Mutilated words and their meanings

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Hätte Griechenland die Drachme wiedereingeführt, wäre die Inflation ein Albtraum. Ich kann mich sehr gut erinnern, was in Jugoslawien in den 90ern während der Sezessionskriege passierte. Übernacht konnte die große Summe aus dem, sagen wir, zwecks Sicherung des Überlebens verkauften Elternhaus zu einem Papierhaufen werden. Wer Devisen besaß, behielt sie und tauschte immer kleine Mengen für den Alltag um, die schnell nur einen Bruchteil ihres ursprünglichen Werts haben würden.

Junge Männer an der Mihailova, im Zentrum von Belgrad, flüsterten aus Angst vor Polizisten, allerdings klar und präzise, das Wort „devize„. Sie waren bereit, für D-Mark, Schweizer Franken oder US-Dollar mehr Dinar als die Banken zu zahlen, und entwerteten somit noch mehr die jugoslawische Währung, deren Geldscheine schnell viele Nullen dazubekamen.

Das Gesetz griff natürlich schnell durch und die Geldschieber änderten die Sprachkonvention. Aus „devize“ wurde „dvz“ und, wenn der Polizist kam, konnte der Typ sagen, er murmelte John Bonhams Schlagzeug in Whole lotta love vor.

Schnell wurde die Nutzung des Wortstümmels „dvz“ zu einem Verhaftungsgrund, weshalb „dvz“ noch einmal durch „dssd“ verkürzt wurde. Eher wie eine Mücke im Spinnennetz klang das, kurz, explosiv…

Laut internationalen Medien ist die Gefahr gebannt, dass wir erfahren, wie die griechische Geldschieber-Abkürzung für „Drachmen für Euros“ lauten würde.

Das sind gute Nachrichten. Für Nichtlobbyisten ist die EU zwar ein neokolonialer Käfig, aber die Alternative zum Leben im Käfig ist, rebus sic stantibus, kein Leben außerhalb, sondern der Tod ebendort.


Enough with scrolling

If Greece returned to the drachma, the inflation of the new currency would be a nightmare. I remember what happened in Yugoslavia in the 90s: the inflation during the war was making overnight a bunch of paper out of formerly huge amounts of money. Everyone in possession of foreign currency tried to keep it and to exchange only small amounts – which would soon lose half their value. Young men in the center of the big cities were whispering – audibly and clearly, at least in the beginning, but whispering – the word „devize“: foreign currency. They wanted to exchange dinars for deutsch marks or dollars or pounds and were willing to pay more than the banks.

After – of course – prosecutions against blackmarketeers, the linguistic convention changed: they started to pronounce „dvz“. If a policeman tried to substantiate an arrest, they would say they just sang the bass line in Bob Marley’s Could you Be Loved…

But Yugoslav justice started to see „dvz“ as a shortcut of „devize“.

At the end of this process, the „word“ was: „dzzd“ – more like an insect caught in a spider’s net than like a word in Serbocroatian. They pronounced it in an explosive way.

If we are to believe what international media have said since Friday, we won’t learn what the Greek blackmarketeers‘ shortcut for „euros for drachmas“ would sound like.

I’m happy about this. The EU is a cage for everyone who’s not a lobbyist. But the way things stand, the alternative to a life in the cage is a death outside it.

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Smullyan’s kiss – the full story

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Den New-York-Times-Nachruf zu Raymond Smullyan habe ich sofort repostet. Der Held unserer logischen Jugendextravaganzen pendelt seit letzter Woche nicht mehr zwischen seiner eigenartigen Mystik und dem Agnostizismus. Entweder weiß er Bescheid und wurde definitiv zum Mystiker, oder er weiß nichts mehr und kann nicht mal als Agnostiker gelten. Tote sind Mystiker oder keine Agnostiker – die Disjunktion ist inklusiv.

Der New-York-Times-Nachruf ist schön geschrieben, aber ich vermisste eine ausführliche Besprechung des lediglich kurz erwähnten Tricks in demselben, mit dem Smullyan einen Kuss im ersten Date mit seiner späteren Ehefrau logisch herbeigeführt haben soll – einen Kuss aus logischer Notwendigkeit. Diese Lücke möchte ich schließen.

Mit dem Kuss aus logischer Notwendigkeit hat es sich folgendermaßen verhalten: Smullyan soll im Laufe des Abends Folgendes behauptet haben:

Wenn ich mich nicht irre, wirst du mich heute Abend noch küssen.

Die Implikation ist entweder wahr oder falsch. Falsch ist eine Implikation nur, wenn das Antecedens wahr aber das Konsequens falsch ist. Mit anderen Worten war die obige Implikation am Anfang des Abends nur dann falsch, wenn sich Smullyan zwar nicht irrte, aber keinen Kuss bekommen hätte. In diesem Fall wäre Smullyan jedoch vor Irrtum gefeit gewesen, während er eine laut Annahme falsche Implikation aussprach. Das ist ein Widerspruch, weshalb die Implikation nicht falsch sein konnte.

Also musste die Implikation wahr sein. Wohlgemerkt hätte Smullyan auch dann keinen Kuss bekommen unter der Bedingung, dass sowohl das Antecedens als auch das Konsequens falsch sind. Das würde allerdings heißen, dass Smullyan sich irrte und dass er keinen Kuss bekam. Aber wie kann sich jemand irren, der eine laut Annahme wahre Implikation ausspricht? Die Frage ist rhetorisch… Beide in Frage kommenden Interpretationen mit falschem Konsequens sind somit auszuschließen.

Deshalb muss das Konsequens („Du wirst mich heute Abend noch küssen“) wahr sein. Das ist auf logisch zwingende Weise die einzige nichtwidersprüchliche Interpretation der Behauptung von Smullyan. Aber das bedeutet, dass Smullyan geküsst wird. QED

Von einem abgeleiteten Sachverhalt zum tatsächlichen gibt es normalerweise keine Distanz, in diesem Fall allerdings schon. Damit der Trick funktioniert, muss die Angebetete erstens logisch geschult sein, ferner die Selbstreferenz, auf der das Ganze fußt, als nicht sinnlos betrachten, drittens Humor haben und – last but not least –  die Bivalenz (es gibt nur wahr und falsch und nichts dazwischen) für den für die gegebene Situation adäquaten semantischen Rahmen halten.

Da die Adäquatheit extralogisch ist, zeugte es nicht nur von Smullyans Genius, wenn Smullyan die Logikerin am Tisch – eigentlich eine Pianistin – zur Bivalenz und eo ipso zum Kuss überzeugte. Die Geschichte zeigt vielmehr, dass Blanche Smullyan drei gerne gerade sein ließ, wenn es um Raymond ging. Logisch geschulte Leser werden’s ja bemerkt haben: In einem vielwertigen Rahmen wäre der Witz pointenlos.

Aber wer denkt an Vielwertigkeit, wenn’s am Tisch nur Platz für zwei und viel Sympathie beiderseits gibt? (Gut, bei viel Sympathie braucht man sowieso keine Argumente, aber das führt jetzt zu weit…)

Als Smullyan jung war, war die Bivalenz zudem die Fachorthodoxie. Selbst die Bilder waren zweiwertig.

Schwarz-und-weiß halt‘.



Enough with scrolling

Many decades ago, Raymond Smullyan, whose obituary in the New York Times I reposted the other day, was a young scholar in a discipline whose semantical orthodoxy prescribed bivalence.

Pictures were, in a way, also bivalent: black and white.

One evening this magician and logician reserved a table for two – two being a very important number in this story that the New-York-Times mention only incompletely – that is for himself and the woman who was about to become his second wife.

It was their very first date and thereby a very improbable occasion for their first kiss. Smullyan, however, inferred logically that he had to be kissed before.the end of the evening. This is the full story of a kiss said to be given for reasons a priori:

Fully out of the blue, Smullyan claimed:

If I’m not wrong, you’ll kiss me tonight.

This is, of course, a conditional, and one that’s either true or false. If false, then the hypothesis is true and the apodosis false. The hypothesis maintains that Smullyan’s not wrong. And it’s supposed to be true if the conditional is about to be false, but this is contradictory because if the conditional is false, Smullyan is wrong after all – against the assumption, that is, that the appdosis is true.

Therefore the conditional has to be  true. But it cannot be true in virtue of a false hypothesis („I’m not wrong“) because if the hypothesis were false then the conditional would be false against the assumption. Therefore the hypothesis must be true. But the only way for an hypothesis and the conditional to be true is that the apodosis („You’ll kiss me tonight“) is true. The a priori consequence was that Blanche (her name, as a matter of fact a pianist and as far as I know not a logician) had to kiss Raymond.

There’s normally no gap between a logical inference and the bringing about of the matter of fact that it describes. Paradoxically, this is not such a case. In order for the trick to work you must have someone with a sense of humour and one with logical training or the corresponding intuition. Plus, she mustn’t think that self-reference is nonsense.

And even then you have to persuade her first that bivalence is the adequate semantical setting for the situation described. This doesn’t go without an argument. Or she must like you, but then no arguments are needed anyway.

But, as I said, it was a time of bivalence and black-and-white pictures.

Jesuit

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Elfi war, kann man sagen, eine Schülerin und ganz bestimmt eine gute Freundin. Ihre Spuren habe ich vor vielen Jahren verloren und ich hoffe, dass sie dieses Posting in guter Gesundheit und überschwänglichem Glück liest.

Gestern, in der Mondadori-Buchhandlung in Verona, musste ich plötzlich an sie denken. „Bin ich verrückt, Gramsci zu lesen?“ hatte ich mich zu beherrschen versucht im Untergeschoss, wo die Sonderangebote sind. Das hatte an sich nicht mit Elfi zu tun, aber dann dachte ich an ihre Erklärung zum Thema ihrer Doktorarbeit über Anarchismus. Sie hatte sie bei den Jesuiten eingereicht, diese seien immer an Sachen interessiert, die sie hassen.

Da dachte ich gestern, wieder aus der Erinnerung kommend, ich könnte etwas jesuitisch gegenüber Gramsci verfahren – erst recht, wenn er reduziert ist.

Der Kassierer hat mit den Augen gerollt, als er das Buch sah, dazu gab ich ihm aber die Buntstifte, die ich für meine Töchter kaufte und rettete die Partie.



Enough with scrolling

„You get 50% off but is this a reason to read Gramsci?“ I thought to myself yesterday in the basement of the Mondadori bookstore in Verona, Italy. And suddenly I had to think of Elfi Huber.

Elfi learned Greek with me and was a good friend before I lost her traces. If she’ll ever pass across my site, I hope that she reads this in good moods and health. But the reason I had to think of her wasn’t personal. It was rather philosophical.

Back in the nineties she had explained to me that her PhD on anarchism at the philosophical institute of the Jesuits in Munich was on the right topic with the right people. „Jesuits love to discuss what they hate“.

Back from my recollection of Elfi’s words I decided that I could be a bit of a Jesuit towards Gramsci.

The cashier rolled his eyes at the sight of the book. Then he noticed the colourful pens I wanted to buy for my daughters, which saved my skin alright…