Das Elend der akademischen Religionswissenschaft

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Es gibt Lieblingsrepliken in der Philosophie: Die Kritik der reinen Vernunft hat Kant selber mehrfach repliziert. Ein Trend kam sonach ins Rollen: „Kritik des einen“, „Kritik des anderen“ – sogar Wilhelm Busch verfasste eine Kritik des Herzens. „Das Elend des XY“ ist eine ebenfalls bekannte Nachahmung. Marx titulierte seine Kritik an Proudhon Das Elend der Philosophie und Popper konterte ein Jahrhundert später mit dem antimarxistischen Elend des Historizismus. Wenn ich mich des Klischees bediene und wegen des Elends der Religionswissenschaft aufrege, dann muss mir ein langatmiges Argument in Buchform vorschweben – könnte man denken – ja eines, das mich womöglich berühmt macht. Aber ich denke nicht so: Ein Blogeintrag ist mehr als genug. Man schießt nicht mit Maschinengewehren auf Schnaken. Denn erstens werden sie nicht getroffen und summen weiter, zweitens sind sie mit bescheideneren Mitteln durchaus zu bekämpfen.

Es geht mir in einem Sinn durchaus um Schusswaffen – vor allem um die frappierende Unfähigkeit des Personals teuer dotierter Institute für Religions- und Islamwissenschaft, sich über die Motive derer an die breite Öffentlichkeit zu wenden, die neuerdings den Kontinent in Angst und Schrecken versetzen.

Ausnahmen wie Bassam Tibi, der irgendwelche allgemeinverständlichen Analysen immerhin zu formulieren weiß, sind sozialwissenschaftlich alphabetisiert. Nicht so die Mehrheit.

Was das Publikum in der aktuellen Lage braucht, sind keine volkskundlichen Diss à la Magma cum laude in post-etwas-Hinsicht, von denen ein Doktorvater und drei seiner Freunde befanden, sie zählen mehr als tausend international zitierte Fachpublikationen. Die breite Äffentlichkei braucht das, wozu die verwöhnten Burschen und Mädels der deutschen akademischen Religionswissenschaft außerstande sind: Analysen des Phänomens radikaler Islam im Sinne einer Theoriebildung!

Damit sind keine Infos zu diesem oder jenem Ritual, dieser oder jener heterodoxen Gruppe oder was-weiß-ich gebraucht, sondern Antworten auf die Fragen, auf die es ankommt: Ist die religiöse Radikalisierung grundsätzlich anders als eine sonstige ideologische Radikalisierung? Ich z.B. behaupte, dass das nicht der Fall ist. Ich habe empirische Beispiele dafür.

Die meisten kontinentaleuropäischen RWler betrachten solche Fragen als „phänomenologisch“ und das ist in ihrem Jargon etwas Schlechtes. Gleichzeitig konnten sie in den letzten Monaten nichts von Belang   zur Situation sagen – egal in welchem Jargon.

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Enough with scrolling

If I leave Bassam Tibi aside, I can’t think of any continental religious-studies scholar who would make serious efforts to formulate something of some analytic merit to explain islamism, let alone able to inform the general public. By information I don’t mean descriptions of this or that ritual, thoughts on this or that side topic. I mean big issues like the question whether religiously motivated radicalism is inherently different from radicalism out of any other ideological motivation. I have empirical evidence that religion resembles in this respect to any other ideology but this is not my point here.

The point is that continental religious-studies scholars would call such issues „phenomenological“ – a pejorative term in their vocabulary – and would insist that their discipline should be post-something and form a denial to social science. The aftermath of this line of thought is their silence when it comes to the big issues. Or their repetition of predictable trivialities.

This is theoretical poverty. „The poverty of this-and-that“ is a mime, of course, and one set in motion by Marx’s Poverty of Philosophy – a criticism of Proudhon – to be replicated by Popper’s anti-Marxist Poverty of Historicism.

Since I use the mime to complain for the poverty of academic religionswissenschaft one could think that I have a critique (a critique of some kind – another mime) in bookish format in mind.

However, you don’t need longish arguments against the poverty of academic religious studies in the continent. They would be too much: like taking a machine gun and firing at flies. Flies don’t care about people with machine guns.

Neither do academics specialised in religion.

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