Kleine Religionssoziologie des Fastens

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Sie bekamen die Krise, unsere Mütter und Großmütter und Tanten, wenn sie uns ausgerechnet zu dieser Zeit, kurz vor Ostern, mit einer leeren Schokoladenhülle in der Hand entdeckten. Unser Seelenheil stand auf dem Spiel und – was folgenschwerer wäre – ihr Ruf als Mütter und Großmütter und Tanten, die während der Fastenzeit keine Milchprodukte, keinen Fisch, kein Fleisch anbieten.

Die Schokoladenverpackung haben wir, damals bei Istiäa herumstreunende Kinder einer Großfamilie, von einem der ganz seltenen Sünder bekommen. Sünder aßen freilich ihren Schokoriegel allein. Der Schokoriegel war uns aber sowieso egal – wir wollten ja nicht das Fasten brechen. Es war uns genug, wenn wir unsere Eltern mit der Verpackung der Schokolade eines Fastensünders nerven durften.

Man kann wohl sagen, dass ich mit zehn, elf, zwölf die Fastenzeit nicht mochte. Das änderte sich spektakulär. Die Fastenzeit wurde in der Pubertät eine erstklassige Gelegenheit, um ohne Umschweife und Gewissensbisse Austern, Fischrogen, Seeigel und Oktopus als Wünsche für das Mittagessen zu äußern. Das hat zwar mit Verzicht zu tun, Verzicht auf Milchprodukte, Fleisch und Fisch, nicht allerdings mit Verzicht aufs Genießen. Als wir, die ehemalige Kinderschar, die mit einem leeren Schokoladenpapier in der Hand früher Fastensünde anzudeuten gepflegt hatte, gar entdeckten, wie gut der gekochte Löwenzahn oder die gekochte Bryonia schmeckt, wurde das Fasten zum Spaß.

Das Fasten als Verzicht aufs Genießen halte ich für eine masochistische Übung und den Masochismus für einen selbstreferentiellen Unsinn. Der richtige Masochist genießt es, den Hintern versohlt zu bekommen, und genau weil er es genießt, verzichtet er darauf. Aber dieser Verzicht bereitet dem Masochisten Lust, wohlgemerkt die Lust des Verzichts auf die Lust des Geschlagenwerdens bzw. die Lust des Nichtgeschlagenwerdens. Diese muss wohl mit Geschlagenwerden bekämpft werden, da es schließlich etwas Gutes ist, nicht geschlagen zu werden und der Masochist will den Schmerz usw. Es ist ein Widerspruch zu sagen, man verzichtet gern auf etwas, was man gern tut. Der Fastende, der um seiner Tugend Willen auf den Genuss verzichten will, sollte auf die Erfüllung seines Wunsches, tugendhaft zu sein, verzichten wollen – „Wer denke ich, wer ich bin, mit meiner Tugend zu protzen?“ – was einem Dialetheisten vielleicht Genuss bereitet, aber nicht jeder ist ein Dialetheist. Stopp! Habe ich gesagt „Genuss bereitet“?

Lange Rede, kurzer Sinn – halte ich das römisch-katholische Verständnis des Fastens als Verzicht auf Genuss für ein logisches Looping. Da logische Loopings im Sinn des Dialetheismus neuerdings hoffähig wurden, will ich das nicht anprangern. Aber eine Frage möchte ich doch noch stellen: Wie fühlt sich der Katholik dabei, der kein Dialetheist ist?

Der Orthodoxe befindet sich einerseits in einer leicht besseren, andererseits in einer viel schlechteren Lage. Ersteres, weil er fastet, ohne Tugenden an den Tag legen zu müssen (Garnelen, Austern, Wein – alles zulässig!). Letzteres, weil er fastet, ohne angeben zu können, warum… Und wieder Ersteres, weil er keine funktionale Legitimation für sein Fasten erdichten will, die letztendlich selbstreferentiell wäre. Der Katholik ist ein tugendhafter Mensch, der beim Fasten eine Überraschung im Sinne einer Rationalitätslücke erlebt. Der Orthodoxe ist ein Poet, der beim Fasten eine Überraschung im Sinne der Amoralität – obwohl nicht Immoralität – seines Handelns erlebt.

Der Katholik versucht sich in die Rolle der Legislative zu versetzen: „Übung zur Tugend wird die Begründung meines Fastens sein“. Der Orthodoxe ist die Exekutive. Das ist nicht automatisch schlecht. Sokrates trank sogar aus dem Schierlingsbecher, weil er sich nicht anmaßen wollte, die Legislative zu kritisieren.

Wenn ich beim Thema bin: Beim Saubermachen des Löwenzahns muss man freilich aufpassen, dass der Sammler nicht aus Versehen Schierling mitgepflückt hat. Außerdem sollte man eher im Wald pflücken und nicht auf dem Unicampus. Aber das versteht sich.

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ENOUGH WITH SCROLLING

We made them mad in case we held demonstratively chocolate wrapping paper in our hands just before Easter. And, yes, it’s this time of the year again – for the orthodox. Moms, grandmoms, aunts were worried about the salvation of our souls and – what was more serious – about their reputation as fasting-families-affirmative females. From our side, it was just a childish joke. We, the lads of the Gerogiorgakis-and-Agapitos clan – let’s call it a clan – of the glorious Istiaea municipality, didn’t belong to these lost souls who’d really buy a chocolate on Good Friday. We just spotted the sinners who ate chocolate while the church was full of people singing the 6th-century chants of the passion and asked them for the wrapping paper to shock our parents and grandparents. And the sinners gave us the wrapping paper with the contempt of the one who’s held a benefactor with peanuts.

No, we didn’t love Great Lent when we were children. The joy about the time without dairy products, without meat, without fish came only afterwards when we discovered how cool it was to dive into the cold waters for oysters and sea urchins and to ask the neighbor for lemons to eat them. Fasting is not about exercising extraordinary virtues. It’s rather about changing an attitude towards food. For a couple of weeks.

This is not the mainstream view. Most Christians see fasting as an exercise of virtues – for example against acrasy. But the struggle against acrasy can degenerate into masochism. Masochism can be stultifying. If you enjoy being spanked because it’s suffering, sooner or later you start prolonging the time until you’ll get spanked again because this is also suffering – you need to get spanked… And you end up enjoying the prolonging and, therefore you long not to prolong because this is also suffering etc. Avoiding what you enjoy in fasting is very similar to this. If you eat vegetables during Great Lent because you enjoy eating lamb, and you enjoy fasting, you have to end up not fasting because fasting is something you enjoy during Great Lend and you don’t want to enjoy during  Great Lent. This is alright if you’re a dialetheist and enjoy logical loopings. But – wait! – did I say enjoy loopings?

Anyway, I believe that most fasting Roman-Catholics fast for virtue. The orthodox are in a slightly better situation since their motive to fast is not virtue. I mean, eating oysters, caviar, gambas, octopuses while drinking raki is not exercising any particular virtue, is it? But the orthodox are, in a sense, also in a much worse situation than Roman-Catholics: giving an excuse for fasting – virtue – is at least an explanation even if it entails a rationality gap. Roman-Catholics are fasting rationalists who experience a surprise on the theoretical level. The orthodox are fasting poets who experience their own vice on the practical level as a blessing.

Roman-Catholics try to understand the legislation and to carry the responsibility: this is why we fast from luxury rather than anything else. The orthodox don’t even attempt to feel the role of the legislative. They rather feel they have to be the executive. This is OK, I think. Socrates drank the conium in order to show that you shouldn’t pretend you’re the legislative when you’re not.

Talking about Socrates: if you’re fasting the orthodox way, then do keep an eye open for conium when you’re cleaning the dandelion for the vegetable stew. And do find a less urban place to gather it than the university campus.

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