Alexius Meinong und Jean-Paul Sartre im Nemanjidenreich

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Mütterlicherseits stamme ich aus dem griechisch-albanischen Grenzgebiet. Den dortigen Dialekt habe ich mich allerdings nie zu lernen angestrengt und zwar im Gegensatz zu meiner sehr guten Beherrschung des Inseldialekts meines Vaters. Der Grund dafür dürfte sein, dass sich das heutige Nordwestgriechisch auf unspektakuläre Weise vom Athener-Konstantinopler Standardneugriechisch phonetisch kaum unterscheidet – komischerweise, wenn man an die Abgeschiedenheit der Bergdörfer denkt – damit gar nicht archaisch klingt und auf der Ebene der Lexik mehr Lehnwörter aus dem Altslawischen enthält, als es antike, griechische Überbleibsel hinüberrettet. Ein neugriechischer Dialekt zwar, allerdings einer der viele Wörter mit Endungen auf -ovo, -ica und – ja – auch auf -išta enthält. Angefangen vom Dorfnamen Vristovo, wo ich mir als Kind düstere Gedanken machte, wie es sein kann, dass ein Ort mehr als siebzig Kilometer vom Meer entfernt sein kann, bis zum nahen Selišta, wo es buchstäblich nichts gab – nicht einmal Bäume – erinnerte die Lexik von Oma Aphrodite und Opa Epameinondas an das Reich des Zaren Dušan im 14. Jh., der uns wohl die slawischen Flur- und Dorfnamen hinterließ.

Wie Selišta in der Gegend meiner Mutter, so gibt es auch in der Gegend der Mutter meiner Kinder einen Fleck im Wald, wo es nichts gibt – nicht einmal Bäume. Lexenried ist eine frühneuzeitliche Rodung, daher auch der Name. Am Namen „Lexenried“ lässt sich erkennen, dass die Rodung früher an einer Grenze lag. Es lässt sich allerdings am deutschen Namen nicht erkennen, wofür die Rodung gemacht wurde. Das Kirchenslawische lässt dagegen einen einsehen: In Selišta war ein Dorf, ein selo, geplant – oder eines zerstört worden. Denn wie ich von diesem österreichischen Mediävisten erfuhr, deutet die Endung -išta auf einen Ort hin, wo das Fehlen von etwas Bestimmtem vorhanden ist. Eine „selišta“ ist ein Ort, wo es etwas gibt, nämlich kein Dorf (geplant? zerstört?), eine „crkvišta“ ein Ort, wo es etwas anderes gibt: keine Kirche usw.

In Selišta gab es natürlich auch keinen Hafen – die ominösen siebzig Kilometer… Aber vorhanden war dort das Fehlen des Dorfes, nicht des Hafens, deshalb sagt man ja „selišta„, „Dorflosigkeit“, und nicht etwa „lučišta“ – „Hafenlosigkeit“. Das zeigt, dass es natürliche Sprachen mit einer eingebetteten Präferenz für den Meinongianismus gibt, die ontologische Position, der zu Folge nichtexistente Gegenstände auf eine Art vorhanden sein können. Natursprachliche Präferenzen für den Meinongianismus sind heute im Sinn der Experimentalphilosophie mehr und mehr wichtig.

Ich denke an all das, weil ich erstens über Ostern im besagten Lexenried war, weil mir zweitens eine Rezension über Dale Jacquettes neuestes Buch auffiel, die mich neugierig machte, das Buch zu lesen. Sein Titel: Alexius Meinong, the Shepherd of Non-Being.

Zum Schluss ein Foto des sartrischen Nichts, das Lexenried ausmacht. Ich weiß, ein Foto des Nichts sollte etwas dunkler aussehen. Aber sogar ein Pariser Café, wo der erwartete Freund nicht auftaucht, verwandelt sich in das Nichts – so jedenfalls Sartre.

Ein Foto des Nichts kann der Leser nicht in jedem Blog antreffen.

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Enough with scrolling

This is a picture of nothing. I know, my readers expect pictures of nothing to be dark. However, I have to remind you that Sartre said that even Paris cafés turn to nothingness if the friend you expect to see there doesn’t appear.

The nothing you see above is called Lexenried. It’s a foreset clearance situated near the place where my wife grew up. In a strongly dialectal Southern German, the name means: „forest clearance near the border“ – meaning some previous border that is irrelevant now.

Since I was a child I found forest clearances dull. One I still can remember of was near the village my grandma Aphrodite and my grandpa Epameinondas came from. It was also a border alright: the one between the Greek Republic and the Socialist Republic of Albania. The clearance was on our side – on whose else? I mean, we visited it sometimes – and it was called „selišta„, which is not Albanian – but you expected this – and it’s also not Greek.

I wasn’t interested in the peculiarities of the Northwest Greek dialect back then, when we visited the place. I was much more concerned about the unfathomable disaster of spending summer vacations at a place about 50 miles away from the next sea coast. In Greece, this is very random. Add that, as a son of a father from the islands I usually spent the summer just beside the seaside and only very rarely at „mom’s place“, to get the picture. As an aftermath I hated the Northwest Greek dialect as much as I was fluent in the island dialect – which, I have to say, I’m still. Dušan, the Serbian tzar of the 14the century, and his expanding kingdom have been the reasons that this phonetically only too unspectacular modern Greek dialect has so many Old Slavonic lexical loans. „Selišta“, the name of the aforementioned forest clearance, is one of them.

Now, this Austrian medieval-studies scholar tells me that, unlike the German „Lexenried“, in the Old Slavonic name „Selišta“, you can hear that the clearance was the place for or of a village, a selo, that was planned or destroyed. The ending -išta refers to a place where something is available: the nonexistence of a certain concrete thing. E.g. a „crkvišta“ is a place where a church either has to be built or was destroyed.

In Selišta there was, of course, no port as well (50 miles, remember?). However, the nonexistence of a village is a much more indisputable fact there than the nonexistence of a port, therefore we speak of a „selišta„, the „nonexistence of a village“ instead of a „lučišta“ – the „nonexistence of a port“. As one sees, there are natural languages with an inherent preference for Meinongianism, the position in ontology according to which nonexistents in a way exist. From the point of view of experimental philosophy this is not an unimportant preference of natural languages – or, at least, of some of them.

Much more of a dictionary of Old Slavonic, my recommendation to read is Dale Jacquette’s newest book titled: Alexius Meinong, the Shepherd of Non-Being. For now you can read a discussion of it here .

 

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