in der Gesellschaft so etwas wie die farblose, zusammenhanglose Gruppe aller in zweiter Ehe Lebenden gesehen haben, deren einzige Basilikumpfanze beim Discounter gekauft wurde.

Enos Partei wird kollektivistische Züge tragen. Als einer, der individualistische Songs produzierte, darf er das. Mal was anderes!

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It’s been unknown to many that Yanis Varoufakis has been also teaching philosophy at the Department of Economics at the Faculty of Law of the University of Athens: at least since the death of the militant Critical-School adherent Kosmas Psychopedis and the failure of the department to hire me in his stead – and this is not a joke.

In spite of his philosophical past, Yanis left Brian Eno the floor to play the role of the chief philosopher in the founding session of his postmodernist party (less informed followers of the political events would speak of a „leftist“ platform – I won’t).

Eno’s speech was philosophically intriguing! His argument against Adam Smith’s „invisible hand“ was that if you think that the best thing to do in economy is not to interfere with it, then you must be religious to think that something (the invisible hand) will turn things to the best. Eno also formulated Hayek’s (and Popper’s and Schumpeter’s) methodological individualism by Margaret Thatcher’s dictum: „There is no such thing as society“.

I don’t think that Eno made any mistake by equating the invisible hand with religion. And I also see no mistake in his regarding Thatcher as a female metempsychosis of Hayek. But I do think that it’s flawed to see deficits of the „system“ in this.

Already Weber, Sombart and Knoll, among others, saw free economy as not only morally but also as conceptually connected with religion – without any criticism because of this. Marx’s theory of alienation is not less ideological and holistic and quasi religious. Besides, an invisible hand does not necessarily mean an efficiently intervening hand. It can also mean that economy functions better if you don’t interfere with it only because you’re too clumsy.

And, finally, the bit about Thatcher… For Thatcher and Hayek and Schumpeter etc. the main point wasn’t whether society exists in the same way in which those divorced and remarried people exist, whose only basil was bought at a discounter. Of course it does! The point for them was only whether society has a will beyond the individual volitions of the sum of the individuals that make it up. Thatcher and the rest had a negative answer to this and, therefore, they regarded society to be a group as colourless as the group of the divorced and remarried people whose only basil was bought at a discounter.

Eno’s party will affirm collectivism, at least to some extent. Eno has produced so many individualistic songs that he can try this for a change…

 

 

Integrity!

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Es ist jetzt zum zweiten Mal passiert und es muss, finde ich, gesagt werden, auch wenn es nur eine Vermutung ist. Mein Paper zu Swinburnes Argument über körperunabhängige Existenz habe ich anfänglich dem Journal of Philosophy zugesandt und, als es dort abgelehnt wurde, den Acta Analytica. In beiden Fällen erhielt eine alte, unveröffentlichte Version dieses Papers, die ich vor Jahren in meiner academia.edu-Präsenz zugänglich gemacht hatte, völlig unerwartete Leserschaft aus den USA unmittelbar danach. „Unerwartete“, weil in den letzten Monaten die einzigen Klicks auf diese Version, die trotz erheblicher Unterschiede in der Argumantation doch dieselben Stichwörter wie die neue Version hat, unmittelbar nach der jeweiligen Absendung der neuen Version an die Zeitschriften kamen. Ich vermute einen kausalen Zusammenhang da. Dass meine Vermutung ein post hoc ergo propter hoc ist? Ich wäre so glücklich, wenn dem so wäre… Nein, ich vermute ganz stark, dass beide Gutachter meine Identität als Autor des Papers enthüllen wollten, bevor sie die anonymisierte Version ablehnen – oder akzeptieren…

Google hat bei der Begutachtung eines Papers nichts zu suchen. Dass die Suchmaschine doch eingesetzt wird, zeigt, dass die vielgepriesene Integrität von bestimmten Zeitschriften eine Eigenschaft der gerade beteiligten Personen, nicht der Prozeduren ist.

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It’s the second time it happens and I want to talk about it even if I have only indications.

I sent my paper on Swinburne’s disembodiment argument to the Journal of Philosophy and, after it was rejected there I sent it to Acta Philosophica. Immediately after both submissions, an old version of this paper I uploaded years ago at my academia.edu site, was accessed by certain individuals in the USA. The old version has huge differences compared to the new but the same keywords. And it never drew attention except for the two times mentioned in the last few months.

I don’t think that we have a post hoc ergo propter hoc here. Rather, I believe that there is a causal relation between the submissions and the downloading of the old document – that’s not anonymised of course…

Google must remain out of the refereeing process. The fact that it doesn’t, shows that the integrity of certain journals is not a quality of procedures but one of the persons involved.

True-and-false

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Wer in der Geschichte des Faches Logik glaubte, bestimmte Widersprüche logisch bewiesen zu haben, glaubte nicht, diese wären gleichzeitig wahr und falsch – jedenfalls nicht im gängigen Sinn von „wahr“ und „falsch“ – und das seit Robert Holcot im 14. und sicherlich seit Immanuel Kant im 18. Jh.

Genau das glaubt allerdings Graham Priest. Seine Logik der Paradoxien (LP), obwohl mit denselben wahrheitsfunktionalen Definitionen der Junktoren wie Kleenes starke dreiwertige Logik, soll zweiwertig sein. Kleenes dritter Wert sei in LP, so Priest, 1 im gängigen Sinn von 1 und 0 im gängigen Sinn von 0.

Aber dann – mich überrascht es immer wieder, dass es unter den Teppich gekehrt wird – ist die Zuweisung von Wahrheitswerten in LP keine eindeutige Wertezuweisung und ergo keine Funktion. Man braucht nur an ein Beispiel eines Satzes mit dem Wert wahr-und-falsch zu denken! Er hätte zwar nach Kleene einen Wert, nach Priest aber zwei. Die Junktoren in LP sind nicht wahrheitsfunktional definiert!

LP beschreibt keine Widersprüche. Parturiit mons, murem peperit… 

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In the history of logic, those who thought they had proved a contradiction did not believe that this was true and false at the same time. At least not in the regular sense of „true“ and „false“. Not Robert Holcot in the 14th c. and definitely not Immanuel Kant in the 18th.

This is however what Graham Priest believes. His Logic of Paradox (LP) has the same truth tables as Kleene’s strong three-valued logic with the difference that it is bivalent. Kleene’s third value is in LP, Priest would tell you, 1 in the usual sense of 1 and 0 in the usual sense of 0.

But then – why aren’t people talking about this? – the assignment of truth values to a statement is not a  unique mapping. A sentence with the value true-and-false has for Kleene one truth value, for Priest two! The connectives in LP are not defined truth functionally.

Consequently, LP does not describe contradictions! Parturiit mons, murem peperit…

Ettal Winter 2016

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Vergangenen Samstag fand das Ettaler Oberseminar statt, zum ersten Mal ohne Hans Burkhardt, seinen Initiator vor vielen Jahren und patrem nostrum omnium. Christina Schneider (LMU und Hochschule für Philosophie) und ich übernahmen die Leitung und wir haben vor, zweimal im Jahr dort zu tagen. Für diese Sitzung hatte sie Ludwig Jaskolla (Hochschule für Philosophie) mit einem Vortrag über „Das dynamische Selbst“ eingeladen. Jörg Noller (LMU) war mein Gast und er trug über „Personale Lebensformen“ vor. Sein Untertitel lautete: „Zur Identität von Personen jenseits von Animalismus, Bewusstseins- und Konstitutionstheorie“. Beide Vortragenden sind untereinander bekannt, sie arbeiten beide über das Thema personale Identität und verfechten in ihren Habilitationsprojekten eine Abkehr vom Substanzialismus.

Ich habe mich bisher sehr wenig mit der zeitgenössischen Debatte zum hard problem beschäftigt, aber dieses Wenig zusammen mit meiner mittelalterlichen Lektüre sowie meiner eigenen Introspektion als Person – was ich jetzt beinahe vergessen hätte 🙂 – lassen mich vielleicht auf etwas altmodische Weise glauben, dass das Bewusstsein eines jeden auf der Selbstbezüglichkeit einer Substanz fußt. Nun haben beide, Noller und Jaskolla, sympathische antisubstanzialistische Ansätze zu bieten, mit denen selbst der Substanzialist leben kann. Noller meint, dass es die Lebensform ist, was ein Wesen als eine und zwar diese Person auszeichnet. Jaskolla meint, dass Nollers Lebensform als Kriterium des Personenseins nicht ausreicht, um Probleme wie Parfits Gedankenexperiment der Duplikation von Personen auf Molekularebene plausibel zu interpretieren. Ich glaube allerdings, dass das parfitsche Gedankenexperiment kein großes Problem für Nollers Argument darstellt. Fragen wir vielleicht eine Mutter vor der Herzoperation ihres Kindes, ob sie lieber das parfitsche Original als ihr Kind ansieht, oder lieber das parfitsche Duplikat mit geflicktem Herzen. Was sieht sie als ihr Kind an? Natürlich das Original und zwar aus Gründen der Kausalität: Sie hatte das Original und nicht das parfitsche Duplikat im Bauch. Das Duplikat ist eine andere Person.

Auch an dieser Stelle möchte ich betonen, wie froh und dankbar wir sind, dass wir in den Personen des Ettaler Abtes, P. Barnabas Bögle OSB, sowie P. Raphael Muhrs zwei Fachkollegen gefunden haben – sie haben beide Philosophie studiert – die ihre Gastfreundschaft als eine selbstverständliche Benediktinerpflicht gegenüber der Wissenschaft verstehen.

Außerdem bin ich Christina Schneider für ihre Bemühungen dankbar, die uns allen die Fahrt nach Ettal ermöglichten. Damit nicht genug bin ich ihr dankbar, weil sie während der Diskussion meinen Standpunkt zu Privation und mehrwertiger Logik verteidigte. Ohne sie wäre mein Argument zur Privation mangelhaft geblieben und ein mangelhaftes Argument zur Privation lehrt uns nichts über die Privation, sondern es ist bestenfalls ein gutes Beispiel einer Privation.

Im Anschluss erreichte mich eine Email von Christina. Unter anderem fragt sie mich, warum sich Logiker immer streiten müssen. Das weiß ich nicht, dadurch komme ich aber auf meinen letzten Dank für heute: Danke an die Diskutanten! Ohne sie hätten wir gar nicht streiten können. Und wir wissen ja: Es war oft der schöne Streit über Begriffe, der am nächsten Tag fruchtbar für unser Schreiben war, die Eintracht, die dagegen furchtbare Resultate hervorbrachte.

Vielleicht ist das die richtige Antwort auf die gestellte Frage.

Ettal Empfangsraum

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The Ettal master class took place last Saturday – for the first time without Hans Burkhardt, the man who initiated it back in 1997 as his – back then – Murnau master class. From now on, Christina Schneider (LMU Munich and Hochschule für Philosophie) and myself will be organizing this twice a year. This time Christina invited Ludwig Jaskolla (Hochschule für Philosophie) for a talk on „The Dynamic Self“. My guest was Jörg Noller (LMU Munich) who presented a paper on personhood as a form of life. Life form is Noller’s alternative to moral approaches to personhood (e.g. the animal-rights debate), further to consciousness-focussed theories and the personhood-as-a-construct debate. The two guests know each other and have similar views on personhood.

My only expertise in personhood is based, I suppose, on the bare fact that I am a person myself and this experience makes me propagate the view that my personhood stems from a substance: my substance. This is as old-fashioned as it can be and is probably backed by the fact that I’ve read only the basics of the contemporary hard-problem literature and many many medieval sources on personhood. Nevertheless, I found Noller’s and Jaskolla’s modern stories interesting. Noller thinks that X is a person if and only if X conducts a certain form of life. Jaskolla thinks that Noller’s form of life is not sufficient to form a criterion of personhood and, in Ettal, he pointed to Parfit’s thought experiment of teletransportation in this context. For myself, I think that the importance of Parfit’s thought experiment is overestimated. If we ask a mother who hears that her child has to go through a heart operation whether the original or Parfit’s duplicate with a mended heart would be her child, her answer would be that the only person of the two who is her child is the ill one. Causality would be her criterion for this: the ill child is the one she had in her womb.

Anyway, today I want to express my gratitude to the abbot of the Ettal monastery, father Barnabas Bögle OSB, as well as to father Raphael Muhr, both philosophers, for what they called their typical Benedictine hospitality towards letters and science.

And my gratitude goes also to Christina Schneider who did so much to enable the continuation of Hans’s master class. And, of course, I want to thank her again for defending and completing my argument on privation and multivalued logic. You see, an incomplete argument on privation is not something that teaches us much about privation but, rather, a case of privation. Thanx!

Christina asked me after the event why it is that logicians always have an argument – in the colloquial sense of „argument“ of course. Well, I don’t believe that the colloquial sense of „argument“ is really different from the technical one. And since the dispute got heated only during the questions, this is an important reason to say thanks to all participants – really tough dialecticians who enjoyed and made me enjoy discussion last Saturday.