Kleine Religionssoziologie des Fastens

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Sie bekamen die Krise, unsere Mütter und Großmütter und Tanten, wenn sie uns ausgerechnet zu dieser Zeit, kurz vor Ostern, mit einer leeren Schokoladenhülle in der Hand entdeckten. Unser Seelenheil stand auf dem Spiel und – was folgenschwerer wäre – ihr Ruf als Mütter und Großmütter und Tanten, die während der Fastenzeit keine Milchprodukte, keinen Fisch, kein Fleisch anbieten.

Die Schokoladenverpackung haben wir, damals bei Istiäa herumstreunende Kinder einer Großfamilie, von einem der ganz seltenen Sünder bekommen. Sünder aßen freilich ihren Schokoriegel allein. Der Schokoriegel war uns aber sowieso egal – wir wollten ja nicht das Fasten brechen. Es war uns genug, wenn wir unsere Eltern mit der Verpackung der Schokolade eines Fastensünders nerven durften.

Man kann wohl sagen, dass ich mit zehn, elf, zwölf die Fastenzeit nicht mochte. Das änderte sich spektakulär. Die Fastenzeit wurde in der Pubertät eine erstklassige Gelegenheit, um ohne Umschweife und Gewissensbisse Austern, Fischrogen, Seeigel und Oktopus als Wünsche für das Mittagessen zu äußern. Das hat zwar mit Verzicht zu tun, Verzicht auf Milchprodukte, Fleisch und Fisch, nicht allerdings mit Verzicht aufs Genießen. Als wir, die ehemalige Kinderschar, die mit einem leeren Schokoladenpapier in der Hand früher Fastensünde anzudeuten gepflegt hatte, gar entdeckten, wie gut der gekochte Löwenzahn oder die gekochte Bryonia schmeckt, wurde das Fasten zum Spaß.

Das Fasten als Verzicht aufs Genießen halte ich für eine masochistische Übung und den Masochismus für einen selbstreferentiellen Unsinn. Der richtige Masochist genießt es, den Hintern versohlt zu bekommen, und genau weil er es genießt, verzichtet er darauf. Aber dieser Verzicht bereitet dem Masochisten Lust, wohlgemerkt die Lust des Verzichts auf die Lust des Geschlagenwerdens bzw. die Lust des Nichtgeschlagenwerdens. Diese muss wohl mit Geschlagenwerden bekämpft werden, da es schließlich etwas Gutes ist, nicht geschlagen zu werden und der Masochist will den Schmerz usw. Es ist ein Widerspruch zu sagen, man verzichtet gern auf etwas, was man gern tut. Der Fastende, der um seiner Tugend Willen auf den Genuss verzichten will, sollte auf die Erfüllung seines Wunsches, tugendhaft zu sein, verzichten wollen – „Wer denke ich, wer ich bin, mit meiner Tugend zu protzen?“ – was einem Dialetheisten vielleicht Genuss bereitet, aber nicht jeder ist ein Dialetheist. Stopp! Habe ich gesagt „Genuss bereitet“?

Lange Rede, kurzer Sinn – halte ich das römisch-katholische Verständnis des Fastens als Verzicht auf Genuss für ein logisches Looping. Da logische Loopings im Sinn des Dialetheismus neuerdings hoffähig wurden, will ich das nicht anprangern. Aber eine Frage möchte ich doch noch stellen: Wie fühlt sich der Katholik dabei, der kein Dialetheist ist?

Der Orthodoxe befindet sich einerseits in einer leicht besseren, andererseits in einer viel schlechteren Lage. Ersteres, weil er fastet, ohne Tugenden an den Tag legen zu müssen (Garnelen, Austern, Wein – alles zulässig!). Letzteres, weil er fastet, ohne angeben zu können, warum… Und wieder Ersteres, weil er keine funktionale Legitimation für sein Fasten erdichten will, die letztendlich selbstreferentiell wäre. Der Katholik ist ein tugendhafter Mensch, der beim Fasten eine Überraschung im Sinne einer Rationalitätslücke erlebt. Der Orthodoxe ist ein Poet, der beim Fasten eine Überraschung im Sinne der Amoralität – obwohl nicht Immoralität – seines Handelns erlebt.

Der Katholik versucht sich in die Rolle der Legislative zu versetzen: „Übung zur Tugend wird die Begründung meines Fastens sein“. Der Orthodoxe ist die Exekutive. Das ist nicht automatisch schlecht. Sokrates trank sogar aus dem Schierlingsbecher, weil er sich nicht anmaßen wollte, die Legislative zu kritisieren.

Wenn ich beim Thema bin: Beim Saubermachen des Löwenzahns muss man freilich aufpassen, dass der Sammler nicht aus Versehen Schierling mitgepflückt hat. Außerdem sollte man eher im Wald pflücken und nicht auf dem Unicampus. Aber das versteht sich.

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ENOUGH WITH SCROLLING

We made them mad in case we held demonstratively chocolate wrapping paper in our hands just before Easter. And, yes, it’s this time of the year again – for the orthodox. Moms, grandmoms, aunts were worried about the salvation of our souls and – what was more serious – about their reputation as fasting-families-affirmative females. From our side, it was just a childish joke. We, the lads of the Gerogiorgakis-and-Agapitos clan – let’s call it a clan – of the glorious Istiaea municipality, didn’t belong to these lost souls who’d really buy a chocolate on Good Friday. We just spotted the sinners who ate chocolate while the church was full of people singing the 6th-century chants of the passion and asked them for the wrapping paper to shock our parents and grandparents. And the sinners gave us the wrapping paper with the contempt of the one who’s held a benefactor with peanuts.

No, we didn’t love Great Lent when we were children. The joy about the time without dairy products, without meat, without fish came only afterwards when we discovered how cool it was to dive into the cold waters for oysters and sea urchins and to ask the neighbor for lemons to eat them. Fasting is not about exercising extraordinary virtues. It’s rather about changing an attitude towards food. For a couple of weeks.

This is not the mainstream view. Most Christians see fasting as an exercise of virtues – for example against acrasy. But the struggle against acrasy can degenerate into masochism. Masochism can be stultifying. If you enjoy being spanked because it’s suffering, sooner or later you start prolonging the time until you’ll get spanked again because this is also suffering – you need to get spanked… And you end up enjoying the prolonging and, therefore you long not to prolong because this is also suffering etc. Avoiding what you enjoy in fasting is very similar to this. If you eat vegetables during Great Lent because you enjoy eating lamb, and you enjoy fasting, you have to end up not fasting because fasting is something you enjoy during Great Lend and you don’t want to enjoy during  Great Lent. This is alright if you’re a dialetheist and enjoy logical loopings. But – wait! – did I say enjoy loopings?

Anyway, I believe that most fasting Roman-Catholics fast for virtue. The orthodox are in a slightly better situation since their motive to fast is not virtue. I mean, eating oysters, caviar, gambas, octopuses while drinking raki is not exercising any particular virtue, is it? But the orthodox are, in a sense, also in a much worse situation than Roman-Catholics: giving an excuse for fasting – virtue – is at least an explanation even if it entails a rationality gap. Roman-Catholics are fasting rationalists who experience a surprise on the theoretical level. The orthodox are fasting poets who experience their own vice on the practical level as a blessing.

Roman-Catholics try to understand the legislation and to carry the responsibility: this is why we fast from luxury rather than anything else. The orthodox don’t even attempt to feel the role of the legislative. They rather feel they have to be the executive. This is OK, I think. Socrates drank the conium in order to show that you shouldn’t pretend you’re the legislative when you’re not.

Talking about Socrates: if you’re fasting the orthodox way, then do keep an eye open for conium when you’re cleaning the dandelion for the vegetable stew. And do find a less urban place to gather it than the university campus.

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Gagarin, seine Vorfahren und das Unwissen

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Jeden Morgen radle ich daran vorbei, am Sternenmenschen. Das stählerne Ungetüm selber ist nicht mein Geschmack, dafür die Inschrift: Sie ist multimedial insofern, als man sie nicht entziffern kann, es sei denn, man wechselt die Perspektive, versucht ein Stück hellen Hintergrund hinter die eingestanzten Buchstaben zu kriegen, um schließlich zu lesen, um was es da geht: Am zwölften April 1961 fuhr Jurij Aleksejewitsch Gagarin einmal ins Weltall und zurück.

Gagarin-Denkmäler begleiteten ständig meine Schritte in den ehemals sozialistischen Städten, wo ich teil meines Lebens verbrachte. Am Hallenser Sternenmenschen Ecke Vogelweide und Elsa-Brändström-Straße radle ich wie gesagt gegenwärtig jeden morgen vorbei. An der – sehr braven, unscheinbaren, langweiligen – Erfurter Gagarin Büste radelte ich bis Ende des Sommersemesters 2013 vorbei, während ich noch die Bude an der Dresdener Straße hatte. Jahrelang lebte mein Bruder  am Neubelgrader Bulevar Jurija Gagarina, wo er sich gegen meine urbanistischen Einwände bezüglich der Plattenbaustadt immun machen musste.

Daraus lernte ich: Auf unscheinbare Weise wurde Gagarin selten zelebriert. Normalerweise wurde er als ein sanguinischer, futuristischer Heros hingestellt.

Sanguinisch war auch der Humor von Gagarins – wenn man R.A. Klostermann glaubt, nicht nur – Namensvetter Iagaris, der Mitglied der byzantinischen Delegation auf dem Konzil von Ferrara/Florenz 1438-39 war. Ein Kardinal soll dem Bericht des Chronisten Silverster Syropoulos zu Folge die Kleriker der Ostkirche gefragt haben, was sie denn meinen, aus welchem Material würde Gott das Fegefeuer entstehen lassen. Die Frage klingt heute albern und sie klang in griechischen Ohren auch im 15. Jh. so, denn die Ostkirche war stets gegen die Fegefeuerlehre. Nichtsdestotrotz sollen die griechischen Kleriker nichts zu der Frage gesagt haben, wohl um ihre Gastgeber in Ferrara nicht zu brüskieren.

Und bloß einer der drei Iagaris-Brüder (Markos? Andronikos? Manuel?), allesamt keine Kleriker, soll, so Syropoulos jedenfalls, dem Fragesteller zugerufen haben: „Mit ein bisschen Geduld erfährst du das recht bald“.

Man kann natürlich nicht wissen, ob die adligen Konstantinopler Iagaris tatsächlich Vorfahren der adligen Russen unter dem Namen Gagarin waren, und ich halte auch die Frage für wenig bedeutsam. Jedenfalls werden die alten Iagaris als Sanguiniker hingestellt, denn verspielt ist der Humor des Sanguinikers. Den Sarkasmus würde ich dagegen cholerisch nennen, die Ironie melancholisch, die Wortspiele phlegmatisch.

Zurück zu Gagarin und sanguinischem Humor. Nach seinem Flug ins All vor 55 Jahren und ein paar Tagen wird Gagarin von Nikita  Chruschtschow, dem Ministerpräsidenten der UdSSR, gleichzeitig Generalsekretär der KPdSU, empfangen und befragt, ob er „da oben“ Gott angetroffen hätte. Gagarin antwortet:

  • Ja, Genosse Nikita Sergejewitsch!
  • Das habe ich befürchtet Jurij! Ich befördere dich zum Oberst, aber ab sofort erzählst du allen, dass du Gott nicht gesehen hast.
  • Ich habe etwas Angst, dein Angebot anzunehmen, Genosse Generalsekretär. Schließlich ist es wahr, dass Gott existiert.
  • Halb so schlimm, Oberst Gagarin! Wenn du behauptest, Gott nicht gesehen zu haben, dann ist das kein Gegenbeispiel zur Behauptung „Gott existiert“. Vielleicht existiert er doch noch – bloß du hast ihn nicht gesehen. Du behauptest nur dein Unwissen!
  • Aber Genosse, ich verheimliche damit ein Gegenbeispiel zur Behauptung „Gott existiert nicht“ und das ist viel schwerwiegender, als Unwissen zu behaupten. 

Ein paar Wochen später wird Gagarin vom Papst empfangen, der ihn dasselbe fragt. Aber nach der Unterredung mit Chruschtschow verneint Gagarin die Frage.

  • Für das Christenvolk wäre es aber so wohltuend, wenn du behaupten würdest, du hättest ihn gesehen, Jurij, mein Sohn. Ich weiß, so etwas wäre ein Gegenbeispiel zu eurer atheistischen Staatsdoktrin und gefährlich für dich. Ich würde viel Geld dafür geben. Leider habe ich nur eine Million Dollar, mein Kind.
  • Na ja, für eine Million kann ich wenigstens sagen, ich wüsste nicht, ob Gott existiert, weil ich ihn nicht gesehen habe. Das lässt noch offen, ob er existiert.
  • Aber das berichtest du ja bereits! Warum soll ich dir eine Million zustecken für etwas, was du sowieso sagst?
  • Das ist ein Schnäppchen, heiliger Vater! Der Genosse Chruschtschow zahlte mir das Zehnfache dafür.

Und die Moral von der G’schicht‘?

Unwissen kann genauso teuer sein wie Wissen. Aber ist das nicht genau das, was Gagarins frecher Vorfahre angedeutet hat?
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Enough with scrolling

The starman’s on my way every morning. Or should I say he stands in my way – in my way towards a nice beginning of the day. He’s monstrous, not my taste. But I’m fond of the inscription. From some point of view, it’s multi-media. Or rather from a plurality of points of view. In order to read it, you have to go to and fro in order to get a light-coloured surface as the background of the holes that form the letters. This can be the case for one word now, for the next word a few steps further. It’s not easy to read that it’s about the 12th of April 1961 and, after you read this you have to keep it in mind and to make some more steps and finally to read something about Yuri Gagarin, the first man in space.

I never failed to notice monuments of Gagarin whenever I’ve been spending some time in a former socialist city. This is, as I said, the case in Halle, at the corner between Vogelweide and Elsa Brändström Street. It was also the case in Erfurt until the end of the summer term 2013, when I had this place at the Dresdener Street. Every day I was riding my bike pass this too mainstream, too inconspicuous, too dull bust of Yuri Gagarin. And not to forget my brother’s flat in New Belgrade, at the Bulevar Jurija Gagarina where he learned how to be immune to my complains concerning the aesthetics of socialist urban planning.

Apparently, the Erfurt monument is an exception. The public presence of Gagarin was very rarely inconspicuous. They normally celebrated him as a sanguinic, futuristic hero.

Sanguinic was also the sense of humour of Gagarin’s ancestors – if we believe what R.A. Klostermann believes to be the case, that is – by almost the same name: Iagaris. In 1438-39 three members of this family, the noblemen Marc, Andronicus and Manuel, had been members of the Byzantine delegation at the Council of Ferrara/Florence. The chronist Silvester Syropoulos presents an episode in Ferrara between a cardinal and some member of the Iagaris clan who accompanied the Byzantine emperor: the cardinal asked about the Byzantines‘ views about the material which God sets in fire to produce the purgatory. The question sounds silly today and it sounded silly in the ears of  the members of the Byzantine delegation back then. The Eastern Church disapproved the purgatory doctrine back then and the Orthodox Church still does today.

Nevertheless, the clerics of the East remained silent to avoid offending their western brothers. And only the unnamed member of the Iagaris clan, NB, no cleric, shouted: „With a little patience you’ll know the answer pretty soon“.

That the Iagaris clan from Constantinople were the ancestors of the Gagarins is only a conjecture and one that’s rather unimportant. At any rate, they were supposed to be as sanguinic as Yuri Alekseyevich. Sanguinic humour is playful. Sarcasm is rather for cholerics, irony for melancholics, and phlegmatics have the extraordinary ability to laugh when Charles Laughton refuses to move the muscles of his face.

Back to Gagarin and sanguinic humour: just after he returned to Earth, 55 years and a couple of days ago, Gagarin had to meet Khrushchev, the Soviet Union’s PM and the party’s Prime Secretary. Their dialogue:

  • Did you meet God up there, Yuri Alekseyevich?
  • As a matter of fact I did, Nikita Sergeyevich!
  • That’s bad news. I’ll give you the rank of a colonel if you maintain that you didn’t see Him.
  • Not that I’m not afraid, comrade Prime Secretary! After all God does exist!
  • I don’t think it’s dangerous Yuri. You’re not maintaining a counter-example to the statement „God exists“. You’re just maintaining your ignorance.
  • But I keep secret a counter-example to the statement „God doesn’t exist“. And this is much more than simply pretending ignorance.

Some days later, Gagarin meets the Pope who asks him the same question. Colonel  Gagarin replies:

  • I didn’t see God, your holiness.
  • What a pity, says the Pope. It would be a big relief to the Christians to know that He’s there. I’d pay much money to give them this joy. I know, it would be a counter-example to your atheist state doctrine and dangerous for you personally. Unfortunately, I’ve only one million dollars.
  • Let me see… For one million I can maintain without much risk that I didn’t see Him. This leaves room for Him to exist after all!
  • Son, why should I give you one million to maintain what you already maintain?
  • It’s a good deal and a good price, holy father! Comrade Khrushchev paid me ten times this amount for the same thing.

The lesson to learn from the story is that ignorance is sometimes as valuable as knowledge. But this is also what Gagarin’s sanguinic ancestor suggested.

Erdogan und semantische Paradoxien

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Ein Journalist, der was verfasst,

das Erdogan nicht passt,

ist morgen schon im Knast

dichtete der Fernsehmoderator Jan Böhmermann, um den Betroffenen zu brüskieren und ein Strafverfahren zu riskieren (mehr über die juristischen Hintergründe finden die Leser hier. Ich bespreche nur die innere Logik des Falls).

Sollte Böhmermann allein deshalb wegen Verleumdung bzw. Schmähung eines ausländischen Staatsoberhaupts ins Gefängnis müssen, wird der Dreizeiler wahr, und wegen einer wahren Aussage darf Böhmermann natürlich nicht ins Gefängnis.

Geht aber Böhmermann wegen des Dreizeilers nicht ins Gefängnis, dann wird der Dreizeiler falsch und ist eventuell als Diffamie einzustufen. Also ist eine Gefängnisstrafe möglich.

Verhängt aber ein Gericht deshalb eine Freiheitsstrafe gegen Böhmermann, dann ist der Dreizeiler wieder wahr usw.

Ein Richter bestellt normalerweise keine Logiker als Sachverständige in Sachen Selbstreferenz und unendlicher Regress, oder? 

   

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If a journalist suggested

Something Erdogan contested

Soon will he be arrested

was a German journalist’s rhyme that infuriated the Turkish president and made the former legally liable according to German law for „insulting a foreign head of state“ (you can read more about legal aspects of the case here. I’m just discussing the underlying logic).

If the journalist gets arrested for this rhyme only, then what he said is true and, therefore, he cannot be incarcerated for a true statement.

So, he won’t get arrested. But then what he said is false, which would make a prosecution more plausible and could lead to imprisonment.

But then what the journalist said would be true etc.

Normally, judges don’t appoint logicians as consultants of the court, isn’t it?

But who advises them on self-reference and infinite regress then?

Alexius Meinong und Jean-Paul Sartre im Nemanjidenreich

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Mütterlicherseits stamme ich aus dem griechisch-albanischen Grenzgebiet. Den dortigen Dialekt habe ich mich allerdings nie zu lernen angestrengt und zwar im Gegensatz zu meiner sehr guten Beherrschung des Inseldialekts meines Vaters. Der Grund dafür dürfte sein, dass sich das heutige Nordwestgriechisch auf unspektakuläre Weise vom Athener-Konstantinopler Standardneugriechisch phonetisch kaum unterscheidet – komischerweise, wenn man an die Abgeschiedenheit der Bergdörfer denkt – damit gar nicht archaisch klingt und auf der Ebene der Lexik mehr Lehnwörter aus dem Altslawischen enthält, als es antike, griechische Überbleibsel hinüberrettet. Ein neugriechischer Dialekt zwar, allerdings einer der viele Wörter mit Endungen auf -ovo, -ica und – ja – auch auf -išta enthält. Angefangen vom Dorfnamen Vristovo, wo ich mir als Kind düstere Gedanken machte, wie es sein kann, dass ein Ort mehr als siebzig Kilometer vom Meer entfernt sein kann, bis zum nahen Selišta, wo es buchstäblich nichts gab – nicht einmal Bäume – erinnerte die Lexik von Oma Aphrodite und Opa Epameinondas an das Reich des Zaren Dušan im 14. Jh., der uns wohl die slawischen Flur- und Dorfnamen hinterließ.

Wie Selišta in der Gegend meiner Mutter, so gibt es auch in der Gegend der Mutter meiner Kinder einen Fleck im Wald, wo es nichts gibt – nicht einmal Bäume. Lexenried ist eine frühneuzeitliche Rodung, daher auch der Name. Am Namen „Lexenried“ lässt sich erkennen, dass die Rodung früher an einer Grenze lag. Es lässt sich allerdings am deutschen Namen nicht erkennen, wofür die Rodung gemacht wurde. Das Kirchenslawische lässt dagegen einen einsehen: In Selišta war ein Dorf, ein selo, geplant – oder eines zerstört worden. Denn wie ich von diesem österreichischen Mediävisten erfuhr, deutet die Endung -išta auf einen Ort hin, wo das Fehlen von etwas Bestimmtem vorhanden ist. Eine „selišta“ ist ein Ort, wo es etwas gibt, nämlich kein Dorf (geplant? zerstört?), eine „crkvišta“ ein Ort, wo es etwas anderes gibt: keine Kirche usw.

In Selišta gab es natürlich auch keinen Hafen – die ominösen siebzig Kilometer… Aber vorhanden war dort das Fehlen des Dorfes, nicht des Hafens, deshalb sagt man ja „selišta„, „Dorflosigkeit“, und nicht etwa „lučišta“ – „Hafenlosigkeit“. Das zeigt, dass es natürliche Sprachen mit einer eingebetteten Präferenz für den Meinongianismus gibt, die ontologische Position, der zu Folge nichtexistente Gegenstände auf eine Art vorhanden sein können. Natursprachliche Präferenzen für den Meinongianismus sind heute im Sinn der Experimentalphilosophie mehr und mehr wichtig.

Ich denke an all das, weil ich erstens über Ostern im besagten Lexenried war, weil mir zweitens eine Rezension über Dale Jacquettes neuestes Buch auffiel, die mich neugierig machte, das Buch zu lesen. Sein Titel: Alexius Meinong, the Shepherd of Non-Being.

Zum Schluss ein Foto des sartrischen Nichts, das Lexenried ausmacht. Ich weiß, ein Foto des Nichts sollte etwas dunkler aussehen. Aber sogar ein Pariser Café, wo der erwartete Freund nicht auftaucht, verwandelt sich in das Nichts – so jedenfalls Sartre.

Ein Foto des Nichts kann der Leser nicht in jedem Blog antreffen.

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This is a picture of nothing. I know, my readers expect pictures of nothing to be dark. However, I have to remind you that Sartre said that even Paris cafés turn to nothingness if the friend you expect to see there doesn’t appear.

The nothing you see above is called Lexenried. It’s a foreset clearance situated near the place where my wife grew up. In a strongly dialectal Southern German, the name means: „forest clearance near the border“ – meaning some previous border that is irrelevant now.

Since I was a child I found forest clearances dull. One I still can remember of was near the village my grandma Aphrodite and my grandpa Epameinondas came from. It was also a border alright: the one between the Greek Republic and the Socialist Republic of Albania. The clearance was on our side – on whose else? I mean, we visited it sometimes – and it was called „selišta„, which is not Albanian – but you expected this – and it’s also not Greek.

I wasn’t interested in the peculiarities of the Northwest Greek dialect back then, when we visited the place. I was much more concerned about the unfathomable disaster of spending summer vacations at a place about 50 miles away from the next sea coast. In Greece, this is very random. Add that, as a son of a father from the islands I usually spent the summer just beside the seaside and only very rarely at „mom’s place“, to get the picture. As an aftermath I hated the Northwest Greek dialect as much as I was fluent in the island dialect – which, I have to say, I’m still. Dušan, the Serbian tzar of the 14the century, and his expanding kingdom have been the reasons that this phonetically only too unspectacular modern Greek dialect has so many Old Slavonic lexical loans. „Selišta“, the name of the aforementioned forest clearance, is one of them.

Now, this Austrian medieval-studies scholar tells me that, unlike the German „Lexenried“, in the Old Slavonic name „Selišta“, you can hear that the clearance was the place for or of a village, a selo, that was planned or destroyed. The ending -išta refers to a place where something is available: the nonexistence of a certain concrete thing. E.g. a „crkvišta“ is a place where a church either has to be built or was destroyed.

In Selišta there was, of course, no port as well (50 miles, remember?). However, the nonexistence of a village is a much more indisputable fact there than the nonexistence of a port, therefore we speak of a „selišta„, the „nonexistence of a village“ instead of a „lučišta“ – the „nonexistence of a port“. As one sees, there are natural languages with an inherent preference for Meinongianism, the position in ontology according to which nonexistents in a way exist. From the point of view of experimental philosophy this is not an unimportant preference of natural languages – or, at least, of some of them.

Much more of a dictionary of Old Slavonic, my recommendation to read is Dale Jacquette’s newest book titled: Alexius Meinong, the Shepherd of Non-Being. For now you can read a discussion of it here .