The cultural burn

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Jahrelang kann die Suche nach philosophiebezogener Lektüre im Feuilleton der Süddeutschen unergiebig bleiben, bis dann schließlich die ganze Vorderseite von so etwas eingenommen ist…

Frank Griffels Artikel mit dem Titel „Alles außer Aufruhr“ (SZ 121, S. 17) ist der Horror der kulturwissenschaftlichen Klischees: Der Islam habe niemals eine Aufklärung gebraucht, da er mit Ambiguität umzugehen wisse; T.S. Kuhns Wissenschaftstheorie sei Hegelianismus (ergo Eurozentrismus, Kulturchauvinismus or you name it); eine Aufklärung sei in Landstrichen ohne Hexenprozesse und Unterdrückung der Philosophie nicht nötig.

Ich habe auch in der Vergangenheit Kulturwissenschaftler dabei erwischt, das ABC des folgerichtigen Denkens mit Selbstvertrauen und mit beiden Füßen zu zertreten. 2012 protestierte ich z.B. wegen einer selbstreferentiellen Regelung in der DFG (das Heisenberg-Programm gewährleistet die Berufbarkeit von Habilitierten ohne Professur, aber das Kriterium, um in das Programm aufgenommen zu werden, ist eine nicht weiter definierte oder reduzierbare „Berufbarkeit“ des Kandidaten – das (vermeintliche) Entscheidungskriterium und der Gegenstand der Entscheidung fallen zusammen), um von einer Freiburger Orientalistin die Bemerkung zu kassieren, das sei tatsächlich und explizit die Regelung, wieso ich so ein Theater mache…

Zurück zu Griffel: Ein Ambiguität zulassendes Kategoriensystem setzt ein anderes voraus, in dem die Kategorien klar abgesteckt sind. Griffel beschwert sich, dass Kategorien wie „homosexuell“ und „heterosexuell“ die Bivalenz voraussetzen (er hätte hinzufügen sollen: in einem sinnvoll definierten Anwendungsbereich, in dem keine Steine, Flüsse oder Ideen vorkommen, aber seien wir nicht zu streng…), und übersieht vollends, dass, um festzustellen, dass ein Sexualitätsbegriiff „uneindeutig“ ist – etwa derjenige, der bei Frauen zu beobachten ist, die Frauen lieben, plus bei Frauen zu beobachten ist, die keine Frauen lieben – die Kenntnis der dichotomischen Begriffe vorausgesetzt ist. Ohne Dichotomie im Hinterkopf ist der fragliche Begriff nicht zweideutig, sondern man hat einen klar abgesteckten Begriff aller sexuell aktiven Frauen.

Dass Kuhn und Hegel unter einer Decke stecken würden, ist eine Meinung, die nicht nur ketzerisch ist. Sie ist falsch. Anders kann ich’s nicht nennen! Bei Kuhn ist der Zeitgeist etwas, was durch Cliquen, Lobbys und vergängliche Moden zu Stande kommt. Bei Hegel trägt der Fortschritt den Stempel des absoluten Geistes.

Ob Griffels Behauptung zutrifft, dass Gesellschaften ohne Hexenverbrennung und mit philosophischer Literatur es schaffen, ohne Aufklärung Toleranz zu leben und Glück zu vermehren? Dem kann ich zustimmen. Allerdings sind das wohl Gesellschaften von angenehmen, unmündigen Gläubigen. Ich weiß nicht, ob die Armut im Geiste erstrebenswert ist. Kant definierte die Aufklärung jedenfalls als die Befreiung von unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die Aufklärung hat weniger mit Hexenschutz als vielmehr mit unserem mentalen Hexenschuss zu tun – und mit Maßnahmen dagegen.


Enough with scrolling

Years can pass before you can read a piece on a philosophical topic in the arts supplement of the Munich-based daily Süddeutsche Zeitung. You’ll be rewarded for your patience, but, alas, the reward may be something like Frank Griffel’s article titled „Anything but revolt“ (SZ 121, p. 17) of last Saturday – a horrible collection of cultural-studies clichés: knowing how to deal with ambiguity, Islam never needed enlightenment; T.S. Kuhn’s views on scientific revolutions is Hegelianism (in Griffel’s eyes this is a very bad thing, equivalent with Eurocentric cultural chauvinism or you name it); and where neither witches were being prosecuted nor philosophers suppressed, there was nothing enlightenment could do for the public.

In the not so distant past, I’ve had the opportunity to witness that cultural-studies scholars can be proud to contradict the ABC of logic. In 2012 I considered it a must to protest against a self-referential rule of the German Fund of Scientific Research (after habilitation, if not tenured, the Heisenberg program keeps you on track, but to get into the program you must be evaluated to be on track) when this Freiburg orientalist remarked that that’s the rule, how comes that I didn’t know…

Back to Griffel: he pleads for ambiguity instead of dichotomy but, of course, ambiguity presupposes dichotomy. His example is that the dichotomy „homosexual“ vs „heterosexual“ makes ambiguity impossible (in a domain of discourse without stones, rivers and ideas, of course but let’s give him this point) and this is a bad thing in Western civilisation. – so he says… 

But of course, if you don’t have the dichotomy and you do launch the (allegedly „ambiguous“) concept of women who love women plus women who love men, what you have is the unambiguously defined concept of sexually active women.

Griffel’s Kuhn-and-Hegel bit is not just heresy. It is – I have no other word for it – an error! Paradigm changes are due to ingroups, lobbying, fashions. Hegel’s zeitgeist bears the seal of the Absolute.

The only one of Griffel’s statements I can grant is that you don’t need to be enlightened to show tolerance, to not bother to burn witches and books. Four-year-olds, not exactly what you’d call an enlightened citizen – can be very tolerant towards diversity, they don’t prosecute witches even if they’re afraid of people they consider to be such, and very often – however not always – they’re not interested in your volumes of Kant’s collected works and, therefore, it’s unlikely that they would paint in them, tear pages and the like. But they would also believe anything you tell them. Talking about Kant, let me quote his definition of enlightenment:

Enlightenment is man’s emergence from his self-imposed nonage. Nonage is the inability to use one’s own understanding without another’s guidance.

As you see, it’s not only about witches and books.

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L‘ elisir d‘ amore

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Mein letzter Beitrag in einer Konferenz der Gesellschaft für analytische Philosophie war vor Jahren in Konstanz. Ich hatte mich mit Pascals Wette beschäftigt: Es sei tatsächlich rational, so wie Pascal behauptet, an Gott zu glauben angesichts des immensen Nutzens daraus, falls Gott tatsächlich existiert; allerdings lohne es sich, mit dem immensen Nutzen zu rechnen, so meine Lesart der pascalschen Wette weiter, nur unter der Bedingung, dass gar keine Nachteile daraus erwachsen können. Mit anderen Worten handelt es sich bei Pascals Wette nicht um eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung, sondern um eine Kosten-Nutzen-Rechnung, die eine Win-win-Situation – oder wenigstens eine Win-not-lose-Situation ergibt. Das nur als fachlicher Hintergrund meiner heutigen Geschichte.

Gestern war es ursprünglich nicht meine Absicht, mit den Drittklässlern zu philosophieren, obwohl ich das gelegentlich tue. Der Ansporn kam von ihnen und er war sogar anders gedacht. Was sie wollten, war, mir oder irgendjemandem einen Liebestrank zu verkaufen, der unwiderstehlich macht. Sie haben mir das wertvolle Flakon präsentiert, den Inhalt gepriesen, noch keinen Preis genannt und ich lehnte ab.

Eines der Mädchen wollte mich aufklären, falls der Ehestand mich daran hinderte, so etwas zu besitzen und einzusetzen, dass Liebesaffären „in Deutschland“ straffrei sind.

Nein, meine liebe, unabhängig davon will ich es nicht. Obwohl jeder, einschließlich meiner wohlgemerkt unwiderstehlich sein will, ob verheiratet oder ledig.

(Ich sehe schon ein, dass meine Äußerung ein paar theologische Probleme nach sich zieht, insbesondere in Bezug auf das neunte Gebot. Allerdings gibt es keine Probleme in Bezug auf das sechste Gebot und – das Wichtigste – die Theologie irritiert die Kinder und das war sowieso nicht unser Thema).

Ob ich deswegen den Liebestrank nicht kaufe, weil ich an seine Wirksamkeit nicht glaube.

Oh doch! Ich glaube, dass ihr hervorragende Chemiker seid und dass der Liebestrank hält, was er verspricht.

Warum kaufen Sie dann nicht?

Weil, so wie ich euch kenne, der Meinung bin, dass die Hauptzutat in diesem unglaublich wirksamen Liebestrank Schafurin ist.

(Die Schule unterhält Schafe, die in der Nähe der dritten Klasse sind).

Die Kinder lachten lauthals und rannten los, um ihre Marketing-Aktion fortzusetzen.

So, werte Leser, wenn Sie zu meinem Publikum in GAP.8 gehörten und misstrauisch über meine Resultate dort waren und immer noch sind, lesen Sie noch einmal die Einführung meines heutigen Beitrags mit meinem gestrigen Dialog mit den Kindern im Hinterkopf.


Enough with scrolling

My last paper in a big conference of the German Society of Analytic Philosophy –  years ago – was on Pascal’s Wager. I defended the view that it is rational to believe in God rather than not to believe considering the incomparably greater benefits in the case He exists (this is Pascal), nevertheless this is only if your faith in God bears no disadvantages at all (this was me). I.e. the Wager is not about simply calculating utilities; rather, it’s about calculating utilities to define a win-win  situation. Or a win-not lose situation. The public was sceptical. This, only as the background of today’s post.

Yesterday, it wasn’t my intention to philosophise with the elementary school students – although I do occasionally enjoy to make them use their analytical skills. Rather, it was their idea to prepare and try to sell a love elixir supposed to make you irresistible. They showed me this small bottle, they advertised its merits, they asked me to buy it, and I declined. They wanted to know if this was because I’m married (a girl added that having love affairs is not punishable „in Germany“).

I replied that anyone, whether married or not, would like to be irresistible (some issues with the ninth commandment here, however not with the sixth. Besides, kids should not be confused with theology which wasn’t our topic anyway…).

But was then the reason I declined my disbelief to the merits of the elixir?

No, kids, you’re great chemists.

So, you do believe that it’ll make you irresistible?

Yes, I do!

And you want to be irresistible?

This also!

Why aren’t you buying then?

Because, knowing you, the main ingredient of your elixir will be sheep urine

(the school possesses sheep located near the third class).

The kids laughed and ran off to continue marketing.

And now, if you were at GAP.8 and sceptical about my results about Pascal’s Wager there, read the introduction of this post again bearing in mind my conversation with the kids.

It was about time

Scroll for English until just after the German word: „Einzelbeiträge“

Dem von mir herausgegebenen Band Time and Tense, der seit dem 15. Mai im Handel erhältlich ist, ist eine lange Vorbereitungszeit vorausgegangen. Es war höchste Zeit, dass er herauskommt. Meine Leser werden natürlich keine Rezension hier erwarten – vom Herausgeber selber, Gott behüte! Ich verrate hier nur meine persönliche Perspektive und eine Liste der Einzelbeiträge.

Hans Burkhardt wollte mich einen Band herausgeben lassen, der einen eher klassischen Schwerpunkt der Philosophie der Zeit haben würde. Bas van Fraassen hatte sich 1970 in seinem mittlerweile legendären Buch An Introduction to the Philosophy of Time and Space den klassischen Fragen der Zeitphilosophie gestellt. Das wollte ich auch – das machte ich ja bereits in meiner Habilitationsschrift. Ich nahm mir ein modernisiertes, vierhundert Seiten langes Remake des Formats von van Fraassens Buch vor, wenigstens zur Hälfte, d.h. minus die Philosophie des Raumes, und bat Bas darum, die Einleitung zu schreiben und unsere Texte zu kommentieren. Das hat er ausgiebig getan und ich bin ihm unendlich dankbar dafür. Man könnte sagen, dass die Zeitreisenproblematik und die Zeitmereologie im Band zu kurz kommen, aber die Zeitreise gehört nicht zum klassischen Rahmen der Zeitphilosophie und zur Zeitmereologie wird mehr als genug, auch aus meiner Feder, im Handbook of Mereology stehen, das ich beim selben Verlag mitherausgebe. In der Managementsprache heißt es „Kannibalismus“, wenn der Verkauf eines eigenen Produkts den Verkauf eines anderen eigenen Produkts beeinträchtigt. Dass es zu so etwas nicht kommt, darauf achte ich. Ein Fabrikantensohn bleibt Fabrikantensohn auch am Ende seines siebten Jahrsiebts. Abgesehen davon halte ich das „Salamipublizieren“ für den typischen Ausdruck einer kleinbürgerlichen Einstellung in der Wissenschaft und verachte es entsprechend.

Zwischen dem vorderen Deckblatt und den Abstracts, den Kurzbios der Autoren und einem Index stehen folgende

Einzelbeiträge:

  • Bas C. van Fraassen, Introduction
  • Miloš Arsenijević, Avoiding Logical Determinism and Retaining the Principle of Bivalence within Temporal Modal Logic: Time as a Line-in-Drawing
  • Allan Bäck, The Reality of the Statement and the Now in Aristotle
  • Hans Burkhardt, Aristotle on Memory and Remembering and McTaggart’s A-Time and B-Time Series
  • Stamatios Gerogiorgakis, Late Ancient Paradoxes concerning Tense Revisited
  • Sonja Schierbaum, Ockham on Tense and Truth
  • Hylarie Kochiras, Newton’s Absolute Time
  • Christina Schneider, Monads, Perceptions, Phenomena – Leibniz on Space-Time
  • Oliver Thorndike, Kant’s Philosophy of Time in the Transcendental Aesthetic
  • William Lane Craig, Bergson Was Right about Relativity (well, partly)!
  • Brigitte Falkenburg & Gregor Schiemann, Too Many Conceptions of Time? McTaggart’s Views Revisited
  • Nikos Psarros, The Ontology of Time – A Phenomenological Approach

This is a list of the contributions for the volume Time and Tense, edited by myself and available since May 15th. For years I’ve been preparing it and it was about time for it to be released and it’s about time – period! Of course I’ll not discuss the volume here since I am – for God’s sake – the editor. I’ll just give you a personal note.

Hans Burkhardt said back in 2010 or something that the volume should have a classical setting. I liked this and, as a matter of fact. my habilitation thesis is a discussion of the classical problems of the philosophy and logic of time as conceived by the medievals. In 1970, Bas van Fraassen had addressed the classical problems of the philosophy of time in his legendary Introduction to the Philosophy of Time and Space and so I thought that it would be a good idea to have scholars collectively remake van Fraassen’s attempt, at least the half of it, i.e. minus the philosophy of space, and to ask Bas to comment on our texts, a wish he abundantly fulfilled. God bless him for this, I’m really grateful to him. Time travel and the mereology of time are not very widely discussed in the book, that’s true; but: time travel is not a classical problem and the mereology of time is discussed – also in texts written by me – in the Handbook of Mereology I’m co-editing for the same publishing house. In the language of management it’s called „cannibalism“ when you launch a product that sells well but diminishes the demand of another product of you. A son of a factory owner, I had to remain faithful to the values of my family at the eve of my seventh septennial, when I delivered the manuscript. OK, there are many folks out there who make salami publications because they realise that academic publishing is different than other business. I consider salami publications to be petty-bourgeois. Not my cup of tea…

 

Time and Tense


Buy it, read it, propagate it:

https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&cqlMode=true&query=idn%3D1097408434

Doppelt gemoppelt ist verkehrt

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Die doppelte Verneinung ist mit einer Bejahung äquivalent – so die klassische Auffassung. Die doppelte Bejahung ist nur eine Bestätigung – so die klassische aber auch die nichtklassische Auffassung.

Stimmt Letzteres? Hier ein Gegenbeispiel:

Ich bestelle zwei Eis und einen doppelten Espresso. Fünf Minuten später kommt der Kellner noch einmal bei mir vorbei, um andere zu bedienen, und versichert mir:

Ich hab Sie nicht vergessen. Kommt gleich.

Es vergehen noch zehn Minuten. Die Kinder langweilen sich, reiben sich die Augen, schmieren mit Tinte. Der Kellner erscheint, beobachtet uns und wiederholt:

Ich hab Sie nicht vergessen. Kommt gleich.

Da weiß ich wegen der doppelten Bejahung allein, dass er meine Bestellung vergessen hat. Die Verneinung von dem, was er sagt, muss wahr sein.

Man könnte sagen, dass beide Aussagen des Kellners wegen der Zeit dazwischen unterschiedliche Bedeutungen haben. So verstanden ist mein Beispiel keines, das zeigt, dass die doppelte Bejahung eine Verneinung ist, sondern eines, das die Sinnlosigkeit der zeitlosen Sprache demonstriert.

Mann kann’s so oder so nehmen, aber eines steht fest: Nach dem heutigen Posting dürfen die Vorstellungen meiner Leser über Semantik nicht unerschüttert bleiben.

ENOUGH WITH SCROLLING

Traditional wisdom says that a double negation is an affirmative. This is classical logic. And it also says that a double affirmative remains one. Which is classical and nonclassical logic.

But consider the following counter-example concerning this last wisdom:

I order two ice creams and one espresso. Five minutes later the waiter comes by to bring other folks‘ drinks, spots me and says:

I didn’t forget your order. It’s coming.

Ten more minutes pass – the kids are bored, fingers in their eyes, ink on their fingers – the waiter appears and repeats:

I didn’t forget your order. It’s coming.

His affirming twice the same statements makes me believe that it’s their negation that holds.

Against this you can argue that a double affirmative is not a negation because the interval changed the meaning of the first sentence. In this sense, my example is not one concerning double affirmatives as negations but one against tenseless language: meanings do not remain the same through time…

Take it as you like, your views on semantics can’t remain the same after this post.