Adventus passionis

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Ganz früh in der Beziehung dachten wir, meine Frau und ich, dass wir nach Griechenland ziehen. Dort arbeite ich an einer Uni – so der Plan weiter – und ein Haus brauchen wir sowieso nicht: Wir kaufen ein 36 Fuß langes Segelboot und leben im Hafen der Stadt, an deren Uni ich unterrichte und von Freitag bis Montag (Vorlesungszeit ist zwischen Dienstag und Donnerstag, hatten wir beschlossen) in anderen Häfen. Wenn Kinder kommen, kann das Ganze etwas anders aussehen, am Anfang jedenfalls.

Dass das Ding bereits daran scheitern würde, dass nicht alle griechischen Yachthäfen vernünftige Toiletten haben, daran haben wir nicht gedacht.

Das Schlimme ist nicht, dass sie daran glaubte – denn sie glaubte nicht wirklich daran. Schlimm ist, dass sie am Anfang glaubte, daran zu glauben. Noch schlmmer ist, dass ich glaubte, dass sie glaubte, daran zu glauben – obwohl es der richtige Glaube war.

Irgendwann kam die Ernüchterung: Wir glauben an ganz verschiedene Dinge. Das ist wiederum gar nicht schlimm. Du glaubst immer an etwas anderes als die andere Person. Schlimm ist, wenn du glaubst, ihr hättet denselben Glauben.

Gut, es gibt Paare, die stolz sind, ihre Differenzen zu bewältigen, aber deren Glaubensdifferenz sich bereits darauf beschränkt und dabei erschöpft, dass er glaubt, gelbe Paprikas wären die besten, sie allerdings glaubt, rote Paprikas wären die besten. In solchen Fällen ist wohl nichts vor Trivialität und Oberflächlichkeit zu retten, selbst wenn die Beziehung im Endeffekt hält. Nein, ich finde es gar nicht schlimm, dass meine Frau bereits früh vor Anker gehen wollte, als es klar wurde, dass kein achterlicher Wind kommt.

Als Student in München hatte ich eine Studentin kennengelernt, die mir sagte, sie fände es gut, wenn ich oder jeder eine Frau der eigenen Nationalität hätte – was ich zuletzt nicht machte. Das hatte mich in meinem geisteswissenschaftlichen Wesen gestört. Was treibt eine junge Frau, dachte ich, Geisteswissenschaften zu studieren, wenn sie Oma-Parolen als große Wahrheiten propagiert? Ich war beruhigt zu vermuten, eine schlechte Abiturnote war der einzige Grund.

Die Liebe, die sexuelle Liebe meine ich, hat sehr viel mit Differenz zu tun. „Ich suche den ruhigen Hafen“, „Ich suche jemanden mit derselben Nationalität“, „Ich suche jemanden mit demselben Glauben“, „Ich suche jemanden mit meiner Denkweise“ sind Sätze, die eventuell Asexualität ausdrücken. Ich habe die große Philosophiegeschichte hinter mir in dieser Feststellung. In Platons Symposion sind sich Sokrates und Aristophanes trotz ihrer verschiedenen Rechenschaften zum Thema sexuelle Liebe darüber einig, dass es das Anderssein ist, was wir dort suchen.

Jeder Begehrende begehrt nach dem, was noch nicht in seiner Gewalt steht und für ihn noch nicht vorhanden ist und was er nicht besitzt und was er nicht ist und wessen er ermangelt. Von dieser Art ist alles das, worauf Begierde und Liebe gerichtet sind (Platon, Symposion, 200e 2-5, Susemihls Übersetzung).

Kurz vor Weihnachten stehe ich auf der Bühne der RSS Basel als einer der Hirten in einem Weihnachtsspiel. In den Proben denke ich während der Anbetungsszene – versunken in Folklore und südostdeutscher Mundart – immer wieder daran, dass es der göttlichen Herkunft des Jesuskinds nicht entgegenstünde, wenn der Kleine im Rahmen eines leidenschaftlichen Crushs zwischen der frommen Maria und einem der Hirten entstanden wäre. Nicht unbedingt dem ungezügelten Rabauken, den ich verkörpere.

Aber warum auch nicht? Ich sähe keine theologischen Probleme, wenn der Fleisch gewordene Gott einer göttlichen Liebe im Sinne Platons entstammt.

Solange Josef nichts davon erfährt… 

Enough with scrolling

Before we got married my wife and I had plans to go to Greece. I would teach at a university there and we wouldn’t need to pay a rent because we’d buy a yacht (36 feet would be enough – so we thought) and live at the port of the city at whose university I would teach from Tuesday to Thursday and at other ports from Friday to Monday – I mean who goes to his office on Fridays and Mondays, isn’t it? We had thought about what we’d do when children came – that is, small adjustments of the plan were also provided – but we hadn’t thought about the toilets of Greek harbours.

The fact that she believed that the plan was viable is not that bad. The bad thing is that the believed later that she had believed it was viable – I mean, she never believed so… And what’s even worse is that there were times I believed that she believed that she had believed it was viable.

Not too late, we realised that we believed to different things. But this is not bad. We always believe to things different than the important other believes. What’s bad is to believe that ours beliefs are the same.

Well, there are these couples who think they can cope with difference and their only difference is that he thinks that yellow bell peppers are best while she thinks red bell peppers are best. You can be a hero of triviality and superficiality in many different ways… But I don’t think that it was a bad thing when my wife wanted to throw anchor and go ashore even before we bought the boat.

When I was still a student in Munich I had an acquaintance with a female fellow student who told me once that the best thing for me or anyone is to find someone from his or her own nation to marry. This hurt. Why does one person study humanities, I thought, when her only ambition is to propagate her granma’s stuff? A thought that comforted me was that the only reason were bad marks at school. I met my future wife years later. One of the many reasons I married her was that in our discussions she didn’t remind me of this other acquaintance.

Love, and by this I mean sexual love, has much to do with difference. „I’m looking for a port of serenity“, „I’m looking for someone from my nation“, „I’m looking for somenone with the same beliefs“, „I’m looking for someone who thinks the way I do“ are possibly signs of asexuality. Big philosophy is my evidence for this. In Plato’s Symposium Socrates and Aristophanes agree in spite of their very diverse accounts of love that what we’re in search of when we exercise this game is anything but ourselves, anything but our own property.

All who feel desire, feel it for what is not provided or present; for something they have not or are not or lack and that sort of thing is the object of desire and love (Plato, Symposium, 200e 2-5, Harold N. Fowler’s translation).

Just before Christmas I’ll be one of the shepherds in a Christmas drama of Austrian folklore played in Basel Switzerland. During the rehearsals I’ve thought a couple of times that it wouldn’t contradict Christ’s divine origin to be the outcome of pious Mary’s crush with one of the shepherds. Not necessarily the punk I happen to play. But again, why not? I see no theological problems if Jesus is supposed to be godly in the sense Plato’s eros is godly.

As long as Joseph knows nothing about it…

2 thoughts on “Adventus passionis

  1. Begehren definiert als das „Andere wollen“, das gefällt mir.
    Ist einem pluralistischen demokratischen Ordnung angemessen.
    Wir sollten soviel wie möglich anders, multikulturell sein, damit wir alle besseren Sex haben!

    • Eine Garantie gibt’s wohl nicht, allerdings sehen multikulturelle, jedenfalls ungleiche Paare mit Sicherheit nicht wie das Bauernpaar in Grant Woods American Gothic aus – und das ist bereits etwas. Ansonsten bin ich der Meinung, dass selbst die konservativen philosophisch inspirierten Liebesauffassungen (vgl. Philip Sherrards Christianity and Eros oder Roger Scrutons Sexual Desire) viel offener und – ja – „sexier“ sind als die Sexualmoral kleinbürgerlicher Provenienz. Ja selbst Elisabeth Anscombes Polemik gegen Verhütung ist „sexier“ als sowas. Das will viel heißen…

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